Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5, 33-39

Pastor Uwe Schäfer (BFP)

23.12.2012 Christus-Zentrum Troisdorf

4. Advent 2012

Mitten in der Welt (Teil III)

Eine leicht editierte Fassung der Predigt hören Sie hier.

Wir sind gerade in einer Predigtreihe, die eigentlich sehr weihnachtlich ist. Sie heißt „Mitten in der Welt“. Und das ist ja das Unglaubliche an Weihnachten, dass Gott gekommen ist mitten in die Welt. Damit hat er sich nicht unbedingt verbessert, wenn man schon im Himmel wohnt. Dort ist es sehr, sehr schön. Da geschieht die ganze Zeit sein Wille. Da spricht der Allmächtige, und es geschieht. Und auf dieser Welt ist das eben so gar nicht der Fall.

Gott kommt mitten in die Welt. Gott sagt nicht: „Zum Teufel mit der Welt!“ Gott sagt nicht: „Ihr habt gewählt, Leute, jetzt lebt auch mit den Konsequenzen!“ Gott, der so heilig und rein ist, der nie gesündigt hat, kommt – und mischt sich ein. Er wird Teil der Struktur dieser Welt, indem er als Mensch geboren wird, in Armut, indem er in die Lehre geht und als Asylantenkind in Ägypten lebt. Indem er unterschiedlichste Erfahrungen und eine Ausbildung macht, wahrscheinlich auch eine theologische Ausbildung; in den Tempel geht mit seinen Eltern, ihnen Untertan ist. Er ist total Teil dieser Struktur, eben mitten in der Welt. Das ist es, worüber wir seit einigen Wochen miteinander sprechen. Und wenn wir das Lukasevangelium einmal ansehen, wie Jesus seinen Dienst beginnt: Erst kommt Johannes der Täufer, der Wegbereiter. Dann kommt Jesus und predigt die Botschaft vom Reich Gottes, dass es begonnen hat. Am Anfang hat er dann auch einige Auseinandersetzungen mit den Pharisäern, die ihm ja theologisch recht nahe standen. In ihren Synagogen hatte er Lehrerlaubnis. Die Pharisäer waren vor Johannes dem Täufer das Lebendigste an geistlichem Leben, das es in Israel gab. Bis zum heutigen Tag verdankt Israel den Pharisäern sehr viel. Da kam auch Jesus her. Aber da gab es auch schon mal Nicklichkeiten und Nachfragen.

Diese Predigt schließt lückenlos an die letzte Predigt in dieser Reihe an mit dem Titel „Eine Fete bei Levi“. Da war dieses Happening, ein Zöllner bekehrt sich. Ein Zöllner war verachtet in den Augen der Frommen und Religiösen. Ich weiß gar nicht, wie ich das auf heute übertragen müsste. Wenn ich Zuhälter sagen würde, dann wäre das heute nicht so schockierend wie damals Zöllner. Ich weiß nicht, wer vor ein paar Tagen Günther Jauch gesehen hat. Er saß da mit einigen, die Prostitution bekämpfen, mit einigen Politikern, mit Alice Schwarzer, die mir an diesem Abend hervorragend gefallen hat, und da saß eben auch ein Zuhälter. Der sagte dann, er habe zwei Töchter und sei Unternehmer. Er sagte natürlich nicht, er sei Zuhälter. Er definiert sich anders, er ist der Managertyp. Er stellt die Rahmenbedingungen zur Verfügung, die Zimmer, aalglatt. Aber er kam auch sehr sympathisch rüber, so der Typ „netter Nachbar“. Das schockiert ja heute niemanden mehr. Das ist ja gang und gäbe, das ist ja alles okay. Aber in Israel und in dieser pharisäischen Bewegung, wo Heiligung das größte Anliegen und Verweltlichung das größte Feindbild war, da bekehrt sich ein Zöllner. Es ist nicht so, dass die Pharisäer nicht geglaubt hätten, dass das passieren könnte; bei Johannes dem Täufer lesen wir, dass Zöllner getauft wurden, und die Pharisäer stehen daneben und kritisieren das nicht. Sie lehnen das nicht grundsätzlich ab. Aber hier war es ihnen einfach zu oberflächlich. Diese öffentliche Fete bei Levi. Da hatten wir ja drüber gesprochen: „Und ganz viele Zöllner und solche, die es mit ihnen hielten …“ Da steckt ganz viel drin, so nach dem Motto „Dieses ganze Pack! Weltlich, verschmutzt und unrein!“ An dieser Stelle müssen wir auch ein bisschen jüdisch denken, was das Unrein-Sein angeht, dieses Nicht-berühren-Können. Jesus und seine Jünger, der, von dem man dachte: „Könnte das vielleicht der Messias sein?“, sitzt da genau in der Mitte dieser Leute.

