Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,1-3

Pfarrerin Ksenija Auksutat (ev)

17.07.2011 Darmstadt-Wixhausen

Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

die evangelische Kirche ist immer auch eine Kirche  des Wortes gewesen. Im Mittelpunkt steht Gottes Wort. Es ist uns als Richtschnur und Hoffnungsspender gegeben. Als evangelische Christen sind wir beauftragt, berufen und in dazu begnadet, Gottes Wort in dieser Welt laut werden zu lassen.

Ich möchte darum heute an eurer Konfirmation mit euch über die Sprache sprechen. Die Macht der Worte.

Hören wir dazu den Predigttext.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“

(Johannes 1,1-5,14-17)

Diese Worte sind bekannt als Prolog des Johannesevangeliums.

Das Wort war am Anfang bei Gott. Gott schafft die Schöpfung mit seinem Wort.

Wenn wir Worte bilden, so gehen dem Sprechen Gedanken voraus. Bevor etwas gesagt wird, formt sich im Kopf der Gedanke, manchmal sagen wir auch etwas aus einem Gefühl heraus, aber in die Wirklichkeit entlassen wir dies, indem wir sprechen, uns mitteilen, andere teilhaben lassen an unseren Gedanken und Empfindungen.

Wir sprechen über Gottes Wort auch im Konfirmanden­unterricht. „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Aber es ist oft nicht so leicht zu verstehen. Darum müssen wir lernen, hinter die Worte zu schauen.

Ein bisschen wie mit unserem Glaubensbekenntnis. Ihr habt es auswendig gelernt. Aber was versteht ihr unter den einzelnen Aussagen? Es hat so wenig zu tun mit euren Stichworten wie Spaß und Liebe, Musik und Schule.

Und ich habe gemerkt, dass es euch überhaupt nicht leicht fällt, miteinander und mit mir zu sprechen über eure Gedanken, Überzeugungen.

Wenn im Religionsunterricht und in der Konfirmandenzeit die Erwachsenen mit euch Jugendlichen ins Gespräch kommen wollen, dann sagen viele Schüler: Ein Laberfach.

Aber sie und ich hier auch, wollen euch lehren, mit Worten klug umzugehen. Die Macht der Worte zu nutzen, für euch und für eine Zukunft zusammen mit anderen.

Wir haben Bilder. Ein Bild für den Frieden zum Beispiel: „Schwerter zu Pflugscharen.“ Diese Worte haben tausende von Menschen in der DDR dazu ermutigt, die Wende friedlich herbei zu diskutieren, in den Montagsdemos zu demonstrieren und mit Kerzen zu beten. Diese Worte haben mit zur Wende beigetragen.

Wir haben Bilder für die Liebe. „Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ In wie vielen Situationen ist dieses Paulus-Wort jemandem zum Ausdruck seiner Liebe, seiner Hoffnung, seines Glaubens geworden?

Wir haben Bilder für Leid und Tod. Gerade heute, am Sonntag vor der Karwoche. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In Schmerz und Angst haben wir Worte von Jesus selbst. Das ist der tiefe Zweifel in Momenten der Krise, wo einem alles abhanden gekommen ist, woran man sonst Halt fand. Auch das sind Worte von Gott, die wir Gott als Frage zurückgeben können, zuschreien, wenn es sein muss.

Diese Bilder der Sprache schenken uns den Glauben, der uns hilft „zu leben und zu sterben“, wie Martin Luther es einmal formuliert hat.

Die Macht der Sprache macht uns zu den Menschen, die wir sind. Es gibt einen sehr bekannten Poetry-Slammer, Bas Boettcher, er hat schon viele Preise gewonnen. Und Bas Boettcher sagt in seinem Text „Die Macht der Sprache“ etwas über seinen Blick auf unsere Worte:

(Einblenden von CD oder vorlesen durch zweite Stimme)

„Lerne ich meine Sprache neu kennen,

dann lehrt mich die Sprache mich neu zu kennen.

Das macht die Sprache, die Macht der Sprache.

