Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 4. Mose 6,22-27

Pfarrer Ottmar Arnd

17.06.2001 in der Evang. Kirchengemeinde Neunkirchen, Modautal

Life tastes good - Das Leben schmeckt gut. So macht momentan Coca Cola Werbung für sein Produkt. Das Leben schmeckt gut. Und wann? Natürlich dann, wenn man bei 3 Grad ne Cola und ein attraktive Brünette in seinem eingeschneiten Auto zur Verfügung hat. Zumindest will uns das der Konzern suggerieren. Wobei ich sagen muss, dass mein Leben wirklich ärmer wäre ohne Coca Cola. Aber dass dadurch das Leben als solches besser schmeckt??

Life tastes good. Ob das Erich K. auch so sehen würde? Er hat andre Erfahrungen gemacht. Erfahrungen, die ein andrer Satz, den ich auch vor kurzem las, so zusammenfasst: Mach dich nicht kleiner als du bist. Dafür sorgt schon das Leben. Erich K - Kind eines arbeitslosen gewalttätigen Trinkers, irgendwann im Suff gezeugt. Die Frau die sein Vater dazu benutzte, hat er schon in der gleichen Nacht windelweich geprügelt und fast umgebracht. Und den Sohn erzog er mit unglaublicher Brutalität. Schon als drei/vierjähriges Kind waren für Erich Schläge, Weinen Heulen Tagesgeschäft. Die Nachbarn schauten weg. Angst. Gleichgültigkeit. Besonders fürchtete sich Erich vor dem Sack. In den steckte ihn der Vater, wenn er besonders gut drauf war. In den Sack, dann den Sack zugebunden, und dann das Ganze vor die Tür hinterm Haus an einen Haken gehängt, und den Sack samt Inhalt die ganze Nacht draußen hängen lassen. Egal ob bei grosser Hitze oder eisiger Kälte. Und wenn Erichs Vater besonders gut drauf war, nahm er den Baseballschläger und haute auf den Sack volle Kanne drauf. Irgendwann wurde es Erich zuviel. Und er machte Schluss mit dem Leben seines Vaters. Er erwürgte ihn in der Küche. Und noch viele andre Menschen. Schließlich landete Erich dort, wo Leute seines Schlages zumeist enden: Lebenslang im Zuchthaus.

Life tastes good.... Aber wann?
Die Bibel meint, dann, wenn es gesegnet ist. Wenn Gott seinen Segen schenkt. Den Segen, um den wir jedes Mal am Ende eines Gottesdienstes bitten. Den aaronitischen Segen, der ist nämlich heute der Predigttext: DER HERR SEGNE DICH UND BEHÜTE DICH. DER HERR LASSE SEIN ANGESICHT LEUCHTEN ÜBER DIR UND SEI DIR GNÄDIG. DER HERR ERHEBE SEIN ANGESICHT AUF DICH UND SCHENKE DIR SEINEN FRIEDEN..
Das Leben schmeckt gut, wenn es gesegnet ist. Der Herr segne dich und behüte dich - ich kenne Menschen, die kommen nur wegen des Schlusssegens in den Gottesdienst, weil sie spüren: Mit dem Segen hats doch etwas besonderes auf sich. Gesegnete Mahlzeit klingt tiefer als Guten Appetit. Gesegneten Sonntag, bedeutet mehr als ein schönes Wochenende. Ein Reisesegen im Gottesdienst gesprochen dringt in tiefere Regionen von uns vor, als das etwas hilfloses Hals und Beinbruch. Der Zuspruch gesegneter Weihnacht ist mir wertvoller als das schrecklich banale Fröhliche Weihnachten und ins neue Jahr möchte ich niemals rutschen, der Wunsch für ein "Gesegnetes neues Jahr" dagegen tut mir gut...

Der Herr segne dich und behüte dich. Mach dich nicht kleiner als du bist, dafür sorgt schon das Leben. Ich denke in der Spannung dieser Erfahrungen ereignet sich unser Leben - diese kleine Staubaufwallung vor dem Hintergrund der Ewigkeit. Das Leben schmeckt gut, wenn es gesegnet ist. Aber was heisst das überhaupt: Segen? Segen, segnen - hat dieses Wort in unserer entgöttlichen Gesellschaft überhaupt noch einen Stellenwert?

