Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Das beste Weihnachtsgeschenk"

Holger App (ev)

24.12.2011 in der evangelischen Wichern-Gemeinde in Frankfurt-Praunheim

Christvesper 2011

Das beste Weihnachtsgeschenk

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Liebe Gemeinde,
wir feiern heute den Heiligen Abend, der in unserer Tradition der Tag ist, an dem wir unseren Lieben Weihnachtsgeschenke überreichen. In den meisten Ländern ist dies übrigens nicht üblich – so werden bei unseren Nachbarn Geschenke erst an Weihnachten, also am 25. Dezember verteilt. In Südamerika müssen sich die Kinder sogar bis zum 06. Januar gedulden – brachten doch nach der biblischen Überlieferung die Heiligen Weisen aus dem Morgenland dem Jesuskind und seinen Eltern wertvolle Geschenke.

Geschenke sind – an welchem Tag auch immer - ein wichtiger Bestandteil von Weihnachten. „Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben“ – so drückt Paul Gerhard die Wichtigkeit des Schenkens im Zusammenhang mit Weihnachten aus. Schenken gehört zur menschlichen Kultur unbedingt dazu. Selbst Staatsoberhäupter haben sich zu allen Zeiten gegenseitig beschenkt – um ihren Respekt auszudrücken und den Beschenkten in eine friedliche Stimmung zu versetzen. Geschenke sind Zeichen des Friedens und Frieden ist doch das, was wir uns, was sich die Menschen zu allen Zeiten, vor allem zu Weihnachten gewünscht haben.

Waren früher Apfel, Nuss und Mandelkern noch völlig übliche und akzeptierte Geschenke, so wurden in den letzten Jahren die Wünsche immer teurer. Der Apfelprangt heute angebissen als Firmenlogo auf den Smartphones und Tablet-PCs, die bei vielen Jugendlichen ganz oben auf der Wunschliste für dieses Weihnachtsfest standen.

Von daher war es vermutlich nur konsequent, wenn eine große Elektronikkette dies in ihrer Werbung aufgegriffen hat und im Fernsehen und auf Plakaten groß verkündete: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“. Aber diese Werbung stieß auch auf negative Reaktionen: noch nie gingen so viele Beschwerden in so kurzer Zeit beim Deutschen Werberat ein wie anlässlich dieser Kampagne. Und ich muss gestehen: auch ich habe mich über diese Werbung erst mal gründlich geärgert. Geht es denn nur noch um Kommerz an Weihnachten? Dass Weihnachten uns einen Anlass bietet, unseren Lieben zu zeigen, dass wir sie schätzen, ist bei aller Kommerzialisierung aber eine gute Sache. Deshalb will ich und werde ich mir von der Werbung die Freude am Schenken nicht kaputt machen lassen.

Für einen Händler, wie diese Elektronikkette gilt der alte lateinische Satz als Grundgesetz seines Handelns: „do ut des – ich gebe, damit du gibst“. Der Händler gibt uns die von ihm feil gebotene Ware, um dafür unser Geld zu erhalten. Das ist der ganz normale Alltag. Aber Weihnachten ist mehr als Alltag, es ist ein Fest. Und mit jedem Geschenk, das wir machen und das wir erhalten, zeigen wir doch, dass unsere Wirklichkeit eben nicht nur aus marktkonformen Handlungsweisen besteht: ich gebe ein Geschenk eben gerade nicht, um damit eine konkrete Gegenleistung auszulösen. Geschenke sind vielmehr Ausdruck von Beziehungen, deren Wert sich nicht in Geld oder Nützlichkeit ermessen lässt. Die Qualität einer Beziehung erweist sich dabei oft nicht allein darin, was man verschenkt, sondern auch und gerade darin, wie der Beschenkte unsere Gabe annimmt. Es gibt Geschenke, die unsere Hoffnungen nicht erfüllen: das Buch, das ich schon habe, der Duft, den ich noch nie mochte und doch jedes Jahr wieder bekomme, das Kleidungsstück, das mal wieder zwei Nummern zu groß oder zu klein ausgefallen ist – die meisten von Ihnen werden sich wahrscheinlich an einen Fall erinnern können, wo nach dem Auspacken die Enttäuschung erst mal die Freude überwog. Und trotzdem: das Geschenk war ein Zeichen der Liebe und des Respekts und diese Gefühle des Schenkenden gilt es vielleicht mehr zu betrachten als den Gegenstand, den sie oder er mit mehr oder weniger Fortune wählte, um diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Schenken und sich beschenken lassen sind Grundlagen der menschlichen Existenz. Wir sind als soziale Wesen geschaffen; so erlebe ich mich immer wieder als abhängig von meinen Mitmenschen: als Kind war ich auf die Fürsorge meiner Eltern angewiesen, als Erwachsener brauche ich den Austausch mit anderen, um nicht geistig und seelisch zu verkrüppeln, als alter Mensch werde ich wahrscheinlich noch einmal in ganz elementarer Weise auf die Hilfe und Solidarität anderer Menschen angewiesen sein.

