Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 1,18-24

Pfarrer i. R. K.-Christian Ellgaard (ev.)

24.12.2017 Gemeindezentrum Markuskirche der Evangelische Trinitatis-Kirchengemeinde Gelsenkirchen-Buer

Predigt zur Christmette

Der Weg zum Gottesdienstraum ist mit 100 Kerzen in Weckgläsern, die auch im Außenbereich aufgestellt sind gesäumt. 

Vor dem Altar liegt ein großer Strohhaufen. Im Liedblatt ist ein ca. 20 cm lange Stück Stroh aus dem Haufen mit einem Klebestern befestigt und ragt etwas raus. Der Predigttext wurde vor der Predigt gelesen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Zur späten Stunde der Christnacht bin ich etwas nachdenklicher als bei den großen Massenveranstaltungen heute Nachmittag und am frühen Abend in der Kirche. Und die vielen Kerzen heute Nacht, und Lichter am Baum, sie haben eine Wirkung. Sie lösen Gedanken und Gefühle aus, machen mich nachdenklicher. Ich hoffe, sie sind auch ein wenig mit dieser Stimmung hier her gekommen.

 

Jedes Jahr zu Weihnachten unternehmen wir Christen den Versuch

zu hören und zu verstehen, was da vor ca. 2000 Jahren passiert ist

und was es für uns bedeuten möge.

 

Damit wir durch all das Vordergründige des Weihnachtsfestes hindurchschauen und nicht stehenbleiben bei den Sätzen einer repräsentativen Umfrage, die Antworten auf die Frage suchte:

Was ist Weihnachten für ein Fest?

Die drei am häufigsten genannten Antworten lauten:

Ein Fest der Familie

Ein Fest des Schenkens

Ein Fest der Liebe

Für 79 Prozent aller deutschen ist Weihnachten ein wichtiges Familienfest.

 

Aber werden wir darüber hinaus noch tiefer schauen können?

Was wird denn da gefeiert und was bedeutet Weihnachten?

Wofür steht es in der Christenheit? Was für ein Gott ist da geboren?

Wenn wir darauf eine Antwort finden wollen  

bleibt uns wohl nichts anderes übrig

als in die Geschichte zu schauen,

in der von dem Ereignis die Rede ist.

Es ist die Erzählung von der Geburt eines Kindes vor 2000 Jahren.

Wie oft haben Sie diese Erzählung schon gehört?

Das letzte Mal vor 15 Min hier im Gottesdienst. 

Es geht in dieser Geschichte um 400 Wörter

- die 400 Wörter einer Geschichte.

Sie ist nicht neu, sie kommt nicht mit dicken Überschriften daher.

Es ist die Weihnachtserzählung nach Lukas,

die Geschichte, wie unser Gott in einem kleinen Kind in Palästina zur Welt kommt.

Ein Kind mittelloser jüdischer Eltern,

ein Kind, das unter Habenichtsen geboren wird

und schon als Säugling auf die Flucht muss.

Ein Kind in extremer Armut – wie 600 Millionen Kinder heute.

Sie sterben an Mangelernährung,

an Hunger, Krieg und Flucht auf der ganzen Welt.

Sie werden in Kriege geschickt, sexuell missbraucht

und bei Billiglöhnen gnadenlos ausgebeutet.

Sie sind auf der Flucht

oder in den Internierungslagern in Libyen und anderswo und versinken in kleinen Booten im Mittelmeer.

Ja, dieses Schicksal hätte auch jenes Gotteskind leicht erleiden können.

 

Liebe Zuhörer,

wie sollen wir das eigentlich aushalten,

all diese Horrordaten der Welt, in den letzten Jahren,

was Kinder auf dieser Welt erleben müssen

und was Menschen in den weltweiten Kriegsgebieten erleben,

in Syrien, Afrika und auf der Flucht.

 

Ja, was sagt dazu die Erzählung von der Geburt Jesu?

Jener Geschichte, die wir Jahr für Jahr hören,

damit sie uns zu Herzen gehen soll.

Die Erzählung bleibt aber wir ändern uns.

Wir hören sie alle Jahre.

