Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 21,1-9

Jürgen Truschel (ev.-luth.)

27.11.2012 Bad Bevensen - in einem Altenheim der Casa Reha

im Rahmen eines Adventsnachmittages in einem Altenheim der Casa Reha

Der Oberammergauer Jesus

Die Predigt hören Sie hier.

 

Liebe Gemeinde! Ein paar Jungen rennen durch die Gassen und rufen in die Häuser hinein: „Er kommt!“ Und dann - welch ein Gewimmel! Die ganze Stadt strömt ihm singend entgegen. So beginnen die Passionsfestspiele von 2010 in Oberammergau. Die Menschen singen:

Heil dir, Heil dir, o Davids Sohn! Der Väter Thron gebühret dir! Der in des Höchsten Namen kömmt, dem Israel entgegen strömt – dich preisen wir, dich preisen wir!“

Volk und Kinder rufen „Hosianna“. Die römischen Soldaten fürchten sich vor Aufruhr. In der Stadt brodelt es. Es ist kurz vor dem Passahfest.

Als Jesus schauspielreif auf einem Esel in Jerusalem einreitet, will man eines sofort von ihm wissen: Warum bist du gekommen?

Großartig. Von Beginn an klare Worte. Was willst du! Warum bist du gekommen? Eine glasklare Frage: Was ist deine Mission? Für wen bist du gekommen? Was willst du von uns? Und was sollen wir deiner Meinung nach tun?

Jetzt warten alle gespannt auf den ersten entscheidenden Satz Jesu. Was würde er antworten? Viele beugen sich vor, um nichts zu versäumen und kein Wort zu überhören.

„Ich bin gekommen“, sagt Jesus, „um die Traurigen zu trösten.“

Darauf Ezechiel: „Man hat dir gesagt, es ist besser du gehst.“ „Das Volk dürstet nach seiner Rede!“ wirft Petrus ein. Einige Stimmen rufen: „Er soll reden;“ andere Stimmen fallen ein: „Wir wollen ihn hören!“ Als aber Nathanael mit warnendem Unterton sagt: „Sprich, Galiläer! Doch man wägt deine Worte,“ da wird es still. Man kann jetzt eine Stecknadel fallen hören.

„Kommt,“ sagt der Oberammergauer Jesus, „kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Kommt, die ihr geschwächt seid von der Last des Unglücks und des Kummers! Es ist eine Zeit der Angst für Israel, doch soll euch geholfen werden.“

Und dann werde ich Zeuge, wie der Bühnen-Jesus seine Zuhörer bei ihren Bedürfnissen auf ein Leben in Wahrhaftigkeit packt. Wie er ihre Sorgen zerstreut. Das ist fabelhaft und nicht nur ganz großes Theater.

Gott weiß, was ihr bedürft, tröstet Jesus die Menge. Er sagt es denen, die sich auf der Bühne um ihn scharen. Aber er sagt es auch all den anderen, die jetzt vor der Bühne sitzen und seine Botschaft miterleben.

Es geht Gott im Kern um dein Leben, vermittelt Jesus jetzt den Versammelten. Es geht ihm noch immer um dein Trachten, um deine Sehnsucht und darum, wie du Vorsorge für das Morgen treffen willst.

Und dann schenkt der Oberammergauer Jesus den Versammelten zwei Perspektiven, denen sie entnehmen können, was ihr wahres Menschsein, ihre Menschlichkeit, vor Gott ausmachen soll.

Erstens: Trachtet nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit. Und Zweitens: Sehnt euch nicht nach den Schätzen der Erde. Sammelt euch Schätze im Himmel! Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz! So sollt ihr Gott begegnen.

Paul Gerhardt hat diese Begegnung zwischen Gott und Mensch später zum Anlass genommen, um in einem Lied zu fragen: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir…“. Das wollen wir nun gemeinsam singen. Amen.