Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 11,14-23

Ottmar Arnd

in der Evang. Kirchengemeinde Neunkirchen, Modautal

Der Mann, der da auf dem Sportplatz tolle Zaubertricks vorführte war einfach fantastisch. Er sah toll aus, blond, mit wunderbar großen grünen Augen, er war gepflegt, er hatte einfach eine sympathische Ausstrahlung und mochte Kinder offensichtlich sehr gern. Und sie mochten ihn. Auch wenn sie ihn erst seit ein paar Minuten kannten, kam es ihnen so vor als sei er ein ganz toller Onkel. Und Kathrin - 9 Jahre alt - war ganz erpicht darauf neue Kunststücke von ihm zu lernen. Die würde sie morgen dann in ihrer Klasse zum Besten geben. Was ihre Mutter andauernd zu ihr sagte, von wegen mit einem Fremden niemals mitgehen, das war in diesem Moment einfach wie weggeblasen. Sie sah nur ihn, und seine Hände, die so vieles verschwinden und dann wieder zum Vorschein kommen lassen konnten. Und sie sah sein Lachen.

Nein, der war nett. Mit dem konnte sie gehen. Rüber in die Weinberge. Um mehr gezeigt zu bekommen.

Als sie in den Weinbergen angekommen waren, da war sein Lächeln plötzlich verschwunden. Die weiche Stimme wurde drohend, sein Griff brutal, und als er sie packte schrie sie vor Angst.

Es war ihr Glück, dass sie sich losreißen konnte, und gerade ein Gruppe von Spaziergängern vorbeikam, in deren Arme sich Kathrin flüchten konnte, und völlig aufgelöst unter Tränen von dem Mann erzählte, der dort drüben versucht hätte ihr weh zu tun. Aber als sie nach drüben schaute, war er schon verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Wie weggezaubert....

Menschen, liebe Christen, können gefährlich werden. Man weiß nie so genau woran man bei ihnen ist.

Die geschilderte Situation war natürlich frei erfunden. Hat sich bestimmt aber so schon oft zugetragen. Und nicht immer mit einem solchen Ende, das einen aufatmen lässt.

Menschen können gefährlich sein. Nicht immer so extrem wie geschildert, aber dass man immer wieder mit hinterhältigen, hinterlistigen, schleimigen Vertretern dieser Art zu tun hat - wer könnte das in Abrede stellen?

Dass sie einen oft lieb ins Gesicht reden, um hinter dem Rücken dann abzulästern - wer hat das nicht schon am eigenen Leib erlebt?

Oft weiß man nicht so recht woran man ist, bei den sogenannten Mit-Menschen.

Die Menschen in unserem Predigttext wissen auch nicht so recht, woran sie mit Jesus sind. Das was er eben gemacht hat, einen Stummen zum Reden zu bringen, das ist für sie Zauberwerk. Und auch wenn es etwas durch und durch Positives ist, was da geschehen ist, sind sie sich nicht sicher: Hat er diese Kraft nun vom Teufel, von einer dämonischen Gewalt, oder hat er sie von GOTT. Jesus versucht sie argumentativ zu überzeugen. Ob es ihm gelingt -darüber wird nicht berichtet.

Liebe Christen - meine Konfis haben mich vor kurzem wieder einmal überrascht. „Glaubt ihr an den Teufel?“ hab ich sie am Mittwoch letzter Woche im Gemeindebus gefragt, auf dem Weg zu Opel live nach Rüsselsheim. Was meinen Sie was sie geantwortet haben. Ganz locker mit: „Ja, daran glauben wir. Natürlich nicht an so nen Typen mit Pferdefuß und Hörnern auf dem Kopf, aber an die Macht des Bösen, und dass sie andauernd versucht, das Gute zu überwinden, daran glauben wir. Das erleben wir ja andauernd in uns selber, diesen Kampf!“

Wow - da war ich doch überrascht.

Junge Leute, die offensichtlich feine Sensoren dafür haben, dass es da etwas gibt in unsrer Welt , was Menschen in Situationen treiben kann in denen gefährlich werden können, oder in denen es für sie gefährlich wird. Teuflische Mächte. Und das Schlimme: Sehr oft kommen diese Mächte so harmlos daher wie der Zauberer auf dem Sportplatz. Sind nicht sofort als solche zu erkennen. Scheinen Menschen zunächst zu erfreuen, sie auf die Sonnenseite des Lebens zu geleiten - um erst später ihre wahre teuflische Fratze zu zeigen.

