Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "SUPERSTAR"

Pfarrer Ottmar Arnd

08.02.2003 in Neunkirchen

Liebe Christen -

Was fällt ihnen zu folgender Überschrift ein:
Suppenhuhn mausert sich zum Superstar ...
Ein neues Kochrezept ?
Ein genmanipuliertes Zuchtergebnis aus dem Hause eines Geflügelfreundes ?
Beides falsch: Gemeint ist DSDS ...
Was denn, jetzt sagen Sie bloß, Sie wüßten wirklich nicht, was sich hinter diesem Kürzel verbirgt.
Also, wenn Sie das nicht wissen, leben Sie wirklich hinterm Mond: DSDS heißt:
DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR ...
Ja doch, momentan ist das Superstar-Suchfieber ausgebrochen.
Deutschland sucht den Superstar.
Und was hat das Ganze mit dem Suppenhuhn zu tun?

Nun - es ist erst wenige Wochen her, da dümpelte diese RTL Show bei einer Zuschauerzahl von rund 4 Mio am Vorabend. Jetzt spricht der Sender schon selbstbewusst von DSDS und setzt damit voraus, dass jeder mit diesem Kürzel etwas anfangen kann. Was ist in dieser kurzen Zeit passiert?
Aus der Massencastingshow mit Laiendarstellern ist eine Selektion von wenigen jungen Menschen geworden. Die Talent haben. Der Alexander, den ich vor zwei Wochen kurz hab singen hören, hat das wirklich gut gemacht. Und diese wenigen locken mittlerweile über 12 Millionen junger Menschen vor den Bildschirm ...
Auf der Internetseite herrscht im Chatforum reger Informationsaustausch. Sekündlich treffen neue Emails z.B. für Daniel ein. Ich meine nicht den Daniel Lopez, nein, ich meine den hier (Bild von Daniel Küblböck zeigen).
Wahnsinn, dass Kritiker noch vor Wochen diese Sendung "Deutschland sucht das Suppenhuhn" vrhöhnten. Und so lautete auch ein Artikel über die Sendung vom Mittwoch im BA. Und damit ist die Ausgangsfrage beantwortet.
Nicht beantwortet ist, ob zu viele Menschen nicht zu schnell mit dem Attribut SUPERSTAR bei der Hand sind. Und ob wir zu sehr auf Show abfahren. Und die wirklichen Superstars übersehen.

Vielleicht ist es ja bezeichnend für die Schnelllebigkeit im "Show"geschäft - wie es ja entlarvenderweise auch genannt wird - bezeichnend, dass wir schnell dabei sind, Menschen in den Himmel zu heben, wenn sie sich gut verkaufen können. Stichwort "sich verkaufen": Besagter Daniel Küblböck versucht ja auch immer wieder zu singen. Doch seine Stimme hat nach meiner Meinung eher Ähnlichkeit mit der eines schwangeren Truthahns ... aber - er soll (nach Meinung von Spezialisten) das größte Showtalent von allen haben (Man beachte seinen kleinen, formidablen, lifestyligen Weinkrampf vom letzten Samstag) und nur deshalb bis in die Spitze vorgedrungen sein. Das provoziert geradezu den Satz: Auch wenn du nichts besonderes kannst, Hauptsache, du kannst dich gut verkaufen.

Und da beginnt's für mich mulmig zu werden, nämlich dann, wenn das nicht nur fürs Showgeschäft, sondern für unser gesamtes Leben gilt: Fahren wir zu oft auf Blender ab? Auf die, die gute Sprüche drauf haben. Die hervorragend den Coolen mimen können. Auf die, die vordergründig begeistern, ansonsten das Charakteristikum von Brause in sich tragen: Die schäumt nämlich schnell auf, prickelt am Anfang und ist doch bald abgestanden?
Deutschland sucht den Superstar.

