Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 23,33-49

Dompredigerin Dr. Petra Zimmermann (un)

22.04.2011 im Berliner Dom

Karfreitagsgottesdienst 2011

Hier die Predigt hören

 

 

Mein Volk, mein Volk, was habe ich dir angetan, womit habe ich dich betrübt, antworte mir!

Schwer lastet die Frage auf uns. Hier spricht kein zorniger Gott, der schnaubt und tobt, kein brüllender Racheengel mit Flammenschwert, der Vergeltung für begangenes Unrecht verlangt. Es ist ein zu Tode betrübter Gott. Ein Gott, der klagt, ein Gott, der nachfragt, ob sein Verhalten den Anlass gegeben haben könnte. Was habe ich dir angetan, womit habe ich dich betrübt, dass du dich von mir abwendest? Was können wir antworten? Was bleibt zu unserer Rechtfertigung zu sagen? Nicht viel. Außer vielleicht: du hast uns die Freiheit gegeben zu wählen zwischen Gut und Böse. Du hast uns die Freiheit gegeben, uns von dir abzuwenden. Und wir haben von dieser Freiheit schlimmen Gebrauch gemacht. Wir alle, Töchter und Söhne deiner Erbarmung, wir haben dich mit Füßen getreten. Wollten nichts von dir wissen, weil wir die Welt lieber selber in die Hand nehmen wollen. Wir haben unser Herz vor dir verschlossen, vor dem Bruder, der Schwester verschlossen, vor dem Leiden deiner Kreaturen verschlossen. Wir meinten, es besser zu wissen. Was bleibt ist, die Augen nieder zu schlagen und in dem Moment des Begreifens Zuflucht zu nehmen zu dir, zu deinem Wort, deinem Erbarmen.

 

Und so hören wir auf den Predigtext aus dem Evangelium nach Lukas:

 

33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.

36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!

38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?

41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.

46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!

48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.

49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

 

Liebe Gemeinde,

es standen seine Bekannten von ferne und sahen das alles. Wir stehen von ferne und sehen das alles. Diese ganze Geschichte, vertraut und abgründig zugleich. Dieses Geschehen, unzählige Male in Stein gemeißelt, auf Leinwand gemalt, in Oratorien besungen. In weißem Marmor auf den Altar gestellt. Wir hören die Geschichte, sehen ihre Darstellung. Geht sie uns an? Geht sie uns so an, dass sie in unser Leben trifft, die Seele berührt und uns verändert? Uns zum Zittern bringt, zum Weinen und Seufzen? Oder ist sie für uns ein Mosaikstein der abendländischen Tradition? Bildungsgut, das es zu kennen gilt, will man unsere Kulturgeschichte begreifen und die Gemälde in den Museen entziffern. Wie nah lassen wir diese Geschichte an uns heran?

 

Diese Fragen haben schon den Evangelisten Lukas beschäftigt. Lukas spielt geradezu mit allen rhetorischen Mitteln, um die Frage von Nähe und Distanz auf zu werfen. Er lockt uns in die Rolle der Zuschauer. Da stehen wir mit den anderen und schauen. Wie die Bekannten Jesu schauen. Wie das Volk dasteht und schaut.“ Schaulustige, die auf ihre Kosten kommen. Gebannt, sensationslüstern. Schaulustige, die den Atem anhalten, starren und gaffen und sich erregen. Dazu gibt ein spektakuläres Naturschauspiel eine sagenhafte Kulisse. Und am Ende ist es immer dasselbe: Die Zuschauer gehen nach Hause. Lukas zwingt uns auf ihre Seite. Wir werden auf Abstand gebracht. Werden denen gleich gestellt, die mit angenehmem Erregungspotential den Schrecken aus der Distanz verfolgen. Was geht es uns an, außer, dass wir gerne mal hinschauen, wenn Spektakuläres geschieht. Wenn es dramatisch wird, Blut fließt.

 

Tagelang verfolgten wir über den Liveticker im Fernsehen oder Internet die dramatischen Ereignisse in Japan. Haben in Millisievert zu rechnen gelernt und Evakuierungskilometer diskutiert. Und erleben doch, wie „die im Minutentakt zerschnippelte Wirklichkeit“ (Carolin Emcke, DIE ZEIT, Nr 17)  immer bedeutungsloser wird und am Ende die Debatte über die Erhöhung unseres Strompreises die Katastrophe überdeckt.