Die Menschen, mit denen Jesus damals zu tun hatten, waren vorsichtig. Sie wußten nicht so genau woran sie sind. Im Nachhinein, können wir darüber nur den Kopf schütteln. Jesus - ein Mann des Teufels. Ein Treppenwitz. Und ein schlechter obendrein. Aber damals, in der Situation der Leute .... Sicher, er hat einen Menschen geheilt, ihn auf die Sonnenseite geführt. Aber der Preis? Wann würde der gefordert?

Es gibt sie, jene dämonischen Mächte, liebe Freunde, die zunächst ganz harmlos daherkommen, gesellschaftlich sogar völlig anerkannt sind um dann vielleicht einen sehr hohen Tribut zu fordern, einen zu hohen vielleicht. Zwei möchte ich etwas näher beschreiben.

Da ist einmal jener immer mehr zu entdeckende Trend, das Ideal der ewigen Jugend: Nur die Jugend zählt. Frisch muss der Mensch bleiben bis ins Alter. Prominente lassen alle möglichen doctores an ihren Körper ran, um dort ein paar Fältchen zu retuschieren, hier ein paar Brüstchen größer zu machen, dort den Popo etwas zu straffen und hier das Hüftfett abzusaugen. Auch darüber haben wir diskutiert, meine Konfirmanden und ich. Und wir waren einer Meinung: Wenn 10 Frauen, die mit ihrem Äußeren nicht zufrieden sind das Geld hätten sich schöner, jünger zu machen - egal welche Spätfolgen das haben kann, wir waren sicher, 9 von ihnen – mindestens - würden es tun. Und bei den Männern dürfte es kaum anders sein: Der Superbody auch im Alter, der Waschbrettbauch auch noch mit 65 - das muss es schon sein.

Dieser Trend kann dämonischen Ursprungs sein. Und er fordert seine Opfer: Rex Gildo, der Schlagersänger, ist m.E. so eines. Er der immer so jugendlich daherkam, der offensichtlich mit einer so gefährlichen, weil zerstörerischen Eitelkeit behaftet war, er hat es anscheinend nicht verkraftet, das Alter trotz allem nicht aufhalten zu können. In der Frankfurter Rundschau vom 28.10.schreibt der Kolumnist: „Unter den 7 oder 8 Koffern im Louis Vuitton Stil, die er bei seinen Touren mit sich führte, wurde das Beauty Case immer größer!“ (Vgl. auch Bild vom 25.10.1999)

Sein wahres Alter hat er stets verschwiegen, vermutlich hat er sich immer drei Jahre jünger gemacht. 63 Jahre - und er sah noch toll aus. Unserer Meinung nach. Die Fassade stimmte. Aber hinter der Fassade machte sich Einsamkeit und Verzweiflung breit: „Die verarschen mich doch noch“ soll er einen Freund gesagt haben, nach einem seiner Auftritte in Festzelten, oder auf Betriebsfeiern. Richtige Freunde hat er nicht gehabt. Und jene dämonische Macht des „Um-Himmels-Willen-Nicht-Alt-Werden-Wollens!“ hat ihn zermürbt. Das traurige Ende ist bekannt. Und das Schlimme: Im nachhinein war es allen sogenannten Freunden irgendwie klar, dass es so kommen musste. Aber keiner konnte was dagegen unternehmen.

Eine andre dämonische Macht in unserer Gesellschaft scheint mir eine geradezu manische Sucht nach Ruhm zu sein. „Einmal ins Fernsehen kommen!“, das ist für viele Menschen offensichtlich der einzige Inhalt ihres Lebens. Die TV Industrie hat diese Marktlücke - wie sie das sarkastisch nennt - schon vor Jahren erkannt und ihre Konsequenzen gezogen: Talk-Shows schossen wie Pilze aus dem Boden. Talk Shows in denen sich junge Menschen oftmals nicht nur Wortgefechte liefern, vor dem Hintergrund solcher tiefgehender Themen wie:

„Frauen wollen nur mein Geld", oder
„Im Urlaub lass ich die Sau raus" oder
„Mein Hund darf ins Bett und mein Mann nicht"....

