Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 9,9-13

Dipl.-Volkswirt Holger App (ev)

27.01.2013 in der Kirche in Hausen und im Gemeindezentrum Westhausen

zum Sonntag Septuagäsimä

Dialogpredigt von Prädikantin Regine Grolsch (R) und Prädikant Holger App (H)

H: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen, die sie heute früh in der Kirche sind.
Wir, die wir Sonntagmorgens nicht faul im Bett bleiben sondern der Kirchenzucht folgend den Gottesdienst aufsuchen, wir, ja wir sind die Guten. Wir sind keine Sünder; zumindest keine große. Meine Großmutter ging immer nur am Karfreitag zum Abendmahl: die Nachbarn hätten ja sonst denken können, sie hätte Beichte und Lossprechung nötig. Meine Oma, Sie und ich, wir sind doch fromm. Wir brauchen uns vor dem Gericht nicht zu fürchten.

R: Mir ist es heute richtig schwer gefallen, heute früh aufzustehen. Ganz ehrlich, hätte ich nicht Dienst gehabt, heute wäre ich im Bett geblieben. Vor kurzem ist der Mann einer guten Freundin gestorben und ich hatte viel um die Ohren, um sie und ihre Kinder zu unterstützen. Ich hätte gerne ausgeschlafen und den lieben Gott mal einen guten Mann sein lassen.

H: Aber Regine, irgendwelche Leute, die nicht mal mit dir verwandt sind: die können doch kein Grund sein, deine religiösen Pflichten zu vernachlässigen. Ich muss ja schließlich auch arbeiten. Unter der Woche verdiene ich die Brötchen für mich und meine Familie, denn wer nicht arbeitet soll auch nicht essen, schreibt Paulus. Und wenn wir dann die Früchte der Arbeit bei Tisch genießen dürfen, beten wir vorher. Wie es sich für gute Christen gehört.

R: Für den heutigen Sonntag ist für die Predigt ein Text dran, den du dir mal gut anhören solltest. Ich lese dir mal den Text aus Matthäus im 9. Kapitel vor:

9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.

11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?

12 Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.

13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

H: Mich regt dieser Text auf. Da gibt man sich die ganze Zeit Mühe, die Gebote zu halten und ein gottgefälliges Leben zu führen, und da sagt dieser Jesus, er sei nicht zu den Gerechten gekommen sondern zu den Sündern. Ja, soll ich denn erst Mist bauen, damit er sich mit mir beschäftigt?

R: Mich tröstet dieser Text. Er sagt mir, dass ich nicht in meinen Verstrickungen und Sünden gefangen bleiben muss. Wenn Jesus mich ruft und ich auf diesen Ruf höre, dann ist eine radikale Veränderung meines Lebens möglich. Der Zöllner war ja vielleicht nur deshalb Zöllner geworden, weil er Frau und Kindern ein gutes Auskommen verschaffen wollte.

H: Und dann lässt er sie einfach im Stich, bewirtet mit den Vorräten irgendwelche dahergelaufenen Lumpen, packt dann seine Siebensachen und haut ab, um mit einer Gruppe spiritistischer Landstreicher durch die Gegend zu ziehen? Das soll christlich sein?

R: Ich vermute, du hast einfach nur Angst, dass Jesus dein Leben wirklich verändern könnte, wenn du dich auf ihn einlässt. Dir ist der Christus am liebsten, der tot am Kreuz hängt. Aber Christus ist auferstanden. Und weißt du, was die Engel den Frauen zuerst gesagt haben, als diese das leere Grab entdeckten: „Fürchtet Euch nicht“. Du willst dich nicht der lebenserneuernden Begegnung mit Gott aussetzen, weil du dich fürchtest, dein wohlgeordnetes bürgerliches Leben könnte durcheinandergeraten.

H: Ich? Mich fürchten? Ein Wikinger kennt keine Furcht! Ich kann mich auf meine Kraft verlassen, ich habe mich und mein Leben im Griff. Und die Gebote sind für mich wertvolle Leitplanken, damit ich auf meiner Lebensreise nicht die Kontrolle über mich verliere. Furcht brauche ich wirklich nicht zu haben. Ich mag nur kein Chaos. Nur am Anfang war Tohuwabohu – und dann hat Gott aufgeräumt und uns Menschen dazu berufen, seine Ordnung zu halten und zu bewahren.

