Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,1-3.11b-32

Pfarrer Ottmar Arnd


Karfreitag 2006

Karfreitag 2006

„Glaube ist was für schwache Leute. Schau ihn dir doch an, diesen Jesus, wie er an dem Kreuz hängt: Ne Jammergestalt!“

Diese Worte seines Vaters begleiteten ihn die ganze Konfirmandenzeit über. Jedes Mal, wenn er das Gemeindehaus zum Konfiunterricht betrat, wenn er Mitarbeiter der Kirchengemeinde sah und natürlich wenn er zur Kirche in den Gottesdienst ging: In 22 mussten sie während der Konfirmandenzeit rein. Sein Ziel war es gewesen, diese 22 Godies möglichst schnell hinter sich zu bringen, um dann die Konfizeit zu genießen. Doch da waren noch diese Pflichtgottesdienste. Weihnachten, Pfingsten, Ostern und - der schlimmste von allen - Karfreitag. Gut, der Pfarrer versuchte schon, in seinen Predigten, nicht so geschwollen zu reden, so, dass auch Konfis, die wirklich zuhören wollten, was verstehen konnten. Und da oder dort hatte der Godie auch etwas in ihm angestoßen. Aber zu „seiner“ Veranstaltung war er in der Konfi Zeit trotzdem nicht geworden. Später vielleicht...
Karfreitag war das Schlimmste: Das dauernde Gerede über Leid und Tod, leerer Altar, kein Licht in der Kirche, der Gesang des Kirchenchors mit Liedern, aus denen total das Leben weg war, depressiv, melancholisch, betroffene Gesichter, und der da am Kreuz. Der „Schwache“. Wehrlos, freiwillig hatte er sich ans Kreuz nageln lassen. Wirklich ne Jammergestalt, ein schwacher Typ. Die Worte seines Vaters waren gerade in diesem Gottesdienst allgegenwärtig. Und er hatte ja Recht. Seine Gedanken und Blicke schweiften während der Karfreitagspredigt im Kirchenraum umher, und blieben immer wieder an dem Mann am Kreuz hängen.

„Für uns ist das geschehen“ hatte der Pfarrer gerade gesagt. „Für uns? Für mich?“ Er verstand das alles nicht. Wie konnte ein Geschehen, das so lange zurücklag für ihn, einen Jungen aus dem Jahr 2006 wichtig sein? Unmöglich.
Karfreitag - er wusste, dass sich das Wort Kar eigentlich aus dem mittelhochdeutschen Wort Kara ableitet, und „Trauer“ bedeutet, der Karfreitag übersetzt also Trauerfreitag heißt; das hatte er im Konfiunterricht gelernt. Aber er konnte mit dem Thema dieses Tages, mit all dem Gerede von Leid, den Trauermienen nichts anfangen. Das hatte doch rein gar nichts mit dem wahren Leben zu tun.
Im Gegensatz aber zu seinen Mitkonfirmanden, die anfingen zu quatschen, oder unter der Kirchenbank mit Handys spielten, und glaubten der Pfarrer würde es nicht bemerken, beobachtete er die Leute, die zum Abendmahl gingen. Auch der Vater eines Mit-Konfirmanden hatte sich am Abendmahlstisch eingefunden, ließ sich Saft und Oblate vom Pfarrer reichen. „Dass der da mitmacht, bei diesem komischen Ritual“. Er wunderte sich. Er wusste, dass er Vorsitzender des Sportvereins war, auch im Beruf erfolgreich. Und dass er öfter in den Godie kam. War der auch ein Verlierer? Ein Schwacher? Eigentlich doch nicht, oder? Vielleicht war das Urteil seines Vaters ja zu pauschal. Gerne wäre er auch mal mit ihm zum Abendmahl gegangen. Aber der ging nie mit ihm in den Godie. Gut bei der Einführung war er da. Auch bei der Vorstellung und der Konfirmation würde er kommen. Aber sonst glänzte er mit Abwesenheit.
Immerhin: Konsequent war das. Und imponierte ihm. Aber auch, dass er ihm freigestellt hatte, sich konfirmieren zu lassen. Dass er andre Meinungen respektierte. Dass er sogar den Pfarrer gut fand. Aber für ihn war das nichts, das mit dem Glauben. Er hatte ihm oft genug von seinen Lebensschwerpunkten erzählt: Dass man im Leben hart sein müsse, dass man nichts geschenkt bekäme, dass man sehen müsse wo man bleibe, dass man sich mit den wirklich wichtigen Dingen auskennen müsse, mit Geld, Stärke und Macht.
Ja- sein Vater hatte Recht: Glaube hatte in diesem Koordinatensystem von Leben wenig Anknüpfungspunkte. Sein Vater war stark. Er hatte es geschafft, wie man so schön sagt.
„Glaube ist was für schwache Leute. Schau ihn dir doch an, diesen Jesus, wie er an dem Kreuz hängt: Ne Jammergestalt!“

