Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 16,1-12

Pastor Karl-Martin Unrath (ev.-methodistisch)

11.07.2010 hr2-Kulturradio, Morgenfeier

Hier die Predigt hören

 

Eine Geschichte von der Wut
Zum Gleichnis vom untreuen Verwalter aus dem Lukasevangelium 16, 1-8a


„Die Rentner-Gang“ wurden sie von der Presse genannt, die beiden Seniorenehepaare und ein Komplize, alle zwischen 61 und 80 Jahren alt, die ziemlich genau vor einem Jahr ihren Finanzberater entführt und mehrere Tage gefangen gehalten hatten. Der hatte mit ihrem Geld spekuliert,  offensichtlich erfolgreich, und dann weder die Einlagen zurückgezahlt,  noch den Gewinn ausbezahlt. So jedenfalls die Version der Rentner. 2,4 Millionen Euro wollten sie von ihm zurückbekommen. Als er keine Bereitschaft erkennen ließ, ihrer Forderung nachzukommen, schritten sie zur Selbsthilfe – will sagen: Selbstjustiz. Sie entführten den 57-jährigen Anlageberater in seinem Haus in Speyer und transportierten ihn im Kofferraum eines Autos in das Haus eines der beteiligten Ehepaare in der Nähe des Chiemsees. Unterwegs kam es zu einem Fluchtversuch, den die Senioren verhindern konnten. Dabei erlitt der Finanzberater Prellungen und Rippenbrüche. Die Polizei konnte später eine Schusswaffe sicherstellen. Immer wieder sei er von seinen Peinigern geschlagen worden, sagte das Entführungsopfer aus. Er habe ständig damit gerechnet, erschossen zu werden. Zimperlich waren die Senioren offensichtlich nicht.
Per Fax orderte der Anlageberater bei einem Treuhänder in der Schweiz schließlich die von der Rentner-Gang geforderte Summe. Dabei gelang es ihm, einen verschlüsselten Hilferuf zu übermitteln. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei konnte den Mann daraufhin befreien.
Der Haupttäter der Rentner wurde im Frühjahr wegen Geiselnahme und Körperverletzung zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, sein Mitangeklagter erhielt vier Jahre. Die beiden Ehefrauen wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt.  Dem fünften Mitglied der Rentner-Gang konnte wegen dessen schwerer Herzkrankheit bisher nicht der Prozess gemacht werden.
Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Die Staatsanwaltschaft hält die Strafen nämlich für zu milde und ist in Revision gegangen.
Nur nebenbei: Gegen den gekidnappten Anlageberater wird auch noch ermittelt - wegen des Verdachts der Untreue.
Aber zurück zu den Rentnern: Ich dachte immer, kriminelle Energie würde sich mit dem Alter verlieren.
Wie viel Wut braucht es eigentlich, um zum Mittel der Selbstjustiz zu greifen?
Was hat die fünf älteren Herrschaften nur so wütend gemacht?

1. Musik

Was hat die fünf Mitglieder der Rentner-Gang so wütend gemacht, dass sie sich zu einer Geiselnahme und Körperverletzung hinreißen ließen?  Was immer es war - was sie getan haben, ist unentschuldbar. Gewalt ist nicht akzeptabel und Selbstjustiz ist es auch nicht.
Knapp 34.000 Fälle von Veruntreuung gibt es in Deutschland pro Jahr. Nimmt man alle anderen Formen von wirtschaftlichem Betrug hinzu, gibt es fast eine Million Fälle. Und mindestens so viele Opfer. Wenn die in ihrer Wut alle mit Gewalt und Selbstjustiz reagieren würden, würden wir in totaler Anarchie leben.
Das Verhalten der betagten Geiselnehmer ist unentschuldbar.
Unverständlich ist es nicht. Jedenfalls nicht für mich.

