Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ansprache zum Volkstrauertag

Pfarrer Frank Briesemeister

18.11.2001 in Bensheim-Auerbach am Soldatenfriedhof

Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, liebe Mitchristen!

Der heutige Volkstrauertag gibt Anlass uns hier an der Kriegsgräberstätte zu versammeln.

Wir gedenken

  • der vielen Opfer in den beiden großen Kriegen des letzten Jahrhunderts und der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus
  • an die Soldaten, die gestorben sind an der Front, in anderen Kriegshandlungen oder in Gefangenschaft
  • die ihr Leben hingegeben und Familien zurückgelassen haben.

Wir gedenken der zivilen Opfer wie Frauen und Kinder, die aus den zerbombten Städten nicht mehr heil herauskamen oder auf ihrer Flucht umkamen.

Gerade bei denjenigen unter Ihnen, die diese Zeit miterlebt haben, werden Erinnerungen und Gefühle wach. Trauer, die damals ganz aktuell war, meldet sich angesichts der Feierlichkeit zum Volkstrauertag zurück.

An einem Tag wie diesen, gedenken wir auch der Menschen, die wegen ihres Andersseins in Lager verschleppt, ausgepresst und schließlich ermordet wurden: Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Menschen, deren Leben nicht für lebenswert geachtet wurden

Wir gedenken der Menschen, die sich gegen Unrecht aufgelehnt haben, Widerstand geübt und darum hingerichtet wurden. An Menschen die einem anderen Volk angehörten, die einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Menschen anderer Nationen, die von Deutschland aus überfallen und besetzt wurden.

Wir blicken zurück, lassen zu, was gewesen ist, machen uns bewusst, wozu Menschen fähig sind.
Ich meine, das sind wir den Opfern und Hinterbliebenen schuldig, aber letztlich auch uns selbst.

Sich die Geschichte zu vergegenwärtigen macht Sinn, wenn wir die darin enthaltenen Erfahrungen sprechen und wirken lassen und entsprechend Schlüsse für das Heute und Lehren daraus ziehen.

Doch leider ist das leichter gesagt als getan. Ein Fazit gerade nach dem 2. Weltkrieg war: ‚Nie wieder Krieg'! Aber die Gegenwart spricht eine andere Sprache. Seit 1945 haben immer wieder Kriege stattgefunden, sind immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen geführt worden. Gewalt ist nach wie vor an der Tagesordnung.

Gewiss sind wir in unserem Land davon über 50 Jahre weitgehend verschont geblieben. Doch näher in Berührung sind wir mit der kriegerischen Gewalt gekommen, als Krieg in Europa, im ehemaligen Jugoslawien, aufgeflammt ist.
Als es mit einem Mal um die Frage der Beteiligung von deutschen Soldaten ging und zahlreiche Flüchtlinge zu uns kamen.
Und noch einmal anders sieht die Lage seit dem 11. September aus, als die ganze Welt erschüttert wurde.

Seit diesem Tag ist der Krieg uns, wenn auch in besonderer Form des Terrorismus, ganz nahe gekommen.
Wir wurden an den Bildschirmen zu Zeugen von den furchtbaren, menschenverachteten Attentaten, die vielen arglosen Menschen den Tod brachten.
Wir haben mitverfolgt wie das World Trade Center, dessen einer Turm bereits brannte, von einem zweiten Passagierflugzeug torpediert wurde.
Wir haben die aufsteigenden Rauchwolken gesehen genauso wie den Moment des Kollaps, als beide Türme in sich zusammen stürzen und alles unter sich begruben.

Seit dem 11. September ist uns der Krieg wieder ganz nahe gekommen. Unberechenbarer, tückischer aber letztlich genauso grausam wie eh und je.
Was in den USA stattgefunden hat, ist nicht nur ein Angriff gegen dieses Land, sondern gegen die Menschheit an sich, sind doch Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, Kulturen und Religionen bei dieser Wahnsinnstat zu Tode gekommen.

Auf einmal kommt uns der Krieg wieder ganz nahe. Auch deshalb, weil sich bald herausgestellt hat

  • dass die Attentäter bei uns in Deutschland z.T. in Wartestellung gelauert haben bis zum besagten Anschlag.
  • Deshalb, weil weitere Attentate mit dem Milzbranderreger stattgefunden haben, die jederzeit und überall auf der Welt wieder auftreten können, wie andere Attentate auch.
  • Deshalb, weil unsere Bundesregierung sich ohne wenn und aber auf die Seite der Angegriffenen gestellt und volle militärische Unterstützung zusagt hat.
  • Deshalb weil die Regierung am vergangenen Freitag zugestimmt hat, bis zu 3900 Soldaten - befristet auf ein Jahr - für den Kampf gegen den Terrorismus einzusetzen.

Auf einmal ist der Krieg uns wieder ganz nahe und der Volkstrauertag wird zu einem Innehalten nicht nur für den Blick zurück, sondern auch, um die gegenwärtigen Opfer und Täter von Gewalt in den Blick zu nehmen.

