Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10

Pfarrer Ottmar Arnd


Dienstag, 29. August im Jahr 2000 nach Christi Geburt Pfarrhaus Neunkirchen Telefonat mit der Wella AG in Darmstadt. Es geht um letzte Absprachen für das Konfirmanden-Praktikum: "Bin ich schön". Mit den Konfirmanden möchte ich mich über ihre Schönheitsideale unterhalten, diskutieren und als Abschluss nach Darmstadt fahren, um vor Ort eine Firma kennen zu lernen, die "in Schönheit macht", wie man so sagt. Doch leider bekomme ich eine Absage. Die Frau, mit der ich im Frühjahr sprach, ist inzwischen ausgeschieden und kann deshalb die Zusage von damals logischerweise nicht einhalten. Ausserdem will die Wella AG umbauen, sich vergrößern. Ich solle mich frühestens im Frühjahr 2002 wieder melden. "Okay," sag ich, "wird gemacht". Und füge hinzu: "Wenn ich dann noch lebe!" "Aber Herr Pfarrer, sie haben doch den Draht nach oben, da wird doch was zu machen sein, in Sachen langes Leben, oder?", meint die Frau am andren Ende der Leitung. Und ich sehe sie dabei förmlich schmunzeln......

Jaja, der berühmte Draht nach oben, die direkte Verbindung zum lieben GOTT die Pfarrern im besonderen und Christen im allgemeinen mit einem Augenzwinkern nachgesagt werden. Der Kontakt zu GOTT als direkte Lebensversicherung: Wer an GOTT glaubt, lebt länger, weil der die Seinen nicht vergehen lässt. Zumindest nicht so schnell wie die, die sich nicht an ihn halten... Ja, das wärs doch - da würden die Eintrittszahlen von Mutter Kirche wohl endlich wieder in die Höhe schnellen, wenn es da einen kausalen Zusammenhang gäbe. Durch den direkten Draht länger leben - Schön, wenns so wäre.

Donnerstag, 10 Juno 1999 nach Christi Geburt. MPS Gadernheim
Seine Augen blitzen. Der 15jährige hebt an zu sprechen: "Lieber reich und gesund als arm und krank!" Er hat die Lacher auf seiner Seite. Die Aufgabenstellung lautete:
Nennt mir doch mal euer Lebensmotto, falls ihr eins habt. "Lieber reich und gesund als arm und krank!" Klasse. Das ist's doch.
Geschickt hat er das Weichei-Sprichwort: Lieber arm und gesund als reich und krank umgestellt. Mit großer Zielgenauigkeit hat der Schüler erkannt, was zählt: Gesund sein und obendrein möglichst viel Kohle haben. Gesundheit und Geld - eine magische Verbindung. Wenn das für jeden gelten würde... (Schön, wenns so wäre)

Jerusalem, vielleicht Freitag, sagen wir 15. März, kann sein im Jahr 50 nach Christi Geburt. Ein Gelähmter sitzt vor dem Tempel, um Almosen zu erbetteln bei denen, die in den Tempel gehen. Er sieht Petrus und Johannes, die vorhaben im Tempel zu beten, und ruft ihnen zu:" Habt ihr mal ne Mark?" Und so geht die Geschichte weiter. (Acta 3(4a).1-10)

Meine Güte, was für eine Begegnung. Fast so wie ein 6er im Lotto, bloß dass dem Gelähmten am Ende etwas viel Wertvolleres als Gold und Silber geschenkt wird: Die schon lange abgeschriebene Gesundheit, das Ende einer entwürdigenden Qual. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Seine Reaktion legt Zeugnis dafür ab. Petrus und Johannes - die beiden waren in der Tat ein Volltreffer für den gelähmten Mann: Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir.: Im Namen Jesu von Nazareth: Steh auf und geh umher....

Meine Güte: Wie oft hab ich mir das schon gewünscht, wenn ich vor Krankenbetten gesessen habe. Jetzt, als Christ, einfach die Hand auflegen, Jesus Christus darum bitten, dass er das Wunder möglich werden lässt und Heilung schafft. Aber es ist leider nichts passiert.
"Im Namen Jesu Christi, steh auf und geh umher!" Es mag ja da oder dort in der Welt auch heutzutage solche wundersamen Krankenheilungen gegeben haben, aber bei Ihnen und mir? Sie und ich legen Kranken die Hand auf, sie schauen uns in die Augen, sprechen jene Formel, und... Schön wenns so wäre

Wir können uns so etwas nicht mehr leisten. Aus welchen Gründen auch immer. Aber da ist noch jener andre Teilsatz des Petrus, der mich doch nicht völlig gefrustet aus dieser schönen Erzählung herauskommen lässt...

