Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,31-46

Militärdekan Helmut Assmann

16.11.2003 in der Christuskirche Meckenheim bei Bonn

Liebe Gemeinde,

Am Ende zählt die Tat. Das ist eine einfache, klare und harte Feststellung über die Bilanzierung unseres Lebens. Mag am Anfang auch das Wort stehen, wie es beim Evangelisten Johannes heißt, am Ende zählt die Tat. Wer versucht, aus den Versen dieses Abschnittes etwas anderes herauszulesen, wer sich aus dieser Verpflichtung zur Tat wegstehlen will, mag seine wohlfeilen Gründe haben, aber er hat nicht die Worte Jesu auf seiner Seite. Man mag sich meinethalben darüber verständigen, ob das Weltgericht tatsächlich in dieser erzählerisch ausgestalteten Form stattfindet - mit Schafen und Böcken und feierlichen göttlichen Ansprachen in einem förmlichen Gerichtsverfahren -, in der vertretenen Sache gibt es kein Vertun: wir werden nicht nach den Formeln bewertet, die wir bekannt und in unsere Urkunden geschrieben, sondern nach dem, was wir getan haben. Nichts davon ist unerheblich, nichts davon bleibt im Gedächtnis des ewigen Richters unbemerkt. Vor den Menschen mögen wir vieles verbergen, verdrehen und verwirren können - es gibt eine Sicht der Dinge, der das nicht entgeht. Auf sie gehen wir zu, unvermeidlich. Wie der Winter auf den Herbst folgt, unvermeidlich, so folgt auf unsere Taten das Gericht. Noch einmal: Am Anfang steht das Wort, aber am Ende zählt die Tat.

Das ist nicht gut zu hören. Anders wäre es schöner. Da ist wenig Barmherzigkeit zu spüren. Wenig Verständnis für die Schwäche der Menschen und die komplizierten Situationen, in denen wir uns zurechtfinden müssen. Das erscheint dann doch ein bisschen einfach, auf diese Weise die eigenen Taten und Untaten um die Ohren gehauen zu bekommen, ohne wenigstens gefragt worden zu sein, wie man denn zu der einen oder anderen Unterlassung gekommen ist. In menschlichen Gerichten gibt es immerhin einen Verteidiger, die Inrechnungstellung mildernder Umstände oder auch die Ausleuchtung des sozialen und biographischen Hintergrundes, um zugunsten des Angeklagten noch etwas Gutes zu retten. Nichts von alledem hier. Es wird nüchtern abgerechnet, und wer dem Anspruch nicht genügt, der fällt hinten herunter, den holen seine Taten und seine Unterlassungen ein.

Es ist nicht der liebe Gott, der uns hier begegnet. Nicht der Jesus, der für alles und für jeden ein offenes Ohr und Herz hat. Hier wird es unheimlich, mitten im Evangelium. Wir werden mit der dunklen Seite unseres Daseins und ihren Folgen konfrontiert. Derselbe Jesus, der keine Schwierigkeiten damit hatte, sich mit Leuten zweifelhaften Leumunds zusammenzusetzen, der nach seinen eigenen Worten gekommen ist, um die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten, der schickt in dieser Rede alle die, die sich nicht nach Recht und Barmherzigkeit verhalten haben, in aller Form zum Teufel. Das ist schwer zu fassen, schwer anzunehmen.

Ich möchte heute morgen nicht versuchen, diesen bitteren Zusammenhang auszuhebeln. Das dürfen wir nicht, glaube ich. Und ich vermute: es geht auch gar nicht. Zwar liegt der Versuch nahe, die Vergebung Jesu dagegen auszuspielen, aber, seien wir ehrlich - das ist ein schales Unternehmen. Wenn der Tod Jesu Christi allein dazu herhalten soll, unsere Unterlassungssünden auszubügeln, ist das eine groteske Verkürzung. Eine Karikatur der Erlösung. Ein mieses Tauschgeschäft. Jesus gibt sein Leben, damit wir uns nicht mehr um die Kranken und die Hungernden kümmern müssen, oder damit wir uns von unseren Unaufmerksamkeiten freikaufen können? Nein, das mag ich nicht glauben. Das ist religiöser Kuhhandel, der Beichtstuhl als Basar. Wenn ich nur sage, was ich nicht getan habe, springt der liebe Herr herbei und sagt: Lass man, ich bringe das schon in Ordnung? Was wäre das für eine Entwertung des Unrechts, aber auch der Würde unseres Daseins! Vielleicht bin ich in diesen Worten zu rasch, auch unbedacht, aber ich kann das nicht glauben. Die Dinge sind doch ernster.

