Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 53, 1-6

Pfarrerin Susanna Arnold-Geißendörfer (ev.-luth.)

18.04.2014 in St. Jakobus in Aschaffenburg-Nilkheim

Karfreitagsgottesdienst mit Chor 2014

Liebe Gemeinde,

worin liegt die größte Schuld der Menschen?

Sie liegt nicht darin, dass sie Böses tun. Sie liegt nicht darin, dass sie Böses zulassen. Für beides können sie etwas, aber sie können bereuen und unter Umständen wiedergutmachen.

Die größte Schuld der Menschen liegt in ihrer unkritischen Übernahme von Dogmen.

Putin erfährt Rechtfertigung, nachdem er sich auf der Krim durchgesetzt hat. Schon jetzt werden überall in der Welt Stimmen laut, die Verständnis für sein Verhalten zeigen und den angeblich europäisch ausgegrenzten, großen Nachbarn der Ukraine, Russland, in Schutz nehmen. Sie anerkennen die Deutung der Lage durch den russischen Machthaber: Die Ukraine habe sich zu eilig an den europäischen Westen angebunden, den russlandtreuen Machthaber Janukowitsch zu Unrecht in die Wüste geschickt und die russischen Interessen innerhalb des Landes zu wenig berücksichtigt.

Das Prinzip, nach dem hier vorgegangen wurde, ist recht einfach: Putin hat Erfolg, so ist sein Dogma wahr. Dass der Erfolg unter massivem Druck zustande gekommen ist, das wird aus taktischen Gründen verschwiegen; es wird verschwiegen, weil man dem Dogma eines benachteiligten Russlands erliegt.

Dass Dogmen Menschen in ihrem Wahrheitsempfinden beeinflussen, ist nicht neu und lesen wir schon beim Propheten Jesaja:

„Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre…“

Der Prophet sieht sich als Teil einer Gesellschaft, in der man erfolglose und durch Krankheit gezeichnete Menschen für von Gott verlassene Personen hielt. Das war das Dogma der Zeit. Hiob war ja auch dieser Meinung. Er konnte sein persönliches Unglück nicht in sein vorgebliches Gottvertrauen einordnen.

Zu diesem Dogma gehörte auch, dass Gott ein ganzes Volk bestrafen würde, wenn es sich nicht nach seinen Maximen richtete. Jesaja korrigiert jedoch dieses Dogma dahingehend, dass das Leiden des Gottesknechtes nicht etwa Gottes Strafe war, sondern eine Folge seiner eigenen Ichbezogenheit und Gottvergessenheit. Gleichzeitig löst er das Dogma vom Zusammenhang von Schuld und Strafe einfach auf: Das vermeintliche Opfer göttlicher Strafe wird eines Tages sogar Rechtfertigung erhalten. Gott würde es doch nicht übers Herz bringen können, eine einmal gemachte Zusage an Israel: Du bist mein auserwähltes Volk, Lügen zu strafen. Hören wir aus Jesaja 53: …

Da ist einer, dem geht es schlecht. Es muss nicht eine einzelne Person gewesen sein, es kann genauso gut das ganze Volk gewesen sein. Es kann ganz Israel gewesen sein, wie es einst von Gott auserwählt war, nun aber zerschmettert, in alle Winde zerstreut und ein Bild des Jammers ist. Israel trug die Folgen seiner verhängnisvollen Politik und musste dafür bezahlen. Das war seine Krankheit. Für viele sah es so aus, als ob Gott selber seine Hände im Spiel gehabt hätte. Jesaja hält dagegen: Es war der Weg eigensüchtiger Menschen, der ein so großes Unglück provoziert hatte: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“

Dann lenkt der Prophet den Blick in eine andere Richtung: Eigentlich müssten die Menschen aufhören, im Unglück zu baden und sich als gottverlassene Opfer zu stilisieren. Sollten sie doch die Erwählung erinnern, die sie früher einmal in das Land ihrer Freiheit geführt hatte: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein,… dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten.“ Gottes Knecht Israel ist mehr als man ihm jetzt ansieht. Jesaja warnt vor einem Dogma, das den Untergang eines Reiches als endgültig versteht, dem man nur tatenlos begegnen kann. Er vermutet auch beim leidenden Gottesknecht, beim zerrissenen Volk Israel, eine neue Form der Gegenwart Gottes, jedoch keine erhabene, sondern eine mitleidende Gegenwart.

