Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 11,18.23b-30 12,6+9-10

Prädikantin Christiane Frees-Tillil (ev.)

04.02.2018 Ev. Auferstehungsgemeinde Potsdam-Waldstadt und Ev. KG Bergholz-Rehbrücke 

Liebe Gemeinde, als ich vor mehr als 30 Jahren im Jugendkreis war, war das Buch „Ein Mensch namens Jesus“ von Gerald Messadié in aller Munde und ziemlich verschrien. Messadié schrieb auch ein Buch mit dem Titel „Ein Mensch namens Saulus“. Das habe ich im vergangenen Jahr angefangen zu lesen. Ich dachte, dass Messadié vielleicht ein lebendiges Bild des Lebens im 1. Jhdt. n.Chr. gezeichnet hätte. Stattdessen stellt er Paulus als einen mittelmäßigen Menschen dar, der eher erfolglos versucht, sich in der noch jungen Christengemeinde einen Namen zu machen. Messadié hat sich neben der Bibel auf eine ganze Reihe von historischen Quellen bezogen. Das heißt aber nicht, dass sie die Wahrheit berichten. Auch vor 2000 Jahren gab es schon Pamphlete genauso wie üble Karikaturen, die den christlichen Glauben in Misskredit bringen sollten. Wie war Paulus? Was war er für ein Mensch? In der Bergpredigt sagt Jesus: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Mt 7,16 Wenn ich die Paulusbriefe lese, passen diese Früchte ganz und gar nicht zu dem Bild, das Messadié gezeichnet hat. Paulus war ganz und gar durchdrungen von der jüdischen Glaubenslehre und nach der Begegnung mit dem auferstandenen Christus war er durchdrungen von der tiefen Gewissheit, dass Jesus der von Gott verheißene Messias war. Paulus hat sich nicht vor den Menschen produziert. Die Verkündigung der guten Nachricht, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, stand für ihn an erster Stelle. Paulus hat sich selbst nicht in den Mittelpunkt gestellt bis auf eine einzige Ausnahme. Ich lese aus dem 2. Brief an die Korinther im 11. und 12. Kapitel in der NGÜ:

„Da so viele sich mit ihren Vorzügen und Leistungen rühmen, will auch ich jetzt in diese Art von rühmen einstimmen. […] Ich nahm weit mehr Mühen auf mich als sie, war weit öfter im Gefängnis, wurde ungleich häufiger ausgepeitscht, war wieder und wieder vom Tod bedroht. Von den Juden habe ich fünfmal die vierzig Hiebe weniger einen bekommen. Dreimal wurde ich mit der Rute geschlagen, einmal wurde ich gesteinigt, dreimal habe ich einen Schiffbruch erlebt, und einmal trieb ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem offenen Meer. Ich habe viele beschwerliche Reisen unternommen und war dabei ständig Gefahren ausgesetzt: Gefahren durch reißende Flüsse, Gefahren durch Wegelagerer, Gefahren durch Menschen aus meinem eigenen Volk, Gefahren durch Menschen aus anderen Völkern, Gefahren in den Städten, Gefahren in der Wüste, Gefahren auf hoher See, Gefahren durch Leute, die sich als meine Geschwister ausgaben. Ich nahm Mühen und Anstrengungen auf mich, musste oft ohne Schlaf auskommen, litt Hunger und Durst, war häufig zum Fasten gezwungen, ertrug bittere Kälte und hatte nichts anzuziehen. Und als wäre das alles nicht genug, ist da auch noch der Druck, der täglich auf mir lastet – die Sorge um alle Gemeinden. Gibt es jemanden, der schwach ist, ohne dass ich Rücksicht auf seine Schwachheit nehme? Gibt es jemanden, der auf Abwege gerät, ohne dass ich brennenden Schmerz empfinde? Wenn ich nun schon gezwungen bin, mich selbst zu rühmen, dann will ich die Dinge rühmen, an denen meine Schwachheit sichtbar wird. […] Wenn ich wollte, könnte ich mich sehr wohl auch mit anderen Dingen rühmen, ohne mich deshalb zum Narren zu machen; denn was ich sagen würde, wäre die Wahrheit. Trotzdem verzichte ich darauf, weil ich nicht möchte, dass jemand eine höhere Meinung von mir hat als die, die er sich selbst bilden kann, wenn er sieht, wie ich lebe und hört, was ich lehre. […] Der Herr hat zu mir gesagt: Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung. Daher will ich nun mit größter Freude und mehr als alles andere meine Schwachheit rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt. Ja, ich kann es von ganzem Herzen akzeptieren, dass ich wegen Christus mit Schwachheiten leben und Misshandlungen, Nöte, Verfolgungen und Bedrängnisse ertragen muss. Denn gerade dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.                                            

