Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Weihnachten 2012

Bruder Nikodemus Claudius Schnabel OSB (rk)

24.12.2012 im Radio NRW (Mantelprogramm der NRW-Lokalradios)

Radio-Weihnachtsansprache

Die Weihnachtsansprache hören Sie hier.

Liebe Hörerinnen und Hörer,

ganz herzlich grüße ich Sie heute am Heiligen Abend aus dem Herzen des Heiligen Landes - und zwar von der Dormitio-Abtei auf dem Zions-Berg in Jerusalem. Meine Gedanken gehen in diesem Augenblick an Sie nach Nordrhein-Westfalen. Ein Bundesland, was mir viel bedeutet, da nicht nur meine Mutter von dort stammt, sondern ich selbst auch einige Jahre dort leben durfte.

Bei Ihnen zu Hause in NRW ist die Stimmung wohl eine völlig andere als hier grade. Die Mehrzahl der Bevölkerung hier interessiert sich nämlich überhaupt nicht für Weihnachten! Kein Wunder bei nur zwei Prozent Christen. Im Klartext: Nach Adventsmärkten, Glühweinständen, Weihnachtsdeko und Musik in den Supermärkten suchen Sie hier vergeblich. Heute ist ein ganz unspektakulärer Montag und morgen eben Dienstag. Völlig normale Arbeitstage.

Nun aber zu meinem Heiligen Abend heute: Ich freue mich jetzt schon sehr auf unsere Christmette um Mitternacht. Unsere Basilika wird – wie jedes Jahr – gerammelt voll werden und wieder werden einige draußen warten müssen. Das liegt aber nicht an den paar deutschsprachigen Christen, die mit uns den Gottesdienst feiern wollen, sondern an hunderten von jungen Juden aus ganz Israel, meist Studenten, welche einfach neugierig auf das Phänomen deutsche Weihnachten sind. Also schwingen wir kräftig das Weihrauchfass und singen „Stille Nacht“, während die Kunst- und Musikstudenten sich fleißig Notizen machen - wie in einer Vorlesung.

Nach der Christmette folgt dann ein zweistündiger Fußmarsch zu der 10 km entfernten Geburts-Basilika in Bethlehem. Mit dabei: eine große Rolle mit Namen von vielen Menschen, welche uns gebeten haben, sie in dieser Nacht mit nach Bethlehem zu nehmen.

Ja, und dann ist fünf Uhr morgens. Man hat die ganze Nacht nicht geschlafen, ist übermüdet und durchgefroren, und steht dann vor der Geburtsbasilika. Dann bücke ich mich, um durch das schmale Eingangstor der Basilika zu passen, tauche ein in den riesigen dunklen Raum, gehe vor zum Altar, biege aber kurz vor meinem Ziel nach rechts ab, um die Stufen hinab zu steigen in die Geburtsgrotte unter dem Hauptaltar. Da ist er: der Stern, der den Geburtsort Jesu markiert. Hier legen wir die Rolle mit den Namen ab, hier werden wir gleich das Morgenlob singen.

Doch erst einmal Stille, Ruhe, Zeit für privates Gebet. Es ist der schönste Moment am ganzen Weihnachtsfest. Durchgefroren und übermüdet wird mir bewusst, um was es an Weihnachten wirklich geht: Gott, der Schöpfer des gesamten Weltalls, hat uns Menschen so lieb, dass er einer von uns werden wollte. Und dabei hat er nicht einen Königspalast als Geburtsort gewählt, sondern das Kellergeschoss eines armen Wohnhauses, indem die Menschen damals die Tiere gehalten haben - eine antike Form einer Bio-Fußbodenheizung. Und so wie es damals unten bei den Tieren für den kleinen Jesus schön warm war, so wir des jetzt auch in mir: Der Stress eines ganzen Jahres fällt von mir ab. Das Leben, Frieden, Liebe ist so einfach und wunderbar unkompliziert, wenn man auf ein neugeborenes Kind schaut. Was machen wir Erwachsene nur immer daraus?

So wünsche ich Ihnen allen von Herzen den kindlich-ungetrübten Blick auf das Wunder des Lebens, des Friedens und der Liebe aus dem Heiligen Land.

Ihr Bruder Nikodemus Claudius Schnabel von der Jerusalemer Dormitio-Abtei!