Foto von aufgeschlagenen Büchern

Thomas-Messe, „Engels-Rap“

Dozent in der Sing- und Musikschule Fürth Mag. Theol. Peter-Johannes Athmann


Einen Engel, einen Engel, ja den brauch ich jetzt,
einen Engel, einen Engel, der so richtig fetzt.
Ich nehm den Michael, ich nehm den Gabriel,
ich nehm den Rafael, ich nehm den Uriel,
ganz egal welches Modell, schick ihn jetzt, ich brauch ihn schnell.
Einen Engel, einen Engel, ja den brauch ich jetzt,
einen Engel, einen Engel, der so richtig fetzt.
Vom Himmel hoch, da komm doch her,
ach lieber Gott, ich kann nicht mehr.
(Engels-Rap, in Das Kindergesangbuch, Claudius Verlag, München 1998, Nr. 117)

Das ist der Engel-Rap. Er steht im neuen Kindergesangbuch. Aber nicht nur er: Dieses Kindergesangbuch hat eine richtig ausführlich Engelabteilung. Wer glaubt denn schon noch an Engel?

Mit Kindern kann man's ja machen, die glauben noch alles. Erwachsene lösen ihre Problem selbst, die brauchen keine Engel. Vor allem die Männer, die brauchen nicht nur keine Engel, die brauchen niemanden. Oder?
Außen hart und innen ganz weich, aber eigentlich sind sie doch einsame Wölfe. Macher.
Persönliche Probleme werden nicht gelöst, die werden gemanaged, wie alles andere auch.
So ist auch Jakob.
Nichts wird ihm geschenkt, alles muss er sich im Leben hart erkämpfen.
Der Zweck heiligt die Mittel. Wenn das Leben nicht gerecht ist, dann muss man halt ein bisschen nachhelfen.

Schon bei der Geburt ging das so zu: der Zufall wollte es, dass nicht er - Jakob - zuerst auf die Welt kam, sondern sein Bruder Esau. Dabei konnte man doch sofort sehen, dass Jakob der Intelligentere von beiden war. Warum sollte Esau dann alle Rechte als Erstgeborener haben? Der konnte doch sowieso nichts damit anfangen, der war doch zufrieden, wenn er in der freien Natur sein konnte. Dass der Zufall der Geburt alles in den Schoß legen sollte, war doch ungerecht!

Also musste Jakob das Schicksal etwas korrigieren, indem er sich den Erstgeburtssegen - der ja eigentlich ihm, dem Fähigeren von beiden zustand - doch irgendwie organisierte.
Betrug? Nein - nur etwas unfair; aber war die Natur nicht auch unfair, als sie den falschen zuerst auf die Welt kommen ließ?

Natürlich war es auch unfair, dass Jakob jetzt seinen Ruf als Betrüger weghatte. Warum musste er auch so einen blöden Namen bekommen, der im Hebräischen fast so klingt wie „Lügner". Möchtet Ihr so gerufen werden? „Lügi, komm jetzt essen! Lügi, ab ans Bett!“. Wirklich gemein.

Bruder Esau konnte sich mit Jakobs Sicht der Dinge offenbar nicht anfreunden, also hat sich Jakob - sicherheitshalber - einen Job im Ausland gesucht, weit weg.

Das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber und Schwiegervater muss interessant gewesen sein, beide hauten einander übers Ohr, wo sie nur konnten.

Jedenfalls ist es irgendwann so weit, dass Jakob sich auch von seinem Schwiegervater trennt - sicherheitshalber.
Mit Familie und Besitz macht er sich auf den Weg zurück. Am Grenzfluss Jabbok melden ihm seine Kundschafter, dass Bruder Esau im entgegenkommt - mit 400 Mann, einer ganzen Armee.
Jakob ist entsetzt. Ist Esau immer noch sauer? Irgendwann muss das doch mal verjährt sein, oder?

