Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 15,19-28

Pastor Harald Apel (ev)

20.04.2014 in der Peter-Pauls-Kirche in Zingst

Ostern 2014

Liebe Gemeinde,

da stehen wir nun schweigend, wie staunend vor einem leeren Grab und wissen, wie zum Anfang nicht, was hat das zu bedeuten. Auch wenn wir seit dem 2. Jahrhundert dieses Fest feiern, bleibt die Urkraft dieses Ereignisses lebendig. Und auf die einfachste Form gebracht heißt diese immer wiederkehrende Herausforderung: Da hat einer den Tod hinter sich gelassen, wir aber haben ihn noch vor uns? Wir stehen wie die Frauen vor einem leeren Grab und müssen mit diesem ganz irdischen Fakt umgehen, müssen dieses seltsame Phänomen deuten.

Ist es ein Betrug? Ist es die Herausforderung all dessen, was wir denken? Ist es ein Wunder? Und schließlich noch größer: Ist es die Veränderung der ganzen Welt? Größer als Weihnachten, als Gott Mensch wird, weil hier zu Ostern Gott uns Menschen am Göttlichen teilhaben lässt?

Am einfachsten und am wenigsten verstörend schien und scheint es, alles als einen großen Betrug anzunehmen. Im Osterevangelium des Matthäus ist diese einfache und alles beim Alten lassende Antwort erwähnt. „Sagt aus, dass seine Jünger nachts gekommen sind und seinen Leichnam gestohlen haben.“ Ein Betrug passt in die Welt. Er ist das, was so oft geschieht und einfach nur gewöhnlich ist. Wer von einem Betrug ausgeht, kehrt schnell zurück in den Lauf der Welt und läuft mit ihr weiter.

Natürlich kann man die Auferstehung auch als Heraus-forderung annehmen. Nach der Devise: „Komm steh auf. Erheb dich aus der Selbstzufriedenheit! Mach endlich einmal das, was du schon immer wolltest. Erhebe dich aus der Bequemlichkeit, alles hinzunehmen, wie es ist. Gewiss ist es schon etwas mehr, als das Osterfest, die Auferstehung als einen religiösen Betrug ad acta zu legen.

Eine andere Herausforderung war lange Zeit zu erklären, wie dies alles in eine moderne Welt, in den menschlichen Verstand, als letzte Instanz, passen könnte? Da gab es dann Erklärungen vom Scheintodsein, von der Wiederbelebung und sonstigen erklärbaren Phänomenen, die das Geheimnis auflösten. Denn wenn die letzte und größte Instanz der menschliche Verstand ist, kann nichts über diese Größe hinausgehen.

Aber selbst die Annahme, die Auferstehung Jesu Christi sei ein Wunder, reicht nicht, dieses Geschehen zu fassen. Das Unergründbare, das fassungslose Staunen gegenüber einem Geschehen ist hier noch zu wenig. Denn wie heißt es so schön: Wunder gibt es immer wieder. Aber wer wollte die vielen erlebten und berichteten Wunder mit der Auferstehung vergleichen. Nicht einmal zu sagen, das Wunder, das alle Wunder übertrifft, könnte nahezu beschreiben, was Ostern passiert, denn hier geht es um mehr als unser Staunen, hier geht es um unsere ganze Existenz!

Und selbst wenn wir die Auferstehung als radikale Veränderung der Welt und unseres Lebens annehmen wollten, so ist das zu wenig. Es würde nicht reichen zu sagen: Da hat einer den Tod hinter sich gelassen und deshalb ist unser Leben jetzt ein anderes. Selbst unsere Leben reicht nicht dieses Geschehen anzunehmen. So beginnt der Apostel Paulus beginnt seine Überlegung da, wo wir jetzt mit diesen Überlegungen zur Auferstehung enden. Im 1. Korintherbrief 15, in den Versen 19-28 heißt es:

19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch "einen" Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch "einen" Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« . 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan«). Wenn es aber heißt, "alles" sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

*

Liebe Gemeinde, es ist einige Zeit her, dass sich der menschliche Geist um ein Bild des Ganzen bemüht, dass jene Frage bewegte: Wo ist alles in einem aufgehoben? Bestenfalls ist es heute möglich in einem kleinen Teil des Ganzen den Überblick zu behalten. Universalgelehrte wie Leonardo da Vinci, die sich aufmachen das ganze Große zu schauen, das Geheimnis aller Geheimnisse zu erfahren sind heute keine Helden mehr. Die Unmöglichkeit alles in einem, das Ganze mit der Kraft und Möglichkeit des Menschen zu sehen, wurde selbst von den Größten des Geistes unserer Zeit aufgegeben. Allenfalls belächelt man ein paar weltfremde Spinner, die diese Möglichkeit noch sehen.

Mit unserem enormen Zuwachs an Wissen in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens haben wir es aufgegeben wie Faust nach dem zu fragen: Was die Welt im Innersten zusammenhält? Und wenn dann diese Fragen doch gestellt werden, dann geschieht es in der Physik oder Astronomie. Und die Antworten, die dann von dort kommen, sind so unvorstellbar, dass sie so gar nicht mit uns zu tun haben. Der Urknall ist so fern, dass er keinen der Zeitgenossen zu wecken vermag.