Wenn man das Lukasevangelium liest und auf die Zwischentöne achtet, merkt man: Nach dieser Party ging’s bergab zwischen Jesus und den Pharisäern. Da verschärfte sich der Ton. Bis zu dieser Party hätte man vielleicht glauben können, dass er der Messias ist. Man war vielleicht noch in einem Klärungsprozess. Die Wunder konnte man ja nicht abstreiten, und diese Autorität, wenn er über das Reich Gottes predigt, da war er noch einer von ihnen. Seit der Party von Levi war ein Signal da: „Jesus, jetzt bist du zu weit gegangen!“ Viel zu liberal. Viel zu oberflächlich. Da bekehrt sich mal ganz locker einer der größten Schweine des ganzen Dorfes, und dann gibt es nicht erst Buße und Tränen und Seelsorge, sondern es gibt direkt eine große Party, mit ganz vielen, die sich noch nicht einmal bekehrt haben. Und Jesus sitzt da in der Mitte und sagt: „Prost“! Das geht gar nicht! Da kommen dann die Pharisäer und kritisieren Jesus, und er antwortet: „Der Arzt ist für die Kranken da. Und genau das ist, wo ich bin.“ Das zeigt ja zwei Dinge: Erstens, dass er kein Liberalist ist. Krank bleibt krank und gesund bleibt gesund. Jesus steht nicht in der Gefahr, seine Werte aufzuweichen. Und zweitens geht der Vorwurf eigentlich zurück an die Pharisäer: Ihr Lehrer, ihr, die ihr das Evangelium habt, ihr, die ihr euch eigentlich als Ärzte verstehen müsstet: In Zeiten einer Epidemie geht ihr nur in Quarantäne und habt Angst vor Ansteckung durch diese böse Welt. Ihr macht euch nicht wirklich zum Teil dieser Welt, ihr seid nicht wirklich da, wo die Menschen sind.

Der Text, den ich heute mit euch angucken möchte, schließt direkt an diese Geschichte an. Wir sind hier also im Kontext dieser Party und der Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern. Lukas 5, 33-39.

Sie aber sprachen zu ihm: „Warum fasten die Jünger des Johannes so oft und verrichten Gebete? Ebenso auch die Pharisäer. Die Deinigen aber essen und trinken.“ Und er sprach zu ihnen: „Könnt ihr die Hochzeitsgäste etwa fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage komme, da der Bräutigam von ihnen genommen sein wird. Dann werden sie fasten – in jenen Tagen.“ Er sagte aber auch ein Gleichnis zu ihnen: „Niemand setzt einen Lappen von einem neuen Kleid auf ein altes Kleid. Denn sonst zerreißt er auch das neue. Denn der Lappen vom neuen passt nicht zu dem alten. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche. Denn sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er wird verschüttet, und die Schläuche verderben. Sondern neuer Wein soll in neue Schläuche gefüllt werden. So bleiben beide miteinander erhalten. Und niemand, der alten trinkt, will sogleich neuen. Denn er spricht: Der alte ist besser.“

Dieses Gleichnis mit dem Wein und den Schläuchen haben wir in den letzten Jahren schon öfters mal gehört. Ich denke, das ist ein ziemlich missbrauchter Bibeltext. Der Kontext ist klar: Es geht um die Party bei Levi und dem pharisäischen Ärger, den religiösen Ärger über zu viel Freizügigkeit. Und da kommt dieses Anschlussgespräch und die Frage: „Wieso wird hier eigentlich so viel Party gemacht? Wieso wird hier eigentlich nicht gefastet? Jesus, wenn du der Messias bist, schau dir doch mal die Johannesjünger an: Die sind viel frommer als deine Jünger! Die fasten andauernd.“

Ich denke, hier, bei der Party von Levi kippt das Verhältnis der Pharisäer zu Jesus. Jesus hat verspielt bei den Religiösen. Die Allianz ist aufgekündigt. Im Lukasevangelium heißt es: „Sie aber sprachen zu ihm …“ Vom Kontext her bezieht sich das „sie“ auf die Pharisäer, die mit ihm sprachen. Jesus hatte ihnen von dem Arzt und den Kranken erzählt, „sie aber sprachen“. Wenn man sich das aber im Matthäusevangelium ansieht, heißt es dort in Kapitel 9, 14:

Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: „Warum fasten wir und die Pharisäer so viel, deine Jünger aber fasten nicht?“

In Lukas kommen die Pharisäer und fragen nach den Johannesjüngern, warum die so viel fasten – und sie ja auch. Im Matthäusevangelium ist es andersherum. Wenn wir diese beiden Stellen zusammennehmen, können wir also davon ausgehen, dass die beiden Gruppen zusammen kamen. Die Pharisäer kommen zusammen mit den Johannesjüngern (Johannes war zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet) zu Jesus und fragen: „Warum ist denn hier immer so viel Party? Warum wird hier denn nicht gefastet? Warum sind wir denn frommer als ihr, wenn ihr die messianische Bewegung sein wollt und Jesus vielleicht der Messias ist? Das kann doch alles gar nicht sein!“ Da drängt sich einem die Frage auf: Pharisäer und Johannesjünger – seit wann sind das denn Freunde? Was für Allianzen entstehen denn hier auf einmal?