Da kämpfen Menschen um ihre Freiheit, ihre Würde, ihr Leben. Gehen auf die Straßen von Tunis und Kairo, Damaskus und Bengasi, lassen sich schlagen, verwunden, erschießen. Tolle Typen, man ist ganz auf ihrer Seite. Aber sie sollen doch bitte bleiben wo sie sind. Ja nicht auf die Idee kommen, uns auf die Pelle zu rücken, unter uns leben zu wollen. Wenn da jeder käme. Und die Schiffe auf dem Meer? Kleine Boote, voll geladen mit Bangen und Hoffen? Fernseher aus, Zeitung zu, Augen zu. Was haben wir mit denen zu schaffen! Die Zuschauer gehen nach Hause. Gehen in ihre alten Verhältnisse, den Alltag mit seinen kleinen Erregungen. Wir gehen in unsere Häuser und Wohnungen. Es ist Karfreitag, wir waren in der Kirche, wir sind Christen. Lukas provoziert uns. Packt uns bei diesem Zuschauerinteresse, das sich gerne mal aufregt, aber letztlich unberührt bleibt. Mein Volk, mein Volk, was habe ich dir angetan, womit habe ich dich betrübt, antworte mir!

 

Und dann gibt es die andere Bewegung. Wir sollen einen Platz bekommen, mitten in der Geschichte. Sollen hören: Mensch, deine Geschichte wird hier erzählt, deine Sache verhandelt, dein Leben steht auf dem Spiel. Lukas zieht uns hinein, zwingt uns  zuzuhören. Ohren kann man nicht verschließen. Wir werden Ohrenzeugen der letzten Worte, die Sterbende kurz vor ihrem Tod sprechen. Worte, die nur Lukas so überliefert. Sein besonderes Vermächtnis an uns.

 

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ Wem gilt diese Vergebungsbitte? Dem Kreuz am nächsten stehen die Soldaten als Handlanger der Justiz. Sie haben den Verurteilten aufs Kreuz gelegt. Haben die Nägel in seine Hände und Füße getrieben. Den Galgen aufgerichtet. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Andere machen sich ungerührt über die Kleider her. Teilen die Beute auf. Schachern um ihren Gewinn. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Die Oberen, Vornehmen pflegen den beißenden Spott und fachen damit das Spektakel noch an. Hilf dir selbst wenn du der Christus bist! „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das Volk schaut zu. Kreuzigungen darf man nicht versäumen. Kreuzigungen haben das gewisse Etwas. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Wissen wir, was wir tun?

 

Vor etwa zwei Jahren erreichte mich ein Brief eines empörten Gottesdienstbesuchers. Darin schrieb er: „Warum belästigt uns die Kirche noch immer mit ihren verstaubten Themen von Sünde und Schuld. Warum zwingen Sie mich in jedem Gottesdienst ein Schuldbekenntnis mit zu beten. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Ich habe niemandem etwas getan und lebe auch sonst ganz ordentlich. Ich bin es leid, mir in jedem Gottesdienst vorhalten zu lassen, dass ich ein zerknirschter Sünder zu sein habe.“ Ich verstehe diesen Gottesdienstbesucher. Aus diesem Brief höre ich nicht nur seine Empörung, auch seine heimlichen Wünsche. Ich höre, dass er sagt: ich bemühe mich doch, anständig zu sein, warum wird das nicht geschätzt. Warum müsst ihr mich immer konfrontieren mit all den Defiziten, diesem Dreck? Ich möchte doch jemand sein, möchte etwas gelten. Möchte aufrecht gehen, meinen Kopf hoch tragen. Ich möchte das Leben als eindeutig erleben, als richtig und gut. Ich möchte mich nicht ständig für etwas schuldig fühlen und darüber meine Kraft verlieren.

Ich verstehe diese Wünsche und ich teile sie. Aber ich halte sie an einem Punkt für falsch. Der Briefschreiber glaubt, er könne nur dann aufrecht gehen, wenn er nicht auf seine dunklen Seiten schaut. Er könne nur dann seine Kraft bewahren, wenn er sein Leben als unbescholten wahrnimmt, als gelungen und richtig bewerten kann. Es könne nur dann Lebensgewissheit geben, wenn das Leben unversehrt und unschuldig ist.

Die jüdisch -christliche Glaubenstradition aber lehrt uns, sich des eigenen Lebens auch dort zu vergewissern, wo es gegen uns spricht, wo die Erinnerung weh tut. Sie lehrt uns, dass Identität nicht nur aus Erfahrungen des gelungenen Lebens entsteht, sondern auch aus Erfahrungen des Scheiterns, der Erinnerung an Versagen und Schuld. Aber was, wenn dieser Blick dem Menschen unmöglich ist?

 

Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das Wort Jesu rechnet offenbar mit der Möglichkeit, dass die Schuldeinsicht dem Menschen versperrt ist. Vielleicht, weil die Erkenntnis zu unerträglich wäre, weil der Blick in diesen Abgrund uns aus allen Bahnen schleudern würde. Er rechnet mit einem Balken im Auge, der den Blick auf die eigene Schuld verstellt. Er rechnet mit unserer Verblendung. Und bittet um Vergebung. Für uns, die wir nicht sehen können. Für uns, die wir ausweichen wollen, leugnen, weil wir die Wahrheit nicht aushalten. Für uns, die wir Siegergeschichten von uns selbst erzählen, Rechtfertigungen erfinden und uns die Masken der Überlegenheit über die verstörten Gesichter ziehen. Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Es wird kein Zwang zur Buße ungeheizt, kein Druck gemacht, ein Sündenbekenntnis abzulegen. Die Vergebungsbitte ist an keine Bedingung geknüpft.