Ich glaube schon. Alle Segenswünsche sie zielen auf die grossen Sehnsüchte der Menschheit nach einem erfüllten und glücklichen Leben. Doch die Sprachform ist wie bereits angedeutet anders, säkular, weltlich geworden: Wir wünschen einander Glück, rufen dafür aber in der Regel nicht mehr Gott an. Der Appell an die Leistung steht im Vordergrund, und doch schwingt unüberhörbar das Wissen mit, dass eben doch nicht alles machbar ist und vieles, gerade das Entscheidende uns geschenkt wird.

DER HERR SEGNE DICH UND BEHÜTE DICH
DER HERR LASSE SEIN ANGESICHT LEUCHTEN ÜBER DIR UND SEI DIR GNÄDIG. DER HERR ERHEBE SEIN ANGESICHT AUF DICH UND SCHENKE DIR SEINEN FRIEDEN..

Vier Aspekte zum Segen und Segnen:
1. Segen, Segnen bedeutet zunächst einmal: Gutes wünschen. In Israel denn von dort stammt der aaronitische Segen, die Urform jedes Segens ist der Segen ein Wunsch bezogen auf konkrete Geschenke wie Wohlstand oder Nachkommen. Auch wir Menschen des 3. Jahrtausends leben davon, dass Menschen uns Gutes sagen uns Gutes wünschen. Solche Wünsche haben eine besondere Kraft, weil sie eine entsprechende Realität schaffen können: Menschen, die gelobt werden, freuen sich, werden selbstsicherer, entfalten sich kreativ. Vielleicht gibt es momentan so viele unzufriedene Menschen, gerade Kinder, weil wir zuwenig loben. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Wenn unsere Kinder zwei, dreimal gute Noten aus der Schule nach Hause bringen, wird das Lob immer weniger: Man gewöhnt sich schlimmerweise auch an Einser. Zum Glück sagen sie mir das manchmal dann auch: Papa, du lobst mich gar nicht mehr. Umgekehrt: Kinder die häufig getadelt werden, von denen Eltern und Lehrer schlecht denken, reagieren oft ängstlich und gleichzeitig aggressiv, und werden in ihrem Selbstbewusstsein verunsichert. Erich K. hat das Lob gefehlt. Nicht alleine deshalb aber sicher auch deshalb war zumindest sein Weg vorgezeichnet. Segen, segnen dagegen bedeutet Gutes wünschen. Gott wünscht uns Gutes und wir können seine Vorkämpfer sein.

2. Segen, segnen bedeutet behütet sein. Für ein Volk, das noch halb nomadisch lebte, war das Behüten der Herde, des Besitzes der Familie elementar. Die Gefährdung des Lebens, wie oft werden in den Psalmen wilde Tiere und Feinde genannt, war täglich vor Augen. Wir leben heute nur scheinbar sicherer: Die Gefährdungen sind subtiler geworden, als da wären Umweltgifte, nicht nur in Nahrungsmitteln, der Strassenverkehr usw. Die Ängste der Menschen liegen häufig nicht mehr so an der Oberfläche und doch wünschen sich viele Schutz und Behütetwerden durch eine größere, eine höhere Macht. Gott segnet, indem er schützt, zum Glück immer wieder und umgekehrt: Die Erfahrung, behütet worden zu sein, kann die Qualität einer Gotteserfahrung haben. Ich kenne einen Menschen, der, wenn das Flugzeug in dem er fliegt wieder auf die Landebahn aufsetzt, nicht sofort in das allgemeine Klatschen ob der Leistung der Piloten einfällt, sondern der erst die Hände faltet und Gott für das "Behütet Sein" dankt; erst dann klatscht auch er dem Piloten sein Dankeschön ins Cockpit. Gott möchte uns behütet sehen und wir können das da oder dort immer wieder spüren.

3. Segen, segnen bedeutet: Erkannt sein
Im aaronitischen Segen wird zweimal das leuchtende Angesicht Gottes erwähnt. Das lässt daran denken, dass ein lachendes oder lächelndes Gesicht Freude, Freundlichkeit und Wohlwollen zum Ausdruck bringt. Für ein kleines Kind z.B. ist das strahlende Gesicht der Mutter von besonderer Bedeutung: Durch die glänzenden Augen der Mutter über seinem Bettchen kann sich das Kind erst geliebt fühlen, so kann dann auch das sog. Urvertrauen entstehen.

