Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Könige 19,1-13a

Pfarrer Ottmar Arnd

03.03.2002 in der Evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen/ Modautal

"Es war alles umsonst..." meint der 15jährige Junge Alles hab ich versucht, aber sie wollte einfach nicht mehr. Ich bin zu Popkonzerten gegangen von Bands, die ich überhaupt nicht mag, ich hab für sie gekocht, obwohl ich überhaupt nicht kochen kann, ich hab die Schule geschwänzt, um mit ihr zusammenzusein, ich hab mich mit meinen Eltern angelegt, damit sie bei mir übernachten konnte. Ich hab sogar die Klamotten getragen, die sie so sehr mochte - obwohl ich mich überhaupt nicht mit Designer Jeans anfreunden kann, und, ja- schau mich doch mal an..!" Er blickt auf: "Sogar eine andre Frisur hab ich mir für 50 Euro zugelegt. Nur-damit sie bei mir bleibt. Und jetzt? Jetzt ist sie doch zu diesem Windhund übergewechselt. Weil der so coole Sprüche drauf hat. Gerade vorhin hab ich sie gesehen. Hand in Hand-und ach so glücklich. Mich hat sie natürlich demonstrativ übersehen. Ich wär am liebsten tot. Es war alles umsonst.

"Es ist genug". Die Alte sitzt vor dem Spiegel ihrer Wohnung. "Wozu leb ich überhaupt noch? Vor 5 Jahren, ja da war das Leben noch lebenswert. Aber dann starb mein Mann. Und jetzt sitz ich allein in diesem Riesenhaus. Nachts erschreckt mich jedes Geräusch. Die Arbeit hier wird mir zuviel. Aber, das was meine Kinder wollen, das will ich auch nicht: Fürs Alten- oder Pflegeheim fühl ich mich zu rüstig. Aber, was soll ich tun? Ob ich lebe oder tot bin- das interessiert doch keinen. Für meine Kinder bin ich nur noch eine Last. Ich seh das doch ihren Gesichtern an, wenn sie kommen um mich zu besuchen. "..Naja, wenns denn sein muss. Die eine Stunde kriegen wir auch noch rum." Hab ich mich dafür krumm und buckelig geschafft? Nein. GOTT, es ist genug, ich schaffs nicht mehr. Lass mich doch einfach meine Augen schließen und nicht mehr aufwachen! Es ist genug. "

Nicht ganz so dramatisch wie eben geschildert gings mir am Montag: Besuch bei einer jungen, neu zugezogenen Familie. Gutes Gespräch, gutes Feeling und am Ende frage ich: Sagen sie, sie wohnen jetzt ein Jahr hier, da wäre es ja einmal spannend, zu erfahren, was die Leute hier so über die Kirchengemeinde im allgemeinen und über den Pfarrer und seine Arbeit hier im besonderen so denken. Und gerade von ihrer Seite, die sie ja sozusagen von außen gekommen sind, da etwas zu hören, das fände ich spannend!" Die beiden schauen sich an. Schauen mich an. Kleine Pause. Sie überlegen: Tja, also, Kirchengemeinde, Pfarrer und ihre Arbeit.... kleine Pause, dann meldet sich die junge Frau zu Wort und sagt lächelnd: Ich weiss, dass sie, Herr Pfr. Arnd zwei bis dreimal in der Woche ins Fitnessstudio gehen....

Oh Herr, lass Abend werden.....Zum Weinen und irgendwie auch zum Lachen: Nach 18 Jahren Arbeit in der Kirchengemeinde erfahren Neuzugezogene vor allem das über ihren Pfarrer: 2-3mal pro Woche ins Fitnessstudio...

"Jetzt hab ich aber die Schnauze voll, mach den Kram doch allein. Das ist doch pervers: da quälst du dich dein ganzes Leben ab um GOTT die Ehre zu geben, um IHN ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, mehr und mehr, und dann, wenn du ihn am Notwendigsten brauchst, ist er noch nicht mal da. Nein, danke-ich hab die Schnauze voll, ich mach Schluss!"