R: Du weißt einfach viel zu viel über Gott. Vor lauter Wissen ist kein Platz mehr für Glaube. Vor lauter Frömmigkeit vergisst du Gott. Aber auch dein Leben kann ganz schnell aus der Spur geraten. Meine Freundin, von der ich anfangs erzählt hatte – die hatte auch eine gesicherte bürgerliche Existenz bis ihr Mann durch einen Autounfall ums Leben kam. Sie hat noch Glück, dass ihre erwachsenen Kinder sie jetzt auch finanziell unterstützen – andere müssen in so einer Situation Hartz IV beantragen.

H: Für so einen Fall kann man doch vorsorgen! Genug sparen, eine Lebensversicherung abschließen. Wer fleißig ist und genügsam lebt, der braucht nachher nicht Gott und Gemeinschaft mit seinen Kümmernissen belasten.

R: Ich lese in der Bibel etwas anderes. In meiner Bibel steht im 1. Petrusbrief: „Alle eure Sorgen werfet auf IHN, denn ER sorgt für euch. (1. Petrus 5, 7). Und in der Bergpredigt sagt Jesus: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das seine Sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Mt. 6, 33f). Wer großzügig gibt, wenn er hat, mit den Bedürftigen teilt, der darf auch ohne Scham bitten, wenn er Unterstützung benötigt. „Fürchte dich nicht“ – mit diesen Worten gibt sich der Bote Gottes immer wieder zu erkennen. Auch die Hirten auf dem Felde haben an diesen Worten erkannt, dass es der Engel des Herrn ist, der zu ihnen spricht. Maria wusste nach dieser Anrede, dass es Gottes Engel ist, der zu ihr spricht und ihr die Geburt eines Sohnes ankündigt, ohne dass sie einen Mann erkannt hatte.

H: Das mag ja alles so sein. Aber das ist doch trotzdem kein Grund, dass Jesus in der Bibelstelle, die du zitiert hast, diejenigen zurückweist, die sich darum bemühen, ein anständiges Leben zu führen. Warum kann er nicht Gerechte und Sünder gleichermaßen an seinen Tisch bitten?

R: Jesus antwortet doch selbst auf diese Frage: Die Starken bedürfen des Arztes nicht sondern die Kranken. Und ich verstehe den Text nicht so, dass die Starken nicht eingeladen wären. Sie sind nicht gekommen! Nimm doch das Gleichnis von der königlichen Hochzeit: da sind zuerst die Reichen und Edlen geladen, aber die folgen der Aufforderung zum Fest nicht, die haben genug mit sich und ihrem Besitz zu tun.

H: Aber das kann doch alles keine Entschuldigung sein, um Sünder zu bleiben! Jesus ruft doch selbst immer wieder zu Buße und Umkehr auf. Und wenn die Sünder diesem Aufruf folgen, dann sind sie ja wieder Gerechte. Wenn deine Argumentation stimmt, dann schließt sich derjenige selbst von der Gnade aus, der Jesus folgt. Wie du’s machst: du hast die Arschkarte!

R: Ein bisschen hast du Recht: die Zuwendung Jesu hat Folgen! Der Sünder kann nicht in der Sünde verharren, nachdem er mit Jesus zu Tisch gesessen hat, er seine Barmherzigkeit erfahren durfte. Buße und Umkehr, das ist es, worüber Jesus mit den Sündern und Zöllnern am Tisch gesprochen hat! Matthäus zeigt, worum es geht: sich von Jesus rufen lassen und ihm folgen. Und doch: auch die Jünger blieben schwache Menschen. Egal ob wir vor den Augen der Welt Sünder oder Gerechte sind: wir bedürfen der Gnade, um der Herrlichkeit des Herrn teilhaftig zu werden. Die Reformatoren fanden dafür die Formulierung: wir sind Gerechte und Sünder zugleich.

H: Aha, das heißt es geht Jesus in dem Text nicht um die Gerechten sondern vielmehr um die Selbstgerechten. Diese weist er zurück.

R: Ja, ich glaube, damit hast du den Punkt getroffen. Die Selbstgerechten, die haben Gefallen am Opfer. Die sind gerne bereit, Blut fließen zu lassen, um ihre Frömmigkeit unter Beweis zu stellen. Bevorzugt das Blut anderer Menschen oder von Opfertieren. Aber Jesus zitiert in unserem Text den Propheten Hosea mit den Worten: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.

H: Ja, wenn das so ist, liebe Regine, dann hast du heute einen Fehler gemacht. Dann hättest du heute früh deinen Schlaf nicht opfern sollen!

R: Das wäre dann aber sehr unbarmherzig dir gegenüber gewesen, dich allein hier stehen zu lassen. Da halte ich es lieber mit den Reformatoren: Wir sollen arbeiten, als ob alles Beten nichts nutze und beten, als ob alles Arbeiten nichts nutze. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.