Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 23, 39 – 43

Pfarrerin Christa Willwacher-Bahr (ev.-luth.)

10.02.2013 in der Martin-Luther-Kirche in Detmold

aus Anlass der Vorstellungsserie „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal

Predigt zum Gottesdienst „Vis-à-vis“

Theater und Kirche im Gespräch

In der Wochenendausgabe der LZ vom 9./10.2.2013 kann man folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn nachlesen:

Ort: Ein Restaurant in Gütersloh Teilnehmer: Ein Vater und sein etwa sechsjähriger Sohn. Situation: Die beiden diskutieren schon etwas länger darüber, dass der Sohn immer zum Spielen aus dem elterlichen Garten verschwindet, ohne vorher Bescheid zu sagen.

Vater: Und, Paul, das sag ich jetzt

zum letzten Mal: Wenn du wieder

einfach abhaust, dann nagel ich dich

an den nächsten Baum!

Sohn (zuckt die Schultern): Mach

doch. Ich wollte immer schon mal

dieses Jesus-Gefühl haben.

Ich vermute, dass, wenn wir die Darstellungen von Jesu Kreuzigung sehen, so eine Vater – Sohn Geschichte in unserem Hinterkopf spukt: da nagelt ein zorniger Gottvater seinen Sohn – stellvertretend für alle Menschensöhne – zur Strafe ans Holz.

Ich glaube, Gott ist nicht so.

Um das zu erklären, gehe ich den Weg über „Jedermann“.

Ich habe an mir selbst beim Anschauen des Stückes eine komische Wandlung bemerkt.

Am Anfang sieht man als Zuschauer in „Jedermann“ den selbstverliebten Spieler mit Geld, Macht und Menschenleben und ist kaum berührt. Allenfalls neidisch auf das schöne

Leben, wo man mit Geld Sorglosigkeit, „Freundschaft“ (Geselligkeit) und Liebe kaufen kann.

Fast zufrieden registriert man die kleinen Herzattacken des Jedermann und denkt, ‚auch du kriegst deine Quittung, warte nur Freundchen‘. Es geht doch nicht an, dass sich einer im Supermarkt des Lebens hemmungslos bedient und nicht am Ende durch die enge Kassenschlange muss, um die Rechung zu zahlen.

Aber dann schlägt die Stimmung um. Als der Mitarbeiter des Jedermann ihm die Brocken hinwirft und noch nicht einmal mehr einen Handschlag zum Abschied für Jedermann übrig hat, als die Verwandtschaft die Stimme des Blutes plötzlich nicht mehr kennen will, die Liebe der Frau nicht hält, was sie versprochen hat, und auch das Geld nicht mehr wärmt, da denkt man traurig: „das letzte Hemd hat keine Taschen“ und „jeder stirbt für sich allein“.

Und derselbe Jedermann, der vorher unsere Abneigung hatte, hat jetzt unsere Sympathie: wir beginnen ihn zu mögen, wir leiden mit ihm – sympás/chein, d.h. mit-leiden -, wir verteidigen ihn innerlich sogar. So ein schlechter Kerl war er vielleicht doch nicht – er hat doch hin und wieder einen Euro gegeben, die Opfer seiner Geldpolitik alimentiert, die alte Mutter mit einem vagen Hochzeitsversprechen beruhigt.

Innerlich sind wir schon auf dem Weg zu Jedermann, schlüpfen in seine Haut und spätestens als er allein vor dem Sarg steht, Auge in Auge mit dem Tod, sind wir auf seiner Seite, hat er unsere ganze Sympathie. Sind wir er.

Es schaudert einen, wenn man sich da so alleine stehen sieht und man fragt sich ängstlich, was, wenn das, was ich vorher für selbstverständlich gehalten habe, jetzt passiert: wenn

mir die Rechnung präsentiert wird. Wenn ich aufkommen soll für das, was ich getan, und wieder gut machen soll, das, was ich unterlassen habe.

Die Auflistung von Soll und Haben kann doch für mich nur schief gehen – so wie die schiefe Ebene hier, der Bühnenaufbau zum „Jedermann“, schief geht. Aber merkwürdigerweise macht mich das sympathisch. Ist doch so, hier hat Jedermann unsere ganze Sympathie.