Israel sucht den ... nun ja, Superstar wäre wohl etwas weit hergeholt. Aber, einen neuen König. Das schon eher. Vor vielen Hunderten von Jahren. Da vibrierten die Menschen noch mehr als jetzt hier bei uns. Man war allerdings auf der Suche nach einem wirklichen Könner, einem, der nicht nur schon singen konnte, sondern der das Land aus einer ziemlich verfahrenen Situation bringen solle. Die Staatskassen wieder füllen, und die Menschen zu neuem Selbstbewusstsein führen sollte. Und einer, der Prophet Samuel bekam die schwierige Aufgabe übertragen, den Superstar, sprich den König zu finden. Von GOTT wird er nach Bethlehem zu einem Mann namens Isai geschickt. Samuel sagt dem, dass einer seiner Söhne der König von Israel werden soll, und ISai fällt fast in Ohnmacht vor Stolz und Freude. Fast - ja - fast so wie die weiblichen Fans von Daniel ... Und sowohl für Samuel und Isai ist - ganz Mensch, der sie sind - klar, wer dafür in Frage kommt: Isais Ältester: Ein Prachtkerl von Mann, in den besten Jahren, groß. Muskulös. Sonnengegerbte Haut. Verwegener Blick. Einer der zupacken kann. Ein Typ, der allein durch sein Auftreten besticht.
Ja - denkt Samuel, der könnte es werden.

Nein - der ist es nicht. Meint GOTT.

Isai ist zwar entsetzt, fängt sich aber schnell, denn, das alles ist kein Problem. Er hat ja sieben Söhn. Doch wie das so ist: Das Gesicht des stolzen Vaters und auch das des Propheten wird immer länger: Keiner von den Gezeigten hat das Zeug zum Superstar oder anders formuliert: Keinen mag GOTT zum König haben. Und als Samuel fast schon kleinlaut fragte: "Ähhm ... Hast du noch einen Sohn?", meint Isai ziemlich mürrisch und enttäuscht: "Naja, gut, einen hab ich noch. Das ist der Kleinste. Der ist aber nichts besonderes. Kleingewachsen. Hager. Eher ein Würstchen. Gut - er ist klug. Sieht auch ganz gut aus. Aber kein Vergleich zu meinem Ältesten. Interessiert sich nicht für Staatsgeschäfte. Ist auch gar nicht da. Ist draußen auf dem Feld. Hütet die Schafe. David heißt er." Als David vor Samuel tritt, hört der GOTT sagen: "Das ist er". Und der, dem es die Menschen am wenigsten zugetraut hätten, der entwickelt sich zum größten König Israels.

GOTT sieht tiefer als die Menschen. Er schaut hinter die Kulissen. Der Mensch sieht, was vor Augen ist. GOTT aber sieht das Herz an. So steht es in diesem Berufungstext im 1. Samuelbuch im AT. Der Mensch denkt kurzfristig. GOTT dagegen langfristig. Der Mensch ist schnell bei der Hand mit seinem Urteil. Kann schlecht in größeren Zeiträumen denken. Hoffen. Glauben. Alles Denken, Fühlen und Tun wirkt heute eher kurzfristig und ein wenig atemlos. Nur heute?

Samuel sieht in der biblischen Geschichte den ersten, schön gewachsenen Jungen und meint sofort, wie dessen Vater auch, dies müsste doch bestimmt der neue König sein. Doch GOTT entgegnet: Der Mensch sieht, was vor Augen ist. GOTT aber sieht das Herz an. Dieser Satz GOTTes, er atmet einen ganz anderen Geist: Länger, ausdauernder, geduldiger.

"Langsam, Samuel, langsam Isai" - "vorsichtiger", heißt das ja auch. "Hab noch etwas Geduld". Die Bibel bietet keine schnellen Lösungen, sondern meist erst den Anfang eines Weges. Und wer diesen Weg geht, braucht auch weiterhin Hilfe und Beistand und kann immer noch fehl gehen und schuldig werden. So wie auch der Superstar David, der ja auch in seiner Regierungszeit eine Menge Mist gebaut hat ...
"Seid nicht zu vorschnell mit euren Urteilen, ihr Menschen. Mit euren Superlativen. Lasst euch nicht zu sehr von Glimmer und Glamour beeindrucken.
Der Mensch sieht, was vor Augen ist, GOTT aber sieht das Herz an ..."
Es gibt also noch einen ganz anderen Blick auf die Welt und alles, was geschieht, was auch um Fernsehen geschieht, als das, was mir und Ihnen vor Augen steht. Es tut gut, glaube ich, mit der Bibel weiter zu denken und auch über das hinaus zu sehen, was uns vor Augen ist:
Heute Superstar. Morgen Suppenhuhn.

