Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,1-7

Gerlinde Anders (ev)

10.07.2011 in der Evangelischen Hoffnungskirche in Leverkusen-Rheindorf

Die Gnade Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Lukasevangelium im 15 Kapitel. Es ist das Gleichnis vom verlorenen Schaf:

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Bild 1     Liebe Gemeinde,

Christus hängt nicht mehr am Kreuz. Durch Christi Auferstehung hat sich eine neue Öffnung ins Leben ergeben. Durch Jesu Auferstehung ist eine neue Sicht der Welt möglich geworden. Wohl deshalb hat der Künstler Helmut Droll seine Skulptur ‚Ausblick’ genannt. Sie steht an einem Waldweg am halben Berghang in Bad Kissingen.

 

Bild 2    Jesus hängt nicht mehr am Kreuz, aber sein Kreuz steht auch heute noch in der Welt, denn obwohl eine Öffnung entstanden ist durch den auferstandenen Christus, bleibt das Kreuz selbst doch am Wegesrand stehen. Und das ist auch gut so, denn auch heute noch leiden Erwachsene, Kinder und Jugendliche schwer unter dem, was die Welt ihnen aufbürdet und auflegt: Krankheiten, der Tod des Partners oder der Partnerin, Armut, Prüfungen, die endgültig nicht bestanden sind, das Zerbrechen einer Beziehung, Schuld, das Leiden unter Gewalt – All das kann zu solch einer Hoffnungslosigkeit oder Orientierungslosigkeit führen, dass Menschen sich selbst und anderen wie verloren erscheinen. Sie haben sich selbst verloren, andere verloren, die Orientierung verloren – und  manchmal auch ihre Beziehung zu Gott.

Menschen, die verloren gegangen sind, wirken oft wie von dicken hohen Bäumen umgeben: sie können nur den einen Weg sehen, auf dem sie gerade unterwegs sind. Aber den zu gehen, dass schaffen sie im Moment gerade eben nicht. Ein Ziel vor Augen? Aussichtslos. Wenn sie den Kopf heben, dann sehen sie zwar Licht, aber das ist so weit entfernt, dass das Dunkel der Situation die Oberhand behält.

Manchmal können wir Begleiter sein auf dem Weg im Dunkeln, auf dem Weg durchs Dunkle – persönlich und privat, oder auch hier in der Gemeinde, in den Gruppen und Kreisen, im Jugendhaus und in der Schule. Wir versuchen Begleiterinnen zu sein oder Begleiter, versuchen Bedeutung und Tragweite eines Problems zu verstehen, zu begreifen … Manchmal können wir das alles auch nur erahnen.  

Aber wir alle, Hilflose wie Begleiter leben im Licht der Auferstehung: Auch wenn unsere Wege manchmal durchs Dunkel führen, erreicht uns das Licht auch im Wald. Es scheint durch die Blätter hindurch und erhellt unseren Weg, wenigstens ein wenig.

 

Bild 3    Manchmal lässt sich ein Loch entdecken im Dickicht, in einer Wand, ein Ausblick eröffnet sich oder ein Schlupfloch. Jesu neues Leben bedeutet einen Ausblick für mein Leben. Jesu Auferstehung ermöglicht eine neue Perspektive für mein Leben.

Durch Jesu Tod und seine Auferstehung haben wir erfahren, dass es weitergeht mit unserem Leben, selbst nach unserem Tod. Durch ihn lernen wir nun die Welt neu zu sehen, so wie sich hier ein neuer Ausblick ergibt, eine neue Sicht der Dinge, ein ganz neuer Blick.

Im Gleichnis vom verlorenen Schaf ermöglicht Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern eine Blick auf Gott, schon zu seinen Lebzeiten. Jesus ermöglicht einen Blick auf Gott, so wie Gott in der Welt erfahrbar ist. Deshalb vergleicht er Gott mit einem guten Hirten, der aus lauter Liebe und Sorge das eine Schaf sucht und so lange sucht bis er es gefunden hat. Rein rechnerisch betrachtet, müsste ein Hirte das eine Schaf aufgeben, denn in der Wüste brauchen die 99 anderen ja auch seine Sorge und Fürsorge, denn die Wüste ist voller Gefahren, nicht nur für das einzelne Schaf, sondern für die Herde.

