Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Micha 5

Pfarrer i.R. Thomas M. Austel (ev)

24.12.2013 im Augusta-Viktoria Stift und Gemeindezentrum "Philipp Melachthon“ der Evangelischen Kaufmannsgemeinde Erfurt

Christvesper 2013

© privat

Liebe Predigthörerinnen. Liebe Predigthörer. Liebe Besucher der Christvesper.

Das Nach-Hause-kommen wie im Dokumentarfilm. Das Haus, vollgestopft mit Gegenständen. Ihr materieller Wert erweist sich als gering. Jahre nach dem Tod des Vaters beräumt die Regisseurin mit Mutter und Bruder das Familiendomizil. Das Haus, einst Zuhause sozialen Aufstiegs, in dem nun keiner mehr wohnen möchte. Erinnerungen sitzen in Alltagsresten, im Gerümpel zahlloser Kisten mit verstaubten Insekten. Die Mutter hat versucht in ausuferndem Sammeldrang, das Vergehen der Zeit anzuhalten. Nun umkreisen die Zwiegespräche der Familienmitglieder die Vergänglichkeit als großes Thema.

Kannst du Erinnerungen teilen? Was bleibt von einem Leben, wenn die nächste Generation den Dingen einen anderen Wert beimisst? Was bleibt, wenn die Erinnerungen zerfallen wie die Flügel der Schmetterlinge in den Vitrinen?
Daniela De Felice konzentriert sich auf den Prozess des Erinnerns. Die Frage, was unser Gedächtnis bewahrt. Nicht die Gesichter auf dem Foto, sondern das In-die-Kamera-Halten des Fotos, das Abfilmen und Kommentieren. Der Moment des Schweigens, wenn die Kamera noch läuft. Welche Gestalt nehmen Erinnerungen an? Die Regisseurin zeichnet Tuscheaquarelle. Reduziert und zart, mitunter sparsam animiert, zeigen sie, was nur Kunst vermag: Sie führt uns in innere Räume, wo unsere Familien weiterleben, wenn alle Häuser längst Staub geworden sind.1

Das Nach-Hause-kommen in der Christvesper. Ankommen. Die Fremde. Unauffindbar. Das Verlorene. Die neue Heimat in der Einladung an die Krippe. Alle Jahre wieder. Unterwegs von einem Jahr zum andern. Über’s Gebirg mit Maria. Ach, Josef, hilf mir. Unterwegs nach Hause. Wo die Wiege stand. Das Haus. Vater. Mutter. Großmutter und Großvater. Onkel. Tante. Schwester. Bruder. Casa der Erinnerung. Die Wurzeln. Vaterhaus. Mutterhaus. Gute Nachtgeschichte. Wo die Nächte endlos. Hört der Engel helle Lieder. Gute-Nacht-Geschichten bis die Tage wachsen. Suchen des unruhigen Herzens. Im Stahlgewitteralltag. Wenn alle Häuser längst Staub geworden sind. Das Ankommen wie das Finden der Ruhe für das unruhige Herz. Den Ort erreichen. An dem Ort eintreffen.

Das Nach-Hause-kommen im Erzählen Jaakobs, der Israel heißen soll: „Und als ich aus Mesopotamien kam, starb mir Rahel – die Geliebte – im Land Kanaan auf der Reise, als noch eine Strecke Weges war nach Efrata, und ich begrub sie dort an dem Wege nach Efrata, das nun Bethlehem heißt.“2

Das Nach-Hause-kommen im Erzählen von dem Haus Isai’s3 in Bethlehem. Seinen sieben Knaben und dem Jüngsten. Bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Kundig des Saitenspiels. Hütet die Schafe. Erschlägt den Löwen und den Bären, wie er Goliath erschlägt. Freundschaft verbindet ihn mit Jonatan, der ihn liebt wie sein eigenes Herz. Um den er trauert: „ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist“. David, der Gesalbte, spricht: „Ich bin ein Sohn Isai’s, des Bethlehemiters.“4 Und König „Davids Thron werde aufgerichtet über Israel und Juda von Dan bis Beerscheba!“5

Wenn alle Häuser längst Staub geworden sind. Das Nach-Hause-kommen im Rufen der Propheten: „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“6

Das Nach-Hause-kommen bei dem Ankommen im christlichen Weihnachtsbild der Krippe. Das Bleiben in seinem Haus. Das Beugen der Knie wie Hirten ihre Knie beugen. Menschen vor dem Menschensohn. Maria vor ihrem göttlichen Kind. Maria und Josef mit ihrem ersten Sohn. Gewindelt und in die Krippe gelegt. Die heilige Familie. Das Wunder hochheiliger Nacht. Wunder das menschlich macht. Jubel der Himmel und himmlischer Heerscharen. Ehre. Friede. Wohlgefallen. Leben als Gabe. Leben als Geschenk. Leben aus Gnade. Leben, das Antastbare, auf anderen Wegen bewahren. Unantastbar wie beim Prophetenmurmeln:

„Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,

dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,

dass sie laufen und nicht matt werden,

dass sie wandeln und nicht müde werden.“7

Wiederholt zitiert – am Giebel des Waisenhauses der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale – bildet der Prophetenspruch – das Lieblingswort der Fliednerschen Eheleute – bei Rückblick Zuversicht auf Künftiges.

