Foto von aufgeschlagenen Büchern

Radiopredigt zu Himmelfahrt 2015

Dr. Manuel Schilling (ev)

21.08.2015 in Minden

Die Predigt hören Sie hier.

 

 

 

Eingangschor der Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“, BWV 43 von J.S. Bach

Ps 47,6: „Gott fähret auf mit Jauchzen, und der Herr beim Schall der Posaune“

 

I.

Minden, im April 2015. Jesus steht – etwas erhöht – über seinen Jüngern auf den Stufen der Kapelle des Nordfriedhofs. Gerade hat er die Jünger gesegnet und in die Welt hinausgesandt mit den Worten: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Jetzt steigt er die Stufen hinab und nimmt der überraschten Jüngerin Lina das Kinderfahrrad aus der Hand. „Wo willst du hin?“, fragt Jünger Kevin. „Auf zu meinem Vater und eurem Vater.“, antwortet Jesus. Er schwingt sich in den Sattel und radelt um die Ecke. Die Jünger laufen hinterher. Am Steilufer der Weser, zu Füßen des großen Friedhofskreuzes finden sie das Rad. Es lehnt am Geländer. „Wo ist Jesus?“, fragt Jüngerin Chantalle. Zögernd heben sich nach und nach dreißig Kinderarme in die Luft, zeigen auf das Kreuz über ihnen und die gewaltige Wolke, die sich langsam über den Himmel schiebt.

Himmelfahrt 2015. Jesus tritt in die Pedalen und macht sich auf den Weg zum Vater. So haben es Kinder und Jugendliche im Rahmen der diesjährigen Kinderbibeltage hier in Minden in einem Video dargestellt. Lange haben sie gegrübelt, wie man das zeigen soll: Jesus fährt zum Himmel auf. Schließlich fanden sie den Ausweg mit dem Fahrrad. Eine Verlegenheitslösung, werden manche von Ihnen vielleicht denken. Aber auch nicht schlechter als all die Altarbilder aus dem Mittelalter, auf denen man am unteren Bildrand wild gestikulierende Jünger erblickt, und über ihnen die Sohlen zweier nackter Füße, die von einem Mantelsaum umhüllt sind und in einer Wolke verschwinden.

Bis heute sind die Künstler mit Himmelfahrt nicht fertig geworden. Denn diese Geschichte lässt sich nicht darstellen. Niemand wird mit Himmelfahrt je fertig, dies Geschehen lässt sich nicht begreifen. Da steht dein bester Freund Jesus leibhaftig vor dir, obwohl du ihn selbst in das Grab gelegt hattest. Du kannst ihn anfassen. Und von einem auf den anderen Moment ist er fort, ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen. Was geht in dir vor? Die Freude, dass er es endlich geschafft hat? Weil ihm jetzt keiner mehr Schmerzen zufügen wird? Ist es der Jubel? „Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig“? Oder bedrückt dich die Sorge? Was sollen wir ohne Jesus tun? Wird der Tröster, der Heilige Geist, kommen?

 

II.

Und so machen sich seitdem Generationen von Christinnen und Christen ihre Gedanken über Himmelfahrt. Hören wir, wie sich Johann Sebastian Bach die Himmelfahrt Jesu vorstellt. Springen wir hinein in einige Takte aus dem Eingangschor der Himmelfahrtskantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“ aus dem Jahr 1726.

T14,1-T17,3                         T21,1-T28,2                                                   (12‘‘)

Tutti

Laut, lärmend, jubelnd, glanzvoll: so kommt mir diese Musik vor. Zugleich erscheint sie konfus, überbordend von Koloraturen der Chorstimmen, begleitet von wirren, züngelnden Tonleitern der Streicher und überstrahlt von Fanfaren der Trompeten. Liebe Gemeinde, der Chor hat lange dafür üben müssen, um diese Töne zu singen. Zuweilen gab es ein Seufzen in den Chorproben. Wie muss es Bach damals ergangen sein, als er das Stück mit den Thomanern einübte – seinem berühmten Leipziger Knabenchor? Trotzdem hat er es so kompliziert komponiert.

Und wer genau hinschaut, der entdeckt in dem großen Notengewühl eine streng durchdachte musikalische Logik. Hören wir noch einmal dieselben Takte, aber jetzt nur die Bassstimme:

T14,1-T17,3                        T21,1-T28,2                                                               (12‘‘)

Chorbass

Das ist das Grundthema des gesamten Stückes, die ganze Botschaft von Himmelfahrt: „Gott fähret auf mit Jauchzen“. Die Melodie beginnt betont mit dem langen Wort „Gott“ auf dem Grundton, schwingt sich zu den Worten „fähret“ in einer Kette rascher Achtelnoten hoch und erreicht bei dem Wort „auf“ die Spitzennote. Diese wird vom lang ausgemalten „Jauchzen“ umspielt. Fünf Töne höher als zu Beginn endet die Melodie. Sie ist tatsächlich aufgestiegen.