Aber Gottes Liebe ist so groß, so gar nicht berechnend, so beispiellos und ganz anders als wir Menschen es erwarten, dass alles menschliche Kalkulieren, alles menschlich Erwartbare hinter Gottes Liebe zurückbleiben muss – wie bei Jesu Auferstehung. Gottes Freude über das wiedergefundene Schaf ist so groß, dass er – ganz menschlich – Freunde und Nachbarn zusammenruft, um mit ihm zu feiern. Gottes Freude bleibt nicht allein, sondern lässt auch alle anderen daran teilhaben: der Hirte ruft aus: „Freuet euch mit mir“

Das ist der neue Blick, die neue Perspektive, für die Menschen, die Jesus damals zuhörten. Manchmal ergeben sich auch heute neue Blicke und neue Perspektiven für Menschen, die von der christlichen Botschaft beeindruckt. werden. Wichtig für Menschen in Not allerdings, ist zuerst einmal und einfach nur der neue Blick, die Perspektive.

Bild 4    Manchmal wagen Menschen einen  Aufbruch, wenn sie lange genug die neue Perspektive betrachtet haben. Ein Aufbruch geschieht, der eine neue Sichtweise ermöglicht oder neue Wege eröffnet. Ob man dann durch das Kreuz hindurchgeht oder an der Seite vorbei, ist egal. Wichtig ist das Licht - wie bei der Auferstehung – das hier durch die dunklen Stahlplatten des Kreuzes deutlicher sichtbar geworden ist.

Über einer Todesanzeige habe ich vor kurzer Zeit folgende Worte gelesen: „Betrachte einmal die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher sahst, denn das heißt, ein neues Leben beginnen.“ Dieses Worte stammen von dem römischen Kaiser Marc Aurel. Wenn er jemals einen Ausweg aus dem dunklen Wald einer Lebensnot gesucht hätte, wäre er sicher nicht durch die Öffnung gegangen, die durch die Ausnehmung des Körpers Jesu entstanden ist, denn er war kein Christ, d.h. er konnte den christlichen Glauben für sich nicht als Hilfe annehmen. Er wäre mit ziemlicher Sicherheit seitlich am Kreuz vorbeigegangen, aber – angezogen vom Licht. Ein  Perspektivwechsel hilft jedem Menschen zum Finden neuer Sichtweisen und auf diesem Wege neuer Lebensmöglichkeiten.

 

Bild 5    Wer im Hellen angekommen ist und zurückblicken kann auf dunkle Zeiten, der sieht das Kreuz dann von dieser Seite.

Kaiser Marc Aurel hat – zeitlich betrachtet – auf dieser Seite des Kreuzes gestanden, denn er ist Jesus persönlich nie begegnet, da er etwa 100 Jahre nach Jesu Tod gelebt hat. Der Evangelist Lukas, der uns das Gleichnis vom verlorenen Schaf überliefert hat, steht ebenfalls auf dieser Seite des Kreuzes, denn auch er hat Jesus vermutlich nicht persönlich gekannt, sondern sein Evangelium aus dem Glauben heraus geschrieben. Seine Absicht war es, Menschen den Grund des christlichen Glaubens zu vermitteln, indem er von seinem Glauben an den Auferstandenen, von Jesus Christus erzählt. So wie der römische Kaiser Marc Aurel und der Christ Lukas stehen auch heute Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen vor dem Kreuz – ganz praktisch, wenn sie in Bad Kissingen den Berg hinaufwandern und das glänzende Kreuz am Waldrand stehen sehen. Und im übertragenen Sinn, wenn sie sich mit der Bedeutung des Kreuzes auseinandersetzen, ohne selbst Christen zu sein.

Als Christinnen und Christen stehen auch wir auf dieser Seite vor dem Kreuz, denn auch wir haben die Botschaft von der Auferstehung Jesu gehört und haben uns anrühren lassen von der Verheißung, dass neues Leben in Christus auch uns geschenkt ist. Das bedeutet, wir können uns über die Bedeutung des Kreuzes keine Gedanken machen, ohne das Kreuz im Licht der Auferstehung zu sehen.

Betrachtet man also das Kreuz von dieser Seite, mit der Erfahrung dass für Jesus neues Leben möglich wurde, dann sieht man ein strahlendes Kreuz, von dem Helligkeit ausgeht und Glanz. Im Licht der Auferstehung erscheint nun auch das Kreuz selbst in einem neuen Licht. So bekommt es sogar selbst eine Strahlkraft, die es vorher nicht gehabt hat. Aber: erst in der Rückschau wird das Kreuz verklärt, bekommt es seine Strahlkraft, auch für unser Leben. Das Kreuz verliert seine Härte erst im Rückblick. Es war und ist hart und eckig und wird hart und eckig bleiben. Aber das ist ja dann auch in Ordnung so, weil das Kreuz vom Licht der Auferstehung beleuchtet wird. Das Kreuz ist sperrig und darf sperrig bleiben. So muss es nicht verniedlicht werden, man oder frau muss es nicht wegdiskutieren wollen oder umzuformen versuchen. Wir können auch weiterhin überlegen, welche Heilsbedeutung das Kreuz und damit das Leiden Jesu für uns hat. Wir können uns auch weiterhin fragen und kontrovers diskutieren, was es heißt ‚Er starb für unsere Sünden’ oder ‚Christi Blut für uns vergossen’.

