Foto von aufgeschlagenen Büchern

Erzählpredigt anlässlich der Kranzniederlegung am Ehrenmal in Hemsbach

Monika Lehmann-Etzelmüller (ev.)

15.11.2009 / Volkstrauertag 2009

Predigtpreis 2010 für die beste Predigt zu einem nichtkirchlichen Anlass

Vorbemerkung:
Die Kirche liegt dem Friedhof mit dem Ehrenmal gegenüber. Am Volkstrauertag besuchen viele den Gottesdienst, um anschließend der Kranzniederlegung auf dem Friedhof beizuwohnen.

 

"Sammle meine Tränen in deinen Krug, fürwahr, du zählst sie alle." (Psalm 56,9)

Martin malte Tiere. Er ertappte sich selbst dabei, dass er sich die Zunge zwischen die Zähne geschoben hatte wie ein eifriger Abiturient bei den Mathehausaufgaben. Auch das Lachen, das tief in ihm aufstieg, war jung. Seit Wochen hatte er sich auf den Besuch seines Sohnes und dessen Familie gefreut. Sie wohnten so weit weg, und ihre Besuche waren so selten, dass Martin jeden Moment auskostete. Aus der Küche klang das Stimmengemurmel seiner Frau und seiner Schwiegertochter, wo unter häufigem Lachen das Aufräumen nach dem Mittagessen nahtlos in die Vorbereitung des Kaffees überging. Martins große Enkelin Carlotta saß am Tisch und versuchte, das Kreuzworträtsel der Tageszeitung zu lösen. Die kleine Sofie saß auf seinem Schoß und klatschte begeistert in die Hände, wenn sie wieder ein Tier erraten hatte. „Mal noch eins“, juchzte sie. Martin malte einen Pinguin. Er zog ihm gerade seinen Frack an, als Sofie rief: „Pinguin, ein Pinguin!“ und auf seinem Schoß wie ein Gummiball auf und ab hüpfte. Martin lachte mit; das Lachen flutete durch den Raum. Er fing einen Koalabär an; das Blatt war bald voll. Carlotta sah von ihrem Rätsel auf. „Ungefähr mit fünf Buchstaben“, sagte sie. Sie grübelten beide. „Circa“, rief es aus der Küche. Sofie war still geworden und sah den Opa nachdenklich an. Die kleine Stirn war in Falten gelegt. „Du bist der Papa vom Papa“, sagte sie ernsthaft. Martin nickte. „Und Oma ist die Mama von Papa“, dachte Sofie laut weiter. Hanna war aus der Küche gekommen und räumte mit viel Geklapper die guten Teller in die Vitrine. Martin nickte wieder. „Und wo ist dein Papa?“, fragte Sofie. Martin war auf die Frage nicht vorbereitet; sie traf ihn ungebremst mitten ins Herz und wurde von den Wänden zurück geworfen. Carlotta sah von ihrem Rätsel auf und sah Martin neugierig an. Das Geklapper verstummte, und Martin bemerkte, dass Hanna ihm über die Schulter einen Blick zuwarf. „Mein Papa ist schon lange tot“, sagte er zögernd. Sofies froher Blick trübte sich ein. „War er alt und müde?“, wollte sie wissen. Martin schüttelte den Kopf. „Nein, er war ganz jung. Vor vielen Jahren gab es einen schrecklichen Krieg. Da haben die Menschen gegeneinander gekämpft. Und da ist mein Papa gestorben.“ Martin verstummte. Mein Papa, wie lange hatte er das nicht mehr gesagt und noch nicht mal gedacht; es klang aus seinem Mund wie Vokabeln einer fremden Sprache. „Erster oder zweiter Weltkrieg?“, wollte Carlotta wissen. Sie war wirklich schon groß. „Zweiter Weltkrieg“, sagte Martin. Sofie kaute an einem Fingernagel. „Gehst du manchmal zu seinem Grab?“ fragte sie. „Wir gehen immer zu Oma Lisbeths Grab, wenn wir in Köln sind“, fügte Carlotta erklärend dazu. „Dann zünden wir eine Kerze an. Mama muss dann immer weinen.“ Martin schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß noch nicht mal, wo das ist, sein Grab. Es ist weit weg.“ Die Kinder fragten nicht weiter. Carlottas brauner Haarschopf beugte sich erneut über das Kreuzworträtsel. Hanna fing wieder an, mit dem Geschirr zu klappern. Sofie verlangte nach noch einem Tier. Martin malte einen Elefanten, einen Hasen, ein Krokodil und eine Kuh, und dann wollte Sofie mit Papa Ball spielen.