Vierzehnmal wird dieses Thema im Laufe des Eingangschores von den verschiedensten Stimmen gesungen oder gespielt, verborgen ist es immer gegenwärtig. Und gleich zu Beginn erhebt es sich vom tiefsten Bass bis zur hohen Trompete.

T14,1-T31,3                        T21,1-T56,1                                                               (60‘‘)

Basso Continuo, Chorstimmen, Trompete 1, jeweils nur der Themenkopf :

„Gott fähret auf mit Jauchzen“

Allmählich und unaufhaltsam, durch nichts zu behindern steigt der Gottessohn von den Tiefen der Unterwelt bis in den Himmel. Mit souveräner Geste wischt der Auferstandene allen irdischen Widerstand zur Seite. Diese konsequente musikalische Logik könnte langweilen. Und: so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Deshalb verschleiert Bach diesen Aufstieg Jesu durch kurze gesungene Zwischenrufe wie:

T21,1-3                                T35,2-T36,3                                                               (2‘‘)

Sopran

Oder durch Fanfaren der Trompeten und Pauken:

T21,1-3                                T35,2-T36,3                                                               (2‘‘)

Trompeten 1-3, Pauken

Vor allem aber setzt Bach dem gelassenen Aufstieg des musikalischen Hauptthemas noch ein anderes musikalisches Thema entgegen. Dies überlagert und verdeckt zunächst das Hauptthema. Dieses zweite Thema führt den Text fort: „Und der Herr mit heller Posaune“. Hören wir einmal den ganzen Chor dieses Thema unisono singen:

T17,4-T21,1                        T28,3-35,2                                                                 (12‘‘)

Chor unisono Bassstimme

Hören Sie auch die kurzen wiederholten Stöße der Posaune, und ihren Ruf in den Kampf? Als ob sie die Schlacht eröffnen wollten, die der Gottessohn schlagen muss und die auch auf die Gläubigen wartet. Da ist von gelassener Souveränität keine Spur. Und jetzt stellen Sie sich, liebe Gemeinde, beide Themen übereinander vor, dazu die Zwischenrufe und Fanfaren, die aufschießenden Tonketten und halsbrecherischen Sprünge – ein barockes Feuerwerk, ein christlicher Walkürenritt. Himmelfahrt – ein gewaltiger triumphaler Aufstieg des Herrn, durch Kampf errungen und mit Jubel besiegelt. So stellt sich Johann Sebastian Bach im Jahre 1726 die Himmelfahrt Jesu Christi vor.

 

III.

Mir erscheint diese Deutung der Himmelfahrt Jesu reichlich triumphal, ziemlich vollmundig. 1726 konnte man vielleicht noch so komponieren. Es ging dem Kurfürstentum Sachsen, der Stadt Leipzig und dem Thomaskantor Bach gut. Wir aber leben heute in angefochtenen Zeiten. Wir fürchten Finanzkrisen und sind bedroht von Klimakatastrophen. Wir sehnen uns nach Frieden und Versöhnung. An kirchlichen Allmachts- oder religiösen Gewaltphantasien haben wir keinen Bedarf. Warum hat Bach so komponiert?

Zunächst hat Bach die Bibel ernst genommen. Denn der Psalm 47, dem der Kantatentext entnommen ist, ist voll von kriegerischen Anspielungen. Da heißt es zum Beispiel: „Der HERR beugt die Völker unter uns und Völkerschaften unter unsere Füße.“ Ja, im gesamten Alten Testament blitzen solche Momente von Jauchzen und Posaunenschall auf. Ein gewalttätiger und erschreckender Gott erhebt sein Haupt. Alles beginnt am Sinai. Das Volk war kurz zuvor durch das Schilfmeer gezogen. Seine Feinde mitsamt ihren ägyptischen Streitwagen, waren von Gott selbst ertränkt worden. Jetzt soll das Volk Israel von diesem Gott die 10 Gebote erhalten. Zur Ankündigung dieser Offenbarung raucht der Berg und eine Posaune ertönt vom Himmel, sodass das ganze Volk erschreckt. Vierzig Jahre danach: Gott schenkt seinem Volk den Sieg in der Schlacht. Allein die Posaunen sollen geblasen werden, wenn Israel um die Mauern von Jericho zieht, und als beim siebten Mal das Volk „jauchzt“, da brechen zum Posaunenklang die Mauern der Stadt ein. Gott ist da.

Da kommen doch politische Macht, militärische Gewalt, religiöser Hochmut gefährlich eng zusammen. Abstoßend, intolerant, brutal!, würden wir heute sagen. Um diese Texte zu verstehen, liebe Gemeinde, muss ich wissen, wer diese religiösen Bilder aufschrieb. Es waren gedemütigte, entmachtete und entwurzelte Menschen. In ihrer Machtlosigkeit bargen sie sich in mächtigen Wunschbildern, um nicht den letzten Funken Hoffnung zu verlieren. Israel wurde zu allen Zeiten von den Großmächten seiner Zeit unterdrückt, es war niemals selbst eine reale Bedrohung für die anderen Völker. Und wenn die Israeliten von Gott träumten, der auffährt beim Schall der Posaune, dann ging es weniger um Vergeltung an anderen. Dann ging es um Gerechtigkeit und eine Lebenschance für die Benachteiligten selbst.

