Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 6,30-44

Pfarrer Christoph Urban (ev)

09.10.2011 in der Konstantin-Basilika (Evangelische Kirche zum Erlöser) in Trier

Die Predigt hören Sie hier.

 

Liebe Gemeinde,

viele kennen diese alte Geschichte aus Asien. Ich erzähle sie trotzdem. Die Geschichte erzählt von drei blinden Männern und einem Elefanten. Die Blinden untersuchen den Elefanten und sind dabei allein auf ihre beschränkten Sinne angewiesen. Nachher kommen die drei zusammen und erklären einander, was denn nun ein Elefant ist. Der eine beschreibt den Rüssel. Er erklärt, ein Elefant ist so etwas wie eine große Schlage. An ihrem Kopf hat sie zwei Löcher, mit denen sie Luft einsaugen und wieder herauspusten kann. Der zweite beschreibt die Flanke des Elefanten. Ein Elefant ist eine weite Ebene, mit tiefen Furchen und aus Leder. Der dritte beschreibt den Schwanz des Elefanten. Ein Elefant das ist eine dünne Rute mit feinen Härchen an der Spitze. Dann streiten sich die drei Männer, weil jeder meint zu wissen, wie der wahre Elefant aussieht. Und hauen sich die Köpfe ein.

Wir können darüber nur lachen – abgesehen davon, dass man über Behinderte keine Witze macht. Die Geschichte wirkt lachhaft, weil wir natürlich etwas schlauer sind als die Blinden. Aber möglicherweise verfahren wir mit unserer Auslegung der Bibel nicht ganz unähnlich. Das will ich ihnen am Beispiel der Geschichte der Speisung der 5000 zeigen. Wir haben sie eben in der Lesung gehört. Jesus macht 5000 Menschen satt, obwohl doch eigentlich zu wenig zu essen da ist.

Die drei Männer in der Geschichte mit dem Elefanten hatten jeder für sich einen Teil des Elefanten erfasst und hatten ihn für das Ganze gehalten. Ihre Erkenntnis hing also von ihrer Perspektive ab. Ich möchte Ihnen vier verschiedene Perspektiven auf unseren Bibeltext von der Speisung der 5000 eröffnen: einen historisch-kritischen Zugang, einen fundamentalistischen Zugang, einen feministischen Zugang und einen tiefenpsychologischen Zugang.

1. Der historisch-Kritische Zugang

Die so genannte historisch-kritische Exegese, das meint Textforschung, zerlegt den biblischen Text wie einen Blätterteig mit einem Skalpell. Schicht für Schicht. Und vergleicht das mit weiteren Texten der Bibel und der Antike. Sie schaut, auf welches Material der Evangelist Markus zurück gegriffen haben könnte, und was er selbst dazu schrieb, als er sein Evangelium komponierte, auf welche biblischen Traditionen er dabei anspielte und für welches Hörer-Publikum er wohl schrieb. Damit versuchen die Text-Wissenschaftler zu historischen Wahrscheinlichkeits-Urteilen zu kommen. Und weil unsere Geschichte gleich sechsmal im neuen und einmal im Alten Testament vorkommt, und dabei alle Zahlen und Fakten munter durcheinanderpurzeln, wie viele Brote, Fische und Menschen, schätzen die Forscher den historischen Gehalt eher gering ein. Mehr als ein möglicher Kern, dass da mal was Besonderes war mit Jesus, seinen Jüngern und einer Masse Menschen am Ufer, bleibt nicht übrig, nachdem der historisch-kritische Besen gekehrt hat.

Aber die innerbiblischen Parallelen sind interessant. Viele Forscher meinen, dass die Brote und Fische an Manna und Wachteln erinnern sollen. Damit hatte Gott sein Volk gesättigt, als es mit Mose unterwegs war durch die Wüste. Der Evangelist Markus knüpft an diese Tradition an: das alte Wort, dass Gott sich seines Volkes in der Not erbarmt, findet hier im Neuen seine Erfüllung. Jesus handelt hier als ein wahrhaft guter Sohn Gottes.

