Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 6,66-69

Eberhard Arnold

21.04.2002 in der Evangelische Kirchengemeinde Naunheim/Wetzlar

Liebe Konfirmanden,
liebe Eltern,
liebe Gemeinde,

heute ist nicht nur der Tag der Konfirmation - heute ist nicht nur ein Tag von hoffentlich vielen Geldgeschenken (für Euch) - nein heute ist auch ein Tag der vielen Worte.
Viele Worte werden heute um Euch gemacht.
Viele Glückwünsche, Segenswünsche werden Euch heute gesagt und zugesprochen - und das ist auch gut so!
Ihr sollt ja dadurch merken: Euer Wort zählt jetzt mehr!
Was als scheinbar unbewusster Prozess in den letzten Jahren vor sich ging, dass Ihr Euch von der Kindheit verabschiedet habt, wird heute für alle sichtbar festgestellt.
Ihr als Personen und damit Eure Worte werden nicht mehr mit den Worten eines Kindes verglichen, sondern mit denen von Erwachsenen.
Und mit Wehmut erinnern sich vielleicht Eure Eltern gerade heute an Eure ersten Worte, an Sprechversuche - an bestimmte Sätze und herrliche Wortkonstruktionen.
Aber auch an manchen harten Satz, der in den letzten Jahren in Auseinandersetzung oder im Streit fiel.

Als ich vor einigen Jahren mit elf anderen Pfarrkollegen, Lehrern und Sozialpädagogen zu einer einwöchigen Fortbildung in der Nähe von Aschaffenburg war, machten wir an einem Abend eine Phantasiereise in unsere Kindheit.
Bestimmte Personen tauchten da vor uns auf, die uns in unserer Kindheit besonders nahestanden. Großmütter, Großväter, die Eltern, ein bestimmter Onkel oder eine bestimmte Tante. Und jetzt sollte sich jeder von uns bestimmte Sätze in Erinnerung rufen, die diese Menschen damals zu uns gesagt hatten. Bestimmte Lebensregeln, Sprüche, Weisheiten, die unser Leben prägen sollten, ja die regelrecht zu einem Teil unseres Lebens werden sollten.

Der Sinn dieser Übung, dieser Phantasiereise, war es, zu überprüfen, inwieweit bestimmte Sätze, bestimmte Sprüche, die sich seit unserer Kindheit in uns festgesetzt hatten, uns noch bis heute in unserem Berufsalltag bestimmen und in unserem Denken und Handeln ihren Niederschlag, ihren Nachhall haben.
Nachdem jeder von uns zehn bis fünfzehn Minuten über seine erhaltenen Sätze und Sprüche nachgedacht hatte, begannen wir uns diese Worte einer nach dem anderen mitzuteilen.:
Du sollst Dich aus allem raushalten!
Geh immer den Goldenen Mittelweg, dann eckst Du nicht an!
Ordnung ist das halbe Leben! Wenn Du etwas machst, dann mach' es ganz oder gar nicht! Dich hat ja keiner gewollt, Du hast ja nur gekostet!
Wenn Du nur arbeitest, vergisst Du Kummer und Sorgen!

Ich weiß nicht, was für Weisheiten, für Sprüche und Worte Ihnen einfallen, - oder Euch Jugendlichen jetzt bewusst sind - wenn Sie und Ihr darüber anfangt nachzudenken, mit welchen Aussagen Sie groß geworden sind.
Bestimmte Worte, die sich seit Ihrer Kindheit in Ihrem Leben festgesetzt haben und sogar zu einem Teil Ihres Lebens geworden sind.
In unserer Fortbildungsgruppe jedenfalls kamen mit diesen Sprüchen und Worten auch viele Tränen hoch, Wut und zum Teil auch Verzweiflung über Worte gegen die der ein oder andere sein ganzes Leben lang bisher ankämpfte.
Was sich für mich daran zeigte war, dass die Macht von Worten ungeheuer ist. Bestimmte Worte, Aussprüche oder Sätze können Menschen für Jahre festlegen, knechten - haben eine zerstörerische Wirkung.
Worte können aber auch heilen, befreien, aus einem Gefängnis oder einer Sackgasse rausholen. Worte des Todes. Worte des Lebens.

Im Johannesevangelium (6, 67-69) hat mich eine ganz kurze Gesprächssequenz sehr nachdenklich gemacht, wo genau über die Macht und Wirkung von Worten die Rede ist - und die möchte ich kurz vorlesen:

  1. Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
  2. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
  3. Simon Petrus antwortete ihm: "Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
    Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes."

Wollt auch ihr weggehen? Mit dieser Frage Jesu setzt hier dieser kurze Gesprächsausschnitt ein. Wollt auch Ihr weggehen? Ich weiß nicht, ob Sie folgenden Witz kennen. Da treffen sich zwei Pfarrer. Der eine fragt den anderen: "Du, wie machst Du das nur, dass Du mit den Fledermäusen in dem Dachstuhl Eurer Kirche keine Probleme hast? Denn wir haben schon alles Mögliche probiert, um die Fledermäuse mit ihrem Dreck loszuwerden." Darauf der andere Pfarrer: "Das ist bei mir gar kein Problem. Ich konfirmiere sie ganz einfach, dann sind sie alle weg!"

