Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 17,20-26

Pfarrer Gerhard Schäfer (ev)

09.05.2013 in der Kreuzkirche in Bonn und im Deutschlandfunk (DLF)

Rundfunkgottesdienst im Deutschlandfunk (DLF) an Christi Himmelfahrt

© Gerhard Schäfer

Einen Mitschnitt der Predigt hören Sie hier. ab Minute 29:15

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Hörerin, lieber Hörer,

liebe Gemeinde hier in der Kreuzkirche!

Ein Vater und sein sechsjähriger Sohn machen einen Spaziergang. Sie gehen hi- naus ins Grüne. Vater und Sohn gehen an der Hand; sie unterhalten sich darü- ber, welches Tier sie am liebsten sein möchten. Plötzlich überrascht sie ein Ge- witter; aber kein Unterschlupf ist in Sicht.

Da nimmt der Vater den Sohn unter den Mantel. Es ist ein Moment, an den sich der Sohn noch ein Leben lang erinnert: ein Gefühl von Sicherheit und Gebor- genheit. Der Junge, inzwischen längst erwachsen, weiß noch heute, wie es dort damals gerochen hat: der nasse Lodenstoff des Mantels, das Aftershave des Vaters. Und als er eines Nachts daliegt im Krankenhaus, in seinem Bett, in der Nacht vor einer schweren Operation –– da holt der Sohn von einst, der nun ein erwachsener Mann ist, diese Erinnerung wieder hervor. Und merkt, wie er ruhiger wird. Wie es für ihn auch heute noch funktioniert: Dieses Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit.

Ist das nicht etwas Wunderbares? Wenn Vater und Sohn so etwas miteinander erleben? Wenn der Vater dem Sohn etwas mitgibt, das ein ganzes Leben lang hält?

Ja, es sind Glücksmomente, solche Momente zwischen Vater und Sohn. Andere haben ähnliches mit anderen Menschen erlebt: mit der Mutter, mit dem be- sten Freund, der besten Freundin. Mal ist eine Umarmung, mal ein Gespräch, mal etwas ganz anderes. Glücklich ist, wer solche Momente erlebt hat: Sie halten ein Leben lang vor. Sie bringen viel Gutes hervor: Vertrauen, Zuversicht, Selbstbewusstsein. Es sind Erfahrungen, für die man dankbar sein kann.

Andere wiederum kennen auch das Umgekehrte: Dass sich Vater und Sohn nicht verstehen. Dass sie es schwer haben miteinander. Matthias Brandt, der Sohn des Bundeskanzlers, hat über seinen Vater Willy einmal gesagt: „Das Verhältnis zu meinem Vater war nicht besonders innig.“ – Er, der Sohn, ist später Schauspieler geworden. Im Film „Im Schatten der Macht“ spielte er Günter Guillaume – den Ost-Spion, der den Rücktritt seines Vaters als Kanzler herbeiführte. –

Oder Walter Kohl, der eine der beiden Söhne von Helmut Kohl. Sein Buch „Leben oder gelebt werden“ stand lange Zeit auf Platz eins der Bestsellerlisten. Der Sohn fühlte sich wie ein Requisit: „Wir Kinder wurden nur benötigt.“ Ist das nicht bitter, mit so einem Gefühl leben zu müssen?

Solche Beispiele gibt es also auch. Wo der Sohn am Vater zerbrochen ist. Wo der Vater den Sohn mit Aufträgen belastet: Aus dir soll werden, was aus mir nicht wurde. Oder wo es überhaupt keinen Vater gab, weil er sich aus dem Staub gemacht hat.

Welche Beziehung habe ich zu meinem Vater? Und welche Beziehung habe ich als Vater zu meinem Sohn? Väter und Söhne könnten heute am Himmelfahrts- tag ja besonders gut darüber nachdenken. Alle anderen gehen in Gedanken vielleicht anderen Beziehungen nach. Der zur Mutter, zum ersten Partner, zur besten Freundin. Lassen Sie uns einige Momente bei Orgelmusik über eine solche prägende Beziehung nachdenken. Wofür bin ich unendlich dankbar? Was hat mich geprägt?

Orgelimprovisation

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin und lieber Hörer: Es sind Momente des Glücks: eine gute, innigliche Vater-Sohn-Beziehung. Ich denke heute an meine eigenen Erfahrungen; sowohl als Vater wie auch als Sohn. Manche oder mancher wird an eine andere wichtige Beziehung gedacht haben, die ähnlich prägend war. Unser heutiger Abschnitt aus dem Johannesevangelium macht uns zu Zeugen einer Vater-Sohn-Beziehung. Wir können miterleben, wie ein Sohn sich voll Vertrauen an den Vater wendet.