Diese literarischen Parallelen kann man faszinierend finden – man kann aber auch fragen: war das schon alles? Gerade da setzt der Fundamentalist an.

2. Der fundamentalistische Zugang

Der Fundamentalist widerspricht den Grundannahmen des Historikers. Der Historiker sagt: Es gibt nichts, was es nicht schon so ähnlich gegeben hat (Analogie). Nein, sagt der Fundamentalist: warum sollte Gott nicht auch etwas nie Dagewesenes tun. Der Historiker sagt: Man kann immer nur von Wahrscheinlichkeit sprechen, nie von Sicherheit (Wahrscheinlichkeit). Nein, sagt der Fundamentalist. Der Schöpfer der Welt kann auch total unwahrscheinliche Dinge wirken. Der Historiker sagt: Jedes Ereignis steht immer in Wechselwirkung zu anderen Ereignissen (Korrelation). Nein, sagt der Fundamentalist. Der ganz Andere kann auch völlig zusammenhanglose Dinge tun, zum Beispiel Wunder.

Und so betont der fundamentalistische Zugang das Wunderhafte der Speisung der 5000. Man kann eben aus der Geschichte lernen, dass Gott an bestimmten Punkten der Heilsgeschichte innerweltliche Sachzwänge durchbricht. Dabei braucht sich der Schöpfer des Universums auch nicht an seine eigenen Naturgesetze zu halten. Die angemessene menschliche Reaktion darauf ist die Bekehrung, findet der Fundamentalist. Jesus macht uns satt, wenn wir uns nach ihm ausrichten.

Jetzt kann man natürlich sagen, das ist etwas beliebig, und warum sollte Jesus gerade mit Broten zaubern, um uns zu sagen, was der Fundamentalist im Grunde vorher schon wusste. Es fehlt die konkrete und lebenspraktische Botschaft. Das ruft die feministische Auslegung auf den Plan.

3. Der feministische Zugang

Die feministische Auslegung beschäftigt sich mit der Auslegung von Frauen-Geschichten in der Bibel und sie versucht, die schweigenden Frauen in der Bibel zum Reden zu bringen. In unserem Text werden die Frauen ignoriert und einfach nicht mitgezählt. „Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten“, steht da. Die Bibel ist doch ein ziemlich patriarchalisches Buch. Dabei stammen doch die Brote von der Frauen Hände Arbeit; das war in der Antike Frauenaufgabe.

Eine Auslegung der Speisungsgeschichte einer feministischen Theologin hat mich mit ihrem Charme überzeugt. Sie sagt, Jesus trägt hier sozusagen Frauen-Kleider. Der Heiland schlüpft in eine typisch weibliche Rolle, nämlich die der Familien-Mutter. Denn die steht oft vor der Herausforderung, aus nichts etwas machen zu müssen. Nun soll meine männliche Phantasie nicht wieder allzu altmodische Geschlechter-Stereotype hervorfördern, aber es stimmt doch: Es war und ist meist das Problem von Frauen, wenn mal wieder unerwartet Gäste kommen, und es sind keine Vorräte im Haus. Da schaut man zunächst in die Haushaltskasse. Das machen die Jünger auch, aber das wird richtig teuer: „Sollen wir etwa losgehen und für zweihundert Silbermünzen Brot kaufen und es ihnen zu essen geben?“ Jesus schlägt etwas anderes vor, nämlich das, was man hat, zu teilen, und dann mal zu schauen, was passiert. Das Ergebnis kennen wir. Man kann es ein Wunder nennen, aber auch Solidarität. Jesus durchbricht einen Zusammenhang, der seinen etwas begriffsstutzigen Jüngern plausibel ist: kein Geld, also auch kein Brot. Der Jesus in Frauenkleidern steht damit auch heute noch auf der Seite jener armen Menschen, die darunter zu hungern und zu leiden haben, dass Spekulanten Options-Wetten auf Lebensmittelpreise als ein lukratives Geschäft entdeckt haben. Der Blick auf die Frauen in der Bibel leitet dazu an, die sozialen und wirtschaftlichen Realitäten wahrzunehmen und nach konkreten Handlungsalternativen zu fragen.