Meine Frau und ich haben uns vor vielen Jahren von einem ehrenamtlichen kirchlichen Mitarbeiter zu einem Immobilienkauf überreden lassen. Wir kannten den Mann seit Jahren und hatten ihm vertraut. Der Kauf sollte der bescheidenen Vermögensbildung und Altersvorsorge dienen. Bei dem Immobilienprojekt ging es um kleine, bezahlbare Wohnungen für Menschen mit wenig Geld. Fast ein soziales Projekt also. Der Verkäufer wusste schon, wie man so ein Pfarrerehepaar ködert. Eine ganze Reihe von Kollegen und Freunden haben in das gleiche Projekt investiert. Sehr schnell erwies sich die Immobilie als nicht werthaltig, fast als Schrott. Der Bauunternehmer war pleite. Der Verkäufer wurde später wegen Betrugs in einem anderen Fall zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Zu holen war bei ihm nichts mehr. Er hatte sein Vermögen beizeiten seinen Kindern überschrieben. Blieb nur die Klage gegen die Bank – aber gegen Banken gewinnt man nicht.
Den Kredit werden wir wohl bis zu unserem Ruhestand bedienen müssen und das ist noch ein Weilchen hin. Monat für Monat bezahlen wir viel Geld, ohne eine adäquate Gegenleistung zu erhalten.
Woher die Wut kommt?
Ich kann Ihnen das aus eigener Erfahrung erklären.

2. Musik

Das kriminelle Verhalten der Rentner-Gang ist unentschuldbar. Aber die Wut, die zu dem Verbrechen geführt hat, die kann ich gut verstehen.
Wütend macht zunächst der Verlust von Geld. Oder besser gesagt, der Verlust an Möglichkeiten, die man mit dem Geld hätte verwirklichen können: Von A wie Auto bis Z wie Zukunftssicherung. Natürlich macht Geld nicht glücklich. Aber man kann schöne Sachen damit machen. Und beruhigen tut es auch.  So erscheint der Verlust an Geld durchaus als ein Verlust an Leben, zumindest an Lebensqualität.  
Für meine Frau und mich hieß das, über Jahre hinweg keine Urlaubsreise machen zu können, während es sich der Betrüger gut gehen ließ.
Und damit sind wir bei der nächsten Ursache der Wut. Wütend macht das Gefühl, dass es nicht gerecht zugeht. Dass einer auf meine Kosten damit durchkommt, dass er Unrecht tut. Das verletzt mein Gefühl für Gerechtigkeit ebenso wie mein Gefühl für das Mindestmaß an Ordnung, das einfach nötig ist, um anständig miteinander leben zu können. Wenn Unrecht siegt, ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Wenn meine Welt in Unordnung gerät, werde ich wütend.
Das ist ungerecht, man fühlt sich hilflos. Nicht Recht zu bekommen und nichts dagegen tun zu können, das macht wütend.

Und schließlich ist es immer eine persönliche Kränkung, wenn man betrogen wird.  Es ist nur sehr schwer damit klar zu kommen, als Verlierer vom Platz gehen zu müssen, obwohl man sich dem Gegner doch eigentlich in jeder Hinsicht überlegen fühlt. Beim Fußball führt  das zu sogenannten Frust-Fouls. Im Fall der Rentner-Gang zu Körperverletzung und Geiselnahme. Bei mir hatte es „nur“ zu schlaflosen Stunden voller Rachegelüste geführt. Aber die waren durchaus intensiv.
Ja, ich kann die Wut der fünf Mitglieder der Rentner-Gang verstehen.

Noch mal zusammengefasst:
Die Wut kommt erstens aus dem zumindest gefühlten Verlust von Lebensmöglichkeiten.
Zweitens, weil man etwas als ungerecht  empfindet, und einem die Welt dadurch in Unordnung gerät.
Drittens weil man sich hilflos fühlt, was viertens als persönliche Kränkung erlebt wird.  

Und wenn einen die Wut dann gepackt hat, dann muss man ja irgendwie mit ihr umgehen. Einfach verrauchen tut sie nur in leichten Fällen.

