Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20,11-18

Johannes Antepoth, Presbyter

31.03.2002 in der Freien Evangelischen Gemeinde Unna

Osterfragen und Osterantwort

1. Einleitung
Ostern ist eine höchst fragwürdige Geschichte ! Vielleicht haben Sie auch eins der Plakate gesehen, die in diesen Wochen von der Evangelischen Kirche bundesweit geklebt werden: Und was fällt Ihnen bei Ostern ein ? Und ich bin sicher: In einem ernsthaften Gespräch zum Thema "Ostern" würden viele Menschen Fragen, viele Fragen formulieren. Die Fragen kennen wir doch auch. Hoffentlich haben Sie sich diese Fragen auch schon einmal gestellt, so ganz ehrlich.
Wie war das denn wirklich an "Ostern"? Kann das überhaupt sein? Wir lesen ja fast jedes Jahr eine neue obskure Theorie darüber, was denn wirklich geschah. Und die Ostererzählungen stimmen auch gar nicht überein - die Evangelisten erzählen manche Dingen ganz verschieden ! Fragen über Fragen ! Ostern ist eine fragwürdige Geschichte !
Schon die Bibel kennt diese Fragen. Paulus muß sich mit den Fragen herumschlagen, z. B. im 1. Korintherbrief.

Auch die Evangelien kennen Osterfragen, Fragen zum Osterfest. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon einmal aufgefallen ist, daß in allen Ostererzählungen Fragen gestellt werden. Aber - es sind ganz andere Fragen:

  • Die Frauen, die zum Grab gehen, fragen sich: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? ( Mark. 16,3)
  • Die Engel fragen: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Luk.24,5)
  • Ein Jünger fragt den unerkannten Begleiter: Bist du allein unter den Fremdlingen in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen drinnen geschehen ist? (Luk.)
  • Jesus fragt seine Jünger: Kindlein, habt ihr nichts zu essen ? (Joh. 21)
  • Und: Simon Jona, hast du mich lieb ? (Joh. 21)

    Das sind Osterfragen ! Und ich glaube, daß zu diesen Osterfragen auch eine Osterantwort gehört.
    Auf zwei Osterfragen wollen wir heute hören.

    2. Predigttext: Johannes 20, 11-18

    1. Maria aber stand draußen am Grabe und weinte. Wie sie nun weinte, beugte sie sich vor in das Grab
    2. und sieht zwei weißgekleidete Engel dasitzen , einen zu Häupten und einen zu Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.
    3. Und jene sagen zu ihr: " Frau, warum weinst du ? " Sie sagt zu ihnen: " Weil sie meinen Herrn weggenommen haben, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. "
    4. Nach diesen Worten wandte sie sich um und sieht Jesus dastehen, wußte aber nicht, daß es Jesus war.
    5. Jesus sagt zu ihr : " Frau, warum weinst du ? Wen suchst du ? " Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagt zu ihm: " Herr, wenn du ihn fortgetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast. Dann werde ich ihn holen. "
    6. Jesus sagte zu ihr: " Maria ! " Da erkennt sie ihn und sagt zu ihm auf hebräisch: "Rabbuni! ", das heißt: Meister.
    7. Jesus sagt zu ihr: " Halte mich nicht fest. Denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen. Geh aber zu den Brüdern und sage ihnen: Ich steige hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, meinem Gott und eurem Gott. "
    8. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: " Ich habe den Herrn gesehen " und dies habe er ihr gesagt.

    3. Es ist still an den Gräbern
    Es ist still an den Gräbern, man weint nur noch leis' über den, der dort totenstill liegt. Es ist still an den Gräbern - bis heute. Es ist still - auch an diesem Grab. Maria von Magdala steht am Grab in völliger Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Es ist still an diesem Grab, denn die Geschichte ist vorbei.
    Gemeinsam mit anderen Frauen und den Jüngern war Maria mit Jesus gezogen, hatte ihn predigen gehört und gesehen, wie er sich Menschen in ihrer Not zuwandte. Sie selbst hatte es persönlich erfahren, daß er sie mit göttlicher Vollmacht von dämonischen Mächten befreite.
    Und jetzt: alles vorbei! Für Maria ist die Basis ihres Lebens zerstört. Sie ist die Hilflosigkeit in Person. Geblieben ist ihr nur ein Grab. Geblieben ist ihr ein Besuch am Grab, die Trauer und die Tränen dort. Alles vorbei !
    Und jetzt scheint ihr nicht einmal das geblieben zu sein, denn der Leichnam Jesu ist verschwunden. Die beiden Jünger, die sie zu Hilfe geholt hatte, sind wieder gegangen und haben sie anscheinend ohne weitere Erklärungen zurückgelassen.
    Maria ist auf sich allein gestellt. Es ist still am Grab.