Es ist immer interessant, Gruppenbildungen zu beobachten, auch in einer Ortsgemeinde. Wenn es da Fragen gibt, entstehen auf einmal Verbindungen von Leuten, die vorher gar nicht unbedingt so eng zusammen waren, aber die sich dann bei gewissen Themen auf einmal finden. Was hatte denn Johannes der Täufer über die Pharisäer Nettes zu sagen gehabt? „Schlangenbrut! Wer hat euch eingeredet, ihr könntet dem zukünftigen Zorn entfliehen?“ Johannes der Täufer hat die Pharisäer dermaßen abgekanzelt, vor den Kopf gestoßen und ihre Heuchelei angeprangert, dass klar wird: Johannes war kein Pharisäer-Fan. Jetzt ist er verhaftet, und die Jünger des Johannes hängen auf einmal mit den Pharisäern ab. Da muss man sich doch fragen: Was passiert denn hier? Wer kommt denn hier auf einmal als Allianz auf Jesus zu, mit einem gemeinschaftlichen Anliegen, ihn in Frage zu stellen? Johannes hatte seine Jünger auf Jesus hingewiesen, er hatte gesagt: „Siehe, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde hinwegträgt.“ Johannes hatte auch gesagt: „Er ist der Bräutigam.“ Er war es, der Jesus zuerst den „Bräutigam“ genannt hat. Vom jüdischen Denken her war es vollkommen klar, was Johannes damit sagen wollte: Jesus ist der Messias. Bei unserer Stelle in Lukas 5 bezeichnet sich Jesus selbst als Bräutigam. Die Pharisäer sind es nicht („Schlangenbrut“), auf der anderen Seite das „Lamm Gottes“ – da war die Sache klar. Und die, die Johannes nachfolgen, seine eigenen Jünger, die das alles gehört haben, stecken jetzt mit den Pharisäern unter einer Decke, nach der Verhaftung von Johannes und nach der Party von Levi. Und sie fragen: „Wo ist denn jetzt die Ernsthaftigkeit in der Nachfolge? Früher wurde aber mehr gefastet! Früher wurden mehr Gebete verrichtet!“

Jesus antwortet mit einigen Parabeln, wie das seine Art ist. Ein Muster, das diese Gleichnisse durchzieht, ist „das Alte und das Neue“. Jesus redet hier vom alten und vom neuen Bund. Pharisäer und Johannes – so sehr sie sich spinnefeind waren, hatten doch auch ein gleiches Anliegen, nämlich den Judaismus, die jüdische Religion, zu erneuern und von allem nichtjüdischen Wesen zu trennen. Sie haben viel gefastet. Sie haben viel gebetet. Sie haben penibel das Gesetz, die Thora, gehalten, und nicht nur das, sondern auch die Überlieferungen der Väter, die mündliche Thora, was heute der Talmud ist. Warum war ihnen das Fasten so wichtig? Nun, die ganze jüdische Bewegung war ja eine messianische Bewegung. Sie war darauf angelegt, dass am Ende der Zeit der Messias kommt und sein Reich aufrichtet auf dieser Erde. Sie warteten auf den Messias. Und sie wollten fasten, bis der Messias kommt. Dann sollte die Zeit des Fastens vorbei sein.

In den Evangelien sehen wir, wie dort viele Fragen gestellt werden. Die Schriftgelehrten kommen immer wieder zu Jesus und stellen ihm Fragen. Meistens antwortet Jesus mit einer Gegenfrage. Das ist in unserer Kultur nicht so üblich, aber für den Rabbiner ist das Fragenstellen und nicht das Vorträge-Halten die höchste Kunst des Lehrens. Jüdische Gelehrte arbeiten mit Fragen. Und wenn die kommen und fragen: „Warum fasten deine Jünger nicht?“, dann ist das eigentlich keine Frage, sondern was hier gesagt werden soll, ist: „Du bist nicht der Messias! Lass deine Jünger fasten, der Messias ist noch nicht da. Denn du bist es nicht!“ Was eigentlich gesagt werden soll, ist also: „Es gibt keinen Grund zu feiern. Es gibt keinen Grund, das Fasten einzustellen. Jesus, bilde dir nichts ein. Das mit Levi, das hat es jetzt ganz klar gemacht. Vorher hatten wir ja schon ein paar Zweifel, aber jetzt bist du zu weit gegangen. Zu oberflächlich, zu liberal, zu freizügig. Jesus, du bist nicht der Messias.“ Was antwortet Jesus? Ganz klar und selbstbewusst: „Doch, bin ich.“ Womit sagt er das? Dadurch, dass er sich den „Bräutigam“ nennt. Im jüdischen Kontext war das ganz verständlich: Der Bräutigam, das ist der Messias, und die Braut, das ist Israel. Das war Teil der Sprachkonventionen.

Und dann sagt er etwas, bei dem ich mir gewünscht hätte, sie hätten richtig zugehört. Dann hätte alles noch gewendet werden können und die beiden hätten wieder Freunde werden können. Sie tun mir ein bisschen Leid, die Pharisäer und der Johannes. An dieser Stelle habe ich auch noch ein paar Fragen, die ich im Himmel mal klären muss. Die jüdische Bewegung zielt auf das Kommen des Messias und seines Friedensreiches ab. Was man aber den Schriften, die sie hatten, ganz schlecht oder auch gar nicht entnehmen kann, ist, dass dieser Messias zweimal kommen würde. Es gibt ein theologisches Missverständnis in Bezug auf den Messias, das im Raum steht. Sie warteten auf den Messias. Nun war er da, aber er war ganz anders, als sie gedacht hatten. Wie hat Johannes der Täufer denn den Messias angekündigt? Er hat gesagt: „Die Axt ist an den Baum gelegt, und jeder Baum, der keine Frucht bringt, der wird abgeholzt!“ Klingt das nach dem Wirken Jesu im Haus von Levi? „Er wird seine Tenne reinigen. Ihr Heuchler! Bringt jetzt endlich Werke, die der Buße würdig sind! Der Messias kommt! Das Gericht kommt!“ Und dann kommt Jesus. Und Johannes hat ihm sogar noch die Türe aufgemacht. Könnt ihr da verstehen, warum Johannes im Gefängnis sich von seinen Jüngern berichten lässt, was draußen alles abgeht? Dass er fragen lässt: „Bist du der, der kommen soll? Oder sollen wir auf jemand anderen warten?“