Sie gehört zu Weihnachten und vielleicht braucht es ein Leben lang,

jedes Jahr ein Stücken mehr, um zu verstehen,

was da eigentlich geschehen ist.

 

Und so möchte ich mit Ihnen dieses Jahr die Weihnachterzählung  mit dem Blick auf Josef, dem Vater Jesu betrachten.

 

Anfangen will ich mit dem Strohhalm,

vielleicht haben sie ihn schon von der Mitte des Liedblattes abgemacht und halten ihn in der Hand.

 

Dieser Strohhalm kommt aus dem Haufen Stroh,

der hier vor dem Altar liegt.

Vielleicht Stroh wie in der Krippe Jesu.

 

Fühlen Sie mal wie glatt der Halm ist.

Bisher ist dieser Strohhalm im Haufen Stroh einer von vielen gewesen. Jetzt ist er hier in Ihrer und meiner Hand.

 

Er wird mich erinnern an diesen Gottesdienst,

an dieses Jahr Weihnachten.

Irgendwann werde ich ihn wegwerfen,

dann wird er wieder eintauchen in die Vergänglichkeit.

Er wird wieder da sein, wo er hergekommen ist.

 

Doch jetzt, in diesem Augenblick ist er mir wichtig,

jetzt in diesem Augenblick am Weihnachtsfest 2017.

 

Ich werde ihn benutzen, um mich an ihm entlang zu hangeln.

Vielleicht setzt sich der eine -- oder andere Gedanke an ihm fest.

 

Er ist ja erstaunlich widerstandsfähig

und er ist absolut nicht zu zähmen.

 

Er hat seine eigenen Gesetze. Er verbiegt sich wie er will

und ist eigentlich in keine Norm und in keine Ordnung zu pressen.

 

Das ist das eine: dieser Strohhalm

 

Das andere heute Nacht,

das sind wir, in diesem Gottesdienstraum

mit unseren weihnachtlichen Bildern und unseren Erinnerungen.

Da sind wir mit unseren Hoffnungen, mit unseren Erwartungen, 

dass es Weihnachten werden möge und mit unserer Realität:

wie es mit mir -- und wie es mit uns -- und mit unseren Partnern -- und Eltern -- und Freunden weitergehen wird.

Da sind wir mit all unseren Befürchtungen und Sorgen,

die wir haben in unserer Gesellschafft:

-Das Erstarken der Rechtspopulisten und den EU Kritikern,

-Die Sorge um so viele Flüchtlinge

-und, dass das Geld an anderer Stelle fehlt

-und, dass die Kriminalität zunehmen wird.

-die Sorge, um unsere Demokratie

-und eine stabile Regierung.

 

Unserer Realität, die wird uns gerade an Weihnachten doppelt,

dreifach brennend bewusst.

 

In diese Realität hinein, durch diese Bilder hindurch,

soll dann auch Platz sein,

für die Botschaft, für die gute Nachricht,

für dass, was wir Evangelium nennen.

 

Ich will Ihnen einfach erzählen:

von einen Mann, dem das alles auch nicht so ganz klar war.

Der überhaupt nichts verstanden hat,

zunächst mal, von dem, was um ihn herum passierte.

Er hat eine Beziehung zu einer Frau und hatte daran gedacht,

sie auch zu heiraten.

Die beiden waren glücklich,  bis da plötzlich diese Frau ihm eröffnete:

ich bin schwanger.

 

Wie reagiert da dieser Mann in seiner damaligen Zeit,

um das Jahr O? War es Schande? Ist er blamiert?

Die gemeinsame Ehe, ist sie dahin, die gemeinsame Zukunft auch?

Die Hoffnungen, die Träume -- da wird nichts mehr daraus --.

 

Und dann hat dieser Mann diesen merkwürdigen Traum,

der sein Leben verändert,

weil er sich einlässt, auf das, was er träumt.

Weil er seinen Traum als eine Botschaft begreift

und weil er handelt nach dem wie er geträumt hat.

 

Da ist der Mann mir wieder fremd, weil unsere Träume

sind Schäume und fließen selten in Handlungen ein.

 

Ich erzähle ihnen die Geschichte mal lieber weiter:

Sie geht so aus, dass dieser Mann im Traum gesagt  bekommt:

bleib bei dieser Frau. Sie wird einen Sohn bekommen.