    4. Frau, warum weinst du ?
    Doch in diese Stille hinein klingen Fragen. Erst stellen die beiden Engel die Frage und dann wird sie vom unerkannten Jesus wiederholt:
    " Frau, warum weinst du ?"
    Maria hat sich gebückt, um in die Grabkammer hineinsehen zu können, um das Unglaubliche noch einmal zu sehen. Doch das leere Grab hat keine Botschaft für sie.
    Das Grab ist leer - aber Maria weint. Engel stehen vor ihr - aber Maria weint. Jesus steht unerkannt vor ihr - und Maria weint. Abgrundtief ist ihr Schmerz. "Warum weinst du ?" Natürlich weint sie. Was soll sie tun an diesem Grab, das ihr wie ihr eigenes Grab vorkommt. Hier liegen all ihre Hoffnungen, ihre Zukunft begraben. Und es ist gut, daß sie weint und weinen kann, um ihrem Schmerz Ausdruck zu geben.
    " Warum weinst du ? " Es ist eine Frage, die wie ein erster Tropfen Salbe auf einer Wunde wirkt. "Warum weinst du?" Die Frage öffnet die erste Möglichkeit, das Unfaßbare in Worte zu kleiden und das Unaussprech-liche auszusprechen.
    Jesus sagt ausdrücklich nicht: Du brauchst doch nicht zu weinen. Das würde klingen wie von oben herab, besserwissend, ohne Maria ernstzunehmen.
    "Warum weinst du?" Seelsorglich ist die Frage, sie nähert sich Maria vorsichtig. Liebevoll klingt die Frage und öffnet Maria den Mund und das Herz.

    Eigentlich könnte sie jetzt erzählen von all dem, was ihr Herz erfüllt:
    - daß dieser Jesus das Licht ihres Lebens geworden war
    - daß er ihr alles bedeutet hatte
    - wie groß ihr Entsetzen war, als er gefangengenommen wurde
    - wie furchtbar er leiden mußte, als er gefoltert wurde
    - wie groß ihre Hilflosigkeit war, als er gekreuzigt wurde und litt und starb und sie nur zusehen
    konnte und abwarten und nichts tun - und wir wissen , wie furchtbar es sein kann, nichts tun zu können.
    Das alles steckt mit in ihrer Antwort, die wir in diesem Kapitel dreimal in unterschiedlicher Formulierung hören: "Warum weinst du?" " Weil sie meinen Herrn weggenommen haben, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. "
    Maria wird nur von einem Gedanken bewegt. Sie will den Leichnam Jesu sehen und betrauern können. Sie braucht einen Ort für ihre Trauer.

    5. Wen suchst du ?
    Natürlich weiß Jesus das. Und deshalb führt er sie mit einer zweiten Frage einen Schritt weiter. Er will den Glauben in ihr wecken.
    " Warum weinst du? Wen suchst du? " Maria beantwortet diese Frage so, wie sie sie versteht. "Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ich hingelegt haben." " Herr, wenn du ihn fortgetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast. Dann werde ich ihn holen. "
    Wen suchst du ? Und Maria antwortet: Den toten Jesus.