Johannes berührt mich dabei persönlich ganz besonders, weil er menschlich eine tragische Figur ist. Ich bin so dankbar, dass er unmittelbar nach seiner Enthauptung vor seinem Herrn stand und aufgeklärt wurde. Dieser Mann hat sich in seinem Leben reingehängt für Jesus. Er hat seinen Dienst aufgebaut in der Wüste, nur mit Fasten und Heuschrecken. Dann tritt er zurück und sagt: „Das ist das Lamm Gottes.“ Er kündigt ihn an als den großen Tennen-Reiniger, als den, der die Axt an den Baum legt. Als den, der jetzt mit Sünde rigoros aufräumt. Das war das pharisäische und johanneische Anliegen: Heiligung - jetzt kommt Gericht. Und dann kommt Jesus und isst und trinkt mit Zöllnern, Huren und Sündern. Ein bisschen tun mir diese Leute schon Leid. Rein theologisch, von ihren Schriften her, konnte man kaum sehen, dass der Messias zweimal kommen würde. Da ist ein messianisches Missverständnis, das hier im Raum steht. Ja, es stimmt, der Messias bringt Gericht. Ja, die Axt ist an die Wurzel gelegt. Das ist alles richtig, aber es geschieht in zwei Etappen. Bei seinem ersten Kommen gibt es die Erlösung und Gnadenzeit. Es ist die Zeit, die Jesus eingeläutet hat. Und bei dem zweiten Kommen gibt es das Gericht. So lehrt es uns das Neue Testament. Ich weiß nicht, wie sie zu diesem Gedanken hätten Zugang haben können. Jesus sagt in Johannes 3, 17: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte.“ Dem steht Johannes der Täufer gegenüber: „Die Axt ist schon an die Wurzel gelegt! Otterngezücht! Schlangenbrut! Ehebrecher, Ehebrecherinnen! Jetzt geht es euch an den Kragen!“ Jesus sagt: „Nein. Der Sohn Gottes ist nicht gekommen zu richten, sondern zu retten.“ So läutet er sein erstes Kommen ein, mitten in die Welt und um der Welt ganzheitlich die Hand zu reichen. Ein Jesus, der freundlich, helfend, vergebend, verständnisvoll, mitfühlend und zu einhundert Prozent für den Menschen ist. Der jeden liebt und annimmt, und sei er der größte Sünder. Das hatten die Pharisäer und Johannesjünger nicht auf dem Plan. Und wenn Jesus mal nicht so freundlich und vergebend klang, sondern wütend und vehement, dann standen jedes Mal Gemeindemitglieder vor ihm: die Ältesten, die Lehrer und die Theologen. Die haben Jesus wütend gemacht. Aber für die Sünder, die Menschen dieser Welt, für die Kranken hatte der Arzt immer nur ein freundliches Wort. Und damit kam die geistliche Elite nicht klar.

Jesus erzählt hier einige Gleichnisse, die hochinteressant sind. Manche dieser Dinge erschließen sich erst, wenn man sie mit rabbinischen Augen betrachtet. Es gibt zwei Gleichnisse, das erste vom neuen und alten Kleid, und das zweite vom neuen und alten Wein. Die Botschaft ist: Das Neue passt nicht in das Alte. Sonst wird das Neue ruiniert und das Alte auch. So macht das keinen Sinn. In unserem Text heißt es ja: „Es passt nicht dazu“ (Lukas 5, 36). „Niemand setzt einen Lappen von einem neuen Kleid auf ein altes Kleid. Denn sonst zerreißt er auch das Neue, und der Lappen von dem neuen passt nicht zu dem alten.“ Heute versteht man „passen“ immer als „optisch passen“: „Das passt doch nicht zueinander. Das sieht doch nicht gut aus.“ Das ist hier aber gar nicht gemeint. So modebewusst war man damals nicht. In Matthäus 9, 16 wird das noch ein bisschen klarer. Dort heißt es: „Niemand setzt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid, denn der Flicken reißt von dem Kleid, und der Riss wird schlimmer.“ Hier besteht sogar eine Sorge um das alte Gewand. Hier wird nicht gesagt, es sei Verschwendung, etwas Neues zu nehmen und damit etwas Altes zu reparieren, weil das Alte ja wertlos sei oder das Neue nicht zum Alten passt. So würden wir denken, aber Jesus sagt das nicht. Das Alte und das Neue sahen nicht so unterschiedlich aus bei dem, was die Menschen damals trugen. Was gesagt wird, ist: Wenn ich ein neues Tuch nehme als Flicken für ein altes Gewand, dann wird der nicht halten, und der Riss in dem alten Gewand wird noch schlimmer. Du kannst ein altes Gewand, wenn es dir lieb ist, nicht mit einem neuen Flicken ausbessern. Das passt nicht zusammen. Das neue Tuch wird verdorben, weil der Flicken nicht hält, und der Riss im alten Kleid wird immer schlimmer.

