Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10,13-16

Pfarrer Martin Auffarth

27.04.2008 in der Johannesgemeinde Merzhausen

ZDF - Gottesdienst

ZDF – Gottesdienst

„Schöpfung in ihrer schönsten Form“

Liebe Gemeinde,
ein Waldbauer hat mich mal als Seelsorger angesprochen und mir Folgendes erzählt: „Mein Vater“, so fing er an, „ist mit mir in seinen Wald gegangen und hat auf einen der Bäume gezeigt und gesagt: Diesen Baum hier habe ich für dich gepflanzt. Und wenn du eines Tages mit deinem Enkel hierher kommst, dann kannst du ihm das sagen.-  Das hat mich immer stark beeindruckt. Herr Pfarrer. Dann fuhr er fort: „Deshalb finde ich es heute so furchtbar, dass ich mit meinem Enkel hierher komme und ihm sagen muss: Der Baum, den mein Vater für dich gepflanzt hat, stirbt, weil wir Menschen nicht mehr richtig ticken und was verbockt haben. Das ist doch furchtbar…“.

Wie sollte ich als Seelsorger darauf reagieren, liebe Gemeinde? Nur zuhören? Wie ihm den Trost Gottes zusprechen, damit es nicht nur leere Worte sind?

Damals wurde unsere Kirchengemeinde zusammen mit anderen politisch aktiv. Wir wollten nicht nur zuhören. Wir spürten, jetzt müssen wir für diese Menschen da sein, jetzt müssen wir uns schützend vor die Schöpfung stellen. Und dann haben wir viele öffentliche Aktionen gemacht. Gemeinsam! Und bei diesen Veranstaltungen hat jemand die Zusammenhänge erklärt zwischen Abgasen und Waldsterben. Das war unser Chemiker in der Gruppe. Jemand anderes hat politische Forderungen formuliert. Das war unser Bürgermeister. Und so hatte jeder ein anderes Ressort übernommen. Aber, was sollten wir als Kirche sagen und tun? Was könnte unser ureigener Beitrag sein?

Damals wurde es mir immer bewusster: Unser Beitrag als Kirche bei dem Ganzen ist das - Loben Gottes. Das Loben Gottes. Als ich das laut aussprach, sahen mich die anderen ungläubig an? Naja, sagten einige, du als Pfarrer, du musst das wohl so sagen.

Aber, was ist damit gemeint? Gott loben, das können wir auch übersetzen mit: Zeigen, was Gott kann. Oder besser noch: Ich lasse mir entgegen kommen, was es alles so gibt – an Schöpfungswunderwerken. Ich lasse mich beeindrucken.

So wie vorhin Frau Eggs erzählte, wie sie mit ihrem Enkel entdecken konnte, dass eine „eklige“ Schnecke so schön sein kann.
 
Dieser Gedanke, Gott loben, mir all die Wunderzusammenhänge auftun lassen, hat sich bei mir immer mehr noch vertieft. Heute unterscheide ich gerne und differenzierter zwischen dem „berührenden“ und dem  „begreifenden Denken“. Das begreifende Denken geht – wie der Name schon sagt - von sich aus auf die Welt zu. Ich nehme die Welt in die Hand und ich gestalte sie. Ich analysiere. Ich will dies und das verändern. Mit meinem Verstand möchte ich die Welt einordnen und gebe den Dingen meinen Namen. Und dann heißen sie so.

Aber, wir haben eben auch das berührende Denken. Ich lasse etwas auf mich zukommen. Lasse mich davon berühren. Und nicht ich bestimme, was mich anrühren soll oder nicht. Es ist eher der Zufall, der richtige Augenblick, indem so etwas geschehen kann und darf.

Ein Karlsruher Professor begann seine erste Vorlesung im Semester etwa so: „Das Wichtigste im Physikstudium ist – das Staunen. Dann kommt die Analyse, das Forschen und Lernen, um daraus wieder ins Staunen zu kommen“.

Bezogen auf die aktuelle Diskussion um die Stammzellenforschung eine hoch interessante Vorgehensweise. Es ist eine Ansammlung von Zellen, gewiss. Und: Leben, das zum Kind wird, das jemand auf den Arm gelegt bekommt. So wie Herr Menzel das vorhin erzählte.