„Gott fähret auf mit Jauchzen, und der Herr beim Schall der Posaune“ besingt also bestimmt keinen lieben und keinen braven Gott. Der Text besingt vielmehr einen Gott, der sein schwaches Volk nicht im Stich lässt, der für es streitet, bis aufs Blut.

 

IV.

Auch das Neue Testament kennt diesen streitbaren Gott. Auch dort erschallt die Posaune. Allerdings erhält sie eine ganz neue, geheimnisvolle Bedeutung. Denn wenn jetzt die letzte Posaune erschallt, dann ist die letzte Schlacht geschlagen. Dann „werden die Toten auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.“ (1. Kor 15,52). Am jüngsten Tag, wenn Jesus zurückkehrt, der gen Himmel gefahren ist, dann sollen wir die Posaunen hören. Vorher jedoch nicht.

Denn Jesus selbst legt keinerlei Wert auf Pauken und Trompeten. Er wird nicht im Königspalast von Jerusalem geboren, sondern im Stall von Bethlehem. Er wächst in Nazareth auf. Er will keinen äußeren Glanz. Als Jesus in Jerusalem einzieht, dann auf einem Esel. Und ohne königliche Begleitmusik. Das letzte, was man von ihm am Kreuz hört, ist kein Trompetenstoß. Es ist ein unartikulierter Schrei, wie ein geschlachtetes Vieh.

Liebe Gemeinde, jetzt denke bitte keiner, das Neue Testament widerspreche dem Alten. Im Gegenteil. Die Geschichte Jesu stellt den Psalm 47 in ein neues Licht. Denn es bleibt dabei: „Der Herr fährt auf beim Schall der Posaune“. Nur eben, dass dieser Herr ein Gekreuzigter ist.

Der Gott, von dem das Alte Testament bezeugt, dass er für sein Volk kämpft, der führt in Jesus diesen Kampf auf ganz besondere Weise. Er leidet selbst in und an der Welt, bis zur Selbstaufgabe. Jesus kämpft mit der stärksten Waffe, mit der Waffe der wehrlosen, der nackten Menschlichkeit. Das ist entwaffnend und zugleich verwirrend. So fährt er schließlich zum Klang der Kriegsinstrumente auf. Ihm gelten die himmlischen Fanfaren. Der Verachtete, der Misshandelte, das Opfer kommt zu himmlischen Ehren. Und mit ihm alle verachteten, misshandelten und alle geopferten Menschen dieser Erde. Darauf sollen all die schauen, die sich nach wahrer Menschlichkeit sehnen. Diese Musik soll denen schon im Ohr klingen, die Jesus von Nazareth nachfolgen wollen.

Eine solche Musik müsste wie ein Tanz sein, befreit und gelöst. Das deutet auch Bachs Musik an. In den allerletzten Takten des Chorsatzes weicht das Stimmenchaos einem spielerischen, schwingenden Rhythmus, der mehr und mehr alle Stimmen vereint, bis sie gemeinsam in den Schlussakkord münden.

T65,3-Ende                         T124,3-Ende                                                             (20‘‘)

 

V.

Diese Botschaft vom gewaltlosen König schwingt mit, wenn wir in diesem Gottesdienst die glanzvolle Musik von Johann Sebastian Bach singen und hören. Wir setzen damit ein Zeichen in unseren Tagen. Denn es gibt genug Zeitgenossen, die die Religion und ihren Zauber benutzen, um Gewalt und Intoleranz zu rechtfertigen. Da brüsten sich die einen, im Namen ihres Gottes uralte Bilder, Gotteshäuser und Skulpturen zu zerstören und wehrlose Menschen zu schlachten. Da beschwören andere ein angeblich „christliches Abendland“, um hilflose Flüchtlinge auszugrenzen. Da wird Hass auf Erden gesät, immer verbunden mit dem Bild des unumschränkt allmächtigen Gottes, der wie ein König regiert.

Was können wir gegen die Gewalt dieser Bilder setzen? Natürlich vor allem Taten der Menschlichkeit. Die vielen Flüchtlinge in unseren Städten warten auf unsere Hilfe. Und wir können anders von Gott reden als die religiösen Brandstifter. Neue, überraschende Bilder können wir erfinden, so wie Jesus seine Jünger immer neu überrascht hat. Zum Beispiel ein Bild von Jesus, der friedlich auf einem Kinderfahrrad zu seinem Vater aufbricht, wie es sich die Mindener Kinder ausgemalt haben. Oder wir setzen heute Morgen in der Martinikirche die Musik dagegen. Wir singen vom Triumph des gewaltlosen Königs. Wir bringen unsere schwachen Stimmen ein. Das ist nicht wenig. Wir singen für alle Leidenden – hier und in aller Welt. Wir singen ihnen die Hoffnung ins Herz. Denn: „Gott fähret auf mit Jauchzen, und der Herr beim Schall der Posaune.“

Amen.