Liebe, Verbundenheit, Solidarität – das sind lebenswichtige Dinge, die es in keinem Laden zu kaufen gibt. Doch manchmal gelingt es uns, mit unseren Geschenken genau diese Werte auszudrücken. Vor einiger Zeit erwähnte ich mal gegenüber einem Freund, dass mich ein bestimmtes Buch interessiert, das aber leider im Handel vergriffen sei. Am darauffolgenden Geburtstag hatte er dieses Buch für mich aus einem modernen Antiquariat besorgt. Es war nicht nur das Buch selbst, das mich so freute: es war viel mehr die Aufmerksamkeit, die mich so rührte. In einem solchen Moment spüre ich die unauflösliche Verbundenheit mit meinen Mitmenschen, da begegnet mir in meinem Nächsten Gott, es ist ein Gefühl, wie vom Flügel eines Engels gestreift zu werden.
Und nicht nur wir Menschen beschenken uns. Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir gesungen: „Lobt Gott Ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron / der heut schließt auf sein Himmelreich / und schenkt uns seinen Sohn.“ Das ist das eigentliche Weihnachtsgeschenk! In der Erinnerung an dieses Geschenk Gottes beschenken wir uns gegenseitig zu Weihnachten. Und im Gedenken an dieses Geschenk Gottes an die Menschen, bitten wir jeden Sonntag im Gottesdienst in der Kollekte um Ihre Geschenke für Menschen, mit denen wir oft nicht unmittelbar verbunden sind. In der Kollekte, um die wir Sie auch heute wieder bitten werden, geht es nicht in erster Linie ums Geld. Es geht vielmehr um die Erinnerung an das Geschenk, das Gott uns mit Jesus Christus macht und es geht darum, zu zeigen, dass wir dieses Geschenk von Herzen annehmen, in dem wir mit anderen teilen. Daher finde ich es eine schöne Tradition, dass wir in der evangelischen Kirche seit nunmehr über 50 Jahren am Heiligen Abend und an Weihnachten um Ihr Geschenk an die Menschen der Welt bitten, das durch das Hilfswerk „Brot für die Welt“ verteilt wird.

Einige werden vielleicht denken: „arm bin ich selbst – da habe ich nichts übrig“. Ja, es gibt bittere Armut auch in unserem Land, in unserer Stadt, in unserem Stadtteil. Jesus sagt denjenigen, die trotz eigener Armut noch spenden zu, dass ihre Gabe bei Gott ganz besonders zählt. Großzügigkeit bemisst sich für jeden anders. Da mag – in Anbetracht der Möglichkeiten – derjenige, der 100 Euro gibt knausriger sein als jemand, der nur wenige Cent einlegt. Andere werden vielleicht denken: „mit meiner Kirchensteuer gebe ich doch schon genug“. Denen möchte ich von Herzen dafür danken, dass sie mit ihrer Kirchensteuer dazu beitragen, die Strukturen zu unterhalten, die es der Kirche ermöglichen, unsere Kollekten nahezu ohne Abzug von Verwaltungskosten direkt dem Spendenzweck zuzuführen. „Land zum Leben, Grund zur Hoffnung“ – die wachsende Armut der Landbevölkerung steht im Zentrum der diesjährigen Spendenkampagne. Die Hirten auf dem Felde – sie beschenken wir mit unseren Gaben in diesem Jahr.

Weihnachten wird nicht erst unterm Baum entschieden, Weihnachten ist längst entschieden. Es wurde entschieden im Stall von Bethlehem, wo Hirten vom Felde erkannten, dass mit Jesus ein Mensch in die Welt gekommen war, der ihr Leben und das Leben vieler verändern würde. Es wurde entschieden durch die drei Weisen, die dem Stern folgten, weil sie erkannten, dass mit Jesus der Friede Gottes in die Welt gekommen war, der höher ist als alle Vernunft und größer als alle weltliche Macht.

Ich hoffe, dass wir nachher nicht nur auf die wunderschönen und mit viel Mühe glitzernd eingepackten Geschenkpakete schauen, sondern vor allem auch an das eine herrliche Geschenk denken, welches Gott uns macht, in dem er in Jesus Christus als Kind in der Krippe in die Welt kommt. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den Geschenken, die Sie erhalten, die Liebe erkennen, die der Schenkende damit ausdrücken will. Ich bitte Gott um die Gnade, dass diejenigen, für die wir Geschenke ausgesucht haben, die Zuneigung spüren, mit der wir beim Aussuchen an sie gedacht haben. Wenn wir Liebe, Gnade und Zuneigung in unseren Geschenken ausdrücken und erfahren – dann kann kein Kommerz, kein Werbespruch, der biblischen Weihnachtsbotschaft etwas anhaben. Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Heiligen Abend mit schönen Geschenken und ein frohes Weihnachten.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.