Offenbar nicht. Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte sind vergangen, und ausgerechnet jetzt muss ihn die alte Geschichte wieder einholen.
Jakob plant sein Vorgehen genau: einen Teil seines Vermögens schickt er als Bestechungsversuch voraus über den Fluss, anschließend folgen seine Frauen und seine Familie, in einer ausgeklügelten Reihenfolge: erst diejenigen, die ihm nicht so viel bedeuten, dann die, die er lieber hat. Sicher ist sicher.
Sich selbst hat er am liebsten, denn er bleibt zurück am anderen Flussufer.

Allein mit sich selbst, und das die ganze Nacht. In der Einsamkeit erwischt es ihn voll, in Gestalt eines „Mannes", der mit ihm zu kämpfen anfängt. Der Kampf dauert die ganze Nacht. Keiner der beiden kann ihn für sich entscheiden.
Das Morgengrauen findet sie in fester Umklammerung - kein Unentschieden, sondern eine Lähmung, denn keiner der beiden ist zu einer vernünftigen Bewegung fähig. Der Fremde renkt Jakob die Hüfte aus, aber Jakob lässt nicht los.

Schließlich eine unerwartete Wende: Jakob bietet dem Fremden an, ihn loszulassen, aber nur wenn er ihn segnet. Seltsam: was soll der Segen eines Feindes bewirken?
Vielleicht spürt Jakob intuitiv, dass es in diesem Kampf gar nicht darum geht, in zu vernichten, sondern darum, ihn zu heilen. Darum, die Mauern niederzureißen, die Jakob in jahrelanger Arbeit um sich aufgebaut hat, den Panzer aufzubrechen, der ihn bisher daran gehindert hatte, das zu werden, was eigentlich in ihm steckt.

Kein Mensch wird als Betrüger geboren, und kein Mensch muss als Lügner sterben. Jakob spürt: Hier und jetzt ist mein Leben an einem Wendepunkt, aber um den nächster. Schritt zu gehen, brauche ich Hilfe.
Ich brauche jemanden der mir zuspricht, was ich mir selber nicht mehr zusprechen kann, weil ich es mir selbst nicht glaube:
Ich brauche jemanden, der mir sagt, dass Gott mich lieb hat, egal, wie ich zur Zeit drauf bin, egal, was die Zeit und die Umstände mit mir angestellt haben.
Egal, welche Schuld ich im Laufe der Jahre dadurch auf mich geladen habe, dass ich andere Menschen betrogen und manipuliert habe.
Ich brauche jemanden, der mir ein Schild zeigt, wo drauf steht: „Ende der Sackgasse, hier geht's weiter."

Aber zunächst arbeitet Jakob noch mit den alten Tricks: er scheint im Vorteil, weil der Fremde offenbar das Morgenlicht nicht verträgt. Ein Vampir?
Nein, ein Gottesbote, der bei Tagesanbruch zurück sein muss, um vor Gottes Thron im Chor Loblieder zu singen, so erklärt jedenfalls die jüdische Tradition diese Stelle.

Aber egal: Jakob scheint die Macht zu haben, sich auch diesen Segen so zu organisieren, wie er bisher alles gemanaged hat: durch, sagen wir, leichten Druck. Doch er hat sich verrechnet: der Gottesbote - denn das bedeutet das Wort Engel – will Jakobs Namen wissen.

Wer das Märchen von Rumpelstilzchen kennt, weiß, dass Namen früher keineswegs als Schall und Rauch galten, sondern etwas bedeuteten: Wer meinen Namen weiß, hat Macht über mich. „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß'!“ Als Rumpelstilzchens Name bekannt wurde, war es mit seiner bösen Macht sofort aus.

In unsere Tage übersetzt: Der Engel forderte von Jakob, etwas sehr Persönliches preiszugeben. Jeder von uns hat einige Leichen im Keller, die anderen Menschen Macht über uns gäben, sobald sie davon wüßten.
So auch bei Jakob: Jakob nennt seinen Namen: „Lügner“.
Damit ist er gezwungen, sich dem zu stellen, wie er sein Leben bisher gelebt hat. Er muss sich seiner persönlichen Wahrheit stellen, die da lautet: Mein Leben war bisher Lüge und Betrug, nicht nur an anderen, sondern auch an mir selbst. Alles nur Show und Fassade.