Sie merken, ich springe inzwischen hin und her zwischen ich, wir und Jedermann. Das kann ich nicht mehr auseinander halten. Das ist das Wesen von Sympathie, dass einer so sehr mit leidet, dass er die Phänomene des Leidens eines anderen am eigenen Körper ausbildet.

Können wir das erklären? – Kaum.

Können wir das glauben? – Schwer.

Können wir das aushalten? – Noch schwerer.

Und dennoch ist das die einzige Rettung.

Zu vertrauen, dass die Sympathie Gottes zu Jedermann so weit geht, dass er seinen Tod erleidet, dass er mit ihm in den Tod geht. In den Werken, die Jedermann bitten, mitgehen zu dürfen, die voller Liebe um ihn werben, steckt die Stimme und die Person Gottes. Die Werke und Gott, das ist eine Schauspielerin. Zum Glück, denn sonst wäre Jedermann nicht geholfen, da seine Werke allzu mickrig sind.

Sich das gefallen zu lassen, dass Gott sich meine Mickrigkeit zu Eigen macht, klingt leicht und ist schwer. Das geht doch nicht, bäumt sich Jedermann auf. Ich hab doch was anderes verdient, einen strafenden Gott: Gott schlägt den Pharao, schlägt Sodom und Gomorra, schlägt, schlägt….

So stellt er sich Gott vor, so wünscht er ihn sich fast, denn das passt in sein Weltbild.

Und noch einmal, als er schon fast Seite an Seite mit Glaube und Werke (Gott) in den Sarg geht, kommt der Widerspruch in Gestalt des Teufels: sagt eine innere Stimme, aber das geht doch nicht, dass ich auf den letzten Drücker die Kurve kratzen kann und bei Gott ankommen kann. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?!

Gottes Gerechtigkeit ist Liebe, ist die Sympathie, mit der er sich auf unsere Seite schlägt, so sehr, dass er uns zum Verwechseln ähnlich wird.

Der Gott, der da am Kreuz hängt, - z.B. in der Darstellung der Kreuzigung im Fenster unserer Kirche - ist ein Mensch.

Ich kann das nur vergleichen mit der Sympathie, die wir als Zuschauer für Jedermann entwickeln, als er mutterseelenallein dasteht: „Kotzbrocken“ oder nicht – er ist uns sympathisch, wir sind auf seiner Seite, er ist wir.

Wenn ich Jedermann wäre, dann wäre das am schwierigsten zu ertragen, diese Liebe, diese Sympathie. Ich würde verzweifelt danach suchen, wie ich das verdient hätte und müsste eingestehen, dass es unverdient ist. Das ist bitter, da ist aller Stolz am Ende, mit dem man bezahlen will für das, was man schuldig ist. In dem Moment vollzieht sich das Gericht, indem man sich ohne Beschönigung zugleich als „Kotzbrocken“ und Geliebter erkennt – und die Rechnung beglichen sein lässt.

Kennen Sie das, wie man sich im Restaurant manchmal darum prügelt die Rechnung zu begleichen. Hier ist’s aus mit Prügeln. Die Rechnung ist bezahlt. Eine Rettung auf den letzten Drücker, aus Sympathie, durch Selbsterkenntnis und durch Annahme – sowohl des eigenen

Scheiterns als auch der Liebe. Die Bibel bezeugt es:

Lukas 23, 39 – 43

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach:

Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere

zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch

in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen,

was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach:

Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Das Geheimnis liegt in der Sympathie. Gott ist kein Buchhalter, der Soll und Haben auflistet und mitleidlos abrechnet. Wir sind ihm so sympathisch, dass er sich auf unsere Seite schlägt, uns zum Verwechseln ähnlich und wenn wir uns zugrunde richten lieber mit uns zugrunde geht als uns allein zu lassen.

Was mit dem zweiten Schächer passiert, die Geschichte lässt es offen.

Ich kann mir „Kotzbrocken“ vorstellen, die mir beim besten Willen nicht sympathisch sein könnten. Aber ich glaube, wir sollten von der Macht der Sympathie Gottes nicht zu klein denken….

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft,

der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Die Predigt finden Sie auch zum Nachhören auf unserer Homepage www.detmold-lutherisch.de

unter „Gottesdienst und Glaube“ - Predigten zum downloaden .

© Feb. 2013 Christa Willwacher-Bahr, ev.-luth. Kirchengemeinde, Schülerstr 14, 32756 Detmold