Sie kennen die Geschichte! „Du wirst ihn Jesus nennen“.

Das heißt auf Deutsch:  „Gott hilft“.

 

Und gegen seine ganze Vernunft und all’ dass,

was er bisher für Ehre und Männlichkeit gehalten hat,

entscheidet sich dieser Mann für den Traum.

So weit, so gut.

 

Gut ist es für diesen Mann eigentlich nicht geworden.

Josef heißt er und im Abseits steht er.

Und wenn er ein Halm wäre, da, in diesem Strohhaufen;

wir könnten ihn nicht erkennen.

Wir würden ihn gar nicht merken können,

diesen Josef, so abseits ist er.

 

Und wenn für alle „Stille Nacht, Heilige Nacht“ wird,

wird es für ihn weder still noch heilig,

sondern er spürt seine Wunden -und die Narben -und die Realität

und die ist grausam und die wird so weitergehen,

dass er bald flüchten muss.

 

Das ist Josef zu Weihnachten

und das doch, obwohl er sich eingelassen hat,

obwohl er ein rechtschaffender, ein frommer Mann gewesen ist.

Und das doch, obwohl er Gottes Willen getan hat

und das doch, obwohl er seinen Träumen gefolgt ist.

 

Für Josef wird es trotz Weihnachten,  schlecht in seinem Leben,

weil er aus seinem Traum und seinen Handlungen

kein Verstehen ziehen kann.

 

Und das hat er gemeinsam mit seiner Frau, der Maria,

die versteht auch nicht, obwohl sie so nah dran ist.

 

Das ist das tragische

--- an Weihnachten  --- und an dieser Geschichte.

 

Ein Stück haben wir auch manchmal diese Augen von Josef:

Das sind dann die Augen, die hinter dem Tannenbaum

hinter die Kerzen schauen

und hinter unser ungelebtes Leben

und hinter all unsere Hoffnungen und Träume blicken.

 

 

Manchmal haben wir auch die Augen von Josef:

-Wenn wir sie an Weihnachten gerade haben,

-wenn wir klar sehen,

-wenn die Realität

-und der Hunger und die Not

-und die Ungerechtigkeit

-uns doppelt und dreifach drücken.

Dann wünschen wir uns, gerade an Weihnachten,

zufriedene Augen:

 

 Kinderaugen vielleicht, die strahlen können und träumen,

sich freuen über den Roller und das Polizeiauto

oder über die Wunderkerzen.

 

Das wünschen wir uns zu Weihnachten.

Mit diesen Wunsch sind wir vereint

mit vielen anderen Menschen in dieser Welt:

nicht das harte Stroh der Krippe, in Händen zu halten,

nicht die Realität zu spüren

und durch unserer Sehnsüchte hindurch schauen zu müssen,

sondern, wir wünschen uns Kinderaugen,

die sich verlieren können, träumen können, zu begeistern sind,

-- in denen das hoffnungsvolle Leben zu sehen ist.

 

Jesus heißt: Gott-hilft,

und wir Menschen verstehen dies manchmal.

 

Wir kennen die klaren Augen des Joseph,

wir wünschen uns Kinderaugen.

Was soll das?

 

Ich erzähle Ihnen noch eine Geschichte, von Orten und Menschen

über die zu Zeit keiner mehr spricht, vielleicht hilft die weiter:

 

In Rio de Janeiro, Kairo und Kalkutta oder anderer großen Städte,

gibt es Millionen von Einwohnern

und so viel Dreck und Müll, dass unsere Müllabfuhr,

damit überfordert wäre.

Sie haben aber dort so gut wie keine Müllabfuhr.

 

Den Dreck, der etwas besser Verdienenden,

machen dort die Kinder weg.

Sie sind 8, 10, 12, Jahre alt.

Sie fahren morgens ganz früh, in die Stadt mit ihren Karren

und sammeln ein, was die anderen Menschen wegwerfen:

Essensreste, Müll, Konservendosen, Computerschrott,

alles das, was noch irgendwie verwertbar ist.

Und sie fahren zurück zu ihrem Müllberg.

