Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 31,31-34

Pfarrer Harald Apel


Liebe Kinder, liebe Gemeinde,

Die folgende Geschichte erzählt, wie aus zwei Vertragspartnern Freunde werden. So ähnlich stellt sich Jeremia auch das neue Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk einmal vor. Man tut etwas für den anderen, nicht weil man dafür belohnt wird, sondern weil man ihn sehr gern hat. Aber hört die Geschichte:

Tobias greift in seine Hosentasche. Seine Hand badet in Eurostücken. 40 Euro in Münzen sind eine ganze Menge Geld für einen, der gerade mal 12 Jahre ist. Dabei sind die 40 € nicht etwa Taschengeld. Das erhält Tobias eher dürftig und unregelmäßig. Nein, die 40 € sind ehrlich verdientes Geld. Tobias ist seit ungefähr fünf Wochen Geschäftspartner. Mit einem richtigen Vertrag und zwei Unterschriften. In dem Vertrag steht: “Zweimal in der Woche, montags und freitags, kommt Tobias Schwert zu Herrn Ulrich Billing und liest ihm jeweils eine Stunde aus Zeitungen vor. Der Stundenlohn beträgt 4 €.”

Tobias liest gern, und dass er jetzt sogar noch Geld dafür kommt, ist ein richtiger Glücksfall.

Am Zeitungskiosk hatte ihn Herr Billing in der Schlange angesprochen. “ Kannst du mir mal helfen?”, hatte er gesagt. “ Meine Augen sind ziemlich schwach.” Und er hatte ihm seine Geldbörse hingehalten und gefragt: “Werden das noch 8 € in Kleingeld?” Tobias hatte kurz nachgezählt und gesagt: “Ja, das ist sogar noch mehr”. Dann hatte der ältere Herr “Danke” gesagt und sich wieder umgedreht. Eigentlich wäre das alles nichts weiter als ein kurzer Moment mit ein paar flüchtig gewechselten Worten gewesen, wenn Tobias nicht anschließend immerzu überlegt hätte: Wenn er die Geldstücke nicht erkennen kann, wie will er dann die vielen Zeitungen lesen, die er unterm Arm hat? Vielleicht liest er mit einer extra großen Lupe. Aber das ist sehr mühselig. Vielleicht schaut er sich nur die Bilder an, oder er hat eine Frau, die ihm vorliest? Irgendetwas in Tobias zwickte und stichelte: “Frag´ ihn. Sonst wird es für dich immer ein Geheimnis bleiben. Er hat dich schließlich auch angesprochen. Na los! Mach! Gleich ist er dran.”

“ Darf ich sie auch mal etwas fragen?”, hörte sich Tobias wie einen Fremden fragen und staunte über seinen Mut. Der alte Mann drehte sich um, so als hätte er nur auf diese Frage gewartet und sagte: “Ja, bitte.”

Als Tobias die schwachen Augen und die vielen Zeitungen in den rätselhaften Zusammenhang brachte, hörte er zunächst nur ein Seufzen. Aber dann erfuhr er so viel von Herrn Billing, dass sie sich nach dem Bezahlen sogar noch auf die Parkbank setzen mussten, um ihr Gespräch nicht vorzeitig zu beenden. Tobias erfuhr, dass Herr Billing früher selbst bei einer Zeitung gearbeitet hatte und dass er aus alter Gewohnheit die Zeitungen kaufte, aber eigentlich nur noch die ganz großen Überschriften lesen konnte. “Die Augen, sie sind alt. Sie haben zuviel gesehen und sind müde geworden. Aber trotzdem ist die Neugier geblieben.”

Und so wie das Gespräch begonnen hatte, endete es mit einem Seufzen.

Erst hatte Tobias sich angeboten ab und zu einmal zum Vorlesen zu kommen. So ging es vielleicht vier Wochen. Aber nachdem Herr Billing zweimal vergeblich auf Tobias gewartet hatte, war diese Vertrag aufgesetzt worden. “Junge Leute brauchen immer Geld und Pflichten. Alte Leute brauchen immer Neuigkeiten. Ich glaube, es ist ein guter Vertrag, denn er nützt beiden”, hatte Herr Billing gesagt, nachdem er unterschrieben hatte.

