Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Timotheus 3,16

Pfarrerin Ksenija Auksutat (ev)

24.12.2013 in Darmstadt-Wixhausen

Christvesper an Heilig Abend 2013

Liebe Brüder und Schwestern,

heute geht es um ein Geheimnis. Weihnachten und Geheimnis – das passt schon auf den ersten Blick gut zusammen. Denn Weihnachten geht es geheimnisvoll zu. So kennen es eigentlich jeder: Das Wohnzimmer verwandelt sich in die Weihnachtsstube, die einen ganz eigenen Glanz ausstrahlt. Alle in der Familie haben kleine oder größere Geheimnisse für das gegenseitige Beschenken. Und dann ist am Heiligen Abend das Warten endlich zu ende. Die Geheimnisse werden gelüftet. Alles wird gezeigt und angesehen. Die Augen leuchten, und es gibt viel Freude.

Das ist auf geheimnisvolle Weise jedes Jahr wieder schön. Aber es ist noch nicht das große Geheimnis von Weihnachten.
Auch in der Kirche ist es Weihnachten geheimnisvoll. Alles ist so schön geschmückt. Die Kerzen verbreiten ein freundliches Licht. Wir hören die alten tröstlichen Worte der Bibel. Die vertrauten Lieder werden gesungen. Viele Leute sind da. Es wird einem warm ums Herz.

Man hört von Engeln und Menschen, und wie sie sich auf wunderbare Weise begegnen. Die Engel machen Weihnachten besonders geheimnisvoll. Aber auch sie, wie überhaupt das ganze himmlische Flair von Weihnachten, sind nicht das eigentliche Geheimnis. Sie zeigen nur, dass das Geheimnis wirklich groß sein muss.

Man kommt dem Geheimnis von Weihnachten näher, wenn man auf das schaut, was wir heute feiern: Ein Kind wird geboren. Hinter der Geburt eines Kindes verbirgt sich das ganze Geheimnis.

Der Predigttext für heute steht im 1. Timotheus-Brief:

Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit. (3,16)


Das große, das eigentliche Geheimnis von Weihnachten entdeckt man, wenn man darüber nachdenkt, wessen Geburtstag wir heute feiern: Jesus wird geboren, der Sohn von Maria und Josef. Er selbst, dieses Kind in der Krippe, ist das große Geheimnis. Wenn wir dem Geheimnis von Weihnachten auf die Spur kommen wollen, müssen wir fragen, was es mit diesem Kind auf sich hat.
Bei dem Geheimnis, das Jesus umgibt, geht es um die Liebe Gottes zu uns. Die ist das Entscheidende. Maria bringt dieses Kind zur Welt, weil Gott uns liebt.

Gottes Liebe ist der eigentliche Grund dafür, dass Jesus geboren wird. Also ist Jesus viel mehr als der Sohn von Joseph und Maria. Er ist vor allem Gottes eigener Sohn. In diesem kleinen Menschenkind Jesus kommt Gott selbst mit seiner ganzen Liebe zur Welt. Das ist das Geheimnis von Weihnachten, und dieses Geheimnis ist wirklich groß. Es ist das größte Geheimnis, das man sich vorstellen kann. Gott kommt als Kind zur Welt.

Liebe Gemeinde,
was macht man mit einem Geheimnis?
Erstens: Man versucht, es zu ergründen.

Man kann das Geheimnis von Weihnachten nicht erklären, aber man sollte immer wieder darüber nachdenken und versuchen, es wenigstens ein bisschen zu verstehen: Gott will, dass Jesus seine Liebe zu den Menschen lebt. Es soll sichtbar und spürbar werden, wie lieb Gott uns hat.

Als Mensch unter Menschen, soll Gottes Liebe leben.

Darum wird der Gottessohn ein Mensch aus Fleisch und Blut, so wie alle anderen auch. Er wird geboren und wächst heran und hat seine eigene Lebensgeschichte. Er steht mit beiden Beinen im Leben. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Er ist Mensch wie jeder von uns.

Weil er Gottes Liebe verkörpern soll, ist Jesus aber auch ganz anders als wir. Er ist ganz und gar von Gottes Geist durchdrungen. Er ist ganz von Gottes Kraft erfüllt. Er ist wie Gott selbst.

Er geht wie ein Engel durchs Leben, rein und ganz ohne Schuld. Er ist gerecht und liebevoll wie kein zweiter. An ihm ist nichts Unmenschliches. Er ist wahrhaft menschlich. Und gerade darin ist er geradezu göttlich.