Und glaube ich, ich beherrsche meine Sprache,

dann beherrscht womöglich meine Sprache mich.

Das macht die Sprache, die Macht der Sprache.

Und erweitere ich meine sprachlichen Möglichkeiten,

dann erweitert die Sprache meine Möglichkeiten,

das macht die Sprache auch, die Macht der Sprache.“

Na, verstanden?

Die Macht der Sprache lehrt einen, sich selbst neu kennen zu lernen.

Ich will mal ein praktisches Beispiel geben. Ich glaube, die Erwachsenen hier kennen das. Man guckt im Fernsehen eine Gesundheitssendung. Da ist von einer Krankheit die Rede, Ursachen, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten werden beschrieben. Und plötzlich denkt man, ich weiß gar nicht, könnte ich daran nicht auch leiden ohne es zu merken? Und sicherheitshalber macht man einen Termin für eine Vorsorgeuntersuchung. Man fühlte sich grade eben noch völlig normal und gesund, aber auf einmal schleicht sich so ein Verdacht ein. Das macht die Sprache, die Macht der Sprache.

Unsere Welt ist gefasst von Begriffen. Ohne Worte funktionieren nur noch Cartoons. Nicht mal ein Kunstwerk spricht aus sich selbst heraus. Zeitgenössische Kunst verweist auf einen Subtext, auf Bezüge zu anderen Arbeiten, zu Themen und Diskursen. Darum können so viele mit ihr nichts anfangen, es ist kompliziert sich dahinein zu lesen und denken.

Und so erscheint es manchen auch mit dem Wort Gottes. Fremd klingen manche Texte der Bibel. Aber sind sie so schwer zu verstehen?

Mark Twain, der amerikanische Schriftsteller, traf mal einen Mann, der sich über die Bibel beklagte. Besonders ärgerten ihn die Verse, die für ihn unverständlich waren.

Mark Twain hörte sich das an und antwortete ihm schließlich:  „Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern die Verse, die ich verstehe.“

Warum sagt er das so?

Die einfachen Gebote – klar zu verstehen, aber schwer einzuhalten, das macht Mark Twain Bauchschmerzen.

Und ich glaube, das trifft auch den Umgang mit Sprache über die biblischen Weisungen.

Gott hat uns zehn Gebote gegeben, seine Weisungen. Zum Beispiel: „Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht begehren das, was deinem Nächsten gehört.“

Auch  Jesus hat so vieles so klar gesagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was es uns so schwer macht, ist nicht der Sinn der Worte. Sondern das Eingeständnis, dass man sie nicht umsetzt, nicht lebt.

Klar, wir versuchen alle, Gutes zu tun. In der Hessenwaldschule gibt es fast jede Woche eine Schüler-Aktion, bei der Muffins und Kuchen verkauft und mit dem Erlös Hilfsprojekte für Bedürftige unterstützt werden. Aber mal ehrlich, so richtig hält sich doch keiner an Gottes Gebote und Weisungen, oder? Nicht mal die Pfarrerin!

Aber ist es darum egal was man sagt? Womit man sich entschuldigt? Oder herausredet („Ich war‘s nicht!“)

Und kann man darum sich immer weiter von der Bibel entfernen? Macht das denn überhaupt was?

Ja, es macht einen großen Unterschied woher wir unsere Gedanken nehmen, denn auch in Gedanken haben wir Worte. Und wenn wir nicht wissen woher die kommen, sind ihnen ausgeliefert. Wie Bas Boettcher es sagt:

„Und glaube ich, ich beherrsche meine Sprache,

dann beherrscht womöglich meine Sprache mich.

Das macht die Sprache, die Macht der Sprache.“

Worte bekommen Macht über unsere Gedanken und zugleich leiten sie das Handeln.