Und doch - irgendwie strahlte diese „Jammergestalt“ etwas besonderes aus. Er wusste nicht genau was das war, was auf ihn wirkte. Aber - wenn er ehrlich war, gefiel ihm sein Konfijahr ganz gut. Er hätte gerne mit seinem Vater das eine oder andre Mal darüber gesprochen - aber das war tabu. Das gehörte nicht zu den „starken“ Themen. Eigentlich war sie nach der Konfirmation auch für ihn gelaufen, die Sache mit dem Glauben. Jetzt wollte er sich den wirklich wichtigen, den starken Themen hingeben. Themen in denen es ums Leben ging, wo kein Platz war für Tod, für Leid, für Leute die sich „für uns“ ans Kreuz hatten schlagen lassen. Er wollte stark werden, so wie sein Vater - so wie sein Freund, 2 Jahre älter als er -16 - und wie dessen Familie.

Doch mit 17 wurden ausgerechnet er und sein Freund Meikel, samt den beiden Familien von jenen Themen eingeholt, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollten. Es begann mit unerklärlichen Schwächephasen seines Freundes, eines Super-Sportlers eigentlich. Mit nächtlichen Schweißausbrüchen und Tagen bleierner Müdigkeit. Die Untersuchung beim Internisten brachte es an den Tag: Sein Freund litt an einer besonders aggressiven Form von Leukämie, Blutkrebs. Drei Monate gaben ihm die Ärzte noch. Nur noch drei Monate Leben. In diesen drei Monaten gab es kein Gespräch weder mit den Eltern von Meikel noch mit seinen über das, was da abging mit seinem besten Freund. Er besuchte ihn fast jeden Tag im Krankenhaus. Aber für seine Eltern war das kein Thema. Kein Wort fiel. Und dann kam der Anruf: „Meikel stirbt, bitte kommt ins Krankenhaus. Wir können das nicht alleine durchstehen“ . Meikels Mutter war am Apparat. Er beobachtete seine Eltern. So bleich hatte er seinen Vater noch nie gesehen. Seine Mutter weinte: „Ich hab Angst. Ich möchte nicht dahin..!“ Als sein Vater den Autoschlüssel ergriff sah er, dass er zitterte, nicht nur an den Händen. Am ganzen Leib. Er, der Starke - das machte ihm Angst.
Kurze Zeit später betraten sie das Zimmer in dem Meikel sterben sollte: Er sah dessen Eltern, die Mutter, starr, tränenleer, Meikels Vater, Rücken zu Meikel, die Wand anstarrend... und er sah seinen Vater, der immer noch zitterte, nichts zu sagen wusste. Er sah seine Mutter, die nur schluchzte. Und er sah seinen Freund Meikel, der noch hagerer, dessen Haut noch grauer geworden war. Und er spürte: Es würde nicht mehr lange dauern. Die Sprachlosigkeit der Erwachsenen, vor allem seines Idols, des Vaters, ließen ihn schier verzweifeln. Jammergestalten. Ja SIE in diesem Sterbezimmer waren Jammergestalten geworden. Jammergestalten, die in einer der wichtigsten Situationen des Lebens nichts zu sagen hatten. Doch auch er konnte nichts sagen, nichts, nur streicheln, über Meikels Stirn, seine Hand halten, gemeinsam mit Meikels Mutter. Kein Wort. Diese Sprachlosigkeit verursachte ihm geradezu körperliche Schmerzen - und plötzlich, war er da, jener Psalm aus der Konfirmandenzeit, und ihm war, als ob ein anderer aus ihm heraus reden würde, nicht er, ein andrer, der jene Sätze aus dem 139 Psalm zitierte:

GOTT- du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe, so weißt du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Von allen Seiten umgibst du mich
Führe ich gen Himmel - so bist du da.
Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen.
Spräche ich: Finsternis möge mich bedecken und Nacht um mich sein, so wäre auch die Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Denn du GOTT, hast mich gebildet im Mutterleib. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war - und ich weiß: Am Ende bin ich immer noch bei dir, mein GOTT.

Warum ihm gerade dieser Psalm einfiel, warum er gerade den laut sprach - er wusste es nicht. Er wusste auch nicht wie ihm geschah, als er seinen Vater, seine Mutter und die Eltern von Meikel an der Hand nahm, sich mit ihnen im Kreis um Meikels Bett stellte und dessen Hand ergriff um so den Kreis zu schließen. Er wusste nicht wie ihm geschah, wer oder was ihn ritt, als er anfing laut zu beten:

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name...

Das ganze Vaterunser betete er; er hatte es oft genug im Godie mitgesprochen, doch noch nie kam es ihm so intensiv , so wichtig und wertvoll, so stark vor wie jetzt in diesem Moment. Die tödlich-gottlose Sprachlosigkeit war vorbei. Alle beteten sie, sogar sein Vater. Auch Meikel bewegte schwach die Lippen. Eigenartig ruhig, wie getröstet.

