Foto von aufgeschlagenen Büchern

Fastenpredigt zu "Mein Wort des Lebens"

Pfarrer Joachim Anicker

09.04.2000

Themapredigt zu Hermann Hesses "Stufen"-Gedicht

Ich bedanke mich herzlich für die Einladung zu ihren Fastenpredigten und freue mich, dass ich Ihnen heute "Mein Wort des Lebens" vorstellen darf. Zur Einstimmung auf das Thema, das mein Wort des Lebens eröffnet, eine jüdische Überlieferung:

Im 19. Jahrhundert erhielt der polnische Rabbi Hofetz Chaim einmal Besuch. Als der Besucher sah, dass die Wohnung des Rabbi aus einem einzigen Zimmer bestand, in dem sich nur Bücher, ein Tisch und eine Bank befanden, fragte er verwundert: "Rabbi, wo haben Sie Ihre Möbel?" - "Nun, wo haben Sie Ihre?" gab der Rabbi zurück. - "Meine?" fragte der verblüffte Fremde. "Aber ich bin doch nur zu Besuch hier. Ich bin nur auf der Durchreise!" - "Eben", erwiderte Chaim, "das bin ich auch."

Liebe Gemeinde: Wir sind alle nur auf der Durchreise hier. Gäste und Fremdlinge sind wir, sagt die Bibel, und haben hier keine Bleibe. Wir leben ein paar Jahre auf diesem Planeten - doch ist das alles? Wenn nicht: was kommt danach?

Auf solche und manche anderen wichtigen Lebensfragen antwortet mein Lieblingsgedicht, mein Wort des Lebens. Es stammt von Hermann Hesse und ist überschrieben: "Stufen".

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum, sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz: nimm Abschied und gesunde!

Diese Zeilen haben mich begleitet in den sehr wichtigen Zeiten meines Lebens. Nicht wahr, nicht alle Zeiten unseres Lebens sind gleich wichtig. Es gibt Zeiten, da leben wir so vor uns hin, wir arbeiten und schaffen, wir essen und schlafen, wir kaufen und konsumieren, wir bringen Jahr um Jahr Haus und Vorgarten in Ordnung und sehen uns im Spiegel älter werden - aber im Grunde ist wenig wirklich Wichtiges dabei.

Und dann mit einem Mal geht's los: Vielleicht haben wir uns verliebt und die Welt war in goldenes Licht getaucht. Erinnern Sie sich noch, wie das war? Oder vielleicht hat uns der Tod jemanden, der uns sehr nahe stand, von der Seite gerissen, und die Trauer hat alle Schleusen geöffnet und unsere Wurzeln freigespült. Vielleicht sind wir ernsthaft krank geworden und haben zum ersten Mal gespürt, wie sehr wir das Leben lieben.

Das sind Zeiten, die wirklich wichtig sind. Da bricht unsere Seele auf wie Knospen an den Bäumen im Frühling. Da ist plötzlich jeder Tag und jede Sekunde bedeutend. Ich denke, das kommt, weil wir in solchen Umbruchzeiten mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert werden, ja mit dem Tod. Das ist schmerzlich, aber wichtig, damit wir spüren, dass wir leben. Und damit wir wachsen. Krisenzeiten sind Wachstumszeiten. Wir empfinden sie nicht als angenehm, manchmal sind sie lebensbedrohlich, und niemand sucht sie freiwillig. Aber wenn wir uns ihnen stellen, sind sie eine ungeheure Chance und machen uns stark.

Und nun ist es so, dass es in solchen Zeiten gelingen kann, dass wir eine neue Stufe unserer Menschwerdung erreichen. Dabei ist es gleichgültig, ob dieser Aufbruch von tiefem Leid oder von höchstem Glück verursacht wird: beides ist gleichwertig. Denn in beiden Erfahrungen ruft das Leben. In beidem müssen wir eine ungeheuer wichtige Lektion lernen: das Loslassen, und das Vertrauen. Diese Wahrheit drückt der Dichter meisterhaft so aus:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / bereit zum Abschied -sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / in andre, neue Bindungen zu geben.