Dieses Berührende Denken beeindruckt mich in den Worten aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 10 (Verse 13 – 16):
„Sie brachten Kinder zu Jesus und baten ihn, er möge sie anrühren und segnen. Die Jünger aber fuhren diese Leute an. Als aber Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, der wird nicht hinein kommen. Und er herzte sie, legte die Hände auf sie und segnete sie.“

Hängen geblieben bin ich bei dem Wort „aufnehmen“. Es ist durchaus
doppeldeutig. Wir können es zuerst übersetzen mit: „Wer das Reich Gottes aufnimmt - mit der Offenheit eines Kindes, also, wie ein Kind Wirklichkeit aufnimmt…“

Ja, Kinder haben zumeist das Glück, dass sie noch nicht zuallererst in Begriffen zu denken und zu leben gelernt haben. Ihnen kommt die Welt wie neu entgegen. Sie teilen noch nicht ein zwischen schön und nicht schön. Sie nehmen auf. Und sie staunen. Und sie bewundern. Und hätten wir Erwachsenen nicht die gleiche Möglichkeit?

Umgibt uns nicht ein Mikrokosmos bis in die kleinste Zellen und Quarkse und noch kleinere Details hinein? Umgibt uns nicht ein Makrokosmos mit Milliarden von Sternen und Nebeln und Kräften und wer weiß, was noch? Uns aber ist das Bewusstsein gegeben, all das zu sehen. All das zu erleben. All das in der staunenden Offenheit eines Kindes uns entgegen kommen zu lassen.

Wir können es auch so sagen: Das Universum liefert ein Riesenpaket, Aber ich habe nur einen Strohhalm, um dieses Riesenpaket aufzunehmen. Aber ahne das Große! Ahne den Schöpfer. Sein Name ist im Kleinsten und im Größten an den Himmel geschrieben. Wer das Reich Gottes also aufnimmt in der Offenheit eines Kindes...

Wir können diesen Satz zum Zweiten aber auch so übersetzen: „Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt in der Behutsamkeit, wie er ein Kind auf den Arm nimmt.“

Ich gehe gerne einmal in den Wald. Suche mir einen Baum aus. Schritt für Schritt gehe ich auf ihn zu. Zwischendurch habe ich den Eindruck, jetzt stehen bleiben zu müssen. Weil ich in den Lebensraum dieses Baumes eingetreten bin. Und erst, wenn er mir so etwas wie eine „innere Erlaubnis“ gibt, gehe ich weiter auf „meinen“ Baum.

Wie sehr wird hier das Leben entschleunigt Wie sehr empfinde ich mit ihm, wenn es ein erkrankter Baum ist. Und so genannte Angsttriebe ausschießt. Wie um mir ein Zeichen zu geben: Ich leide, tut was! Es geht um mich und euch!

Wie sehr aber ahne ich auch seine Vitalität, wenn es ein gesunder Baum ist  „Wer das Reich Gottes also aufnimmt in der Behutsamkeit, wie sie oder er ein Kind auf den Arm nimmt…?“

Aber die Jünger hatten ja Einwände dagegen. Was soll diese Art des berührenden Denkens? Was soll diese Grundhaltung dem Leben und Gott gegenüber? Einwände, die uns auch kommen. Ist das nicht Naturromantik? Ökogesäusele? Esoterisches Gerede? Es muss doch politisch gehandelt werden? Gesetze müssen doch die  Rahmenbedingungen für eine Klimawende herstellen? Ganz bestimmt müssen wir zum Beispiel politisch handeln. Wir haben das damals als Kirchengemeinde auch so getan. Das wäre das begreifende Denken, es muss sein. Aber voraus geht und einhergeht ein Einüben in das „berührende Denken“. In der Art von Jesus. 

Ja, Wer das Reich Gottes aufnimmt mit der Offenheit eines Kindes… Wer das Reich Gottes aufnimmt in der Behutsamkeit wie er ein Kind auf den Arm nimmt…

Wir werden das jetzt gleich einüben und fortsetzen: Kinder und Jugendliche werden Ihnen etwas in die Hand geben, zum Staunen und Bewundern:  „Schöpfung in ihrer schönsten Form“.

„Und Jesus herzte sie und segnete sie und legte die Hände auf sie“. Eine schöne Art unseres Menschenbruders Jesus, wie er im Loben Gottes zu berühren und zu begreifen gelernt hat. Amen.

(1.20)Orgelimpro und
(1.20) Chorstück: Thomas Tallis, “Ordinal“

Dazu Performance:
10 Jugendliche mit 10 Kindern verteilen „Schöpfung in seiner schönsten Form“