Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 18-20

Prof. Dr. Klaus Arntz (rk)

22.04.2011

Karfreitagsliturgie der Pfarrgemeinde

„Nagelprobe“

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Eingang der Kirche haben sie alle einen Nagel in die Hand gedrückt bekommen. Ich möchte Sie jetzt zu einer echten Nagelprobe einladen. Dazu kann es hilfreich sein, den Nagel in die Hand zu nehmen. Wir wollen ihn etwas näher betrachten, deutlicher spüren und besser verstehen, was er zu bedeuten hat.

 

Wir betrachten: Nägel hatten bei der Kreuzigung eine wichtige Funktion. Mit ihnen schlug man die Verurteilten ans Kreuz. Der eiskalte Nagel veranschaulicht die Grausamkeit der Kreuzigung. Sie war brutal und unmenschlich. Der lange, spitze Metallstift macht uns das deutlich. Mit Nägeln hat man Jesus Hände und Füße durchbohrt. Man hat ihn sprichwörtlich aufs Kreuz gelegt und festgenagelt.

 

Wir spüren: an der scharfkantigen Metallspitze kann man sich leicht verletzten. Kaum vorstellbar, wie weh das tut, wenn einem ein solcher Nagel mit dem Hammer, mit aller Wucht, in die Hand geschlagen wird. Wenn wir die Nagelspitze auch nur ein wenig in unsere eigene Handfläche drücken bekommen wir ansatzweise eine Ahnung von den unerträglichen Schmerzen der Verurteilten.

 

Wir verstehen: Der lange, harte und kalte Nagel steht wie kein anderes Symbol für die mögliche Verrohung des Menschen auf der einen und die Verletzlichkeit des Menschen auf der anderen Seite. Die Nägel, die Hände und Füße Jesu durchbohren, werden zum Inbegriff menschlicher Gewalt und göttlicher Gewaltlosigkeit.

 

Das ist die eigentliche Nagelprobe, die sich am Kreuz vollzieht: Gottes wehrlose Liebe wird am Kreuz auf eine harte Probe gestellt. Sie zeigt sich in ihrer ganzen Verletzlichkeit und Angreifbarkeit.

 

Hier liegt, wie Joseph Ratzinger vor fast dreißig Jahren in seinem Buch „Schauen auf den Durchbohrten“[1] verdeutlicht hat, der tiefste Sinn der Herz-Jesu-Verehrung: „Das Herz ist Ausdruck für die (…) (passiones) (die Leidenschaften) des Menschen (…).“[2] Denn „Leiden setzt die Leidensfähigkeit, es setzt die Kraft der Empfindungen voraus.“[3] „Gott ist deshalb ein Leidender, weil er ein Liebender ist.“[4] Als Christen glauben wir an einen leidenschaftlich liebenden Gott, der für uns verletzbar geworden ist, der sich für uns hat verwunden lassen.

Aus diesem Grund haben wir das übergroße Foto im Altarraum der Kirche aufgehängt. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus der Glasfensterfront der Herz-Jesu-Kirche in München. Die Herz-Jesu-Kirche in München, die im Jahre 2000 eingeweiht wurde, zählt zu den eindrucksvollsten modernen Kirchenbauten in Deutschland. Wir sehen vor uns – etwa in Originalgröße – einen Ausschnitt aus dem Bildprogramm der Eingangsfassade.

 

Zunächst fällt der Blick auf das hell leuchtende Kreuz in der Mitte. Es wird umrahmt von zahllosen Nägeln. Auf den ersten Blick erscheinen diese wahllos und zufällig verstreut. Aber bei genauerem Hinsehen erkennt man ein klares Muster. In waagrechter Struktur, wie in aufeinanderfolgenden Zeilen, sind Nägel in kleinen quadratischen Fenstern zu sehen. In jedem dieser kleinen Fenster wechseln sich verschiedene Anordnungen der Nägel ab. Einige Formationen kehren häufiger wieder, andere sieht man selten.

 

Dafür gibt es einen tiefsinnigen Grund. Der Künstler hat sich bei der Gestaltung von der antiken Keilschrift inspirieren lassen. Jede Nagelanordnung steht für einen Buchstaben des Alphabets. Man kann also die große Glasfassade wie ein Buch lesen. Die zahlreichen Nägel stehen für Buchstaben und Wörter. Sie ergeben ganze Sätze und schließlich entsteht auf diese Weise ein sinnvoller Text. Und der Künstler hat nicht irgendeinen Text in das Glasfenster eingeschrieben. Er hat die Kapitel 18-20 des Johannesevangeliums ausgewählt: die Passion Jesu. Jenen Abschnitt aus der Lebensgeschichte Jesu, die von seiner Leidensgeschichte erzählt – von der Geschichte der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu uns Menschen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn das Licht der Sonne durch die große Fensterfront scheint, dann beginnen die Nägel zu leuchten. Dann strahlt die Leidensgeschichte Jesu in einem bezaubernden Licht – einem fast österlichen Glanz. Dann verwandeln sich die dunkelblauen Fenster in ein Lichtermeer aus leuchtenden Farben. Schöner und treffender kann man den heutigen Tag nicht ins Bild setzen.

 

Durch das Licht der göttlichen Liebe werden aus kalten, scharfen Nägeln, die Verletzungen, Verwundungen und den Tod bringen, leuchtende Buchstaben, die vom Leben künden und die große Geschichte von der wehrlosen Liebe Gottes zu uns Menschen erzählen.

 

Gottes wehrlose Liebe bringt die Welt zum Leuchten. Die Welt und die Menschen werden verwandelt durch die Liebe Gottes, die sich in Jesus offenbart. Er hat Schmerz, Leid und Tod am Kreuz auf sich genommen, um uns Heil und Heilung zu schenken.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses bereits österliche Licht kann und will auch die Nägel verwandeln, die wir in unseren Händen halten. Ich lade Sie ein, einen Moment darüber nachzudenken: Was sind die Verletzungen und Verwundungen, die mir das Leben zugefügt hat? Was bedrückt und schmerzt mich im Augenblick besonders?

 

- Verletzungen, die entstanden sind, weil Hoffnungen enttäuscht wurden und Wünsche an das eigene Leben unerfüllt geblieben sind.

- Wunden, die geschlagen wurden, weil Rückschläge zu verkraften und Niederlagen einzustecken waren.

- Verletzungen, die noch nicht verheilt sind, weil Beziehungen zerbrochen und Freundschaften verloren gegangen sind.

- Wunden, die immer wieder aufreißen, weil man einmalige Chancen hat verstreichen lassen und die Gelegenheit zur Veränderung verpasst hat.

- Wunden der Hilflosigkeit, die mutlos machen, weil Alter und Krankheit ein selbstbestimmtes Leben zunehmend unmöglich machen.

- Wunden, die bleiben, weil ein geliebter Mensch uns für immer genommen wurde.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Menschen sind verletzliche Wesen. Wir wissen das alle. Wir wissen das alle aus eigener Erfahrung. Aber wir geben es nicht gerne zu. Heute halten wir alle einen langen, harten, kalten Nagel in der Hand. Das ist jetzt das sichtbare Zeichen der gemeinsamen Solidarität in unserer Verletzlichkeit.

 

Nagelproben des Lebens kann man nicht alleine bestehen. Wir vertrauen auf Gott mit seiner wehrlosen Liebe und setzen auf Menschen mit ihrer leidenschaftlichen Liebe. Auch davon erzählt die Passionsgeschichte – von menschlicher Mit-Leidenschaft. Johannes nimmt sich in Liebe Marias an. Sie stehen und stützen sich gegenseitig unter dem Kreuz. So ist es der Wille Jesu. Menschen sollen einander beistehen und nahestehen – vor allem an und unter den Kreuzen des Lebens.

 

Wer wollte mit den Verwundungen und Verletzungen des eigenen Lebens allein gelassen werden? Wie dankbar dürfen wir sein für die Menschen, die uns Stütze und Halt sind, die Geborgenheit und Liebe schenken, wenn uns selbst das Herz zu schwer ist.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Karfreitag ist die Nagelprobe für Gott und die Menschen. Im gekreuzigten Jesus zeigt sich Gott in seiner ganzen Verletzlichkeit. Näher konnte er uns Menschen nicht kommen. Gottes wehrlose Liebe in Jesus hat heute ihre Nagelprobe bestanden: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“, lesen wir im ersten Petrusbrief (1 Petr 2,24; Jes 53,5). Unsere Verwundungen und Verletzungen vertrauen wir der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit an. Wir hoffen und vertrauen darauf: Gott selbst wird heilen. Er wird unsere Trauer in Freude, den Tod in Leben verwandeln.

 

Deshalb tragen wir heute alles zum Gekreuzigten, was uns bedrückt und belastet, was uns schmerzt und quält. Bei der Kreuzverehrung ist jeder von uns eingeladen, seinen Nagel beim Kreuz abzulegen. Die Verletzungen und Verwundungen unseres Lebens sind bei Jesus in guten Händen – in seinen aus Liebe verwundeten Händen. Er kann heilen, was verletzt ist.

 

In dieser österlichen Hoffnung tauschen wir gleich den Nagel gegen das kleine Gebetsbild. Es soll uns daran erinnern: Jesus hat die Verwundungen und Verletzungen unseres Lebens mit ans Kreuz getragen. Er wird sie heilen durch seine wehrlose Liebe, die er uns schenkt. Diese Zuversicht dürfen wir heute vom Kreuz mit nach Hause nehmen – hinein in unsere Häuser, unseren Alltag, unser Leben.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Das Kreuz des Christen ist ein Kreuz, über dem schon Ostern steht!“ ist auf der Rückseite des Gebetsbildes zu lesen. Dieser Satz stammt von P. Alfred Delp.

 

„Das Kreuz des Christen ist ein Kreuz, über dem schon Ostern steht!“ Mich persönlich begleitet dieser Satz seit vielen Jahren, wenn es das Leben nicht gut mit mir meint. Wenn Verletzungen schmerzen und Wunden ganz besonders weh tun.

 

Dann lautet die tröstliche Botschaft: Jesus, der Gekreuzigte, ist selbst verwundet und verletzt worden. Er weiß, was das bedeutet. Er fühlt mit. Er geht mit. Er trägt mit. Und mehr noch: Jesus, der Auferstandene, wird an den Wundmalen erkannt. Heute schmerzen die Verwundungen des Kreuzes. Übermorgen leuchten die Nagelwunden im österlichen Licht.


[1] Joseph Ratzinger, Schauen auf den Durchbohrten. Einsiedeln 1984, 41-59.

[2] AaO., 48.

[3] AaO., 49.

[4] AaO., 50.