Was ich habe, gebe ich Dir.
Was können wir Christen des 2. Jahrtausends nach Christi Geburt anderen geben, das ihnen etwas gibt?
Was ich habe, gebe ich Dir....
Christen können zunächst einmal für andre beten.
Ich weiss in einer mehr oder minder materialistisch gesinnten Gesellschaft mag das dem einen oder anderen nur ein müdes Lächeln entlocken: "Für jemanden beten - was bringt das schon?" Und anstelle zu sagen: Ich bete für dich, sagt man heutzutage ohnehin lieber - Ich drück dir die Daumen. Das ist unverfänglicher. Aber man sollte die Kraft des Gebetes nicht unterschätzen. Der eine oder andre hat das auch zu mir oder zu meiner Frau gesagt, wegen unsrer Tochter Helen. Und was soll ich ihnen sagen: Der Gedanke, dass viele Gemeindeglieder uns in ihr Gebet einschließen, hat uns Kraft gegeben... Ich denke, für andere zu beten, ist eine starke Sache, die Menschen einen positiven Schub geben kann...

Was ich habe, gebe ich Dir...
Christen können anderen Zeit schenken. In Zeiten wie den heutigen, in denen man oft nur noch aneinander vorbeihechelt - auch Pfarrer tun das oft genug - sollten Christen viel bewußter mit der Zeit umgehen, sollten da sein für ein gutes Gespräch mit einem, der es gerade jetzt braucht. Dem andern Zeit schenken, ohne auf die Uhr zu schauen. Ganz bewußt für den andern da sein. Für den, der mich jetzt braucht. Menschen die einen andern brauchen, registrieren sehr genau, wie er auf Signale von ihnen reagiert. Da muss ein Pfarrer eben auch mal zwischen zwei Hochzeiten Zeit haben, wenn eine Sterbende nach ihm verlangt.

Wladimir Putin hat in dieser Richtung leider versagt. Er nahm sich keine Zeit für die Hinterbliebenen der Kursk, des russischen Atom U-Bootes. Und er wird daran zu knabbern haben, denn er hat die Menschen damit zutiefst verletzt.

Meine Konfirmanden haben es da jedenfalls besser gemacht. Zwei von ihnen wurden bei der letztjährigen Erntedanksammlung von einer älteren Frau ins Haus gebeten. Sie wohnt alleine, ihr Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Die beiden schauten nicht auf die Uhr, sie gingen mit hinein, und schenkten der alten Frau 45 Minuten ihrer Zeit. Ihren Eltern erzählten sie nachher von den glänzenden Augen der Frau, von der Dankbarkeit die von ihr ausging, von den durchaus interessanten Dingen, die sie zu erzählen hatte und davon was für ein tolles Gefühl es war, einem andern mit läppischen 45 Minuten etwas Gutes zu tun. So einfach kann das manchmal sein, unsere Welt freundlicher zu machen.

Was ich habe gebe ich Dir..
Christen können besonders darauf achten, dass andere Würdigung erfahren. Heute wird vieles selbstverständlich genommen, das gute aufbauende Wort zu oft runtergeschluckt. Alles selbstverständlich genommen. Auch und gerade am Arbeitsplatz. Da werden ja heute, egal wo, gewaltige Anforderungen gestellt. Christen können aufpassen, dass Menschen nicht instrumentalisiert werden, dass sie nicht das Gefühl haben völlig austauschbar zu sein. Nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Nein, so nicht. Sondern ein wichtiger Mitarbeiter. Hier mal ein gutes Wort. Da mal ein aufmunterndes Kompliment. Hier mal die Frage nach dem Befinden, dort der Tip wie man jenes vielleicht noch besser machen kann. So stelle ich mir einen echten christlichen Unternehmer vor. Klischeehaft, ich weiss. Aber einer, der sich um seine Leute sorgt, der sie nicht nur nach Effektivität beurteilt, so einer tut gut. Wobei ich denke, dass dieses würdevolle Miteinanderumgehen durchaus auch Konsequenzen für die Gesamteffizienz eines Betriebes haben wird: Mitarbeiter, die sich anerkannt fühlen, arbeiten erwiesenermaßen besser, weil sie den Begriff der Corporate ldentity verinnerlicht haben: Ich bin ein wichtiger Mitarbeiter. Gemeinsam arbeiten wir am gleichen Ziel. Jeder auf seine Weise. Und der andere kann sich auf mich verlassen. Würdigung in der Arbeitswelt und anderswo - kann es etwas Wichtigeres und Aufbauenderes geben? Weil Christen von GOTT durch Jesus Christus in besonderer Weise gewürdigt wurden und werden, können sie diese Haltung eigentlich besonders gut leben...

Was ich habe, gebe ich Dir..
Ja - Christen können gerade heute anderen eine Menge geben. Womöglich schaffen sie nicht solche spektakulären "Events" wie Petrus und Johannes. Aber das andre, das können sie schaffen, das können sie anderen geben: Das Gebet. Zeit. Würdigung. Und das Allerbeste dabei ist doch, dass wir Christen dabei von IHM, unserem Herrn, soviel von seiner guten Kraft anvertraut bekommen. Immer wieder. Und immer wieder neu.

Schön, dass es so ist.