Nur ein derzeit traktiertes öffentliches Beispiel: der Holocaust, das ungeheuerliche Verbrechen an den Juden während der NS-Zeit, sorgt bis heute dafür, dass uns Land und unser Volk gelähmt ist im Umgang mit sich selbst und anderen Völkern. Siehe Hohmann-Günzel-Affäre, siehe Degussa-Affäre, siehe den Fall Friedman usw. usw. Alles, was wir tun, hat Folgen, weitreichende Folgen bisweilen, die unseren eigenen Lebensrahmen weit überschreiten. Nicht umsonst heißt es im Umfeld der Zehn Gebote im zweiten Buch Mose: die Sünden der Väter will ich heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied. Erlösung ist nicht einfach nur ein Tauschgeschäft in Oberflächlichkeiten.

Nein, die Rede vom Weltgericht bleibt so stehen, wie sie da steht. Was wir tun, hat Folgen. Alles, was wir tun, hat Folgen.

Dennoch: die Rede stammt von Jesus, dem Ursprung aller Barmherzigkeit und dem, dem wir die Erlösung unseres Lebens glauben, ja, das Heil der ganzen Welt. Deswegen will ich zwei evangelische Hinweise geben, einen, der sich aus dem Zusammenhang des Neuen Testaments ergibt, und einen, der in diesem Abschnitt selber steckt. Hinweise, die eine Perspektive eröffnen, in der wir noch mehr sehen können als nur eine Gerichtssituation, Perspektiven, in denen wir unsere Wege ausrichten können.

Die erste Anmerkung hängt an dem eingangs vermerkten Verhältnis von Anfang und Ende, also: im Anfang war das Wort, aber am Ende zählt die Tat. Es irrt, wer nun aus der Gerichtsdarstellung Jesu einen Appell ableitet. Also, Leute, tut Gutes, soviel ihr könnt! Speist die Hungernden, tränkt die Durstigen, besucht die Kranken und die Gefangenen, beherbergt die Fremden und kleidet die Nackten! Denn nur so könnt ihr am Ende bestehen! Nach dem Motto: das Wort muss zur Tat werden. Appelle gehen von der Ansicht aus, dass die bloße Anrufung eines Menschen auch schon seinen Willen in Gang setzt. Das ist aber nur bei Befehlen so. Dort beinhaltet das Wort immer schon die damit angezeigte und geforderte Tat. Wort und Tat sind nur im Befehl kurzgeschlossen, und dieser Zusammenhang funktioniert auch nur in entsprechenden Gemeinschaften und Ordnungen. Wer Appelle an seine Umgebung erlässt, unterschlägt die eigentlich wichtige und zentrale Stelle des Menschen: sein Herz.

Darum arbeitet das Evangelium auch anders. Der Zusammenhang, auf den das Evangelium abstellt, lautet: Das Wort stiftet nicht die Tat, sondern den Glauben. Erst der Glaube gebiert als Frucht die Tat. Der Glaube ist das Scharnier zwischen dem Wort und der Tat. Der Ort des Glaubens aber ist das Herz.

Hier liegt, nebenbei bemerkt, auch ein chronisches protestantisches Missverständnis der Predigt. Sie wird allzu rasch und gern dazu verwendet, der Gemeinde nahe zu legen, was nun zu tun sei - durchaus im Sinne von Mt.25. Sollten wir uns nicht um die oder jene kümmern? Müssten wir uns nicht auf die Seite dieser oder jener schlagen? Wäre nicht die Zeit zum Handeln gekommen? Lasst uns nun gemeinsam hier oder dort dies oder das tun! Das ist ein Missbrauch der Predigt, denn hier kommt nicht mehr das Geheimnis Gottes zur Sprache, sondern meistens eine sozialpolitische Interessenvertretung. Die ist völlig in Ordnung, nur an anderer Stelle. Das ist die Sache der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD und anderer gesellschaftspolitischer Verantwortungsträger in der Kirche. Wer predigen will, der öffne die Geheimnisse Gottes und bediene nicht die Parolen der politischen Meinungsbildung - auch wenn zuzugestehen ist, dass es böse Zeiten gibt, in denen politische Stellungnahme Sache des Evangeliums ist.

