Foto von aufgeschlagenen Büchern

Rundfunkpredigt über das Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37)

Christoph Urban (ev)

24.12.2010 in der Konstantinbasilika, Trier

im Radio-Gottesdienst (City-Radio Trier 88.4) in der Heiligen Nacht

„Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37)

Hier die Predigt hören.

 

 

Predigt im Radio-Gottesdienst in der Heiligen Nacht, 24. Dezember 2010, Pfarrer z.A. Christoph Urban, unter Mitwirkung von Anna Peters und Irmgard Seel, dem Evangelische Posaunenchor unter der Leitung von Martin Görg und Dr. Ralph Hansen an der Schuke-Orgel, City-Radio Trier 88.4, Konstantinbasilika, Trier

 

 

Gemeindegesang: „Ich steh an deiner Krippen hier“, 1+4, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 37

 

Der Weg des Glaubens ist der Weg der Liebe. Wir machen uns in diesem Gottesdienst in der Heiligen Nacht auf den Weg des Glaubens zusammen mit dem Liederdichter Paul Gerhardt. Er führt hin zu Jesus, dem Kind in der Krippe. Wir hören, was Paul, der Dichter zu Papier gebracht hat. Wir machen uns auf den Weg der Liebe zusammen mit Paula, einer Jugendlichen. Er führt uns hin zu dem Jungen aus der Parallelklasse. Wir hören, was Paula in ihr Tagebuch schreibt. (Christoph)

 

Liebes Tagebuch, er sieht mich einfach nicht. Er ist neu auf der Schule, geht in die B. Mit seinen Eltern ist er irgendwo aus Süddeutschland hergezogen. Ständig ist er umringt von Mitschülern – und Mitschülerinnen, was noch viel schlimmer ist. Habe schon viele Male versucht, mich in seinen Blickwinkel zu stellen auf dem Schulhof, aber er nimmt mich einfach nicht wahr. Tamara hält mich deswegen schon für bescheuert.  Ich glaube, ich könnte mir eine grüne Perücke aufsetzen, auf Stelzen laufen oder eine Leuchtreklame um dem den Hals tragen, mit der Aufschrift: „Hier steht Paula und sie findet dich so süß.“  Wahrscheinlich würde er selbst das nicht bemerken. (Anna)

 

Paula, die Teenagerin kommt nicht wirklich an ihren Liebsten ran. Nicht so bei Paul, dem Dichter; der ist im Gegenteil ziemlich zupackend. „Ich steh an Deiner Krippen hier.“ Was für ein erster Satz! Kein langes Gerede, wie er da überhaupt hingekommen ist. Gebeamt oder mit langer Anfahrt. Geführt durch einen Engel wie die Hirten oder geleitet durch einen Stern wie die Weisen aus dem Morgenland. Mit einem Satz überbrückt Paul Gerhardt jede räumliche und zeitliche Distanz. Der protestantische Dichter im Jahr 1653, wohnhaft in Mittenwalde bei Berlin, er steht auf einmal zur Stunde null im Heiligen Land, in einem Stall in Bethlehem, zwischen Ochs und Esel, Maria und Josef und schaut in eine Futterkrippe, in der das Jesuskind liegt. Wir hören die erste Strophe im Original wie sie Paul Gerhardt einmal gedichtet hat. (Christoph)

 

Ich steh an deiner Krippen hier,

O Jesulein, mein Leben;

Ich komme, bring und schenke dir,

Was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

Und laß dir's wohlgefallen.

(Irmgard)

 

Der Weg des Glaubens ist der Weg der Liebe. Es gibt zwei Weisen, sich dem Höchsten anzunähern. Langsam, bedächtig, umkreisend, beobachtend, nicht ganz rankommen – so wie sich Paula, die Jugendliche ihrem Liebsten nähert. Oder so, wie es Paul, der Dichter tut. In medias res, mitten in die Sache hinein, schlichtweg ins kalte Wasser gesprungen. Zwei Weisen, sich dem Höchsten anzunähern. Beide können zum Ziel führen, wie wir noch hören werden. (Christoph)

 

Musikimprovisation I

 

Liebes Tagebuch, immer, wenn er mich ansieht, dann wird es warm in mir. Es ist, als hätte ich ihn immer schon gekannt. So vertraut kommt er mir vor. Wenn er mich nach der Schule zum Bus bringt, er schiebt sein Fahrrad nebenher, dann kommt mir das so selbstverständlich vor. So als wäre ich nie allein gegangen. Und das ist umso erstaunlicher, denn wir haben uns noch nicht geküsst. Es ist eine Freude, ihn anzusehen, wenn er Späße macht, wenn er lacht und wenn sich seine Stirn in Falten runzelt. Dann denkt er nach. Manchmal stehe ich nur so da, sage nichts, und schaue ihn an. Dann wird er immer unsicher und fragt: was ist? Vielleicht denkt er auch, er soll mich jetzt küssen. Aber alles hat seine Zeit... (Anna)