Nichts dauert ewig. Abschied und Neubeginn gehören zusammen wie Kommen und Gehen, wie Einatmen und Ausatmen wie Herbst und Frühling, wie Geburt und Tod. Wir können nicht immer nur ausatmen, nicht ewig leben, nicht ewig glücklich oder stark sein. Es muss Zeiten der Schwäche geben, des Abschieds, des Leids und der Trauer. "Alles hat seine Zeit", sagt darum der Prediger Salomo - Sie kennen die Reihe:

geboren werden und sterben, niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen, wehklagen und tanzen, usw.

Ich habe diese Lektion schmerzhaft lernen müssen, als vor einigen Jahren meine Kräfte zu Ende gingen. Es war alles zu viel, die Batterie war leer. Die Vorstellung, nur noch ein paar Monate so weiter machen zu müssen, machte mir Angst, Todesangst. Immer nur geben, immer nur funktionieren, immer nur arbeiten warum machte ich das? Diese Frage war zu beantworten.

Man kann ein Spiel erst verändern, wenn man die Regeln kennt. Erst wenn wir die Spielregeln unseres Verhaltens durchschauen, können wir es verändern. Aber das ist schwer. Es macht Angst, in die Dunkelheit unseres Unbewussten zu schauen. Es kann uns aus der Bahn werfen. Es rührt an das Fundament, auf dem wir stehen. Alles kommt ins Wanken. Und das macht Angst.

Wegen dieser Angst verweigern viele Menschen notwendige Veränderungen, halten an zerstörerischen Beziehungen fest, an krank machenden Lebensgewohnheiten, an Süchten und Abhängigkeiten, manche so lange sie leben.

Ich wusste damals: Etwas muss sich ändern, damit es weiter gehen kann. Aber ich sah weder was noch wie. Hermann Hesse hat vollkommen recht: Es gehört "Tapferkeit" dazu, zum Abschied bereit zu sein. Die Angst sagt: "Geh nicht weiter, du weißt nicht, ob die Brücke trägt." Und doch liegt hinter der Brücke das Leben und ruft uns. Wer sich weigert, sich notwendigen Veränderungen zu stellen, bleibt auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung stecken. Wie Menschen, die nie richtig erwachsen geworden sind. Es ist schwer, mit solchen Menschen zusammen zu leben. Sie haben ihre innere Stimme abgetötet und wirken darum oft seltsam leblos, starr und abgestorben, unmündig.

Nur wenn wir uns der Angst vor Veränderungen stellen und mutig durch sie hindurchgehen, nur dann geht's weiter. Etwas muss sterben, damit Neues leben kann. Ich glaube, immer, wenn wir so etwas durchmachen, üben wir für unseren letzten Abschied: das Sterben. Das ist nichts qualitativ anderes, es ist wieder nur eine neue Stufe auf dem Weg in das endgültige Leben. Es gibt kein Ostern ohne Karfreitag, unser ganzes Leben steht in der Spannung zwischen Gethsemane und dem Ostermorgen.

Doch dann, wenn wir in Tapferkeit in die Dunkelheit hinein gehen, geschieht etwas ganz Wunderbares. Völlig unerwartet und nicht berechenbar ist sie plötzlich da: eine Kraft, die uns bisher verborgen war und die uns trägt:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Nennen Sie diese zauberhafte Kraft Ihren Schutzengel, Gott, Lebensenergie oder wie immer. Wichtig ist: Sie ist da. Nicht auf Vorrat und ständig zu unserer Verfügung, sondern wie ein unverhofftes Geschenk und erst dann, wenn sie gebraucht wird. Ich bin dankbar, dass ich das entdecken durfte. Alles Wichtige in unserem Leben geschieht nicht mit Gewalt, sondern leicht und von allein, dann, wenn seine Zeit gekommen ist. "Es soll nicht durch Gewalt und Macht geschehen, spricht der Herr, sondern durch meinen Geist." Das ist es. Alles hat seine Zeit. Und wenn die Zeit gekommen ist, dann ist auch die Kraft da.