Was will Jesus hier sagen? Wir haben eben gesagt, dass das Ziel der Pharisäer und von Johannes war, den Judaismus zu erneuern. Das war eine Erneuerungsbewegung. Jesus kommt und sagt: „Es geht nicht um Erneuerung. Es geht um etwas völlig Neues! Es gibt einen alten Bund, und der wird nicht erneuert. Sondern es gibt einen neuen Bund. Es gibt ein altes Leben, und es gibt ein neues Leben. Es gibt ein Verloren, es gibt ein Errettet. Es gibt ein Drin und es gibt ein Draußen. Und ich bin nicht gekommen, den Judaismus zu erneuern. Sondern (wie er an anderer Stelle sagt) ‚zu erfüllen.‘“ Hier kommt das Missverständnis rein. So spinnefeind Johannes den Pharisäern war, so sehr er sie angeprangert hat, eins hatten sie doch gemein, was sie jetzt verbindet: Sie wollten doch den Judaismus erneuern. Und Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen, um den Judaismus zu erneuern. Das ist ein Missverständnis. Der Messias kommt zweimal.“ Jesus bietet den geistlich Armen seinen neuen Wein an, sein neues Gewand an: ein völlig neues Leben aus Gnade und Glauben. Christsein ist nicht etwas, das man ein wenig integrieren kann.

Wir leben ja in der Postmoderne, wo man von allem, was es im Leben gibt, ein bisschen in sein eigenes Leben integrieren kann. Mein Opa war, wenn ich mich recht erinnere, ein SPD-Mann. Früher war man entweder SPD, oder man war CDU. Man war Dortmund, oder man war Schalke. Man war Baptist, oder man war Methodist. Die Fronten waren geklärt, und das, was man war, blieb man ein Leben lang. Der Mensch hatte eine klare Bindung an Dinge, eine inhaltliche Bindung. Heute gibt es bei Wahlen mehr Wechselwähler als Stammwähler. Die Bindung des Menschen, dass er sagt: „Dort gehöre ich hin, dort bin ich zu Hause“, die ist vorbei. Das gilt auch für das Religiöse. Es gibt wenige Atheisten heutzutage. Ich treffe viele Leute, die zwar nicht Christen sind, die auch nicht zur Kirche gehören, aber die irgendwo ein bisschen Esoterik oder Buddhismus integrieren. Und wenn du denen etwas von Jesus erzählst, etwas von Vergebung, davon, dass das von Bitterkeit bewahrt, dann sind die begeistert und sagen: „Ja, das möchte ich auch umsetzen. Klasse! Das kann man von Jesus lernen? Schön.“ Da kommt dann noch ein bisschen Jesus dazu. Das ist auch unsere Chance fürs Evangelium. Das kann aber nicht alles sein, sondern nur unser Fuß in der Tür, weil man mit Jesus nicht sein altes Leben leben kann. Dafür ist er nicht gekommen. Er ist gekommen, um dir ein neues zu schenken. Das Alte und das Neue – in Jesus wird das Alte nicht erneuert. Es kommt etwas völlig Neues. Und das hat man nicht verstanden. Christsein und die Erlösung durch Jesus ist keine Reformation, es ist eine Revolution; es ist ein Umsturz. Es ist etwas ganz, ganz Neues. Und wenn wir heutzutage über Reformation reden, dann ist das etwas anderes. Dann meinen wir, dass dieses Neue immer wieder neu verstanden werden muss. Gott sei Dank für Luther und die Reformation! Innerhalb des Neuen ist das kein Thema, solange wir das Alte und das Neue auseinander halten, solange wir nicht versuchen, das Alte, was die Pharisäer wollten, durch das Neue zu erneuern. Jesus sagt zu den Pharisäern: „Das, was ihr getan habt, habt ihr gut gemacht! Ihr habt euch an das Gesetz gehalten. Ihr habt die Fahne hochgehalten. Ihr habt für Jahwe gekämpft. Ihr habt in Heiligung gelebt. Ihr habt euch nicht mehr, wie früher unsere Väter, mit den heidnischen Völkern vermischt und tausend Kompromisse gemacht. Gut gemacht, Pharisäer. Aber jetzt kommt eine andere Zeit. Wir erneuern nicht weiter. Es kommt etwas ganz Neues. Der Messias ist da! Der neue Bund, das neue Leben, das weiße Blatt Papier liegt vor uns. Es geht ganz anders weiter.“ An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Einschub machen, den ich wichtig finde.