Und mit einem Mal wusste er, was das bedeutete, dieses „für uns“, wusste, warum sich Christus hatte freiwillig kreuzigen lassen. Weil in ihm GOTT eben nicht ausstieg aus dem Leid. Nicht davor weglief. Weil GOTT Menschen begleitet durchs Leid hindurch. Weil er durch Menschen auch wie er einer war, dabei sitzt am Kranken- und Totenbett.
Er spürte plötzlich, dass das Leid und die Auseinandersetzung damit ein ganz wichtiges Lebensthema war; dass Leben kein Wunschkonzert ist, das immer nur die schönen, die Dur Töne spielt und dass Glaube Leben viel bewusster erleben lässt. Dass er stark werden lässt, und dass sein Vater, der vermeintlich Starke, vor dem Thema Leid im Leben immer weggelaufen war. Alle die ihm wichtig waren hatten das getan. Ihn nicht nur in der Konfizeit allein gelassen. Nur der Mann am Kreuz nicht. Wer war in Wirklichkeit der Starke? Wer war der Schwache?
Wer waren die sprachlosen Erwachsenen, die angesichts des Sterbens, kein Wort über die Lippen brachten? Die Tod - wider besseres Wissen - weggeschoben hatten in eine ferne Zukunft? Wer war er der 15jährige, der allen Mut zusammengekratzt hatte, alles Wissen und Fühlen aus dem Konfiunterricht - und somit vielleicht genau die Worte gefunden hatte, nach denen sich eigentlich alle in diesem Moment sehnten aber nicht den Mut hatten sie auszusprechen??
Er wußte es nicht. Er fühlte nur die Hand von Meikel auf seiner, Meikels Hand, seines besten Freundes, in der nur noch schwache Wärme war.

„Für uns!“, und „Du bist nicht allein, Meikel“ flüsterte er ihm ins Ohr. „Wir sind da...ER...“ - und bei diesem Wort kramte er in seiner Hosentasche, fand das kleine Metallkreuz, das sie zur Konfirmation geschenkt bekommen hatten, das aber bald danach in der Nachttischschublade verschwunden war, und das er, bevor sie ins Krankenhaus aufgebrochen waren, noch schnell geschnappt hatte. Er legte es Meikel in die rechte Hand. „Für uns, damit wir nicht alleine sind, ist er gestorben. Wir sind da. ER ist da, für immer! Bei dir, bei mir. Bei allen die leben und sich freuen dürfen und bei allen die leiden und sterben müssen“ Woher diese Worte kamen, wie er sie so formulieren konnte, das wusste er nicht. Aber Meikels rechte Hand umschloss das Kreuz - so wie einen Anker.

Nachdem Meikel für immer eingeschlafen war, trafen sich die beiden Familien draußen vor dem Zimmer. Meikels Mutter kam auf ihn zu, sagte nichts, weinte nur und drückte ihn an sich, wollte ihn gar nicht mehr los lassen. Und dann war sie da... die Hand, auf seiner Schulter, dankbar, eine Hand die zu einem Gesicht gehörten, in dem er noch nie Tränen gesehen hatte. Es war die Hand seines Vaters. Sein Gesicht. Dessen Tränen. Seine Anerkennung. Und er spürte, wie sich für ihn den 15jährigen, in diesem Moment Gewichte, Lebenseinschätzungen verschoben. Einschätzungen von Stärke und Schwäche. Von Leben, Freude und Leid. Und wie das alles zusammengehörte. Und was Glaube in diesem Geflecht bedeuten kann.
Ob das alles ihm helfen würde, wenn es für ihn irgendwann Abschied nehmen hieß, das wusste er nicht. Ob das die Angst nehmen könne. Aber eins wünschte er sich: Dass dann auch einer da wäre, der ihm aus tiefem Herzen zusagen konnte, was er Meikel zugesagt hatte: „Für uns“ und „Du bist nicht alleine“
Eine Woche nach Meikels Beerdigung holte ihn sein Vater zu sich ins Arbeitszimmer, um ihm von einer seltsamen Begebenheit zu erzählen, nämlich dass der Bestattungsunternehmer Meikels Vater mitgeteilt habe, dass Meikel in seiner rechten Hand ein kleines Kreuz gehalten hätte, so fest, dass selbst nachdem die Todesstarre gewichen sei, er es nicht geschafft hätte, diese Hand zu öffnen. Meikel habe das Kreuz irgendwie nicht mehr hergeben wollen.
„Es war dein Kreuz, nicht wahr“ fragte sein Vater. Und wieder war ihm, als spräche nicht er, als er sich antworten hörte:
„Nein, nicht meins, SEINS, Vor dem er, die „Jammergestalt“ nicht weggelaufen ist, SEINS an dem er „FÜR UNS gehangen hat...!“

Amen.