Wie in jedem Jahr, so auch jetzt, begeht die evangelische Kirche im Monat November die Friedenswoche bzw. -dekade, die vom 1. bis 21. November andauert.
Dieses Jahr lautet das Motto ‚fremd' und ist damit hoch aktuell und zeitnah. Denn immer wieder taucht der Spruch vom ‚Kampf der Kulturen' auf und meint die Auseinandersetzung zwischen dem, was sich fremd ist.
Im Alltag wird es spürbar, wo Menschen, die dem Islam zugeordnet werden, skeptisch betrachtet, ihnen ausgewichen oder sie gar geächtet werden.
Hinter jedem dunkelhäutigen Mann wird mit einem Mal ein Terrorist gesehen.

Auch wenn das gefühlsmäßig nachzuvollziehen ist, weil sich Unsicherheit und Angst in unser Alltag hineingebohrt hat, ist es wichtig, aufzupassen, nicht in ein falsches Fahrwasser zu geraten.

Aktueller denn je ist es, in einer Welt die auf Grund ihrer Vernetzung so dicht gerückt ist, den Dialog zu suchen und die Spreu vom Weizen zu trennen.

Dieser blindwütige Hass fanatischer Extremisten - so gefährlich sie auch sind - ist nicht zu verwechseln mit jenen Menschen, die ähnliche Werte gutheißen wie wir, auch wenn sie einer anderen Religion angehören.
So hat der Islamwissenschaftler Bekir Alboga kürzlich in einem Vortrag in der Karl-Kübel-Schule darauf hingewiesen, dass die grundlegenden Elemente des Islams - wie sie im Koran verankert sind - die Fähigkeit zur Friedensstiftung und zum Dialog sind und nicht etwa Krieg.

Entsprechend war es mehr als begrüßenswert, dass die amerikanische Regierung nicht einfach losgebombt, sondern erst den Kontakt und Gespräche gerade auch mit den islamischen Ländern gesucht hat.

Im zwischenmenschlichen Bereich tut es uns gut, sich gründlich zu informieren, ins Gespräch zu kommen und nicht aufgrund von Vorurteilen alle in einen Topf zu werfen.
Gerade als Christen sind wir dazu aufgerufen.
In beiden Testamenten der Bibel, genießt der Fremde einen besonderen Schutz und entspricht die Liebe zum Anderen dem höchsten Gebot.
Das schließt ein sich Schützen allerdings nicht aus.
Vielmehr ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Selbstschutz und Offenheit gegenüber anderen auszuloten.

Ich selbst fand den Trauergottesdienst in den USA wohltuend, in dem die verschiedensten Religionsgemeinschaften New Yorks mitgefeiert haben, eben auch Angehörige des Islams.

Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, liebe Mitchristen!
Den Volkstrauertag angemessen zu begehen geschieht, in dem wir das Leid der Opfer früherer Zeit mit denen heutiger Zeit verbinden.
Wir stehen nach den beiden Weltkriegen in einer Kontinuität, wach gegenüber kriegerischen Tendenzen zu sein und die Opfer niemals zu vergessen.
Was können wir tun?!

Ich glaube, es ist notwendig diejenigen Organisationen und Institutionen zu unterstützen, die dem Elend und Leid auf der Welt entgegenwirken.
Ein großer Teil kriegerischer Auseinadersetzungen hat mit der Ungleichheit zu tun, die zwischen einzelnen Staaten und Ländern herrscht. Mit dem Leben der einen auf Kosten von anderen.
Wie wichtig ist es jetzt, der hungernden und frierenden Bevölkerung in Afghanistan zu helfen.

Weiterhin halte ich es für wichtig, angesichts der heutigen Bedrohung, der Panik nicht zu viel Raum zu lassen.
Es ist bestürzend - so Furchtbares am 11. September auch passierte - was ein einziger Tag weltweit ökonomisch auslösen kann und damit den Terroristen in die Hände spielt.

Und ein besonderes Anliegen ist es mir, für die Opfer und ihre Angehörigen aller Kriege zu beten. Um Mut und Phantasie zu bitten, der Aggression hilfreich entgegen zu wirken und friedliche Wege für uns Menschen zu finden, die wir weltweit so unterschiedlich und doch in unserer gegenwärtigen Vernetzung sehr eng aufeinander bezogen sind.

So möchte ich mit einem Gebet schließen:

"Unser Gott, wir stehen vor dir als Menschen, die den Krieg mitgemacht haben und heute in ganz neuer Weise erleben.
Kampf und Auseinandersetzung zerreißt die Menschheit, bringt vielen Menschen den Tod und lässt die Angehörigen darunter leiden.
So bitten wir dich für alle Opfer von Krieg und Gewalt,
lass sie bei dir einen Ort gefunden haben, wo sie aufgehoben und bewahrt sind.
Wir bitten dich für die Angehörigen, Familien und Freunden von Opfern,
die ihr Leben lang darunter leiden, was ihnen widerfahren ist.
Dass Trauer nicht das letzte Wort behält, wenn die Erlebnisse auch nie vergessen gehen.
Wir bitten dich, Gott des Lebens, für die vielen unschuldigen Opfer und deren Angehörige in den USA und in Afghanistan, besonders für die Kinder und Frauen, die dem Krieg und seinen Folgen ausgesetzt sind.
Wir bitten dich für alle, die auf internationaler Ebene nach politischen Lösungen für diesen Krieg suchen:
Schenke ihnen Ausdauer und Geduld, damit sie angesichts der vielfältigen Probleme nicht aufgeben und andere Wege finden als militärische Lösungen."

Amen