Dieser Text bietet keine Munition für Arroganz gegenüber dem Judentum, frei nach dem Motto: „Das Alte ist das Alte, Jesus hat das Neue gebracht!“ Ja, das stimmt. Aber in dem Text schwingt keine Arroganz mit gegenüber dem Alten. Ich glaube der schlimmste Fehler in 2000 Jahren Christentum waren die Trennungsbestrebungen von den hebräischen Wurzeln. Denn damit verstehen wir manchmal unseren eigenen Herrn Jesus nicht mehr, weil wir nicht lernen, von den hebräischen Wurzeln her zu denken. Jesus war ein jüdischer Rabbi. Was indirekt bei Jesu Aussage mitschwingt, ist sehr wohl, dass du mit einem alten Flicken ein neues Kleid reparieren kannst. In beiden Gleichnissen – Flicken und Schlauch – geht es darum, dass du mit dem Neuen das Alte nicht retten kannst. Du kannst aber sehr wohl alten Wein in neue Schläuche füllen. Dagegen wendet sich Jesus nicht. Das heißt, wir können uns bedienen auch im Judentum, auch im Alten Testament, und wir tun das ja auch. Wir haben ja nicht nur das Neues Testament und sagen jetzt: „Dies ist die Bibel der Christen.“ Nein, die Bibel der Christen ist Altes und Neues Testament zusammen. Wir dürfen uns bedienen. Ja, wir müssen theologisch ein bisschen differenzieren. Aber wir sind so bereichert durch das Judentum. Wir können den alten Stoff nehmen, können ihn zur Ergänzung nutzen. Solange wir nicht das Neue in Frage stellen, ist das wunderbar. Es funktioniert eben nur nicht anders herum. Das ist der springende Punkt. Jesus sagt in Matthäus 13, 52: „Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der für das Reich Gottes (also den neuen Bund) unterrichtet ist, dem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“ Das Christentum, Jesusnachfolge, kann nicht das Alte erneuern. Wenn sie in dem Alten bleiben wollen, wenn sie die Offenbarung nicht haben, lass sie. Du kannst es nicht erneuern. Es braucht eine Entscheidung, in das Neue überzutreten. Aber andersherum kannst du Altes und Neues hervorholen, das geht sehr wohl. Und deshalb bin ich auch ein Mensch, der immer dazu steht, Israel wertzuschätzen und zu segnen, ohne dabei in einen blinden Fanatismus abzugleiten. Aber meine Grundeinstellung dieser Religionsgemeinschaft, dem Judentum, gegenüber ist eine positive, von Dankbarkeit geprägt. Mein neues Kleid ist voller wunderschöner Aufnäher aus dem alten. Die finde ich äußerst schick. Die ergänzen das ganz wunderbar, das passt großartig zusammen. Nur andersherum geht es eben nicht. Das ist es, was hier gesagt werden soll.

Zweitens gibt es auch hier gar kein Material für Arroganz anderen Christen gegenüber. Wenn ich die Geschichte der evangelikalen oder charismatischen Bewegung in den letzten zwanzig oder dreißig Jahre ansehe, dann habe ich dieses Gleichnis immer nur in dem Zusammenhang gehört, wo gesagt wurde: „Gott tut hier etwas Neues. Hier passieren gerade ganz spannende Dinge. Und alle, die das nicht interessiert oder die da Fragen haben, die können bitte gehen. Man kann nun mal alten Wein nicht in neue Schläuche gießen. Das hat ja auch Jesus schon gesagt.“ Vielleicht verstehen wir ja jetzt, wie theologisch dumm diese Argumentation ist. Es geht hier um den alten Bund und den neuen Bund. Innerhalb des neuen Bundes brauchen wir immer wieder Reformation. Luther hat mal gesagt: „Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss sich ständig erneuern.“ Das steht außerhalb jeder Frage. Man hat diese Bibelstelle missbraucht, um Gemeinden zu spalten. Und jeder, der nicht verstanden hatte, was gerade abging, der vielleicht noch ein paar Fragen hatte, der galt direkt als „alter Wein“: Der kann’s halt nicht kapieren. Von dem hat man sich dann getrennt. Nun, manchmal sind Trennungen unumgänglich. Das Leben geht weiter. Möge Gott beide segnen. Aber missbrauche nicht diesen Vers dafür. Dafür hat Jesus ihn nicht gegeben.

Es gibt sogar noch ein drittes Gleichnis in unserem Text. Wir haben das Gleichnis „Neuer Flicken – altes Kleid“, und wir haben das Gleichnis „Neuer Wein – alte Schläuche“. Das dritte klingt so ähnlich, aber es ist noch mal ein ganz anderer Gedanke. Guckt mal, wie unser Text schließt. Lukas 5, 39: „Und niemand, der den alten Wein trinkt, will sogleich den neuen, denn er spricht: Der alte ist besser.“