Es gibt drei Möglichkeiten, mit der Wut umzugehen.
Erstens: Aggression. Das ist das, was die Rentner-Gang getan hat und wovon ich Nächtens geträumt habe. Aber wer der Wut mit Aggression begegnet, lässt sich entweder selbst dazu hinreißen, Unrecht zu tun, oder er wird von seiner eigenen Aggression aufgefressen. Es muss eine bessere Möglichkeit geben.

Die Wut zu unterdrücken, nicht zuzulassen, wäre eine zweite Möglichkeit, mit ihr umzugehen. Aber viel besser ist die auch nicht. Was unterdrückt wird, ist noch lange nicht weg. Es rumort im Untergrund und macht einen krank.

Eine dritte Möglichkeit besteht darin, die Dinge neu zu bewerten, anders über sie zu denken. In der Psychologie nennt man das „kognitive Restrukturierung“, also etwa: sich die Dinge mit dem Verstand, durch Nachdenken, neu zurecht legen.
Wie kann das aussehen? Und vor allem, wie geht das?

3. Musik

In meiner Wut über den Betrüger, der meine Frau und mich um eine Menge Geld geprellt hat, hat mir eine Geschichte geholfen, die Jesus erzählt hat.
Die Geschichte steht im Lukasevangelium und geht so:

Lukas 16,1-8a aus der Hörbibel:

Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen.
2 Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.
3 Da überlegte der Verwalter: Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich.
4 Doch - ich weiß, was ich tun muss, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.
5 Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
6 Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin und schreib «fünfzig».
7 Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib «achtzig».
8 Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters.


Autor:
Der reiche Mann lobt den untreuen Verwalter. Also: Der Betrogene lobt den Betrüger für dessen Klugheit. Unglaublich. Und unverständlich.
So  geht es wohl jedem, der diese Geschichte aus der Bibel hört. Wie unverständlich diese Geschichte Jesu von Anfang an für die Menschen war,  erkennt man  schon in der Bibel selbst. Da schließen sich nämlich direkt an die Geschichte einige Versuche an, sie zu verstehen, sie auszulegen.
Einer der Erklärungsversuche geht z. B. so:

Lukas 16, 9 aus der Hörbibel
Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es mit euch zu Ende geht.

Autor:
Wie bitte? Wir sollen mit Geld, das ausdrücklich als ungerecht bezeichnet wird, Menschen mit kühler Berechnung für uns einnehmen, damit wir in den Himmel kommen? Das soll die Moral von der Geschichte sein? Nie im Leben!  
Und weil diese Auslegung schon den ersten Hörern der Geschichte nicht eingeleuchtet hat und wohl auch zu unmoralisch war, haben es einige genau anders herum versucht. Das Lukasevangelium gibt das so wieder:

Lukas 16, 12 aus der Hörbibel
Wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer (wahres) Eigentum geben?

Autor:
Will sagen: Wer Geld veruntreut oder Menschen in anderer Weise betrügt, wird nicht das wahre Gut erhalten, kommt also nicht in den Himmel. Selbst wenn man diese Moral teilen wollte, was hat das den eigentlich mit der Geschichte zu tun? Da geht es für den Betrüger ja gerade gut aus. Und der Betrogene lobt ihn auch noch.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie sehr von Anfang an darum gerungen wurde, diese Geschichte zu verstehen. Die Versuche, diese Geschichte Jesu auszulegen, füllen ganze Bücher. Mich hat noch keiner dieser Versuche überzeugt. Weil noch keiner dieser Versuche mir erklären konnte, warum der Betrogene den Betrüger loben kann.

Aber genau das will ich wissen. Ich will es wissen, weil ich es lernen will. Ich will es lernen, um über die Wut hinwegzukommen, die mir das Leben sauer macht.
Wie kann der das?