    Wen suchst du? Das ist eine Osterfrage. Wer sie stellt und beantwortet haben will, kommt an Ostern, an dem Fest der Auferweckung Jesu von den Toten, nicht vorbei. Entweder er findet hier eine Antwort oder er findet nie eine Antwort. Es ist die Frage nach der tiefsten Sehnsucht in unserem Leben. Wen suchst du ? Können wir - so ohne zu zögern - sagen wie Maria: Meinen Herrn ! Er ist die tiefste Sehnsucht meines Lebens. An ihm hängen letztlich all meine Gedanken, Gefühle, mein ganzes Leben.
    Wen suchst du ? Marias Antwort zeigt, daß sie zwar Jesus sucht, aber so, wie sie ihn sich vorstellt. Sie sucht den Jesus, der in ihre Vorstellungen paßt - wie könnte sie auch anders - , der in gewissem Sinne für sie verfügbar ist. Sie sucht ihn so, wie sie ihn braucht - als Leichnam. Sie sucht den toten Jesus, denn anders war es ja nicht möglich.
    Wen suchst du ? Die Frage gilt auch uns. Suchen wir nicht oft genug den Jesus, der in unsere Vorstellungen paßt, der für uns in gewissem Sinne verfügbar ist, der so ist und handelt und redet, wie wir es erwarten? Hat er eigentlich bei uns noch die Chance, unerwartet zu sein?
    Wen suchst du ? Was ist die tiefste Sehnsucht deines Lebens? Müßten wir nicht allzu oft eingestehen, daß wir vielmehr uns selber suchen !

    6. Herr, wen suchst du ?
    In unserem Text schauen wir Jesus über die Schulter und sehen und hören ihn bei seinem ersten Tun nach der Auferstehung. Und wir dürfen die Frage einmal umdrehen und fragen: Herr, wen suchst du ? Herr, bist du in diesem Augenblick nicht am ganz falschen Ort? Herr, hast denn nichts Wichtigeres zu tun ? Jetzt , wo dein Sieg offenkundig geworden ist - jetzt wo dein Sieg gefeiert und bekanntgemacht werden muß, jetzt, wo der Feldzug losgehen muß ? Und du kehrst zurück ans leere Grab und sprichst in Seelenruhe mit einer unwichtigen Frau ? Herr, du mußt die richtigen Schwerpunkte setzen. Prioritäten !

    Stellen wir uns doch für einen Augenblick einmal vor, Jesus wäre zum Tempelplatz gegangen. Er hätte dort eine flammende Rede gehalten! Er hätte seinen Auftritt so richtig inszenieren können. Er wäre dem Hohen Rat erschienen, der ja die Soldaten verhört hat, die nicht in der Lage waren, das Grab zu bewachen. Er wäre Pontius Pilatus erschienen und hätte ihm gesagt: Du hast den Fehler deines Lebens gemacht.
    "Es ist laut auf den Ämtern, man redet davon, daß ein toter Mann aufstand und lebt. Dieser Vorgang paßt gar nicht ins Standardprogramm, ob man lieber die Akten vergräbt?" Wenn er da erschienen wäre und hätte sein Recht eingefordert, Akteneinsicht und Veröffentlichung verlangt.
    Nein - Jesus geht ganz souverän an all dem vorbei, was auf Erden und von Menschen für wichtig gehalten wird. Die Tränen, der abgrundtiefe Schmerz, das sehnsuchtsvolle Herz eines einzelnen Menschen, einer einzelnen Frau geht bei ihm vor - von Anfang an.
    Die Suchaktion Gottes, die schon auf den ersten Seiten der Bibel angefangen hat als Gott rief: Adam, wo bist du ? setzt sich hier fort und setzt sich fort bis heute.

    7. Herr, wen suchst du heute morgen ?
    Sie setzt sich fort auch heute morgen hier in Unna.
    Herr, wen suchst du? Wen suchst du heute morgen? Und Jesus antwortet: Ich suche die Frau und den Mann und die Jugendkichen und die Kinder, die mich mit ganzen Herzen suchen, deren Herzen mit Sehnsucht erfüllt sind. Ich suche die, die in sich selbst hilflos und hoffnungslos sind und aus sich selbst keinen Weg und keinen Rat wissen. Jesus antwortet: Ich suche dich und dich und dich.