Erinnern Sie sich - falls Sie selbst schwere Zeiten durchgemacht haben: War es nicht so, dass diese Leiderfahrung Sie stark gemacht hat und Ihnen Kräfte zuwuchsen, von denen Sie früher gar nicht wussten, dass sie in Ihnen steckten? Wenn die Zeit gekommen ist, dann ist auch die Kraft da.

Darum hat Jesus uns zu beten gelehrt: "Unser tägliches Brot gib uns heute!" Heute! Nicht schon für Jahre im Voraus. Zukunftsvorsorge ist schön und gut, aber das funktioniert für die Seele nicht. Für sie gibt es immer nur das Heute, das Hier und Jetzt, keine Vorratshaltung, keine Versicherungen, die jedes Risiko abdecken. "Leben ist immer lebensgefährlich" (Kästner).

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nazis in einem Brief aus dem KZ Flossenbürg geschrieben: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. "Das Zauberwort heißt "Vertrauen". Vertrauen ins Leben, genauer: Vertrauen in den Gott des Lebens.

Liebe Mitchristen: Das ist für mich Glaube, das ist Religion! Nicht unsere frommen Rituale und Gewohnheiten, nicht ob einer beim Beten kniet, sitzt oder steht, nicht ob einer evangelisch oder katholisch erzogen wurde (was können wir schließlich dafür?), nicht ob es bei Ihnen Kommunion heißt und bei uns Abendmahl - das ist doch alles nur außen, weil das Geheimnis eine Form braucht, damit es lebbar wird, weil der Glaube ein Haus braucht, so wie die Liebe zwischen Mann und Frau die schützende Institution Ehe braucht, damit sie auf Dauer leben kann.

Unsere kirchlichen Bräuche sind nur dann gut, wenn sie dem lebendigen Glauben eine Form geben und ihn nicht ersticken. Nicht die Institution Kirche ist das Leben, sondern die Kirche bis hin zu diesem schönen Kirchengebäude gibt dem Geheimnis unseres Glaubens ein Zuhause, einen Schutzraum. Das ist ihre Aufgabe und ihr Sinn, nicht mehr und nicht weniger.

Aber was ist der Inhalt dieser äußeren Form? Ich denke, es geht bei dem Geheimnis des Glaubens um die verborgene Anwesenheit Gottes in der Welt. Dass er für uns da ist, dass wir ihn "Vater" nennen dürfen, dass er uns mit Namen kennt und unser Leben liebevoll in seinen Händen hält vom ersten bis zum letzten Tag - das ist es, worum sich alles dreht. Wo ein Mensch mit dieser segnenden Macht in Kontakt kommt, da ist wahre Religion, da ist Gotteserfahrung. Wo wir in unseren Kirchen das aus den Augen verlieren, dass Menschen bei uns die lebendige Begegnung mit der göttlichen Lebenskraft suchen, da sind wir nur noch Religionsbetrieb, vielleicht noch gute Reiseveranstalter oder auch gute Hüter der Moral, aber nicht mehr Kirche Jesu Christi.

Diese Gotteserfahrung gibt es auf der ganzen Welt, sie ist offenbar nicht an bestimmte Formen der Frömmigkeit gebunden, manchmal im Gegenteil. Und darum wird es auch immer so etwas wie Kirche geben, wenn auch gewiss nicht in der Form wie heute. Auch für unsere heutige Form der Volkskirche wird es bald heißen: "bereit zum Abschied sein und Neubeginne, in Tapferkeit und ohne Trauern... "

Diese wahre Religion, die uns als Menschen eigen ist, muss Hermann Hesse entdeckt haben, auch wenn er nicht unbedingt unser christliches Gottesbild teilt. Dieses kindliche Urvertrauen in die guten Mächte, die über uns walten und auf uns Acht geben, ist die Ursache für einen tiefen inneren Frieden, ja, für eine heitere Gelassenheit, die jeden wirklich glaubenden Menschen auszeichnet. Hesse drückt sie in den folgenden Sätzen aus:

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, / er will uns Stuf um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Da ist es wieder: Aufbruch und Reise. Dafür sind wir gemacht. Sonst setzt die große Lebenslähmung ein. Jeder Entwicklungsschritt hebt uns auf eine neue Stufe und macht uns ein Stück freier und selbstbestimmter. Das ist der Grund, warum manche Menschen im Alter eine Weite und Großzügigkeit gewinnen, die ihnen in jungen Jahren verschlossen war. Irgendwann, wenn wir alles mal ausprobiert haben, erkennen wir: Was wir in Wahrheit suchen, die letzte Erfüllung finden wir hier nicht. Von allen Genüssen bleibt der Geschmack nach mehr, eine unstillbare Sehnsucht nach Geliebtsein, nach Lebensfreude, nach dem Fehlenden. Mit dieser Sehnsucht nach dem vollen Leben ist unser Leben überfordert. Diese Sehnsucht kann nur Gott stillen. Und weil das so ist, kommen folgerichtig an dieser Stelle des Gedichtes die Sätze, die mir am wichtigsten sind:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde / uns neuen Räumen jung entgegensenden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... / Wohlan denn, Herz: nimm Abschied und gesunde!

Ich glaube, dass das stimmt: Wir sind einmal aus dem Nichts in diese Welt geboren worden. Wir durchlaufen verschiedene Reifestufen vom Kind bis zum alten Menschen. Warum sollte nicht auch unser Sterben und Tod nur wieder so eine Stufe sein, die wir erklimmen müssen? Wir sind hier im Zentrum unseres Glaubens und übrigens jeder Religion angekommen: Ist mit dem Tod alles aus, oder kommt da noch was? Wer sagt denn, dass nicht nach unserem Leben eine ganz neue, unvorstellbare Form des Lebens auf uns wartet, genau so unvorstellbar wie der Zustand, in dem wir waren vor unserer Geburt?

Ja, es stimmt: Wir leben auf den Karfreitag zu, wir haben unser Kreuz zu tragen und den Tod vor Augen wie der, dem wir nachfolgen. Einmal ertönt der Schlusspfiff für das Spiel, das unser Leben ist. Der Tod ist eine Realität, die wir nicht wegdiskutieren können und die schmerzhaft bleibt. Aber dann hören wir diese unglaubliche Botschaft von Ostern: der Tod ist nicht das Ende. Er ist ein Durchgangsstadium in eine andere Form des Seins, die die Bibel ewiges Leben nennt. Das meint Jesus Christus, wenn er sagt: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden! Am Ende des Tunnels scheint ein helles Licht. Dieses Licht ist es, das auf unseren Altären leuchtet und uns an das Ziel erinnert. Wie arm ist der dran, der davon nichts weiß: Er muss alle Erfüllung in diesem Leben finden. Ich glaube, am Ende sind wir von Gott erwartet, und er wird zu uns sagen: "Willkommen im Leben, du geliebtes Menschenkind! Nun bist du zu Hause, und nichts und niemand soll uns mehr trennen. Was du entbehren musstest: hier findest du alles in Fülle."

Ich habe selbst erlebt, wie es ist, wenn etwas in mir sterben muss. Es ist schrecklich, es ist schmerzhaft, und es ist zugleich eine wunderschöne, kostbare Erfahrung von Leben. Ich wünsche Ihnen diese Erfahrung von Vertrauen, wenn Sie in die nächste Krisensituation kommen. Vergessen Sie nicht, was Rabbi Hofetz Chaim sagte: "Wir sind nur auf der Durchreise hier". Krisensituationen sind die Bahnhöfe, auf denen wir umsteigen müssen, um weiterzukommen, auf dem Weg in das volle, das ganze, das grenzenlose Leben, für das wir gemacht sind.

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... / Wohlan denn, Herz: nimm Abschied und gesunde!