Warum tobt der nicht angesichts des beträchtlichen finanziellen Schadens, der ihm zugefügt wurde?
Warum jammert der nicht über das erlittene Unrecht?
Warum beklagt der nicht seine Hilflosigkeit?
Warum empfindet der es offensichtlich nicht als persönliche Kränkung, dass  ihn ein anderer einfach so übers Ohr hauen konnte?
Warum reagiert der so ganz anders, als ich es getan habe, als ich betrogen wurde? Warum greift der nicht zum Mittel der Selbstjustiz wie die Rentner-Gang?

Wie kann der das?
Nun, vielleicht hat er „kognitiv restrukturiert“. Will sagen: Vielleicht ist es ihm gelungen, die ganze Angelegenheit anders zu sehen und zu bewerten, als man zunächst annehmen sollte.

Das kann ich natürlich nicht sicher wissen, aber anders erklären kann ich es mir nicht. Vor allem aber will ich einmal versuchen, es für mich selbst zu tun.  

Am Anfang der „Neubewertung“ könnte die schlichte Einsicht stehen, dass mir alles Wüten und Toben nichts hilft. Das Geld ist weg, der Schaden ist da. Wenn es mir nicht gelingt, meine Wut zu überwinden, verliere am Ende doppelt. Die ständige Wut, das ständige Sauer-Sein, macht mich ungenießbar. So verliere ich viel mehr als nur Geld.

Und weiter. Wird mein Leben durch den finanziellen Verlust qualitativ wirklich beeinträchtigt? Will ich eigentlich so einer sein, der meint, sein Leben sei ärmer, wenn er sich weniger leisten kann?
Ich frage mich: Was macht eigentlich mein Leben reich?

Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein Betrüger einfach so davon kommt. Es ist nicht in Ordnung. Aber wenn mich jede Verletzung der Ordnung so aus der Bahn wirft, dass ich nicht mehr weiß wohin mit mir vor lauter Wut, dann fehlt mir doch offensichtlich der feste Stand.
Ich frage mich: Worauf gründe ich mich?

Dem Betrüger rechtlich nicht beizukommen, ist schwer zu verkraften. Aber diese Erfahrung von Hilflosigkeit bedeutet doch noch lange nicht, dass ich verraten und verkauft bin.  Ich habe doch hoffentlich für mein Leben eine Perspektive, die über den Augenblick hinausreicht!
Ich frage mich: Was ist meine Hoffnung?

Und schließlich will ich mich durch das Fehlverhalten eines anderen nicht persönlich kränken lassen. Das Unrecht des anderen macht ihn selbst klein, aber doch nicht mich.
Ich frage mich: Wie will ich sein?

Was macht mein Leben reich?  Worauf gründe ich mich? Was ist meine Hoffnung? Wie will ich sein?
Keine der Antworten auf diese Fragen hat irgendetwas mit Geld zu tun. Vielmehr geht es um Freundschaft und Verlässlichkeit. Es geht darum, sich die Bereitschaft zum Vertrauen nicht abkaufen zu lassen und nicht an Vergeltung zu glauben. Es geht darum, sich die Menschlichkeit nicht austreiben zu lassen, auch nicht durch Betrug und Verrat.
Oder noch einmal ganz anders: Es geht um Liebe. Ja, die Antwort auf jede dieser Fragen ist die Liebe.
Die Liebe macht mein Leben reich. Die Liebe hält mich. Die Liebe ist meine Hoffnung.
So will ich sein.
Und kann es nicht. Weil ich um die Grenzen meiner Liebe weiß und um die begrenzte Liebe anderer auch.
Und kann es doch. Weil ich die grenzenlose Liebe Gottes kenne.

Ich bin trotzdem noch nicht so weit, wie der betrogene Gutsherr in der Geschichte Jesu. Beglückwünschen tue ich den Verkäufer unserer Schrottimmobilie noch lange nicht. Aber ich lasse mir das Leben durch ihn auch nicht mehr sauer machen. Ich will so nicht sein. Und ich muss es auch nicht.