Es ist eine Szene aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu. Jesus nimmt Abschied von den Jüngern. Er wird sterben am Kreuz. Der Gedanke daran ist furchtbar. Aber Jesus hält ihn aus. Und nimmt diesen Abschied zum Anlass, sich vertrauensvoll an den Vater zu wenden, den Vater im Himmel. Jesus spricht die Worte, die wir vorhin in der Lesung des Evangeliums gehört haben: „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“

Sicher, das Verhältnis zwischen Jesus und Gott als seinem himmlischen Vater ist etwas Besonderes. Mal ist es vertraut und innig, wie zwischen Menschen. Jesus sagt „Abba“, das ist hebräisch und klingt sehr nah und familiär, fast wie „Papa“. Jeder, der glaubt und betet, kann Gott so ansprechen: Lieber Vater, … Aber dann ist das Verhältnis zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn wieder ohne jeden Vergleich. Wer wird schon berufen, Gottes Sohn zu sein? – Aber wir können an Jesu Geschichte mit seinem Vater manches ablesen, was auch für unser Miteinander wichtig werden kann – und für unser eigenes Verhältnis zu Gott als einem guten Vater.

Manchmsal ringt Jesus mit seinem Vater, dann wieder vertraut er ihm. Und jetzt hier, in seinen Abschiedsworten, auch dieses Bewusstsein, eins zu sein. „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, …“ Das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Ist das nicht vergleichbar mit der Erinnerung jenes Mannes, über den ich am Anfang sprach? Der sich am Vorabend seiner Operation an seinen Vater erinnert, wie er ihn unter den Mantel nimmt, festhält und beschützt?

Jesus sagt: Er und der Vater sind eins. Jesus gründet sich mit seinem Leben auf diesem tiefen Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit. „Du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war“, sagt Jesus. Das ist doch stark, wenn ein Sohn das am Ende zu seinem Vater sagen kann: „Du hast mich geliebt!“ – Und wunderbar, wenn ein Vater so etwas von seinem Sohn hören darf.

Stellen Sie sich mal vor, liebe Väter, liebe Söhne, Sie nutzten den heutigen Himmelfahrtstag nicht als Vatertag, wie wir ihn kennen, mit Bierkasten und Kutschfahrt, sondern als Vater-Sohn-Tag; ein Tag, an dem Vater und Sohn sich einmal Zeit füreinander nehmen; sich einmal näher kommen! So dass am Ende des Tages das Gefühl bleibt: Das ist eine starke Verbindung zwischen uns. Wir kennen und wir lieben uns. Wahrscheinlich wären auch viele Mütter glücklich, den eigenen Mann, den Vater ihres Sohnes, einmal so erleben zu können.

Himmelfahrt, der Vater-und-Sohn-Tag, verbindet! Himmelfahrt, der Vater-und- Sohn-Tag, regt die Söhne an, sich vom Beispiel des einmaligen Vater-Sohn-Ver- hältnisses Jesu zu seinem himmlischen Vater motivieren zu lassen und zum Telefon zu greifen und den eigenen Vater einmal anzurufen oder gar direkt zu besuchen! Himmelfahrt, der Vater-und-Sohn-Tag, regt umgekehrt auch die Väter an, auf die Söhne zuzugehen und sich mit ihnen zu beschäftigen. Das heutige Evangelium macht uns zu Zeugen eines besonderen Vater-Sohn-Ver- hältnisses. Der Sohn, der mit dem Vater spricht. Und der Vater, der seinem Sohn das Gefühl gibt, dass er bei ihm willkommen ist. Welche Möglichkeiten entdecken wir für den heutigen Tag, ihn entsprechend zu gestalten? So dass auch wir erleben, was verbindet? Nehmen wir uns dazu etwas Zeit mit Musik von der Orgel.

Orgelimprovisation

„Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein.“ – So wie der Vater seinen Sohn unter dem Mantel birgt, so wie vielleicht Vater und Sohn im Erwachsenenalter ein versöhnliches Gespräch führen, so wie der Vater seinen Sohn in die Freiheit entlässt, aber weiter für ihn da ist, so wie eine Mutter ihr Kind in den Arm nimmt und tröstet, so wie der beste Freund, die beste Freundin zuhört und mitfühlt … so ist Gott für uns da. Die Beziehung zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater bleibt etwas Besonderes. Aber wir bekommen Anteil an diesem starken Miteinander. Diesen Sinn gibt unser heutiges Evangelium diesem Himmelfahrtstag: Wir dürfen uns an dem inniglichen Miteinander von Gott-Vater und Gott-Sohn freuen. So dass etwas Heilsames und Gutes daraus erwächst. Auch im Hinblick auf unsere eigene Vater-Sohn-Beziehung.

Ich bin mir sicher, dass Gott-Vater und Gott-Sohn sich im Himmel darüber freuen, wenn Väter und Söhne das als Anregung zum heutigen Himmelfahrts- tag mitnähmen. Weil dadurch etwas von der Weite und dem Segen des Him- mels in unser Leben hineinkommt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen gesegneten Himmelfahrtstag! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.