Wollt auch Ihr Weggehen? Sie merken, ich erzähle diesen Witz nicht mit Trauer oder Wehmut, sondern ich erzähle ihn mit Selbstbewusstsein, weil wir merken, immer mehr Jugendliche halten sich im Dunstkreis von Gemeinde auf - wollen junge Gemeinde mitbauen.
Und mit dem Weggehen oder Wegbleiben allein ist es ja nicht getan. Die Frage ist wohin? Wohin sollen wir gehen? Wer weiß und wer hat ein besseres Ziel? Viele suchen es.
Was würden Sie den Jugendlichen vorschlagen - wo sollten sie suchen? Im Wortgeklingel der Sekten, wo kritisches Denken untersagt ist? Oder besser bei den Rechten, wo der Schwache, der Behinderte, der anders Denkende, der Ausländer niedergemacht und fertiggemacht wird?
Wohin sollen wir gehen? In einen Materialismus, der vor allem nur den Spaß kennt, aus tollen Klamotten und Erfolg besteht - und dabei in die totale Verzweiflung stürzt, wenn nicht alles so läuft, wie's uns die Werbung vorgaukelt, wenn Krankheit und Tod uns treffen?
Ja, wohin sollen wir gehen? Wohin gehen Sie dann eigentlich? Wohin?
Wer zeigt die Richtung, wer weiß den Weg?

Du hast Worte des ewigen Lebens - sagt Petrus hier zu Jesus.
Was sind das für Worte?
Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern zu dienen - und zu geben mein Leben.
Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan.
Selig seid ihr, wenn ihr Frieden stiftet, dann werdet ihr Gottes Kinder heißen.
Kommt her zu mir, die ihr mühselig und geplagt seid, ich will euch erquicken.
Vergebt, so wird euch vergeben.
Sind diese Worte eingeholt, überholt? Nein, sie warten darauf, dass wir uns von ihnen einholen lassen.
Jesu Worte sind nicht leer. Sie sind durch ihn gedeckt. Er hat seine Liebe wahrgemacht, indem er sich selbst aufs Spiel gesetzt hat.
"Ich bin die Auferstehung und das Leben ..." Worte mit denen man leben kann. Worte, die Leben schenken, das bleibt, das Bestand hat, das gültig ist. Ja, Du hast Worte des ewigen Lebens, sagt Petrus.

In der Vorbereitung auf die Konfirmation ist es bei uns üblich, dass die Jugendlichen sich ihre Konfirmationssprüche selbst aussuchen.
Manchen von Euch habe ich gebeten, sich einen anderen Spruch auszusuchen. Und Ihr habt Euch richtig gute Sprüche ausgesucht.
Ich will auch noch einmal sagen, warum ich bei einigen gesagt habe, überlege Dir, ob Du diesen Spruch tatsächlich haben willst, bzw. Suche Dir doch bitte einen anderen aus.
Meine Frau und ich haben vor einigen Wochen eine Begegnung mit einer Konfirmandin und ihrer Mutter aus meiner früheren Gemeinde gehabt. Das Mädchen, mittlerweile eine junge Frau, hat so ziemlich alles durchgemacht, was man sich nur antun kann - das ging bis in die Prostitution. Und ich habe während des Gesprächs mehrere Male leise Halleluja gerufen, als sie vom Weg ihres Heilwerdens berichtete.

Bei der Verabschiedung sagte mir dann ihre Mutter: "Wissen Sie Pfarrer Arnold, was uns immer wieder den Mut und die Kraft gegeben hat, nicht zu verzweifeln, das war der Konfirmationsspruch unserer Tochter: "Der Herr ist mein Hirte," an den haben wir uns geklammert.
"Du hast Worte ewigen Lebens!" - ein Jesus, der von sich sagt: Ich bin der gute Hirte.
Für mich ist die Bibel kein Dogmenbuch, sondern ein Lebensbuch.
Gegen die negativen Worte, die wir getankt haben und die wir auch anderen gegenüber immer wieder sagen, können wir die heilenden Worte der Bibel setzen.
Die Worte von Jesus sind mehr als Schall und Rauch.
Darin ist Realität und Leben, Dynamit, das Mauern sprengt, Salb-Öl, das Wunden heilt, Brot, das unsere Seelen satt macht.
Die Worte Gottes sind keine leeren Hülsen, sondern Lebensworte.

Deshalb möchte ich Sie zum Schluss meiner Predigt einladen und herausfordern, das Wagnis einzugehen mit diesen Worten Erfahrungen zu machen.
Ich wünsch's Ihnen und Euch von Herzen.
Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt. Du bist der Heilige Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus und seinen Worten.

Amen