Ich werde jetzt die Weintrinker unter uns in eine Parabelkrise bringen. Ich glaube, kein Weintrinker würde sagen: „Je jünger der Wein, desto besser.“ Mir hat mal jemand eine Flasche Wein geschenkt zu meinem 25. Hochzeitsjubiläum, der war 25 Jahre alt. Das hat mich sehr gefreut, aber geschmeckt hat der Wein nicht. Vielleicht bin ich ja auch einfach nur ein Banause. Aber schauen wir doch noch mal, was hier gesagt wird: „Niemand, der den alten Wein trinkt, will sogleich den neuen.“ Pharisäer und Jünger des Johannes, ihr wollt diesen neuen Wein nicht! Ihr wollt den alten trinken. Ihr könnt das gar nicht verstehen. Und ihr sprecht: „Der alte ist besser. Erneuern wir den Judaismus. Trennen wir uns von Jesus. Arbeiten wir lieber mit den Pharisäern zusammen. Jesus ist nicht der Messias. Der alte Wein ist besser!“ Wenn ich über dieses Gleichnis nachdenke, denke ich an einen Menschen, der viel investiert hat. Er hat Trauben gelesen und hat sie gekeltert. Er hat den Wein in Fässer abgefüllt. Er hat sich gedulden müssen und immer wieder geprüft, wie der Wein nun ist. Und je älter er wurde, desto besser wurde er. Irgendwann hast du diesen alten Wein. Ein ganz toller, alter Wein. Und wenn du deine Freunde einlädst, sagst du: „Leute, trinkt den bitte mit Andacht. Jeden Schluck. Hier steckt so viel Arbeit drin, so viel Geduld, so viel meiner Leistung, bevor es zu diesem Wein kommen konnte.“ Und dann kommt irgendein Prediger uns sagt: „Es gibt nagelneuen Wein, er ist umsonst, er kostet nichts!“ Und du hast so viel investiert – in deine Heiligkeit, in deine fromme Korrektheit. Du hast so viel gefastet und trägst die Nase manchmal ziemlich hoch. Du bist so stolz auf deine fromme Leistung. Du hast Gebete verrichtet. Du hättest eigentlich auch gern mal Bundesliga geguckt. Aber nein, du hast Gebete verrichtet. Und die ganzen Partys, wo du nicht hingegangen bist, dieses Haus von Levi. Da, wo die Welt tobt und andere die ganzen Kompromisse eingehen. Du bist nicht gegangen. Du hast ins neue Jahr hineingebetet, durftest das Feuerwerk nicht gucken. Feuerwerke haben ja sowieso einen total dämonischen Hintergrund. Da sollen Geister verscheucht werden. Sollten wir uns daran etwa beteiligen? Nein, wir beten und singen ins neue Jahr, das ist doch klar. Na ja, wenn’s dann draußen so knallt beim Gebet, da konnten wir uns nicht immer so konzentrieren. Ich habe dann auch mal durch die Augenritzen geguckt. Das sah schon nicht schlecht aus. Aber dann habe ich die Augen wieder ganz schnell zugemacht. Nein, wir bezahlen den Preis, denn wir sind auf dem schmalen Weg. Oh ja, wir haben viel investiert in unsere Heiligkeit, in unsere Bibelstunden, unsere Theologie; in unsere Meinungen und dass wir sie biblisch begründen können, auch wenn wir manchmal sehr über Bande spielen müssen. Wir haben viel investiert. Und jetzt kommt Jesus und wirkt Wunder. Wir bringen eine Frau zu ihr. Die Schrift sagt, sie müsse gesteinigt werden. Aber Jesus holt offensichtlich jeden vom Haken. Er sitzt mit Zöllner, Säufern und Huren und feiert ein rauschendes Fest. Das kann doch alles überhaupt nicht sein! Wir haben so viel investiert. Wir haben so gekämpft. Und jetzt ist er da! Sag mal Jesus, heißt das etwa, dass wir hereinkommen in dein Reich und wir genauso bei null anfangen wie die Huren, Säufer und Zöllner, die sich bekehren?

Der Urstolz des Menschen auf seine Leistung, auf das, was er erwirtschaftet hat, der ist nun einmal da. Gnade ist immer ein Problem für Leute, die meinen, sie hätten etwas verdient. Es gibt bei Jesus Christus nur ein einziges Kriterium für Gnade: Du darfst sie nicht verdient haben. In dem Moment, wo du sie verdient hast, ist es keine Gnade mehr. Normalerweise gehst du ja nicht am Monatsende ins Büro deines Chefs, wenn er deinen Lohn überwiesen hat, und sagst: „Oh, danke, das habe ich doch gar nicht verdient!“ Tatsache ist: Du hast es verdient. Du hast gearbeitet. Das war so abgemacht. Egal, ob dein Chef das manchmal gerne so sehen würde, dass das Gnade ist (und das machen die sehr gerne): Nein, das ist es nicht. Das war abgesprochen.

Und jetzt stell dir das vor: Der, der etwas verdient hat, schaut auf den, der es jetzt umsonst kriegt und sagt: „Der alte Wein ist besser.“ Ist dir schon mal aufgefallen, dass die, die auf Hartz-IV-Empfänger schimpfen und sie „Schmarotzer“ nennen, häufig im Niedriglohnsektor arbeiten? Die sagen dann: „Hey, das geht doch nicht an! Die sollen weniger kriegen!“ Hast du denn mehr, wenn die weniger kriegen? Keinen Cent. Es ist der Gedanke, der dich stört, an das, was du investiert hast. Versteht ihr: Das ist nur ein Beispiel. „Der alte Wein ist besser: Da steckt mein ganzes Streben, mein ganzes Kämpfen drin.“ Im Gleichnis vom verlorenen Sohn gibt es ja auch den älteren Bruder. Ich nenne ihn einen „Liebhaber älterer Weine“. „Vater, war ich nicht jeden Tag bei dir? Keines deiner Gebote habe ich übertreten! Und jetzt kommt der zurück, der dein Gut mit Huren durchgebracht hat! Und es gibt eine Party, ein rauschendes Fest.“ Wie bei Levi. „Nein, Jesus, du bist es nicht. Du bist nicht der Messias. Der alte Wein ist besser. Wir haben unsere Schäfchen im Trockenen. Wir sind das Gottesvolk. Wir sind die Hardcore-Power-Faster und Gebete-Verrichter, all die Jahre. Und wir werden dir nicht folgen. Das ist nicht unser Weg. Wir werden auf unserem Weg bleiben und den Judaismus erneuern.“ Das ist die Aussage, die wir hier bekommen.

