Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ansprache am Volkstrauertag 2009

Dekanin Gerlinde Hühn (ev.)

15.11.2009 Friedhof Heiligenäcker

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrter Herr Pfarrer Eilhoff,

sehr geehrte Mitglieder des VdK und Vertreter der Reservistenkameradschaft,

liebe Bürgerinnen und Bürger‘

 

Der Volkstrauertag dient dem Gedenken an die zahllosen Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert.
Können wir heute überhaupt verstehen, was in den Männern vorgegangen ist, die damals in den Krieg ziehen mußten und was sie heute noch bewegt? Völlig nachempfinden kann man das Erlebnis des Krieges in all seiner Brutalität, seiner unmittelbar zuschlagenden Gewalt, die Todesangst und das blutige Sterben des Bruders an der Seite wohl nur, wenn man selber dabei gewesen ist.

 

Erich Maria Remarque schreibt in seinem Buch “Im Westen nichts Neues“:

“Während unsere Lehrer noch schrieben und redeten, sahen wir Lazarette und Sterbende; - während sie den Dienst am Staate als das Größte bezeichneten, wussten wir bereits, dass die Todesangst stärker ist. Wir wurden darum keine Meuterer, keine Deserteure, keine Feiglinge - alle diese Ausdrücke waren ihnen ja so leicht zu Hand -‚ wir liebten unsere Heimat genauso wie sie, und wir gingen bei jedem Angriff mutig vor; - aber wir unterschieden jetzt, wir hatten mit einem Male sehen gelernt. Und wir sahen, dass nichts von ihrer Welt übrig blieb. Wir waren plötzlich auf furchtbare Weise allein; - und wir mußten allein damit fertig werden“.

 

Ich kenne Frauen, die haben heute noch Angst bei Gewitter und Flugzeuggeräuschen, weil es sie an das Dröhnen der Bomber in jener Dresdener Nacht erinnert.

 

Es gibt Männer, heute über 80, die wachen manche Nacht auf: schreiend, von schrecklichen Träumen und Nachtgesichten aufgeschreckt. Bilder des Krieges, die sie nicht abschütteln können, die sie plötzlich überfallen wie aus dem Hinterhalt.

Manchmal werden diese Gesichte sogar häufiger im Alter, weil die Kraft der Seele zur Abwehr schlimmer Erinnerungen abnimmt oder weil man das Leben noch einmal durcharbeitet, bevor es zu Ende geht.

Plötzliche überfallartige Bilder, die Angst machen. “Flashbacks“ nennt man das Phänomen in der Traumaforschung.

Da ist sie wieder, die schreckliche Situation, das brutale Bild. Man kann sich nicht dagegen wehren. Eine seelische Wunde (d.h. ein Trauma). Viele von den Kriegsteilnehmern sind traumatisierte Menschen, schwer verwundet an ihrer Seele, nicht nur am Körper.

“Eine Generation vom Krieg zerstört - auch wenn sie den Granaten entkam“, Erich Maria Remarque.

 

Als sie heimkehrten - vielleicht erst später aus Kriegsgefangenschaft, konnten sie es nicht erzählen, wollten es wohl auch nicht, denn sie wollten vergessen. Oder aber es war niemand da, der davon hören wollte. Wiederaufbau war angesagt, jeder hatte mit sich selbst zu tun, wollte die Vergangenheit hinter sich lassen.

Und sie? Sie blieben oft genug “draußen vor der Tür“.

 

Heutzutage werden traumatisierte Menschen begleitet. Die Traumaforschung erkundet die
Zusammenhänge und erforscht die Wege der Heilung. Man hilft Folteropfern. Man betreut
Verletzte und Helfer psychologisch. - Wir sehen es gerade wieder in Kaprun und Eschede.
1945 oder gar 1918 gab es das nicht. Die seelischen Abläufe waren nicht bekannt und man wußte nichts von Heilung für seelische Wunden - hoffte vielleicht auf die Zeit, die angeblich manche Wunden heilen soll, Traumatisierte Menschen sind viele Menschen, die aus dem Krieg heimkehrten, und viele von ihnen blieben allein, schrecklich allein mit ihren Erlebnissen. Was blieb, war die Kameradschaft der anderen, die den Krieg kannten, wie sie selber und die ohne Worte verstanden.

 

Jener Mann, von dem ich am Anfang erzählte, kann unbändige Wut darüber empfinden, dass ihm der Krieg seine Jugend geraubt hat. Die Zeit, in der einer lernt, die Welt entdeckt, sich verliebt und das Leben leicht ist. Und unter dieser Wut sitzt oft genug die Trauer über eine sinnlose Zeit im Leben.

Und - auch das ist da - er macht sich selbst immer wieder Vorwürfe, dass es ihm nicht gelungen ist, sich zu widersetzen oder Widerstand zu leisten.

Und was er überhaupt nicht leiden kann, wenn von “Heldentum“ in welcher Hinsicht auch immer geredet wird. Denn Helden, Helden sind sie nicht (wenn ein Held ein Mensch, der andere an Fähigkeiten und Taten überragt), sondern traumatisierte, einsame, um ihre Jugend betrogene Männer, deren Wunden noch immer nicht geheilt sind, auch nach über 60 Jahren nicht.

 

Volkstrauertag heißt der heutige Tag - zu Recht, nicht mehr Heldengedenktag. Denn es gibt keine Helden, nur verletzte Menschen. Und das auf allen Seiten.
Trauer ist angesagt, das ist das einzig angemessene Sich-Verhalten angesichts der 55 Millionen Toten des 2. Weltkriegs, der ungezählten Millionen von Toten und seelisch verwundeter Menschen dieses an Kriegen reichen vergangenen Jahrhunderts.

Wir sehen ihr Leben und ihren Tod und verneigen uns vor ihrem Schicksal.

 

Und gleichzeitig gilt, dass viele von diesen Toten dem verbrecherischsten Krieg dieses Jahrhunderts gedient haben. Es darf nie wieder so etwas geschehen! Krieg ist Unrecht. Darin stimmen der General Helmut v. Moltke und der Pazifist Carl von Ossietzky überein:

„Jeder Krieg, auch der siegreiche, ist ein Unglück“, schrieb Helmut v. Moltke nach 1870.

“Wir Anhänger des Friedens müssen immer wieder darauf hinweisen, dass der Krieg nichts Heroisches bedeutet, sondern, dass er nur Schrecken und Verzweiflung über die Menschen bringt“. So in der Schlussrede Ossietzkys vor dem Schwurgericht 1932.

Ein Jahr später verschleppte ihn die Gestapo ins KZ. Sein ganzes Verbrechen bestand darin, dass er Pazifist war und für die Ächtung des Krieges eintrat.

 

“Gedenket der Gefallenen
Vermissten und Versehrten,
der Todesangst in den Bombennächten
der Einsamkeit der Witwen und Waisen,
des Heimwehs der Gefangenen.
Der zerstörten Häuser und Kirchen,
der ungezählten Opfer von Unrecht und Gewalt
und aller, die litten und starben im bitteren
Widerstand“.

So steht es im Glasfenster einer Stuttgarter Kirche.
Ihrer gedenken wir heute und all derer, die in unseren Tagen Opfer von Krieg und Gewalt und politischer Verfolgung sind.

 

Gedenket,

das ist das Leitwort dieser Feier. Das Gedenken reicht weiter als in die persönlichsten Erinnerungen herein, die für viele unter Ihnen heute wach werden.

Gedenket, das meint auch uns, die Frauen und Männer meiner und der noch jüngeren Generation, die Krieg und Gewalt nicht persönlich erlebt haben.

 

Doch was heißt schon nicht erlebt? Mein Vater war Kriegsteilnehmer des 1. Weltkriegs, mein Onkel wurde im 2. Weltkrieg vermisst und meine Mutter hat den Bombenangriff auf Dresden miterlebt. Erzählungen von Krieg und Nachkriegszeit sind auch mir vertraut.

 

Im Gedenken nehmen wir teil am Grauen und Erschrecken, an der Angst und der Trauer derer, die direkt betroffen waren. Was sie erzählen, wird, wenn wir aufmerksam zuhören, ein Stück unserer Erinnerung. Vor allem ihre Empfindungen und Gefühle: Die Trauer über das Verlorene und die Wut über die Sinnlosigkeit. Und beides schafft sich - vielleicht jetzt erst - aus großem Abstand heraus - immer wieder Raum.

 

Vieles von dem, was längst vergangen schien, rückt uns plötzlich hautnah auf den Leib bei den Bildern aus Bosnien und beim Golfkrieg, bei den unvorstellbaren Grausamkeiten im Krieg zwischen Hutu und Tutsi in Afrika, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich im Fernsehen sahen.

Entsetzlich, dass so etwas in unserem eigenen Lande einmal geschehen ist. Nie wieder!