Das wiederum, liebe Christen, sind nicht Worte eines Dorfpfarrers sondern die eines wahrhaft großen GOTTesmannes. Nun gut, vielleicht nicht so derb. In der Bibel hören sich diese Gedanken und Worte des Propheten Elia so an: ES IST GENUG: SO NIMM NUN HERR MEINE SEELE. ICH BIN NICHT BESSER ALS MEINE VÄTER....aber vom Sinn her, drücken sie genau das Gleiche aus

Elia, der große GOTTesstreiter, am Boden zerstört. Er, der immer für GOTT gekämpft hat, ihm scheint es ans Leben zu gehen, denn Isebel, die Gattin des israelitischen Königs Ahab, sie will nicht zulassen, dass die Propheten des GOTTes Baal, an den sie glaubt, von Elia an den Rand der Existenz gedrängt ja umgebracht werden, und möchte nun ihrerseits alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um Elia zu vernichten, um ihn zu töten. Und Elia merkt: Es wird eng. Und noch etwas spürt er: GOTT ist einfach weg. Er ist nicht da. Nicht zu fühlen. Nicht zu spüren. Und schon gar nicht zu sehen. Jetzt, gerade jetzt da er ihn bräuchte. Ist er nur einem Phantom auf den Leim gegangen?

Liebe Christen - so weit Elia und seine Zeit auch von uns weg sind, so nahe doch seine Empfindungen und Erfahrungen:
Bei uns geht's zum Glück nicht immer gleich so dramatisch zu wie bei Elia. Es sind eher die alltäglichen, die leichten aber kontinuierlichen Schläge des Lebens, die einem auf Dauer doch ganz schön zusetzen können, und einen da oder dort auch einmal in ein schwarzes Loch fallen lassen können.

Ich erinnere mich gut an den Besuch bei einer älteren Frau, die immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hat.
Ganz selten zwar, aber ab und zu komm ich ja auch mal aus dem Fitnessstudio raus.
Wir unterhalten uns, soweit das diese heimtückische Krankheit zulässt. Und dann auf einmal sagt sie leise: "Wissen sie Herr Pfarrer, was mir besonders zu schaffen macht? Dass mir, wenn ich unten im schwarzen Loch hocke, auch der Glaube nicht mehr hilft...!"

Das ist wohl eine der traurigsten Erfahrungen, dass gerade da, wo der Glaube eigentlich zu seiner tiefsten Entfaltung und Bedeutung kommen sollte, nämlich Menschen zu stabilisieren, er mit einem mal nicht mehr zu spüren ist. Genauso gings Elia. Damals. Da war plötzlich nichts mehr mit der stärkenden Kraft des Glaubens. Aber, wie geht's weiter

Elia flieht. Nach Beersheba. In die Wüste. Dort setzt er sich unter einen Wacholderstrauch und will sterben. Und er kippt zur Seite, schläft müde und geschwächt ein. So dramatisch die Szene ist, sie atmet auch eine gewisse Portion Humor.

Der Anfang vom Ende eines großen Mannes? Nein, denn wo der Glaube am Ende zu sein scheint, greift GOTT immer wieder auf besondre Weise ein. Elia wird von einem Engel berührt, der zu ihm sagt: Steh auf und... iss! Elia tuts, ist aber so vom Essen erschöpft, dass er gleich nochmal einschläft. Auch dieses Bild entbehrt nicht einer gewissen Komik: Der leicht gestättigte Elia kippt zur Seite. Und zum zweiten Mal meldet sich der Engel: Steh auf und iss, damit du endlich zu Kräften kommst. Geduld hat er ja, der Engel. Und Elia nimmt den Zuschlag dankend an und kann endlich weitergehen, bis zum heiligen Berg, und dort....dort zeigt sich ihm GOTT doch noch. Aber, nicht wie er sich GOTT vorstellte, mit Glanz, Pomp und Gloria, mit gewaltiger Stärke, nein sondern so: "GOTT sprach- Geh heraus und tritt auf den Berg. Und siehe ich werde vorübergehen an dir: Und ein großer starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam. GOTT aber war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein gewaltiges Feuer. Aber GOTT war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stiller sanfter Hauch...!"