Vordergründig ganz toll, man kommt ins Fernsehen, kann sich einem Millionenpublikum präsentieren, ist mit einem Mal, wenn auch nur kurz, berühmt - bringt sich voll ein - und nachher ist der Katzenjammer groß, wenn sich Menschen nachher fragen müssen: War das wirklich ich, hab ich mich so aufgeführt? Und wieviele fühlen sich im nachhinein wie von einer dämonischen Macht aufs Glatteis geführt, versuchen sich dann sogar das Leben zu nehmen. Im Magazin der Stern (18/16.9.99) wurde über solche Schmuddel Shows berichtet. Die Überschrift des Artikels war bezeichnend: Kanonenfutter für Bärbel, Vera und Co..

Zwei Beispiele, die zeigen, wie zunächst eigentlich harmlos daherkommende Dinge, sich zunehmend dämonisch outen können, leider oft erst im Nachhinein erkennbar. Ich kann noch andere nennen: Da ist die Gen-Technik. Vordergründig könnten Ernährungsprobleme durch den Einsatz genmanipulierter Pflanzen gelöst oder zumindest reduziert Werden, viele Menschen könnten vor dem Verhungern gerettet werden, wir kämen mit weniger Pestiziden aus - aber sind solche Pflanzen nicht auch Teufelszeug, von dem niemand weiß, welche Konsequenzen es einmal haben wird? Und ganz gewiß waren die Forscher die sich auf die Atomspaltung eingelassen haben der Meinung, dass diese Urkraft dem Menschen zum Guten dienen könne - im Nachhinein können wir über diese naive Meinung nur den Kopf schütteln.

Ist Jesus von GOTT oder dem Teufel? fragten die Menschen die jenes Wunder der Stummenheilung erlebt hatten? Für einen Christen schlechtweg unerträglich, diese Frage, aber:

Welche Möglichkeiten der Unterscheidung von göttlich-segensreichen und teuflich destruktiven Wirkungen gibt es? Verbindet man den Predigttext mit dem Text aus Matthäus 4, in dem Jesus vom Teufel dreimal versucht wird, fallen mir drei Dinge ein:

  1. Überall da, wo Menschen ihre Geschöpflichen Grenzen überschreiten, wo sie Allmachtsvorstellungen aufbauen und in die Tat umsetzen wollen (z.B. das Alter zu besiegen, wo sie meinen die Zukunft zu kennen und vorraussagen zu können, wo sie sich zum Herrn des Lebens aufwerfen wollen, da wird's tendeziell unmenschlich und teuflisch. Der Glaube an GOTT dagegen impliziert das Gefühl der „schechthinnigen Abhängigkeit“, wie Schleiermacher es formulierte, das Wissen um seine eigenen Grenzen, der Endlichkeit als Geschöpf und der Grenzen der Machbarkeit.
  2. Überall da, wo das Leben aus seiner bunten, schillernden Vielfalt herausgeholt und auf eine undifferenzierte Art und Weise eindeutig gemacht werden soll, wird's teuflisch. Der 12-Teiler Klemperer, der gerade im TV läuft zeigt, wie aus harmlosen Anfängen, Furchtbares entstehen kann. Und das Gleiche gibt's zur Genüge auch in der religiösen Szene.
  3. Überall da, wo das Leben einer Tendenz untergeordnet wird, wo z.B. nur die Ökonomen oder die Technokraten regieren wird's unmenschlich-teuflisch.

Und uns, was bleibt uns?

Vielleicht nur das, nach bestem Wissen und Gewissen Gutes zu tun, und die Konsequenzen GOTT anheim zu stellen.

Oder ist das auch schon wieder teuflisch-leichtsinnig...

Wie auch immer: Einen Vorteil haben wir Menschen des zu Ende gehenden 2. Jahrtausends: Wir wissen mehr als die Menschen, vor denen Jesus seine Wunder getan hat.

Wir glauben, dass in ihm GOTT den Menschen nahe gekommen ist, damit Menschen voreinander keine Angst zu haben brauchen. Dass sie sich nicht gegenseitig kaputt machen. Denn der Glaube ist immer ein Kämpfer für den Menschen und gegen die Angst....

Und der Friede .....