Später, nach dem Kaffeetrinken, setzte sich Martin aufs Sofa und zog aus dem Korb die Zeitungen der letzten Tage hervor. Er musste nicht lange suchen; schon in der dritten Zeitung wurde er fündig. Die Anzeige war nicht groß und zeigte ein fragendes Kindergesicht. Wo ist mein Uropa, wollte das Mädchen wissen und darunter stand ein Hinweis auf die Online-Suche der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Martin hatte doch gewusst, dass die Anzeige irgendwo gestanden hatte. Er faltete die Zeitung zusammen. Hannah und Julia hatten sich schon wieder was zu erzählen; Olav spielte draußen mit den Mädchen. Martin ging leise die Treppe hinunter in seinen Arbeitsraum und stellte den Computer an. Erst vor ein paar Monaten hatte er gelernt, mit dem Internet umzugehen und E-Mails zu schreiben; seine großen Enkel hatten ihm den Computer hergerichtet und versprochen, ihm einmal in der Woche zu schreiben, wenn er es nur lerne, was sie allerdings nicht gehalten hatten. Martin fühlte immer noch den Stolz in sich aufsteigen, wenn er die Verbindung herstellte und seine Startseite erschien. Er tippte die Internetadresse ein und sah zu, wie sich die Seite der deutschen Kriegsgräberfürsorge vor ihm auffächerte. In unserer Online-Suche können Sie nach dem Verbleib bzw. der Grabstätte Ihres Angehörigen forschen, las er. Er klickte das Feld Onlinesuche an und gab den Namen und den Geburtstag seines Vaters ein. Dann tippte er sich mühsam durch eine Reihe von Fragen zu seiner eigenen Person und wartete auf das Ergebnis seiner Suche.

Er dachte nicht mehr oft an seinen Vater. Flüchtig wie Traumbilder, das waren die Erinnerungen an ihn; manchmal kehrten sie des Nachts im Schlaf wieder. Ein großer Mann, der ihn hoch hebt und in seinen Armen in die Luft wirft. Ähnlich sehe er ihm, das hatten die Mutter wie die Oma immer wieder zu ihm gesagt, und manchmal versuchte Martin in seinem Spiegelbild die Züge des verlorenen Vaters wieder zu finden. Irgendwo da musste er doch sein, im Blick seiner Augen oder in der Art, wie er die Stirn runzelte. Martins Hand lag auf der Maus, und er starrte sie an. Sie verwandelte sich in eine schmale Bubenhand; da, wo immer die Narbe geblieben war, sah er das Blut heraus rinnen. Beim Holz spalten hatte er sich die Axt in den Handrücken gehauen; nicht tief, da sein voraussehendes Erschrecken den Schlag gebremst hatte, aber doch tief genug, dass das Blut nur so strömte. Er sah das Gesicht seiner Mutter, weiß vor Schreck und ganz jung und hörte ihr verzweifeltes Rufen: Ach, wenn doch der Papa hier wäre. Aber er war nicht da. Auch mit dieser Situation musste sie alleine klar kommen. Sie wussten, dass er tot war. Aber dennoch konnte Martin viele Jahre lang nicht aufhören auf ihn zu warten. Jeden Fremden, der ihm auf der Straße entgegen kam, starrte er an und versuchte, Vertrautes in den fremden Zügen zu entdecken. Glühend beneidete er seinen Klassenkameraden Friedrich, dessen Vater drei Jahre nach Kriegsende nach Hause zurückgekehrt war, abgemagert, gebeugt, mit erloschenen Augen und nächtlichen Alpträumen und mit einem Gesicht, das nicht mehr lachen oder leuchten konnte. Aber er war doch wenigstens da. Im Jahr darauf bekam Friedrich eine kleine Schwester, und auch darum beneidete Martin ihn glühend; wie schön musste es sein, eine kleine Schwester zu haben, mit der man später Geheimnisse teilte und die man beschützen durfte. Martins Neid auf Friedrich war so groß geworden, dass die Freundschaft zu ihm daran zerbrach. Als Martin aufs Gymnasium kam, was seine Mutter ihm mit viel Opfern ermöglichte, verloren sie sich aus den Augen. Was wohl aus Friedrich und seiner kleinen Schwester geworden war? Diese Frage kam Martin auf einmal sehr wichtig vor.