Die spätere kirchliche Interpretation hat das Gottesknechtslied Jesajas nicht nur geradlinig auf Jesus weiter ausgezogen, sondern die Gottesvorstellung, der ein Opfer benötigte zur Versöhnung mit den ungehorsamen Menschen, sogar noch weiter verfestigt. Sie hat behauptet, dass Gott wollte, dass ein Volk litt und dass Jesus litt. Dass Jesus ein Opfer bringen musste, um einen Ausgleich zu schaffen zwischen dem Schöpferwillen Gottes und dem inadäquaten Verhalten seiner Geschöpfe. Vergessen waren sämtliche Bundesschlüsse Gottes mit den Menschen, die den Gedanken einer Wiedergutmachung für alle Zeiten hinfällig gemacht hatten! Kirchenlieder wie: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld….“, wärmen den Gedanken einer blutigen Versöhnung zwischen Gott und Menschheit auch wieder auf. Bis auf den heutigen Tag quält viele Menschen die Phantasie, dass Jesu Tod am Kreuz von Gott beabsichtigt gewesen sei und ein Zeichen der notwendigen Wiedergutmachung menschlicher Schuld. Dass dadurch das Dogma des verhängnisvollen Zusammenhangs von Schuld und Leid weiter stabilisiert wird wie bei Hiob und tatsächliches Leid emotional wunderbar ignoriert werden kann, ist die unbarmherzige Folge.

Der Opfergedanke aber ist es auch, der Menschen verrückt macht und an Gott zweifeln und verzweifeln lässt. Darum verlassen wir dieses unselige Dogma und fragen uns, ob es nicht immer schon Menschen gegeben hat, die

den gekreuzigten Jesus nicht als Gottes Opfer, sondern vielmehr als Opfer eines Dogmas eines gnadenlosen Gottesbildes sahen.

Und da waren sie tatsächlich. Es waren die Trauernden unter dem Kreuz, es war Jesu Mutter, es war Jesu Jünger Johannes, es war Maria von Magdala. Es waren jene, die sich an der Niederlage des Kreuzes nicht stießen und ihre Wahrheit: Hier ist Jesus, der Christus, auch durch den tödlichen Misserfolg nicht zerstören ließen. Es waren jene, die im Leiden Jesu nicht seine Verworfenheit, sondern seine Nähe zu Gott und den Menschen sahen, die im Leiden Jesu Gottes Mitleiden am menschlichen Elend entdeckten.

Musik

Die größte Schuld der Menschen liegt in ihrer unkritischen Übernahme von Dogmen. Sie mögen es gedankenlos tun oder aus Angst um sich selber, aus Angst vor zu viel Nähe mit dem Problem eines anderen oder aus Angst vor einer ungewohnten Freiheit. Trotzdem bleibt es eine Schuld, wenn Menschen sich mit der eiligen Erklärung eines Problems aus der Affäre stehlen. Wo einem Problem mit einem Dogma begegnet wird, dort wird dem Problem in Wahrheit ausgewichen. Wo Leiden mit einem Dogma begegnet wird, dort wird dem Leiden in Wahrheit ausgewichen. Wo Leiden begründet wird, weil es dem Dogma entspricht, dass Leiden einen Grund haben muss, da hat sich einer sein Mitgefühl gespart.

Leiden verdient aber keine Begründung. Leiden muss als solches ernst genommen werden. Leiden muss, um ausgehalten zu werden, mitgefühlt werden. Es heißt nicht zufällig: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Es wird etwas abgegeben vom eigenen Leid dadurch, dass es mitgeteilt wird, dass es bei einem Gegenüber ankommt.

Das Besondere am Tod Jesu am Kreuz ist es, dass Gott hier nicht der Erhabene ist, sondern dass er dieses Leid wie am eigenen Körper sieht und selbst erfährt, dass er regelrecht mitleidet.

Leiden ist in Wahrheit nur auszuhalten, wenn wir daran entdecken können, dass auch Gott mitleidet. Menschliches Leid ist nur auszuhalten durch das Mitleiden Gottes. Es ist auszuhalten, wo Gott sich gerade nicht als der Erhabene zeigt. In Jesus am Kreuz leidet Gott selber und sein Mitleiden ist ein völliges Verstehen des Menschen, ein völliges Aufgehen im Menschlichen, ein völliges Einswerden mit dem Menschen. Einen anderen Sinn hat das Kreuz Jesu nicht. Und genau so spendet es Menschen in ihrem Leid Trost.

„Fürwahr, er trug unsere Krankheit, aber wir hielten ihn für den, der von Gott gemartert und geschlagen wäre…. Durch seine Wunden sind wir geheilt…“ Geheilt von der Phantasie, dass Gott rachsüchtig ist, geheilt von dem Irrtum, dass nur, wer immer oben auf ist und nicht leidet, ein gottgeliebtes Wesen ist, geheilt von einem erhabenen Gottesbild, geheilt von der Unmenschlichkeit der Dogmen, die Gottesnähe und Mitleid verhindern.

Amen