 

Liebe Gemeinde, drei Kreuze stehen auf dem Berge Golgatha. Dreimal Lebensnot und Todeskampf. Neben Jesus die beiden „Übeltäter“, wie Lukas sie nennt. Wieder werden wir Ohrenzeugen. Zwei Männer, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem Lebensende umgehen. Es zu bewältigen versuchen. Aber was heißt schon bewältigen. Da ist der eine, aus dessen Worten man gemeinhin nur Spott und Häme heraushört. Über den man sich so schnell erhebt. Wie kann der nur! Im letzten Moment noch immer diese Wut. Dieser Zynismus. Und überhört dabei doch schnell die letzten beiden Worte. Wenn du Christus bist, „Hilf dir selbst und uns“. Das ist ja auch der Hilfeschrei eines Verlorenen. Verkleidet in die Pose der vermeintlichen Stärke. Verkleidet in den Mantel des Zynismus. Und wie oft haben wir selbst ähnliche Sätze heimlich geseufzt oder scharf gesprochen: Wenn du Gott bist, dann greif doch ein! Wenn du Gott bist, dann mach dem Leiden ein Ende. Erweise deine Macht! Das Leben kann jeden von uns zum Bruder, zur Schwester dieses einen machen, der sich in letzter Verzweiflung an den Zorn auf diesen Gott klammert, um nicht in der Absurdität zu ertrinken.

 

Der zweite Schächer reagiert anders. Er wagt einen unverstellten Blick auf sich selbst: „Wir empfangen, was unsere Taten verdienen.“ Er kommt zur Einsicht. Keine korrekte Lebensbilanz, kein großes Bekenntnis. Ein Hinweis, eine Ahnung, eine Andeutung sind genug. Er spricht Jesus mit Namen an. Er nimmt eine Beziehung auf. Eine Sehnsucht nach Einheit wird spürbar, nach Heilung. Eine Sehnsucht nach der „Wiederherstellung des Glanzes in der Welt“ (Ch. Gestrich). Konzentriert in diesem einen Satz: „Gedenke meiner.“

Weil für ihn um Vergebung gebeten wird, kann er sich mit anderen Augen sehen, bleibt nicht gefangen in Selbstrechtfertigungen. Es ist bereits eine ferne Wirkung der Gnade, wenn wir das können: Schuld bekennen und der Tiefe dieser Erkenntnis nicht ausweichen.

 

Darauf die Antwort Jesu: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ „Heute“, das ist gesagt zu einem Menschen, der sein Leben verpfuscht hat. Es ist gesagt zu dem Ausgestoßenen und Verworfenen, der einem qualvollen Tod preisgegeben ist. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Die Zusage einer geheimnisvollen und unbegreiflichen Verbindung, die der Tod nicht auflösen kann.

 

Liebe Gemeinde, in der Passionsgeschichte des Lukas ist viel von uns Menschen die Rede. Sie ist darin viel schlichter, lebensnäher als die Erzählungen wie sie Matthäus oder Johannes überliefern. Von manchen Theologen ist sie deshalb als oberflächlich gescholten worden. Bewerten Sie selbst. Was bleibt ist: Der gekreuzigte Christus hält bis zum letzten Atemzug das Gespräch aufrecht zwischen dem Vater im Himmel und den Leidensgenossen auf Erden. „Er ist der Mittler worden“. Nirgends sonst wird das so sinnenfällig geschildert wie hier. Der Christus vermittelt Vergebung, vermittelt Trost im Sterben, vermittelt einen Platz im Himmel. Er wendet sich den Verlorenen sowohl in ihrer Schuld wie auch in ihrem Sterben zu und wird ihr Fürsprecher und Begleiter. In der Schreckensstunde auf Golgatha stößt dieser Christus die Tür zum Paradies wieder auf.

 

Und dann kann es sein, ganz unvermutet, dass Menschen vom vielen Schauen plötzlich sehend werden. Amen.

Wichtige Anregungen zu dieser Predigt habe ich aus der Predigtstudie „Tua res agitur“ (PSt III, 2004/2005) erhalten, die Susanna Kempin und Martina Reister-Ulrichs verfasst haben. Susanna Kempin, die kluge Theologin und Pastoralpsychologin, ist vor fast genau einem Jahr, am 2. Mai 2010, plötzlich verstorben. Möge Sie jetzt erfahren, was unsere oft so brüchige Hoffnung uns geflüstert hat. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein."