Foto von aufgeschlagenen Büchern

"Wort zum Sonnag" zum Thema "Halloween"

Pastorin Sabine Arnold

in der Tageszeitung "Werra-Rundschau" - Ende Oktober 2002

Kürbisköpfe zum Totengedenken

Schon seit einigen Wochen kann ich ihnen nicht mehr entgehen: den hämisch grinsenden Kürbisköpfen. Aus unzähligen Schaufenstern blitzen sie mich mit großen Zähnen und düsteren Schlitzaugen an. Sie verfolgen mich in Hauseingängen und Supermärkten. Sie sind die wichtigsten Requisiten für das Fest, das in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November gefeiert wird - Halloween. Der Name geht auf das Allerheiligenfest zurück, das am folgenden Tag begangen wird: "all hallows eve" - Vorabend der Heiligen. In Amerika wird Halloween schon seit dem 19. Jh. gefeiert, in den letzten Jahren aber nimmt der Gruselrausch auch bei uns in Deutschland immer größere Dimensionen an. Die Wurzeln von "all hallows eve" reichen in die vorchristliche Zeit zurück. Es war der keltische Tag der Ernte am Ende des Sommers. Es war auch die Nacht der verirrten Seelen, die Nacht von Samhain, dem keltischen Totengott. Man glaubte, dass das Reich der Lebenden in der Übergangszeit zwischen Sommer und Winter dem Totenreich gefährlich nahe war. Darum versuchte man die bösen Geister in dieser Nacht zu vergraulen, indem man sich gruselige Kostüme überzog und einen ausgehöhlten Kürbiskopf anzündete. Um die Seelen der Verstorbenen zu beschwichtigen, brachte man ihnen Opfer dar. Halloween war also ursprünglich ein Fest des Totengedenkens.

Auch wenn heute, 2500 Jahre später, außer Schokoladengeistern und dem Spaß am Verkleiden und Kürbisaushöhlen nicht viel geblieben ist, lässt mich der Ursprung von Halloween auch über meine eigene Sterblichkeit nachdenken. Gerade jetzt zu Beginn des Herbstes, in der Zeit, in der die Tage kürzer werden und die Natur mir deutlich vor Augen führt, dass alles Leben vergänglich ist, werde ich nachdenklich. "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume," heißt es im "Deutschen Requiem" von Brahms. Während ich diese Worte höre, die bei Brahms durch die massiven Trompetenklänge fast ein wenig bedrohlich wirken, wird mir aufs Neue bewusst: Auch mein Leben ist vergänglich. Ich habe hier keine bleibende Stadt. Wie oft vergesse ich das bei meinen Alltagsgeschäften. Wie oft vergeude ich meine kostbare Lebenszeit, indem ich mich über Nichtigkeiten ärgere, mir nicht genug Zeit nehme für mich selbst und für Gespräche mit Freunden. Ich höre wieder Brahms. "Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit." Hier ändert sich das Kolorit der Instrumente: Aus den düsteren Mollklängen ist ein freudiges Dur geworden. Und auch ich habe bei diesen Klängen die Hoffnung, dass mein Leben nicht einfach im Nichts enden wird, sondern dass es Gott eines Tages vollenden wird in Herrlichkeit. Ein Grund zur Freude also in diesen herbstlichen Tagen, und nicht zur Furcht!