Und in diesem stillen Hauch-in diesem Hauch, liebe Christen spürt Elia den heiligen GOTT. Den Lebendigen. Ganz anders zeigt sich GOTT, als er, Elia an ihn glaubte. Auch durchaus etwas zum Schmunzeln: Ich sehe ihn geradezu vor mir, Elia, der sich ungläubig die Augen reibt. GOTT so- das gibt's doch nicht. Und doch: Der, der eben noch sterben wollte, gewinnt neue Kraft. Zwei Aspekte möchte ich am Ende meiner Gedanken noch einmal kurz anreissen:

1.

Wenn die Schläge des Lebens uns zu schaffen machen, können offensichtlich manchmal die ganz banalen Dinge die größte Hilfe sein. Der Engel macht Elia keine Vorhaltungen, wegen seiner Verzagtheit, er bricht keine theologische Diskussion vom Zaun, wie es um Elias Glaubensstärke und sein GOTTesbild bestellt ist. Er kommt eher bodenständig daher, rüttelt ihn im wahrsetn Sinne des Wortes wach und sagt: Komm, Iss erst mal was. Ganz banal, ganz konkret und offensichtlich gerade in dieser Situation das Richtige. Komm iss erst mal was. So banal und doch so schwierig: Schwermütige Menschen können davon erzählen, wie problematisch es manchmal gerade in solchen Phasen ist, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber Elia überwindet sich und isst. Und kommt wieder zu Kräften. Vielleicht sind es ja die banalen Dinge. Eventuell eben wirklich eine Einladung zum Essen. Ohne den Hintergedanken tiefsinniger Gespräche. Eine einfach Einladung. Als Zeichen dafür dass ich mich kümmere. Miteinander Essen-und warten, ob der andre aus seinem Schneckenhaus kommt. "Komm iss erst mal was!" Wenns sein muss auch bei Mac Donalds. Die banalen Dinge, sind oft die hilfreichsten. Nicht immer muss sofort der psychotherapeutische Hammer geschwungen werden. Komm, lass uns mal zusammen spazieren gehen. Nur den Wind, die Sonne, den Regen spüren. Spüren-du bist nicht allein. Ohne viele Worte. Vielleicht brauchen das ja gerade auch der 15jährige und die Alte vom Anfang dieser Predigt.

2.

Wenn GOTT in unser Leben eingreift, dann geschieht das selten mit Pauken und Trompeten. Er bevorzugt eher die leisen Töne. Aber: So wie Elia ihn erfahren hat, so hat er schon vielen Menschen immer wieder Kraft zum Weitermachen gegeben. GOTT ist kein Trampeltier, er hilft leise und unspektakulär. Aber er hilft. Oft genug sehen wir seine Hilfe aber erst aus der Rückschau. GOTT schenkt uns immer wieder neue Kraft. Aber er schenkt sie uns nicht im Voraus, sondern dann wenn wir sie brauchen. So etwa hat das Dietrich Bonhöffer einmal formuliert. GOTT schenkt Kraft zum Weitermachen durch seine Engel. Mir hat er nach dem Fitnesserlebnis von dem ich erzählte und das mich doch ein wenig runtergezogen hatte auch einen geschenkt. Und das war Dekan Meyer aus Reichelsheim. Als ich ihm kopfschüttelnd von meinem Erlebnis erzählte, meinte er schmunzelnd: "Siehst du, über das was gut läuft, wird nicht geredet. Das ist einfach in Ordnung. Aber das besondere an einem Menschen, das bleibt haften. Ein Pfarrer im Fitnesstudio ist nicht alltäglich. Und so ragst du aus der Masse der unsportlichen fettleibigen Pfarrer strahlend heraus!" So kann mans auch sehen, liebe Christen

Ich wünsche Ihnen , dann wenn sie ihn brauchen, so einen Engel: Einen der nichts verkompliziert, einen mit Bodenhaftung, einen der neue Perspektiven zeigt - und ihnen gerade so vielleicht das Näschen auf GOTTes Hilfestellungen im Alltag stösst und sie zum Glauben, auch an sich selbst, zurückfinden lässt...

Amen