Wer seinen Schwächen und Verletzungen plötzlich so nah kommt, dass er ihnen nicht mehr ausweichen kann, der macht sich verwundbar. Jetzt kommt es darauf an, was der Andere damit macht: wird er meine Offenheit ausnutzen und mich auch verletzen?

Der Engel reagiert anders: Er gibt Jakob einen neuen Namen und damit eine ganz neue Chance. Jakob ist nicht mehr Jakob, der Lügner, sondern Israel.
„Israel" bedeutet demnach „Gott soll herrschen!", und damit ist Jakobs neue Einstellung in Worte gefasst: Wenn ich mich darauf einlasse, dass Gott in seinem Leben herrscht, dann bin ich nicht mehr ein Sklave meiner Vergangenheit, sondern werde frei, dass zu werden, wofür ich eigentlich bestimmt bin.

Jakob - nennen wir ihn weiter so, denn wo wäre es schon einmal vorgekommen, dass wir einem Menschen seine Veränderung geglaubt hätten? - Jakob versucht es allerdings nochmal auf die alte Tour und will nun seinerseits den Namen des Engels wissen. Er will nun auch die Macht über den anderen. Aber der Engel lehnt ab - und segnet Jakob trotzdem. Jakobs Verhalten zeigt, dass trotz des Neuanfangs noch genügend alte Verhaltensweisen in ihm stecken, die sind nunmal nicht so einfach weggezaubert. Aber er ist auf einem neuen Weg, auch wenn sich nicht alle Probleme auf einmal dadurch lösen, dass er sich hat segnen lassen.
Das macht den Segen deswegen nicht unwirksam: Wenn ich mich segnen lasse, dann lasse ich den Anfang eines Prozesses zu, der mich verändern wird, aber ich kann nicht erwarten, dass damit magische Wirkungen verbunden sind.

Segnen hilft dabei, die Abrissbirne an die alten Mauern zu legen, die mich vielleicht einmal geschützt haben, aber meiner Entwicklung jetzt im Wege stehen. Mag sein, dass Gott mich von allen Seiten umgibt, aber mein eigener Panzer ist viel näher an mir dran. Ein Gefängnis ist nunmal nicht von innen zu öffnen, dazu ist Hilfe von außen nötig. Ein Segenswort, ein Segenszeichen, eine liebe Berührung, kann die verklebten Flügel der Seele wieder zum Schwingen bringen, denn ein Segen spricht mir zu, was ich mir selbst nicht zusprechen kann, weil ich mir selbst nicht glaube.

Jakob hat erlebt, was passierte, als er plötzlich merkte: dieser scheinbare Feind ist ein Bote Gottes, der mir einen neuen Lebensweg ermöglicht, und er hat die Gelegenheit beim Schopf (oder vielleicht auch bei der Hüfte) gepackt: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest". Von nun an war er nicht mehr der „Lügi“, sondern „Israel“, auch wenn er nicht sofort um 180 Grad gewandelt war. Aber ein Anfang war gemacht, angestoßen durch den Segen des Engels. Und, was im Fortgang der Erzählung besonders wichtig ist: die Veränderung erstreckt sich nicht nur auf Jakob - nein, auf „Israel", denn ich glaube ihm seine Veränderung jetzt -, also nicht nur auf Israel allein, sondern auch auf seine Beziehungen. Die Begegnung mit Esau findet statt, und es kommt zur Versöhnung. Damit haben sie wohl beide nicht gerechnet, aber es war so.

Einen Engel, einen Engel, ja den brauch ich jetzt,
einen Engel, einen Engel, der so richtig fetzt.
Ich nehm den Michael, ich nehm den Gabriel,
ich nehm den Rafael, ich nehm den Uriel,
ganz egal welches Modell, schick ihn jetzt, ich brauch ihn schnell.
Einen Engel, einen Engel, ja den brauch ich jetzt,
einen Engel, einen Engel, der so richtig fetzt.