Er zwang seinen Blick wieder auf den Bildschirm und stellte verblüfft fest, dass es wirklich ein Ergebnis gab. Wie viele Jahre mochte es schon bekannt sein, wo seines Vaters Grab lag, ohne dass er selbst es wusste. In den Nachkriegsjahren hatte seine Mutter immer wieder beim Roten Kreuz angefragt, ob sie Auskunft erhalten könne über das Grab ihres Mannes, aber nie war etwas dabei heraus gekommen, und später hatten die Alltagssorgen als Witwe und Mutter die Frage verlöschen lassen. Martin las den Namen seines Vaters, das Geburtsdatum, den Dienstgrad, Obergefreiter, das mochte stimmen und das Datum des Tages, an dem der Vater gefallen war, 9. Januar 1945, ja, es war Winter gewesen, als die Nachricht eintraf; er sah seine Mutter mit erloschenen Augen am Küchentisch; sie weinte nicht, und darum weinte Martin auch nicht, obwohl er gern geweint hätte. Nachts konnte er ihr Schluchzen durch die dünne Wand hören. Später hatte er es sich vorgeworfen, warum er nicht hinübergegangen war, um der Mutter beizustehen, aber damals hatte er keinen Trost und keine Worte gehabt, die er ihr hätte geben können. Martin spürte, wie der ganze Jammer dieses Winters in ihm aufstieg, der so viele Jahre in einer Seelenkammer verschlossen gewesen war. Seine Augen huschten über die dürren Daten; Kirowograd. Er konnte gleich weiter klicken, um Bilder des Soldatenfriedhofs anzuschauen. Ein weites großes Feld, Wege aus Kieselsteinen, Kreuze hier und da und ein blassblauer weiter Himmel. Und kein einziger Baum, dachte Martin, noch nicht mal ein Baum, und plötzlich musste er weinen; er war wieder ein Kind, und dicke Kindertränen rollten über sein Gesicht.
Leise Schritte kamen die Treppe herunter, und Hanna stand in der Tür, eine Tasse Tee in der Hand. Sie stellte sie auf dem Tisch ab, schaute Martin an und dann die Fotos, die der Bildschirm zeigte. Sie sagte nichts, legte nur ihre Hand auf seine Schulter, und Martin war ihr dankbar, dass sie nichts sagte und nichts fragte. Manchmal in den letzten Jahren hatte er gedacht, dass sie sich fremd geworden waren, aber nun spürte er, dass das nicht so war; sie war ihm noch immer ganz nah und las seine Gedanken und verstand ihn. Ein paar Augenblicke war es ganz still und gut zwischen ihnen, und Martin fühlte, wie Trost durch sein Herz flatterte wie ein aufgeschreckter Vogel.
Leise ging Hanna wieder nach oben, und Martins Blick kehrte zum Soldatenfriedhof zurück; hier also war die letzte Ruhestätte seines Vaters. 29 Jahre alt war der Vater, als er gestorben war, in einem Krieg, an den er nicht glaubte. Martin war schon über siebzig. So viele Jahre, die der Vater nicht mehr hatte leben dürfen, so viele zu Asche gewordene Träume, kein eigener Tod mit einem Grab, zu dem die Kinder und Enkel kamen und weinten und über dem sich ein Baum wölbte als Schatten und Schutz.
Da wo die Kieswege sich kreuzten entdeckte Martin eine Stele, die hoch in den Himmel aufragte, Granit wohl, dachte er und vergrößerte das Bild. Fremde Schriftzeichen füllten die Stele, doch dann vertraute Schriftrüge auf englisch und deutsch: Gott vergisst nicht, las Martin. Im ersten Augenblick las er die Worte wie einen Vorwurf, schob den Vorwurf dann aber weit weg. Er hatte ja nicht vergessen; es war alles noch da, die Erinnerungen, die Trauer und auch die Liebe für diesen Vater, den er kaum hatte kennen dürfen. Das Mitgefühl für die Mutter, die es immer so schwer gehabt und nie mehr geheiratet hatte, und seine Trauer um die Geschwister, die er nie hatte haben können. Gott vergisst nicht. Die Worte waren eine Mahnung, ja eine Drohung, all jenen, die die Schuld trugen und die noch heute leichtfertig Kriege in Kauf nahmen. Gott vergisst nicht. Sanft wie ein Windhauch war diese Ahnung von Trost.
Wie gut, dass es noch einen gab, der nicht vergisst, der die Erinnerungen festhält, dachte Martin und fühlte sich diesem Gott sehr nahe. Er wusste. Er verstand. Er vergaß nicht. Das Lachen von Carlotta und Sofie drang vom Garten her durch das Fenster zu ihm; er hörte die Stimme seines Sohnes dazwischen und dachte, dass es vieles gab, was er ihm erzählen wollte. Dann ging er nach draußen in die Sonne.