GOTT sagt: Langsam, hebt Menschen nicht zu schnell in den Himmel, und lasst sie nicht fallen wie heiße Kartoffeln. Macht euch Mühe, sie genauer zu betrachten. Und überlegt genau, wer und was euer Star ist, ja, wem ihr das Attribut Superstar zukommen lasst. GOTT sagt uns: "Ihr könnt nur das sehen, was vor Augen ist, aber ich sehe das Herz an. Und Ihr könnt lernen von mir. Aus meinem heiligen Buch!"

Deutschland sucht den Superstar.
Dabei geht es jedoch um den sorgfältigen Blick.
Ob sie, von der ich Ihnen gleich erzähle - bei denen, die die Jury bilden - als Superstar durchgehen würde, wage ich zu bezweifeln.
Besuch im Krankenhaus. Drei-Bett-Zimmer. Links und rechts, zwei rüstige 70jährige. In der Mitte eine 90jährige wie eine Leiche: Leicht röchelnd, spitze Nase, eingefallene Wangen, gebisslos, gelblich-ledrige Haut. Ab und zu klappt sie nach vorne und ruft laut: Hallo, hallo, hallo ... Dann sackt sie wieder zurück. Zurück ins röchelnde Nirwana. Die beiden Zimmergenossinnen regen sich auf über sie: "So ging das die ganze Nacht. Ich konnte kaum schlafen!" Die andre: "Die gehört doch in ne Irrenanstalt und nicht hierher!"

Ich sage nichts. Nicke jedoch mit dem Kopf und denke ähnlich. Wieso liegt solch eine Frau hier? Stille. Plötzlich geht die Tür des Krankenzimmers auf. Herein kommt eine Krankenschwester. Sie geht freundlich und mit einem Lächeln auf die Alte zu. Hebt sie ein wenig nach vorne, streichelt ihr übers Gesicht, spricht ihr ein paar aufmunternde Worte zu und meint zu uns anderen: Ist sie nicht lieb, und hat sie nicht wunderbare, weiche schöne Haare? Und dabei streichelt sie über das weiß-silbrige und in weichen Wellen fallende Haar der Alten und strahlt uns an. Ich hab das Gefühl, die Alte lächelt zurück. Auf jeden Fall ist plötzlich eine ganz andere Atmosphäre im Krankenzimmer. Dann verlässt die Schwester wieder den Raum. Alles ist so wie vorher. Und doch ein wenig anders.
Ob diese Schwester als Superstar in der Öffentlichkeit durchgeht, wage ich in der Tat zu bezweifeln. Und doch hat sie etwas davon. Für mich.
Sie hat mich nachdenklich gemacht. Über meine Einschätzung eines Menschen. Sie hat Atmosphäre geschaffen, durch die Achtung und Zärtlichkeit, die sie einem alten, gebrechlichen, an Demens leidenden und vielleicht schon längst vergessenen Menschen entgegenbrachte. Sie hat meinen Blick vertieft.
Den Blick vertiefen. Nicht zu sehr an der Oberfläche kleben bleiben. Deutschland sucht den Superstar.
Der Mensch sieht, was vor Augen ist, GOTT aber sieht das Herz an.

Vielleicht haben wir ja schon mehr Superstars unter uns, als uns die momentan geradezu fanatisch anmutende Suche weiß machen will. Aber die stehn nicht im Rampenlicht. Versehen ihren Dienst. Tag für Tag. Woche für Woche. Ohne dass ein Hahn nach ihnen kräht. Und sind doch so wichtig für die Einschätzung von Leben, Würde und Tiefe. Für Sie und mich.
Den Blick vertiefen. Nicht nur das sehn, was vor Augen ist. Tiefer sehen lernen. Die Lektion lernen. So wie Isai. So wie Samuel. So wie ich ... .

Amen.