Dort leben sie, in ihren Hütten aus Pappe, Holz und Blech

in einem solchen Gestank und in einem solchen,

unvorstellbaren Elend, dass sich einem das Herz im Leibe umdreht.

 

Und diese Kinder sitzen in ihren Hütten,  in ihrer Kirche, in ihrem Müll

und feiern in diesen Tagen Weihnachten

wie wir -- und sie sind unsere Schwestern und Brüder.

 

Da haben wir wieder die Augen von Joseph

Und wünschen uns Kinderaugen.

 

Und zu diesen Kindern, da gehört er hin,

dieser Sohn des Josef, dieser Jesus.

 

Da gehört er hin, in die Müllberge von Rio,

bei den Hungernden der Erde.

Da gehört er hin, zu den Menschen, die durch Kriege leiden,

und von einer Krankheit bedrückt werden.

Da gehört er hin.

 

Und, dass er in schwierigen Verhältnissen

allemal besser aufgehoben ist als in glattpolierten,

-- das hat er mit dem Strohhalm gemeinsam.

Und, dass er nicht untergeht, 

dass seine Botschaft nicht kleinzukriegen ist,

nicht zu zerstören ist, nicht auszubürsten  und nicht glattzubügeln ist,

trotz zweitausendjähriger, theologischer, kirchlicher,

und sonstiger Versuche.

Das hat er auch mit dem Stroh gemeinsam, dieser: „Gott hilf“

und, dass er für uns manchmal zum Strohhalm wird,

nach dem wir greifen.

 

Er schenkt uns die Augen des Joseph,

und wir wünschen uns doch so sehr Kinderaugen.

 

Vielleicht, nehmen sie den Strohhalm ja doch mit,

vielleicht, ergreifen sie ihn ja irgendwann mal,

vielleicht, werden wir ja auch mal

so ein christlicher Strohhaufen als Gemeinde unseres Herren.

Und vielleicht, kann es ja Weihnachten werden,

trotz oder gerade mit den Augen des Joseph.

 

Und so weckt Gott bei uns Christen den Sinn für soziale Gerechtigkeit in unserem Land und auf der Erde, wenn Armut für viele,

darunter immer mehr Kinder, zum Alltag gehört.

-Wenn Menschen gefoltert und geschlagen werden

-und in den Kriegen dieser Welt zu Grunde gehen.

-Wenn große Unternehmen trotz hoher Gewinne,

-Länder ausbeuten,

-Mensch und Umwelt zerstören dürfen

-und tausende Beschäftige „freisetzen“ und das heißt: in die Arbeitslosigkeit entlassen.  

 

Von diesem Jesus wollte ich erzählen, von diesem:  „Gott hilf“,

von diesem Mann, der nicht einzuordnen ist:

„Gott sei Dank“.

Aber, der immer auf der Seite derjenigen steht,

die in Not und Unterdrückung und in Elend leben.

Und manchmal sind wir das auch.

Denn, da sage keiner unser seelisches Elend

unsere Knoten im Körper und Seele, täten nicht weh.

Und unsere Angst vor dem Morgen,

sei etwa keine Realität.

 

Doch oft stehen wir auch auf der anderen Seite und spüren das Glück gar nicht so richtig:

das Glück der einfachen Dinge:

- Ein Dach über dem Kopf.

- Ein warmes Bett an kalten Tagen.

- Tage ohne Hunger.

- Menschen, die mit uns leben wollen.

- Eine kleine Geste – da sorgt einer für mich.

- Da hat sich Einer Gedanken gemacht, um mich.

 

Und das große Glück:

- Freiheit,

- seine Meinung hier sagen zu können,

- keine Staatswillkür zu erdulden,

- als Frau ohne Erniedrigung zu leben,

-70 Jahre ohne Krieg in unserem Land –

 

Liebe Gemeinde,

diese Gedanken wollte ich mit ihnen heute teilen.

Keine großen Worte. Lasst uns demütig und bescheiden bleiben.

Das passt gut zu der Weihnachtserzählung.

Das entspricht genau dem Kinde in der Krippe.

Vielleicht kann uns der Strohhalm daran erinnern.

Ich hoffe, sie hangeln sich heute

oder in den nächsten Tagen noch ein wenig am ihm entlang.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest! Amen.