    8. Die Antwort
    Warum weinst du? Wen suchst du? Osterfragen sind das. Nicht Fragen, die wir an das Geschehen von Ostern stellen könnten, sondern Fragen, die uns gestellt werden. Und zu diesen Fragen findet sich auch die Antwort. Jesus selbst gibt sie, weil Maria sie nicht geben kann. Sie sucht den toten Jesus. Deshalb muß der Lebendige sie ansprechen, ganz persönlich. Er ruft sie mit Namen: " Maria! " Da, so heißt es, erkennt sie ihn, erst da. Erst da hat Maria letzte, tiefe Gewißheit: Jesus lebt, Jesus ist nicht tot. Neuer Glaube und neue Hoffnungen dürfen keimen. Es ist nicht alles vorbei.
    Diese Anrede Jesu ist Dreh- und Angelpunkt der Erzählung: "Maria!" - Jesus kennt und nennt sie beim Namen. Maria fühlt sich angesprochen und in ihrer Angst, Trauer und Verzweiflung ernst genommen und ist erschrocken und froh zugleich.

    Hier erfüllt sich, was schon Jesaja geschrieben hat: So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein." (Jes. 43,1)
    Hier erfüllen sich die Worte Jesu: Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir. Und ich gebe ihnen ewiges Leben.
    (Joh. 10.27)
    Ich glaube, daß Jesus damals wie heute Menschen anspricht. Damals ist er eigens zum Grab zurückgekehrt, um Maria so zu begegnen. Auch heute ist er eigens in diesen Gottesdienst gekommen, um uns persönlich anzusprechen. Weil wir ihn aus uns heraus nicht erkennen können, weil aus uns heraus nicht Ostern werden kann, deshalb sind wir darauf angewiesen, daß er auch heute morgen unseren Namen ruft. Und wir dürfen uns das ruhig vorstellen, wie er ruft: Vielleicht Julia und Lars, Ralf und Carsten, Gabi und Martha, Johannes ! Wie er ruft und uns damit ins ewige, unzerstörbare, unverlierbare Leben hineinruft. Wie er ruft und uns damit zuspricht: Du bist mein.
    So gibt Jesus selbst die Antwort auf alle Osterfragen.
    So ist Jesus selbst die Antwort auf alle Osterfragen.

    9. Der Auftrag
    Das Gespräch endet mit einem Auftrag. Das Anrühren Jesu wird Maria nicht gestattet. Maria hat Jesus nicht wiedergewonnen wie er vorher war. Sie erkennt ihn wieder und doch ist es jetzt ganz anders. Sie erhält einen Auftag: "Geh aber zu den Brüdern und sage ihnen: Ich steige hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, meinem Gott und eurem Gott. "
    18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: " Ich habe den Herrn gesehen ". Seit diesem Tag wird es weitergesagt: Jesus lebt. Das Grab ist leer. Diese Botschaft hat die Welt umrundet. Und für viele Menschen ist es so Ostern geworden. Die Botschaft hat auch uns erreicht. Deshalb feiern wir heute morgen Ostern und dürfen fröhlich bekennen: Jesus lebt! Mit ihm auch ich!

    10. Es ist nur die Rückblende
    Ein Pfarrer war schon sein Leben lang großer Anhänger eines Fußball-Clubs. Und in einem Jahr erreichte sein Verein das Pokalendspiel - ein Traum. Doch zur gleichen Zeit, als das Spiel stattfinden sollte, mußte der Pfarrer eine Trauung vornehmen. So ließ er seinen zehnjährigen Sohn vor dem Fernseher zu Hause und ging zur Kirche. Nach der Trauung sprintete der Pfarrer, sobald es Anstand zuließ, nach Hause zurück.

    Erleichtert sah er, daß das Spiel noch lief und er entdeckte rechts oben auf dem Bildschirm die Einblendung des Spielstandes: Es stand 1:0 für seinen Verein und es waren nur noch wenige Minuten zu spielen. Er sank in einen Sessel und wunderte sich, daß sein Sohn gar nicht aufgeregt das Spiel verfolgte. Und er rief: "Mensch, das ist ja Klasse, wir gewinnen. Warum schreist du nicht und feuerst sie an?" Darauf sieht ihn sein Sohn etwas verdutzt an und sagt: Papa, bleib locker, wir haben gewonnen. Das ist doch nur die Rückblende.

    Heute ist Ostern. Christus hat gesiegt. Dies Ergebnis ist endgültig und niemand kann es verändern. Die Osterantwort steht: Jesus lebt ! Und wir dürfen mit unserem Bekenntnis antworten: Mit ihm auch ich!

    Amen.