Wirklich gesehen und erkannt zu werden als der/ die man ist und darin nicht verurteilt, sondern liebevoll und wertschätzend angenommen zu werden, ist vielleicht der tiefste Wunsch jedes Menschen von Kind an. Gott wird im aaronitischen Segen zugetraut, dass er ihn erfüllen kann.

Das Leben, ja Gott selbst hat viele dunkle, schmerzhafte und rätselhafte Seiten; umso wichtiger ist der Wunsch, Gott, die Quelle des Lebens möge einem gnädig zugewandt sein, er möge seine Treue, sein Bewahren auch in schweren und leidvollen Lebenssituationen nicht aufgeben.

Aber das wichtigste ist der 4. Aspekt. Segen kann ich mir nicht erarbeiten. Ich kann ihn mir nur schenken lassen. Deshalb spreche ich ihnen den Segen am Ende unserer Gottesdienste auch nicht zu, sondern lasse uns einander die Hände reichen, um mit ihnen Gott um seinen Segen zu bitten.

Segen ist ein Geschenk, das ich mir nicht erarbeiten kann. Man kann ihn sich nur gefallen lassen. Das fällt uns modernen Menschen nicht leicht. Wir wollen alles selbst machen, alles in die Hand nehmen und bestimmen können. Man kann aber nicht sein eigener Sinngeber, sein eigener Tröster, sein eigener Retter oder Liebhaber sein. Sowenig man sich selbst segnen kann.

Ein banales Beispiel: Die handwerklich bestens vorbereitete Konfistunde ist erst dann gelungen, wenn ich spüre, dass Gott seinen Segen schenkt. Und das ist der Punkt: Der Segen ist etwas, was man nicht empirisch feststellen kann. Man kann ihn nur fühlen, tief innen drin spüren. Der Segen Gottes er widerfährt uns, er kommt uns entgegen ganz unabhängig von unsrem Tun. Den Segen Gottes spüren, das ist wie, wie, ja, wie wenn er unsere Füsse auf weiten Raum stellt, wie wenn er die Welt umarmt, wenn sie und ich uns von einer tiefen Geborgenheit umarmt fühlen. Das kann bei ganz banalen Dingen passieren: z.B. wenn ein kleiner Schmierzettel auf deinem Schreibtisch liegt, auf dem wackelig gekritzelt steht: Papa, ich hab dich lieb; das kann passieren, wenn sich ein Arm um deine Schulter legt, gerade dann, wenn du das Gefühl hast, du hast keine Chance; das kann passieren wenn deine Gedanken beim Anhören einer wunderbaren CD davondriften, und du dich eins mit der Musik fühlst. Auch und gerade in der Disco. Da leuchtet blitzschnell jenes Empfinden auf: Davon geht Gottes Segen aus. Das Leben macht einem nämlich nicht nur klein. Gott sei Dank. Nein es macht einen manchmal auch richtiggehend schwebend. Ganz ohne Rauschmittel. Gotteserfahrung im Spüren des Segens.

Und Erich K. ? Gott erklärt uns nicht die Weit und nicht den Schrecken der Welt. Das tut er nicht. Leider nicht. Noch nicht. Warum auf dem Leben sein Segen liegt und auf dem nicht das gehört womöglich zu den vorhin erwähnten dunklen Seiten Gottes. Kain und Abel lassen grüssen. Jedenfalls liegt das ganz gewiss nicht an unserer Wertigkeit.

Der aaronitische Segen über Worte, über die man eigentlich nicht sprechen kann, dennoch zu reden, ist nicht so einfach. Das, was Segen, segnen bedeutet kann man eigentlich nur empfinden, fühlen. Man kann es nur spüren, wenn Gott seine so schöne und so geschundene Weit umarmt.

Ich wünsche ihnen und mir, gerade auch euch Konfirmanden viele kleine und grosse Momente im Leben, in denen sie sich, in denen ihr euch von Gott und seinem Segen umarmt fühlen und fühlt.