Nun kann man wieder sagen, das ist aber auch keine Überraschung, dass feministische Theologinnen alle links sind und uns ihre zeit- und milieugebundenen politischen Auffassungen als Gottes ewiges Wort unterjubeln wollen. Das führt zum tiefenpsychologischen Zugang.

4. Der tiefenpsychologische Zugang

Der tiefenpsychologische Zugang fragt nach einem sehr existenziellen und individuellen Sinn des Textes, nach einem übertragenen, einem geistlichen Sinn des biblischen Buchstabens. Und so kann der Tiefenpsychologe Jesus als ein Symbol für die menschliche Mitte deuten. So begann ja unserer Geschichte. Jesus hatte seine Jünger ausgesendet, und nun kehren sie wieder zu ihm zurück – dorthin, wo sie hergekommen waren. Der Mensch kehrt zu seiner eigenen Mitte zurück, er sammelt sich aus der Zerstreuung, konzentriert sich, findet zur Ruhe. „Kommt mit an einen ruhigen Ort, nur ihr allein, und ruht euch ein wenig aus“, sagt Jesus gleich zu Anfang unserer Geschichte.

Dabei ist auch der abgelegene Ort nicht unerheblich, an dem man sich in der Geschichte sammelt. Der Tiefenpsychologe weiß diese Wüste zu deuten als einen Ort der inneren Reinigung. Und es ist schon so, große Entscheidungen werden in der Bibel in der Wüste angebahnt. So beginnt also etwas Neues: Ankommen, zur eigenen Mitte finden, zur Ruhe kommen, rein werden. Die Speisung der 5000 ist materielle und geistliche Nahrung zugleich, Predigt und Picknick. Sie gilt dem ganzen Menschen. Kopf und Bauch im Einklang – ganzheitlich.

Nun kann man wieder sagen, klingt schön, ist im Grunde auch wünschenswert, aber dieses Psychologisierte hat doch genau so einen Hang zur Beliebigkeit. Jesus ist eben kein Archetyp. Noah war ein Ache-Typ, aber das ist eine andere Geschichte. Jesus ist keine Hülle für unser innigstes Gefühl, sondern ein konkreter Mensch und ein ganz besonderer noch dazu.

Ich ende hier. Wollte ich die verschiedenen Zugänge zur Bibel nach einer klassischen Logik auflösen, so ergäbe sich ein Widerspruch. Der Physiker Niels Bohr hat erkannt, dass Licht eine eigentümliche Doppelnatur hat. Den Forschern kann es als Welle oder als Teilchen erscheinen. Das widerspricht sich eigentlich in der Physik. Nach einer Logik nach dem Motto „Entweder-Oder“ hätte das Licht nur eines von beiden sein dürfen. Niels Bohr beschrieb daher das Licht zusammen mit seinen Beobachtungsbedingungen. Unter bestimmten Umständen zeige das Licht seine Teilcheneigenschaften. Bei Untersuchungen mit anderen Geräten offenbare es seine Welleneigenschaften. Was Licht an sich „an sich“ sei, das ließe sich nicht sagen, jedenfalls nicht unabhängig von der Betrachtungsweise. Diese Logik nannte Bohr komplementär. Die Sichtweisen auf das Licht können sich gegenseitig ergänzen, obwohl sie sich widersprechen.

Vielleicht kann man das auch für unsere unterschiedlichen Zugänge zur biblischen Wahrheit so sehen. Sie sind nicht widerspruchslos, aber sie können sich ergänzen. Für die Geschichte mit dem Elefanten heißt das. Es zieht immer noch einer am Kopf, und der andere am Schwanz. Und darüber lässt sich auch trefflich streiten. Aber, und das wird man erwarten dürfen: bitte, nicht hauen. Denn alles sieht keiner, außer einer. Amen.

Die Predigtidee kam wir bei der Lektüre des folgenden Buches: Ulrich Luz: Zankapfel Bibel. Eine Bibel - viele Zugänge. Ein theologisches Gespräch, Zürich 2002.