 

Gedenket der vergewaltigten Frauen
in Bosnien und Ostpreußen,
der ermordeten Kinder in Auschwitz
und anderswo.
Gedenket der Verwüstung ganzer Dörfer
und Landschaften in Polen,
der Sowjetunion, in Dresden und Coventry“.

Wenige wollen sich in das Gedenken einreihen, besonders wenige Junge.

Ich verstehe das Zurückweichen, denn es rührt an die dunkle Seite von uns Menschen, biblisch gesprochen an die Kains-Seite. Wir empfingen auf einmal, wie die Gewalt vor der Tür lauert, welche Aufgabe es ist, sie zu beherrschen. Nicht nur in Israel und Palästina, sondern auch in unseren Städten, in unseren verbalen Auseinandersetzungen.

In der jüdisch-christlichen Tradition wenden sich Menschen in dunklen Situationen des Lebens an Gott:

Sie bitten Gott, Ihrer zu gedenken, nicht mit Gedanken des Gerichts, sondern der Gnade.

 

“Gedenke nicht meiner Übertretungen, gedenke mein nach deiner Barmherzigkeit um deiner Güte willen“, betet der Psalmist zu Gott.

Das Gedenken richtet sich nicht nur zurück, es weist auch nach vorn.

Die biblische Geschichte von Kam und Abel leitet uns dazu an, wie mit der Tendenz zur Gewalt umzugehen sei. Kain, der seinen Bruder erschlug, darf weiterleben. Gott schützt sein Leben! Er gibt ihm ein Zeichen, damit nicht das gnadenlose Gesetz der Vergeltung zuschlage. Gott hält seine schützende Hand über den Mörder. Er hütet ihn.

In Jesus Christus wird er sogar selbst zum Bruder der Kains-Kinder, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, in dem er an sich erträgt, die Gewalt und die finster gesenkten Blicke seiner Mörder.

Das zeigt: Gewalt ist nicht mit Gegengewalt, sondern mit Schutz zu begegnen. Was für ein Gott!

Weil Abel dieser Menschheitsgeschichte ja nicht lebend entkommt, sind wir alle Töchter und Söhne Kains (das will doch diese Geschichte sagen). Wir sind alle menschheitsgeschichtlich betrachtet und bewertet Nachfahren eines Mörders, der unter dem besonderen Schutze Gottes steht.

Kain gibt mit seiner Frage: “Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ selbst das Stichwort, wie es unter uns anders gehen könnte. Der Bruder ist nicht mehr der Rivale, der einem das Leben streitig macht, sondern der, auf dessen Leben zu achten, dessen Leben zu schützen sei.

Meines Bruders Hüter? Meiner Schwester Hüterin? Das wäre es! Das ist der kleine Anfang, wenn Friede werden soll und Gewalt eingeschränkt wird.

Hüter sein,
der Fremden in unserer Mitte, damit die Zahl der Toten durch rechtsradikale Gewalt nicht
noch höher wird.
Hüter sein,
der jüdischen Gemeinden, die sich zu leben und zu wachsen trauen in unserem Land, damit
sie nicht erneut traumatisiert werden.
Hüter sein,
unserer Zungen, damit wir uns nicht gegenseitig verletzen.

“Frieden stiften“
heißt das Thema der Friedensdekade 2000, vom 16. bis 22. November.
Frieden stiften um Gewalt zu überwinden.

Es gibt Beispiele:

50 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen 5.8.1950

“Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung.
Dieser Entschluss ist uns ernst und heilig im Gedenken an das menschliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat“.

Eine friedensstiftende Tat und die Voraussetzung der Integration Tausender Flüchtlinge, aus denen Mitbürger wurden.

Die Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche,
die Ostverträge der Brandt-Regierung,
Camp David u.v.a.
Beispiele friedensstiftender Handlungen im politischen Bereich.

 

Frieden stiften im Kleinen:
Auf sein Recht verzichten.
Mediationen in Anspruch nehmen, statt ewigen Streits vor Scheidungsgerichten.
Täter-Opfer-Ausgleich statt Strafe als Rache und Vergeltung.

Wie sagte Pfarrer Andreas Wagner heute bei der Wiederaufstellung des Denkmals bei der Stadtkirche mit Worten eines deutschsprachigen Schriftstellers aus Jerusalem: Elazar Benyoetz:

“Frieden gibt es nur dort, wo Menschen nicht allein gegen den Krieg, sondern auch gegen das Siegen sind“.

 

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.