Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 3,31-35

Claudia Auffenberg

17.01.2008 in der katholischen Pfarrgemeinde St. Laurentius, Nordborchen

Liebe Schwestern und Brüder,

im Artikel 6 unseres Grundgesetzes heißt es: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.“
Die Bundesrepublik verpflichtet sich also, Ehe und Familie auf beson-dere Weise zu schützen.
Als die Väter und Mütter des Grundgesetzes dies aufgeschrieben ha-ben, da lag die Nazizeit gerade hinter ihnen.
Eine Zeit, in der die Familie angeblich ein so hohes Ansehen hatte, dass manche dem heute nachtrauern. Sie erinnern sich gewiss an die Diskussionen um Eva Hermann.
Damals in der Nazizeit aber stand die Familie eben nicht unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung, sondern sie stand im Dienst einer menschenverachtenden Ideologie. Sie hatte die Aufgabe, Kanonenfutter zu produzieren und vor allem: an der Züchtung des neuen Menschen, der arischen Rasse mitzuwirken.
Familien mit jüdischen Vorfahren oder Mitgliedern dagegen wurden auseinandergerissen, bedroht, vertrieben oder sogar ermordet.

Dass heute dennoch viele glauben, die Familie hätte in der Nazizeit ein so hohes Ansehen gehabt, hat sicher damit zu tun, wie es heute um die Familie bestellt ist. Es gibt ja seit einigen Jahren in der Familienpolitik ein gravierendes Problem. Nämlich die Frage: Was ist eigentlich eine Familie? Wie definiert man diesen Begriff?
Daraus ergeben sich dann die anderen Fragen: Wer ist kindergeldbe-rechtigt? Wer ist unterhaltspflichtig? Wer sind die Erziehungsberech-tigten?

Was ist eine Familie?
Für die Väter und Mütter des Grundgesetzes war noch klar, was ver-mutlich für viele von uns zumindest theoretisch auch noch klar ist: Ehe und Familie gehören zusammen, sie können eigentlich nicht auseinan-der gedacht werden.
Aber die Wirklichkeit lehrt uns anderes: Es gibt heute Ein-Eltern-Familien, Patchwork-Familien, Familien, in denen die Eltern nicht verheiratet sind. Das, was wir uns als Christen unter einer Familie vor-stellen – ein verheiratetes Ehepaar und dazu ein paar Kinder – ist längst nur noch eins unter anderen Familienmodellen.

Und nun lesen wir im heutigen Evangelium, wie Jesus den Begriff Familie definiert. Er sagt ganz einfach: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“
Das entspricht ja auch nicht gerade dem katholischen Familienbild. Man könnte sogar sagen: Familienpolitisch ist der Herr nicht auf Linie!

Aber: Jesus äußert sich hier ja auch nicht in einer politischen Diskussion um Kindergeld oder Elternzeit. Sondern in einer Situation, in der er umgeben ist von Menschen, die ihm zuhören, die ihn in ihre Mitte ge-nommen haben. Und das ist doch auch ein wesentliches Merkmal von Familie: Meine Familie, das sind die Menschen, von denen ich weiß: Da gehöre ich hin. Da darf ich ganz selbstverständlich sein. Da wird mir geholfen - bei kleinen Alltagsproblemen und in schweren Krisen. Diese Menschen sind meine Heimat und ich bin Teil ihrer Heimat. Familie bedeutet Geborgenheit und Angenommensein.

Jeder Mensch sehnt sich nach Heimat, nach Geborgenheit, nach Ange-nommensein.
Mit seinem Familienbild eröffnet Jesus jedem Menschen eine solche Heimat. Auch denen, die nach unseren Maßstäben keine Familie haben und keine Möglichkeit, eine Familie zu gründen. Um zur Familie Jesu zu gehören, muss ich nur eine Bedingung erfüllen und das kann ich selbst entscheiden: den Willen Gottes erfüllen. 

Was würde wohl mit unseren Familien, mit den Einsamen, mit unserer Gemeinde, mit unserer Gesellschaft, wenn wir Familie im Sinne Jesu verstünden: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“?