 

Auch bei Paul dem Dichter geht es ums Küssen. Allerdings nur in einer Strophe, die aus unserem Gesangbuch gestrichen wurde – wahrscheinlich, weil unserem Zeitgeschmack nicht mehr entspricht. Ja, wer die 15 Strophen in Original liest, merkt: an manchen Stellen triefen sie nur so vor Kitsch. So wie diese, die mir schon fast ungehörig vorkommt. Der Liederdichter steht an der Krippe, ist überwältigt von der Schönheit des kleinen Heilands und möchte am liebsten, ja, nun ja, - das Jesuskind abknutschen. (Christoph)

 

Vergönne mir, o Jesulein,

dass ich dein Mündlein küsse,

das Mündlein, das den süß’ten Wein,

auch Milch und Honigflüsse

weit übertrifft in seiner Kraft;

Es ist voll Labsal, Stärk und Saft,

der Mark und Bein erquicket.

(Irmgard)

 

Dieses Knistern zwischen dem Jesuskind und dem Beobachter an der Krippe ist eine ganz innige und tiefe Frömmigkeit, die Paul Gerhardt und viele Gläubige in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg ausgezeichnet hat. Das war eine dunkle Zeit. Kriege, Pest und Pocken hatten unvorstellbares Leid über Europa gebracht und vielerorts die Bevölkerung in Monaten halbiert. Wenn ich das bedenke, dann beschämt mich das persönlich als liberalen und säkularen Theologen – diese tiefe Innigkeit und Glaubensstärke des Mannes von vor 450 Jahren. Der verliebte Blick auf Jesus ist selten geworden.

(Christoph)

 

Musikimprovisation II

 

Liebes Tagebuch, wir sind jetzt seit drei Wochen und sechs Tagen zusammen. Auch, wenn wir uns noch nicht geküsst haben, so haben wir doch ein Datum festgelegt, seit wann wir miteinander gehen. Jetzt kommt Valentinstag. Der Tag der Verliebten. Meine Mutter sagt, das ist nur so eine Erfindung der Konsumindustrie. Aber ich möchte ihm trotzdem etwas schenken. Weiß nur nicht, was. Was brauchen Männer schon… Duschgel vielleicht. Aber es muss passen. Alaska Ice. Nein, so ein kalter Typ ist er nicht. Er ist warmherzig, etwas exotisch. Red Lotus vielleicht… Ach, nein, das ist zu feminin. Und überhaupt, was sagt das schon aus darüber, was er mir bedeutet. Wenn ich ihm wirklich das schenken würde, was er mir bedeutet, dann – das könnte ich gar nicht mit Geld ermessen, dann müsste ich eine Bank ausrauben. (Anna)

 

Auch Paul, der Dichter macht sich Gedanken darüber, was er dem Jesuskind schenken soll, das ihm so viel bedeutet. Mit so viel Liebe im Blick kommt es ihm ganz unwirklich vor, dass der Heiland der Welt in einer Futterkrippe liegen muss, statt in einer güldenen Wiege, wie sie für ein Königskind angemessen wäre. Dass er sich auf Heu und Stroh betten muss statt auf Purpur, Samt und Seide. Der Dichter will das Jesuskind überhäufen mit den schönsten und kostbarsten Blumen. Er ist dabei so herrlich verschwenderisch, wie es nur die Menschen im Barock sein können. (Christoph)

 

Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,

Ich will mir Blumen holen,

Daß meines Heilands Lager sei

Auf Rosen und Violen.

Mit Tulpen, Nelken, Rosmarin

Aus schönen Gärten will ich Ihn

Von oben her bestreuen.

(Irmgard)

 

Paul der Dichter hat sich seine Geschenke passend ausgesucht. Rosen und Lilien stehen für die Liebe, die lilafarbene Viole für die Demut. Nelke und Rosmarin haben einen starken Duft. Sie sollen die bösen Mächte abwehren. Tulpen waren gerade erst gezüchtet worden zu Paul Gerhardts Zeiten. Sie waren fast unbezahlbar. Liebe, Demut, Schutz und eine Portion Luxus – das wünscht man einem Heiland.