Die Kirchen haben nicht immer den sorgfältigen Umgang mit der Sprache gepflegt. Vor 35 Jahren erschien das Buch „Gottesvergiftung“ von Tilman Moser. Der Psychoanalytiker hatte offengelegt, wie der Glauben dazu missbraucht werden kann, Menschen Angst und ein schlechtes Gewissen einzuimpfen. Er wuchs in einer sehr strenggläubigen evangelischen Familie auf. In seinem Buch rechnete er mit Gott ab. Er schrieb:

„Aber weißt du, was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben? Es ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, dass du alles hörst und alles siehst und auch die geheimsten Gedanken erkennen kannst (...) Dein Hauptkennzeichen für mich ist Erbarmungslosigkeit. Du hattest so viel an mir verboten, dass ich nicht mehr zu lieben war.“

Elterliche und staatliche Macht hat sich über viele Generationen  hinweg über Machtansprüche, die Gott allein vorbehalten sind, legitimiert. Sie hat dabei ungezählte Seelen gedemütigt.

Moser selbst ist als Psychotherapeut durch diese Kritik hindurch gegangen, hat sich von den Verletzungen seiner Kindheit befreit. Er lebt für sich heute einen Glauben, in dem er ein freies Gottesbild zulässt und sich in Andachten übt.

Auf jedes Wort kommt es an. Auf jeden Gedanken, der sich hinter ausgesprochenen oder gedachten Worten verbirgt.

Wir können heute nicht mehr einfach so schweigen. Und ehrlich gesagt, tut ihr das auch nicht. An euren Handyverträgen ist mit am wichtigsten, wie viele Frei-SMS ihr habt. Und auf Schüler-VZ und Facebook gibt es mittags nach der Schule ein beinahe endloses Hin und Her der Worte.

Ihr tauscht euch aus, eure Gedanken und Gefühle, manchmal lästert ihr ab, ihr ätzt euch auch mal an. Worum geht es dabei oft? (Musik, momentane Stimmungen, nächste Vorhaben, …)

Und worum geht es euch eigentlich? Genau, es geht darum, angesagt zu sein, mitzuhalten, die Trends zu kennen, ihnen zu folgen oder aber sich bewusst abzusetzen vom Mainstream.

All das geht über eure Worte und die der anderen.

Warum bedeutet euch das so viel? Genau, aus dem gleichen Grund, wie groß und klein, alt und jung, Menschen überall auf der Welt ihre Sprache einsetzen. Sie wollen in dieser Welt leben, mit den anderen, nicht allein. Ohne Konflikte, ohne Angst. Sie wollen geliebt werden und sich entfalten.

Das Leben auf Erden besteht aus Kommunikation. Und die religiöse Sprache ist kein Geheimnis, kein Lehrtext, den man auswendig lernt. Sondern der Schlüssel zum Verständnis seines Lebens.

In der religiösen Überlieferung nicht nur Bibel sondern aller Religionen finden Menschen Antworten auf die drei berühmten Fragen von Immanuel Kant:

„Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Worauf dürfen wir hoffen?“

Was könnt ihr über euch wissen? Denkt dabei nicht nur an Zellchemie und Neurobiologie. Was wisst ihr davon, wer ihr selbst seid? Eure Identität, eure Persönlichkeit.

Und das Wort des Gottes, an den ihr glaubt, zu dem ihr euch eben in eurer Konfirmation bekannt habt, das findet ihr überall. In der Bibel, klar.

Aber auch in manchen Grundsätzen eurer Eltern und Großeltern. In Gemälden und Musikwerken. In Zitaten und Versatzstücken. In der Werbung („Süße Sünde“) und in Rocksongs (Highway to Hell” von AC/DC, „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin). Das Wort Gottes findet ihr in euren Fragen und Antworten. In Liebeserklärungen und Verwünschungen.

In diesem vielen Gerede erkennen, wozu Gott einen ruft, das ist die Kunst. Und danach zu handeln erst recht. Dazu gehört auch das rechte Hören. Aber - das ist eine andere Predigt.

Ich wünsche uns allen hier, dass wir von Gottes Fülle nehmen Gnade um Gnade. Sie nehmen und sie weiter geben, so wie der Evangelist Johannes es gemacht hat. Ich lese noch einmal daraus vor:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“

(Johannes 1,1-5,14-17)

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Gerede, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.