Die schwarzen Löcher sind so schwarz, dass sich nicht einmal das Hineinsehen lohnt. Immer wieder steht am Ende aller Entdeckung, dass unser Begreifen nicht ausreicht das Ganze, das ganze Große zu schauen. Ob nun Nano- oder Weltraumforschung.

Dabei wohnt diese Sehnsucht in uns. Sich als Staubkorn im Universum zu sehen, ist uns zwar mittels der Vernunft gegeben, aber diese Vernunft reicht eben nicht aus, sich eins mit der Größe des Universums zu sehen. Trotz aller menschlichen Macht in dieser Zeit bleiben die Erfahrungen menschlicher Ohnmacht. Bei allem Vertrauen in die Möglichkeiten des Menschen sehen wir doch immer wieder und schmerzlich, was uns unmöglich ist. Die Grenzen sind immer wieder erkennbar, ob in einem verschwundenen Flugzeuge oder in Kriegen und Konflikten, die sich nicht beenden lassen. Bei aller beschworenen Größe des Menschen bleibt die Erfahrung seiner Winzigkeit.

Und noch eine sehr schmerzliche Erfahrung machen wir, eine die uns verbindet und zugleich trennt, eine die uns ängstigt und mit der wir uns in Angst versetzen können. Es ist die Erfahrung des Todes. Er ist das letzte Argument dieser Welt. Ob im Ausüben von Macht mit der Drohung zu töten. „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“ Ob in der Bestimmung unseres Lebens davor. Weil wir doch sterben müssen, gilt es alle Zeit zuvor auszufüllen, auszunutzen. Ob in der endlichen Gleichsetzung jeden Lebens, weil doch alle sterben müssen. Oder in der ganz normalen und so menschlichen großen Angst vor dem Sterben. Fast möchte man meinen, nachdem die Sehnsucht nach dem großen Ganzen aufgegeben wurde, ist der Tod an seine Stelle getreten. Der Tod regiert die Welt, weil es scheinbar nichts größeres, nichts Beständigeres, nichts Sichereres gibt als ihn. Rilke bringt diese Erfahrung auf den Punkt.

Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen- mitten in uns.

Wie wahr, wie tragisch, wie aussichtslos möchte man weiter seufzen. Adamskinder sind nun mal Kinder des Todes. Weil wir nun allzumal Sünder sind, müssen wir sterben, müssen wir mit dem Tod unseren Preis, unseren Sold für all unser Schuldigsein bezahlen.

Aber dann ist das Grab leer. Und nicht der Tod steht da lachenden Munds, sondern ein Engel.

Am Ende sind wir nicht am Ende. Das ist zunächst nur eine Behauptung, nur eine Annahme, derer die das Grab leer finden. Und vielleicht ist es zuweilen nur ein Zweifel am Zweifel: Wenn der Leichnam nun doch nicht gestohlen wurde?

Liebe Gemeinde, am leeren Grab wiederholt sich wie in allen Begegnungen mit dem Göttlichen eine große Herausforderung. Als Mose am Dornbusch Gott fragt, wer bist du, erhält er zu Antwort: „ Ich werde da sein.“

Erst wenn ihr Euch zu mir aufmacht, werdet ihr mich finden. An Euch ist es, das Wagnis, mich zu erwarten, einzugehen. Das alles scheint gut und heilsam für das Aufbrechen in ein in Freiheit bestimmtes Leben. Aber letztlich scheint es diese Zusage nur für ein Leben mit Gott zu geben. Eine Zusage um aufrecht durchs Leben zu gehen, um Gottes Zusage bis ans Ende des Lebens zu folgen. Also wieder Auferstehung nur in diesem Leben?

Liebe Gemeinde

Ob im Wissen um die Größe des Römische Reich oder im Wissen um die Größe des Universums, mit der Auferstehung Jesu von den Toten stehen wir wie am Anfang vor einem Leeren Grab und wir müssen die Frage beantworten, was glauben wir, was hier geschehen ist. Wenn da einer den Tod hinter sich gelassen hat, was haben wir dann vor uns? Ist es möglich durch den Tod hindurch zu gehen? Und wie am Anfang bleiben uns alle menschlichen Möglichkeiten. Von der Feststellung eines Betruges bis zum Bekenntnis: Das verändert alle Welt, das verändert mein ganzes Leben! haben wir die Wahl. Aber erst wo wir das Größte davon zulassen beginnt in uns eine Ahnung. Ist es wie ein morgendliches Dämmern nach einer langen Nacht. Erst wo wir hier am letzten Ort der Welt, an einem Grab den unerhörten Gedanken zulassen, der Tod ist nicht das große Ganze, er ist allenfalls nur ein Teil des großen Ganzen, da beginnt etwas vom achten Schöpfungstag, da erhebt sich in uns etwas aus der finsteren Höhle des Todes, da fällt uns ein erdenschwerer Stein von unserer Seele. Und in diesem Dämmern unseres Geistes wandelt sich das, was wir für unsere letzte Wahrheit halten:

Nein, die Hoffnung stirbt nicht zum Schluss, die Hoffnung lebt am Schluss, weil das große Ganze in Gott ist. Weil er uns mit der Auferstehung Jesu Christ zu verstehen gibt, dass er auch Herr über den Tod ist.

Amen