Ein Fazit. Unsere Predigtreihe heißt ja „Mitten in der Welt“. Wir gehen als Ärzte mitten unter die Kranken, in unserem festen in Christus begründeten Glauben an unsere ansteckende Gesundheit. Darf denn immer nur Krankheit ansteckend sein? „Größer ist der, der in uns ist, als der, der in der Welt ist.“ Wir, die wir Jesus nachfolgen, wenden uns ab von dem Gedanken von Johannes dem Täufer und der Pharisäer, den es auch in unserer christlichen Tradition immer wieder gibt: dieses Trennen zwischen wir und denen. Wir haben das doch in den letzten beiden Predigten besprochen, dass Verweltlichung und Weltflucht Extreme sind. Jesus wird vorgeworfen, liberal zu sein. Nun, vielleicht war er manchmal liberal, aber er war kein Liberalist. Jesus hat die Werte Gottes nicht relativiert. Er hat nicht gesagt: „Och, es wird schließlich nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Bei der Ehebrecherin sagt Jesus nicht: „Wisst ihr, jeder hat mal einen schlechten Tag. Meine Güte, der Mose ist manchmal auch ein bisschen zu hart. Kann doch jedem mal passieren. Komm, Kopf hoch!“ Das sagt Jesus ja nie. Heilsegoismus und Weltflucht, das Hineinretten in jüdische oder kirchliche Parallelwelten, das Einüben der Selbstentrückung, das „Reinhalten durch Raushalten“, das „Auf gepackten Koffern Sitzen und auf die Entrückung Warten“ ist nicht das Evangelium von Jesus Christus. Das Evangelium von Jesus Christus ist: Gott ist gekommen – mitten in die Welt. Mitten in die Elternpflegschaft, mitten in den Fußballverein, mitten in die Partei, mitten in die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretung, mitten in diese Welt. Gott hat diese Welt nicht aufgegeben.

Wir freikirchlichen Christen haben uns, genau wie die Johannesjünger, manchmal auf die Seite der Johannesjünger und Pharisäer gestellt und gesagt: „Jetzt kommt das Gericht!“ Nein, jetzt ist die Gnadenzeit! Jesus sagt: „Wann ich wiederkomme, wisst ihr nicht. Da könnt ihr auf den Maya-Kalender gucken oder es lassen. Keiner weiß das, außer mein Vater im Himmel. Aber ich werde wiederkommen. Und bis dahin gibt es eine messianische Beziehung unter der Flagge der Gnade, der Liebe und der bedingungslosen Annahme.“ Gott hat sich versöhnt mit dieser Welt – unilateral. Und er hat uns als seine Botschafter die Botschaft der Versöhnung gegeben, um in diese Welt zu gehen. Diese Welt ist nicht von Gott verdammt. Und er hat sie kein Stück aufgegeben. Und ich werde das auch nicht. Sondern er ist gekommen. Er hat nicht vom Himmel herab gepredigt und gesagt: „Bekehrt euch!“. Nein, er ist Mensch geworden. Voll integriert und eigetaucht, mitten in der Welt.

Jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise geprägt von verschiedenen theologischen Ideen. Das allermeiste war gut, vielleicht sogar alles, nur manchmal war diese Prägung zu einseitig. Das ist das Hauptproblem. Ich wollte euch heute eins exemplarisch vor Augen führen: Es ist möglich, dass man meint, man folge Christus nach, aber man hat eigentlich eine Allianz mit den Pharisäern geschlossen. Das ist menschlich. Aber Jesus bietet uns etwas ganz Neues an: Gnade und Errettung für alle Menschen. Gott hat diese problematische Welt nicht aufgegeben. Und in seinem Plan sind wir in einer Welt voller Problemen ein großer Teil der Lösung. Gibt es jemanden hier, der sich darüber freuen kann? Wir sind Teil der Lösung! Atme mal tief ein und sage: „Ich bin Teil der Lösung!“ Ich habe ein neues Lied geschrieben, in dem es heißt: „Wir zwei retten die Welt, und ich helfe, so gut ich kann.“ Das soll beides ausdrücken: das partnerschaftliche „Jawohl, wir retten die Welt!“ als auch das „Oh, Herr, da musst du aber ganz viel Gnade schenken!“ Ja, seine Kraft ist ja in den Schwachen mächtig. Du bist Teil der Antwort in dieser Welt. Und wir verlieren alles, wenn wir diese Welt aufgeben, wenn wir uns nicht integrieren. Wenn wir meinen, wir müssten die Welt nur noch anpredigen, und wenn sie nicht hören wollen, sind sie eben selbst schuld. Irgendwann kommt ja Jesus wieder, dann ist alles vorbei. Nein, lasst uns rauskommen aus diesem Pharisäer-Denkmuster und hineingehen in diese Welt, zusammen mit unserem Herrn Jesus Christus. Wisst ihr, was ich dazu sage? Frohe Weihnachten! Amen.