Auch heute war Tobias wieder auf dem Weg zu Herrn Billing. Aber vor seinem Haus stellten sich plötzlich drei größere coole Jungen vor Tobias auf.

“ He, Taschenkontrolle!”, rief einer von ihnen. Tobias wurde in den Hofeingang geschubst.

“ Eh, was wollt ihr von mir?”, konnte Tobias gerade noch sagen, aber da hatte ein anderer schon seinen Arm gepackt und nach hinten gedreht.

“Das werden wir gleich sehen, wenn wir deine Taschen kontrolliert haben!”, bekam er zur Antwort.

Einer der größeren Jungen griff in Tobias Hosentasche und rief: “ Oh ich, glaube ich weiß, was wir wollen.” Dabei holte er die erste Hand von Münzen hervor.

Tobias war so wütend, dass er anfing mit den Füßen zu stoßen. Aber es nützte ihm nicht viel. Er muss es geschehen lassen, wie die anderen seine Taschen leerten.

“ Und wehe zu irgend jemanden ein Wort. Wir finden Dich!”, zischte einer der Räuber ganz dicht vor seinem Gesicht.

Gerade wollten die drei sich aus dem Staub machen, da war eine scharfe und feste Stimme zu hören: “Moment meine Herren! So nicht!”

Es war Herr Billing. Er hatte aus dem Fenster gesehen, was hier geschah und war heruntergekommen.

“He, Opa, halt dich da raus!” rief einer der Großen.

“ Zu spät, meine Herren. Wer meinen Enkel ausraubt, der muss sich auf Ärger einstellen”, sagte Herr Billing. Tobias staunte über den Mut des alten Mannes.

“Wie willst Du uns denn Ärger machen, Opa?”, bekam er höhnisch zur Antwort.

Aber ohne Wut und immer noch mit fester Stimme sagte er:

“Seht ihr das Fenster da oben. Ein herrlicher Platz. Von dem man alles überblicken kann.”

“Na und?”, blaffte einer der Großen.

“ Als Reporter will man sich ja nichts entgehen lassen, und deswegen liegt dort oben immer meine Kamera bereit. Falls mal was besonderes passiert”, sagte Herr Billing mit sehr belanglos klingender Stimme.

Eine Weile war es still. Dann brach es aus einem der Übeltäter hervor:

“Du hast uns fotografiert, während wir hier ...”, dann wusste er nicht weiter.

“Ja, ihr seid übrigens alle hervorragend getroffen.”

Jetzt sah man unendliche Wut bei denen, die eben noch so cool gewesen waren.

Einer zischte nur: “Oh Alter”.

Herr Billing sagte nur: “Übrigens, die Polizei müsste gleich hier sein. Ich geh schon mal die Kamera holen. Zum Beweis. Ihr werdet ja sicher alles abstreiten.”

Noch nie hatte Tobias große coole Jungs so schnell laufen sehen.

Als Tobias mit Herrn Billing allein war, seufzte er: “Das war Rettung in höchster Not, nur schade, um das schöne Geld”.

“ Geld ist nicht alles.”, sagte Herr Billing mit fester Stimme und legte ihm die Hand auf die Schulter.

“Stimmt” sagte Tobias und dachte daran, dass Herr Billing eben gesagt hatte; wenn ihr meinen Enkel ausraubt.

Als die zwei in der Wohnung waren, wollte Tobias die Kamera und die Bilder sehen. Aber Herr Billing sagte nur: “Ach, du weißt doch meine Augen. Was soll ich mit einer Kamera!”

Einen Augenblick stutzte Tobias, und dann begannen beide lauthals zu lachen.

Sie sahen in diesem Moment beide die coolen Jungs noch einmal ganz uncool davonlaufen.

Noch am gleichen Tag hat Tobias den Vertrag mit Herrn Billing zerrissen.

Er will kein Geld mehr fürs Vorlesen. Und wenn er sich jetzt von Zuhause verabschiedet ruft er nur: “Ich gehe zu meinem Zeitungsopa!”