So kommt in Jesus beides zusammen: Himmel und Erde, Gottes Ewigkeit und unsere menschliche Geschichte, die Ehre Gottes in der Höhe und der Frieden auf Erden, wie es die Engel in der Weihnachtsgeschichte singen. Gottes Frieden, Gottes Gerechtigkeit, sein Leben und seine Liebe kommen einem zum Greifen nahe. Gottes Heil kommt zur Welt.

Das Geheimnis von Weihnachten schließt Ostern schon mit ein. Ja, Jesus lebt mit den Menschen, und er ist aufgenommen in Gottes Herrlichkeit. Damit auch alle, die daran glauben, mit ihm leben in Ewigkeit. Das ist das tröstliche Geheimnis, das es immer neu zu ergründen gilt.

Liebe Gemeinde,
was macht man noch mit einem Geheimnis?
Zweitens: Man glaubt fest daran. Und man lebt damit. Dann entfaltet es immer wieder seine geheimnisvollen Kräfte.

Wer dem Geheimnis von Jesus vertraut wird Gottes Liebe auch im Alltag heute immer wieder entdecken. Man erfährt seine Kraft in den Dingen, die einem Freude machen und die einen am Leben erhalten.

In der Dankbarkeit, für das Leben. Oder wenn man nach schweren Zeiten wieder Tritt fassen kann, wenn man nach Trauer und Leid wieder getröstet wird.

Wenn man Hoffnung schöpft. Wenn wir untereinander Liebe empfangen und Liebe schenken. Wenn man Vergebung erfährt, wo man schuldig geworden ist.

Alles das geschieht immer wieder, und da kommt Gottes Liebe auch bei uns an, da kommt sie auch in uns und in unserem Leben zur Welt.
Liebe Brüder und Schwestern,
was macht man noch mit einem Geheimnis?

Drittens: Man plaudert es aus. Man gibt es weiter. Gottes Geheimnis muss verkündet werden.

Die Engel fangen damit an. Sie posaunen es geradezu hinaus. Die Hirten hören es und werden erst einmal gar nicht fertig darüber. Aber dann gehen sie los und als sie im Stall von Bethlehem ankommen, breiten sie alles aus, was ihnen über Jesus gesagt worden war. Sie sind die ersten, die das Geheimnis weitersagen, damit es überall aufgenommen und bewahrt und weiter gegeben wird.

(Es gibt ja die Überlegung, ob das nicht alles etwas schneller gegangen wäre, wenn die Engel erstmal zu ein paar Frauen gekommen wären mit ihrer Neuigkeit!)

Die Bibel erzählt, wie später noch weise Männern aus dem Morgenland in den Stall von Bethlehem kommen, die heiligen drei Könige. Sie stehen nun vor Jesus als Vertreter der Völker der Welt. Zu allen Völkern soll die Nachricht von Jesus, dem Gottessohn, kommen. Alle sollen Anteil bekommen an dem Geheimnis des göttlichen Lebens, das in Jesus erschienen ist.

Jeder soll dazu beitragen, dass das Geheimnis von Gottes Liebe weiter gesagt wird, in den Familien, in der Gemeinde, bei denen, die vielleicht noch gar nichts davon wissen.

Und weil einem ja manchmal die Worte dazu fehlen, darum helfen die Lieder, die von diesem Geheimnis singen. Die guten alten Weihnachtslieder tragen die Botschaft weiter: „Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund... Christ, der Retter, ist da.“

Oder: „Das Blümlein, das ich meine, das duftet uns so süß. Mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis. Wahr' Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd’ und Tod.“

Und es gibt natürlich noch eine andere ganz große Möglichkeit, die wir alle haben um das Geheimnis weiter zu tragen: Wir können untereinander und andern gegenüber ganz praktisch etwas von Gottes Liebe zeigen: durch unser eigenes liebevolles Handeln, wenn wir freundlich auf andere zugehen, wenn wir helfen, wo wir können, wenn wir unser eigenes Leben von Gottes Liebe bestimmen lassen, wenn wir uns in dieser Gesellschaft einsetzen für die Schwachen und Rechtlosen, wenn wir uns für Gerechtigkeit und Bewahrung unserer Erde einsetzen.

Das aber nicht jetzt.

Jetzt soll es so richtig Weihnachten werden bei uns allen hier.

Gott kommt, Gott ist da. Im warmen Licht der Kerzen kann man etwas spüren von seiner Freundlichkeit. Mit den vertrauten Liedern klingt etwas vom himmlischen Lobgesang in unseren Ohren. Und das fröhliche Fest, das wir feiern, macht einem bewusst, wie herrlich es ist, dass es Gottes Liebe auf Erden gibt.

Ja, möge Weihnachten auch in diesem Jahr für Sie alle ein Fest sein, bei dem die Herrlichkeit Gottes in dieser Welt aufleuchtet, weil Jesus geboren ist. Amen.