Das Licht des Ostermorgens, das Licht des neuen Lebens für Christus strahlt auch auf unser Leben aus, beglänzt auch die Kreuze, die Menschen in der heutigen Zeit zu tragen haben oder die heute noch am Rand vieler Lebenswege stehen.

 

Bild 6    Bei genauerer Betrachtung sieht man durch die Öffnung des Kreuzes hindurch. Man sieht Blätter und Bäume und junges Grün, Zeichen für neue Entwicklungen, für neues Leben, für Lebendigkeit. Im Rahmen des Kreuzes, in den Konturen des Auferstandenen wird Gott erkennbar – und hier konkret im jungen Grün und im durchscheinenden Blau des Himmels. Dieser Blick durchs Kreuz auf das neue Leben, diese Perspektive ist es, die Lukas befähigte, als Abschluss des Gleichnisses zu formulieren: „Ich sage euch, So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“

Wer durch das von der Auferstehung erhellte Kreuz hindurchblickt, wer auf das neue Leben und die Lebendigkeit blickt, wie Gott es uns in Christus geschenkt hat, wer Gottes Vergebung im Blick hat, wer das Suchen Gottes nach dem Verlorenen und Gottes Freude über das Wiedergefundene erkannt hat, wer Gottes Liebe gespürt hat – der oder die kann umkehren. Wer die Folgen der Liebe Gottes gespürt hat, kann neue Wege gehen und kann, motiviert durch die erfahrene Vergebung Gott und die Mitmenschen um Vergebung bitten. So wird Umkehr und Bekehrung möglich.

Lukas und auch Menschen heute haben es schon erlebt, dass Männer oder Frauen, die mit Schuld leben, sowohl Gott als auch die Mitmenschen verlieren. Die Beziehung zu Gott und die Beziehung zu den Mitmenschen ist zerstört, denn die Sünde, die Missetat, das Unrecht trennt den Täter oder die Täterin sowohl von dem Opfer wie von Gott. Die gute Beziehung geht verloren. Aber Lukas hat auch erlebt: Gottes Liebe schenkt neue Lebensmöglichkeiten. Gottes Liebe sucht das Verlorene und findet es auch. 

Im Gleichnis vom verlorenen Schaf ist offen-sichtlich – also deutlich – nicht vom Kreuz die Rede. Aber das Kreuz scheint durch, und die Rede vom Kreuz wird hörbar. So hören wir: Verlorene, Sünder könnten sich niemals selber retten, niemals selber suchen, niemals selber finden, wenn nicht durch Christi Kreuz und Auferstehung Rettung grundsätzlich erst möglich geworden wäre. Und wir hören: Gott sucht Verlorene, Sünder – und findet sie auch heute noch.

Umkehr und Bekehrung werden möglich, wenn man eine neue Perspektive hat: durch Christus den Blick in den Himmel, wo so viel Liebe ist für Verloren Gegangenes und Freude über Wiedergefundenes.

Das ist eine Einladung, die Wirkung haben kann: der christliche Glaube wird zu einem Hoffnung spendenden Glauben, trotz und wegen aller Schwachheit des Kreuzes, aber gegen alle Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit, gegen alle falschen sogenannten ‚Einladungen zum Paradies’ oder gegen scheinbar leicht zu erlangendes Heil im Alltagsleben. Die Hoffnung kann den christlichen Glauben attraktiv machen, für Außenstehende heute so wie damals für Zöllner und Sünder.

 

Wenn Sie nun einmal auf unser Kreuz hier in der Hoffnungskirche blicken, dann sehen Sie auch hier eine Öffnung. Sichtbar dahinter wird hier die große Kraft der Hoffnung, von Gott geschenkt und aufsteigend ins Licht. Wer sein Vertrauen auf Christus setzt, hat die Möglichkeit, Neues zu sehen und neu zu werden – Bekehrung wird möglich.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

                                                    Amen

 

 

Anmerkungen

Die Predigt wurde in der Evangelischen Hoffnungskirche in Leverkusen-Rheindorf gehalten. Dabei waren die Bilder auf einer Leinwand links, etwas oberhalb der Kanzel zu sehen. Rechts der Kanzel, auf der Altarrückwand befindet sich das in der Predigt erwähnte Kreuz, das der Bildhauer Till Hausmann angefertigt hat. Durch die Öffnung dieses Kreuzes wird die von der Künstlerin Anja Quaschinski gestaltetet Altarrückwand sichtbar.

Bilder 7 und 8                                            

Weitere Informationen unter www.hoffnungskirche-rheindorf.de.