Die andere Möglichkeit „in der Herberge Kimhams bei Bethlehem, von dort nach Ägypten zu ziehen“.8 Das berührt. Bewegt das Herz. Seltsam. Anmutend. Vor dem langen Tag. Flexibel wo der Engel des Herrn dem Josef, Mann aus Galiläa, „aus dem Hause und Geschlechte Davids“9, im Traum erscheinend spricht: „Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.“10 Und bevor alle Häuser längst Staub geworden sind: Auf Flucht mit unsterblicher Hoffnung „mit dem sei der HERR, sein Gott, und er ziehe hinauf!“11

Das Nach-Hause-kommen wo Menschen auf Flucht im Südsudan. Menschen auf Flucht in Somalia. Menschen auf Flucht vor Lampedusa. Fast 2 Millionen Menschen auf Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg. Menschen auf Flucht mit Tränen in den Augen. Menschen auf Flucht vor den Bomben. Menschen auf Flucht mit ihren Alpträumen. Menschen auf Flucht vor dem Tod. Fast die Hälfte sind Kinder oder Jugendliche unter 18 Jahren.

Menschen auf dem Maidan in Kiew. Menschen auf dem Tahrir in Kairo. Hunderttausende Menschen unterwegs mit unruhigem Herzen. Wenn alle Häuser längst Staub geworden sind: Menschen unterwegs mit Hoffnung im Herzen wie Gefangene in Freiheit.

Das Nach-Hause-kommen wo die Krippe im Augusta-Viktoria-Stift Erfurt erstmals zur letzten Kriegsweihnacht 1944 im Betsaal aufgebaut wird. Mütter mit Kindern, Durchreisende und Flüchtlinge suchen in diesen Wintermonaten hier Nachtquartier und Schutz vor Bomben. Die leitende Diakonisse Martha Pitzschel und Hausschwester Diakonisse Ida Dietrich bestellen vor der sechsten Kriegsweihnacht bei einer Oberammergauer Holzschnitzerei die Heilige Familie, Hirten und den Engel. Die Könige Kaspar, Melchior und Balthasar folgen. Elefant, Kamel und Kameltreiber einer Ilmenauer Holzschnitzerin gesellen sich in der Nachkriegszeit dazu. Fünfzig Jahre verantwortet Diakonisse Friedel Pabst den Auf- und Abbau der Krippe. Heute bauen und bewahren der ehemalige Leiter der Kindertagesstätte Jens Müller und die Leiterin der Kindertagesstätten Monika Köntopp den Brauch. Heilig Abend feiern pflegebedürftige Bewohner, Angehörige, Mitarbeiter und Gäste die Christvesper an der Krippe. Epiphanias lädt das Kuratorium zum Empfang an die Krippe.

Das Nach-Hause-kommen in einer Lebenswelt wo es heißt „Welt ging verloren“. Das Nach-Hause-kommen im Singen der Christvesper „Christ ist geboren“.12 Das Nach-Hause-kommen wie im Weimarer Lutherhof, den Johannes Daniel Falk mit der „Gesellschaft der Freunde in der Not“ baut. Das erste große Rettungshaus für verwahrloste Kinder.

Friedrich von Bodelschwingh, evangelischer Pfarrer mit einem Herz für „Brüder von der Landstraße“, schreibt: „Nach Hause kommen, das ist es, was das Kind von Bethlehem allen schenken will, die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde.“13 Berührt das unsere Lebenskultur? Bleiben bei dem Kind von Bethlehem Menschen menschenwürdig? Berührt das unseren Umgang mit dem nahen und dem fremden Menschen? Und bildet sich in unseren Herzen Lebensraum für den fremden Menschen? Wird Friede auf Erden über alle Vernunft konkret? Gilt Wohlgefallen dem Gesicht des anderen? Führt das respektvolle „Ehre sei Gott in der Höhe“ dahin, respektvoll in diesem Bilde unsere Herzen und Sinne und die Herzen und Sinne der Völker in Christus Jesus, dem Gottes Sohn, zu bewahren? Ja. Ich hoffe. „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! ... Freue, freue dich ...“14 Wenn alle Häuser längst Staub geworden sind. Jauchzet. Frohlocket. Ich wünsche fröhliche, selige, gnadenbringende Weihnachtszeit 2013.

Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne und die Herzen und Sinne der Völker in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

© Thomas M. Austel 2013

1 Casa, 2013, Daniela De Felice, Regisseur, Script nach Grit Lemke

2 Genesis 48, 7

3 1. Samuel 16

4 1. Samuel 17

5 2. Samuel 3

6 Micha 5

7 Jesaja 40, 31

8 Jeremia 41, 17

9 Evangelium nach Lukas 2

10 Evangelium nach Matthäus 2

11 2. Buch der Chronik 36

12 Johannes Daniel Falk (1768 – 1826)

13 Friedrich von Bodelschwingh (1831 – 1910)

14 Johannes Daniel Falk (1768 – 1826)