Wahrscheinlich hat sich Paul Gerhardt inspirieren lassen von einer mittelalterlichen Legende. Die handelt von dem heiligen Hieronymus, einem alten und weisen Kirchenvater. Der Erzählung nach wollte Hieronymus dem Jesuskind viel Geld schenken. Aber der junge Heiland lehnt ab. Gib es den Armen, sagt er, das wäre so, als hättest Du es mir geschenkt. Das will ich tun, sagt der Greis, aber ich möchte doch auch dir speziell etwas schenken. Gerne, antwortet das Kind, dann gib mir einfach alle deine Sünden. (Christoph)

 

Musikimprovisation III

 

Liebes Tagebuch, er hat mich geküsst!!! Drei Ausrufezeichen. Ich bin so glücklich. Heute ist der letzte Tag vor den Ferien. Er fährt mit seiner Jugendgruppe weg, und ich fliege mit meinen Eltern nach Korfu, wie jedes Jahr. Auf dem Weg zum Bus hat er einen Brief aus seiner Jacke geholt und ihn mir gegeben, ich soll ihn im Urlaub lesen. Dann hat er sein Fahrrad an der Bushaltestelle abgestellt und hat sich vor mich gestellt, und gesagt er würde dann jetzt fahren. Und da habe ich ihn gefragt, ob er denn nicht noch etwas vergessen hätte. Wie jetzt?, hat er geantwortet. Und da habe ich ihn an mich gezogen und einfach auf dem Mund geküsst. – Und er hat mitgemacht. Oh, ich bin so glücklich. Ich will ihn immer bei mir haben. Ich wollte, ich könnte ihn klein zaubern, und im Handgepäck mitnehmen. Seinen Brief werde ich gleich im Flugzeug lesen. Und wenn wir angekommen sind, schreibe ich ihm die erste Karte. (Anna)

 

Auch Paul der Dichter will nicht mehr von Jesus lassen, will ihn immer bei sich haben. Er will eins werden mit dem Höchsten, mit ihm verschmelzen. Eins sein, das ist seit jeher das Angelegenheit der Mystik. Paul Gerhardt findet für diese mystische Vereinigung ein gewöhnungsbedürftiges, aber geniales Bild. Er möchte selbst die Krippe sein und das Jesuskind in sich aufnehmen. (Christoph)

 

Eins aber, hoff ich, wirst du mir,

Mein Heiland, nicht versagen:

Daß ich dich möge für und für

In, bei und an mir tragen.

So laß mich doch dein Kripplein sein;

Komm, komm und lege bei mir ein

Dich und all deine Freuden.

(Irmgard)

 

Paul der Dichter will – in diesem mystischen Bild gesprochen – selbst die Krippe sein, die das Jesuskind aufnimmt. Damit stellt er sich selbst in das schummrige Licht des Tierstalls zu Bethlehem. Die Futterkrippe ist ein Notbehelf – dürftig, grob und hart. Für den Theologen Paul Gerhardt ist sie daher ein Symbol des Leidens. Die Krippe ist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie das Kreuz, an dem Christus einst sterben wird. Und sie ist gleichzeitig ein Symbol für das menschliche Leben, das nicht so ist, wie es sein sollte. Die Bibel sagt Sünde dazu. Aber es hat Gott, dem Allmächtigen und Rätselhaften, gefallen, dass sein Sohn in einem Stall zur Welt kam. Ebenso gefällt es ihm, wenn er bei den Menschen wohnt – wie notdürftig oder baufällig unsere Existenz auch sein mag. Dieses Wunder, dass Gott selbst den Menschen ganz nahe sein will, dass er ein Mensch wird, dass er ganz in die menschliche Existenz eingehen will, dieses Wunder der Inkarnation, der Fleischwerdung, der Menschwerdung, ist für Paul, den Dichter die fröhlichste Botschaft auf Erden. (Christoph)

 

Musikimprovisation IV

 

Der Weg des Glaubens ist der Weg der Liebe. An Weihnachten feiern wir, dass Gottes Liebe in die Welt gekommen ist. Paul der Dichter und Paula die Jugendliche haben uns gezeigt, wie die Liebe verändert, und wie sie alles in Liebe verwandeln will. Dass es oft anders um unsre Welt aussieht, und um uns selbst, ist uns schmerzlich bewusst. Aber genau deswegen brauchen wir das Kind in der Krippe, und brauchen wir den Blick der Liebe, der alles schön macht, was er betrachtet. Halten wir fest an diesem Glauben. Halten wir fest an der Liebe. Amen. (Christoph)

 

Gemeindegesang: „Ich steh an deiner Krippen hier“, 5+8, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 37