Die Frucht des Wortes ist nicht die Tat. Das gilt, wie gesagt, nur bei Befehl und Gehorsam so. Die Frucht des Wortes ist der Glaube. Unvergleichlich schön hat es Antoine de Saint-Exupery formuliert: wenn du die Menschen dazu bringen willst, ein Schiff zu bauen, dann rede ihnen nicht von Bauplänen, Brettern und Nägeln, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer. Dann werden sie bauen. Dann werden sie sich anstrengen. Dann werden ihnen auch die Nebensächlichkeiten wichtig sein.

Angewendet auf die Gerichtserzählung: wenn du willst, dass die Menschen sich so verhalten, wie es die Schafe auf der Rechten des Richters getan haben, dann wecke in ihnen die Sehnsucht nach Gott. Fülle ihr Herz mit den Geheimnissen des Himmels! Male ihnen vor Augen, was es um die Würde des Menschen auf sich hat! Öffne ihre Herzen, mache ihre Seelen weit, zeige auf, wie herrlich es ist, ein Mensch unter dem Himmel Gottes zu sein! Berichte von der Schönheit der unsichtbaren Welt, besser noch - mach', dass sie sie fühlen! Aber zwinge sie nicht, moralischen Appellen zu folgen. Halte ihnen nicht einfach die Not der Menschen vor Augen - davon gibt es soviel, dass irgendwann der Appell seine Kraft verliert. Wir richten ja doch nichts aus, wird dann die bittere Antwort sein, also lass uns mit deinen diakonischen Einlassungen in Ruhe. Wir haben es auch schon alleine schwer genug. Denn, noch einmal: die Frucht des Wortes ist nicht die Tat, sondern der Glaube. Aber die Frucht des Glaubens ist die Tat. Und an diesen Früchten werden wir erkannt, denn an ihnen wird man sehen, was wir geglaubt haben..

Die zweite Anmerkung schließt nun unmittelbar daran an und führt uns wieder in die von Jesus erzählte Szene im Gericht. "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan", oder: "Was ihr nicht getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir nicht getan" - so lautet die jeweilige Begründung des Urteils. Denn wenn du in den Menschen die Sehnsucht nach Gott geweckt, wenn du die Herzen gefüllt hast mit den Geheimnissen des Himmels, wenn du ihre Herzen weit und ihre Seelen groß gemacht hast, dann werden sie etwas sehen, was ihnen sonst verschlossen ist. Sie werden sehen, dass in den hilfsbedürftigen Menschen, die da vor unseren Augen ausgebreitet werden, nicht nur das Elend der Welt anzutreffen ist, sondern Jesus selbst. Er ist in den Schwachen gegenwärtig. Es ist auch sein Leben, das gehandicapped ist. Es ist auch sein Leiden, das sich uns vor Augen malt. Es ist auch sein Unglück, mit dem wir es zu tun haben. In den missratenen und zerschundenen Seiten des menschlichen Daseins steckt nicht weniger als Gottes Kreatur, die auf Erlösung wartet, steckt jener Teil Gottes, der noch nicht vollendet ist. Gerade so, wie es in den Versen aus dem Römerbrief, die wir in der Lesung gehört haben, formuliert ist: "Das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes". Nehmen Sie es sehr wörtlich: es gibt in der ganzen Kreatur eine Sehnsucht, ein Warten, eine Urbewegung, die darauf wartet, dass Menschen Gott in allem erkennen.

Ja, man kann vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und sagen: solange gelitten und geweint wird, ist Gottes Reich noch nicht vollendet, ist er selbst noch nicht vollendet, sind die Leiden Christi noch nicht zu ihrem Abschluss gekommen. Jesus hebt ja nicht auf moralische Verpflichtungen ab, wenn er uns auffordert, barmherzig zu sein und sich den Schwachen zuzuwenden. Er weist auf eine mangelnde Gotteserkenntnis hin. Wer den Schwachen übergeht, übergeht nicht nur den Schwachen, er versündigt sich an Gott selbst. Vielleicht erklärt das auch die Härte der Strafe am Ende. Wer sich nicht dazu verstehen kann, in den weinenden Augen der Menschen die göttliche Sehnsucht der Kreatur zu entdecken, der versteht überhaupt nicht, worum es geht in dieser Welt. Im Leiden der Welt wartet Gott auf seine Söhne und Töchter, dass sie sich erbarmen möchten.

Das will ich verkündigen. Was Sie nun tun? Hören Sie, glauben Sie, schauen Sie hin, und dann handeln Sie.

Amen.