Liebe Gemeinde, Paulus war ganz und gar kein mittelmäßiger Mensch. Dass er das alles ertragen hat, als er im Auftrag Gottes unterwegs war und die frohe Botschaft nach Europa gebracht hat, zeugt von einer großen inneren Kraft und von dem tiefen Vertrauen auf die Zusagen Gottes. Zugleich war Paulus ein vor Gott demütiger Mensch und bescheiden vor den Menschen. Dass er den Korinthern so ausführlich dargelegt hat, was er in seinem Dienst an den Menschen erlitten hat, liegt an der Struktur der Gemeinde. Korinth wurde im Jahr 45 v.Chr. als römische Kolonie neu gegründet und war seit 27 v.Chr. Provinzhauptstadt. Zur Zeit des Paulus war es eine Vielvölkerstadt mit Häfen an Ägäis und Adria. Zu der Gemeinde gehörten Menschen aus allen Schichten, vor allem Heiden. Es gab vielfältige charismatische Begabungen. Prediger stritten gegeneinander und verfochten Paulus gegenüber eigene Auffassungen. Manche Gemeindeglieder zweifelten sogar an Paulus´ Fähigkeiten und seiner Sendung. Geprägt vom griechischen Lebensstil glaubten einige, dass der Segen Gottes sich auch an körperlicher Wohlgestalt zeige und an sprachlicher Begabung. Dass Gott seine Stärke durch das erweist, das unter Menschen als schwach gilt, wurde im lebenslustigen Korinth verachtet. Darum warb der Apostel um die Gemeinde und wollte sie neu gewinnen, indem er so ausführlich beschrieb, was er um des Evangeliums und um der Gemeinden willen erlitten hat. Die Bescheidenheit des Paulus wird auch deutlich daran, dass er immer wieder schrieb: In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst und jeder sehe nicht auf den eigenen Vorteil, sondern auch auf das, was dem Anderen dient. Phil 2,3+4  

Begegnet Ihnen das in der Gemeinde?

Begegnet Ihnen das in der Kirche?

Um ehrenamtlich Gottesdienste halten zu dürfen, habe ich Theologie für das Ehrenamt studiert. An die drei Jahre hat sich der Prädikantenkurs im Amt für kirchliche Dienste angeschlossen. Während der acht Samstage hat neben der inhaltlichen Arbeit jeder Kursteilnehmer eine Predigt gehalten oder eine Liturgie ausgearbeitet. Die Predigt wurde anschließend im Plenum besprochen. Obwohl die Kursleiter immer mal wieder darauf hingewiesen haben, dass Kritik wertschätzend geäußert werden soll, ist jede Predigt bis ins kleinste auseinandergenommen worden. Das Ziel der Kollegen war anscheinend, sich bei dieser Besprechung als der einzig wahre und viel bessere Prediger zu produzieren. Sie haben es vielleicht nicht vertragen, dass da der Eine oder die Andere eine Tiefe entfaltet hat, die ihnen selbst fehlte. Das ist eine klare Anfrage an das Miteinander im kirchlichen Raum. Und es ist ein klares Versagen der Kursleiter gewesen, die bei jedem unangemessenen Kommentar hätten eingreifen müssen. Geringschätzung anderen gegenüber begegnet in der Kirche immer wieder, in Ausbildungsstätten, in Gemeinden, im Miteinander. Mich macht das traurig. 

Denn Kirche könnte den Raum bieten, Begabungen zu entdecken und zu entfalten. Gott hat jedem Menschen eine besondere Begabung geschenkt, sozusagen als Bonus für das Leben, um damit zu wuchern. Bei vielen Menschen ist das ganz verschüttet. In Gemeinden könnten Menschen ermutigt werden, sich auszuprobieren und Begabungen zu entdecken. Wertschätzung erfahren in den meisten Gemeinden aber nur die Pfarrer. Ein GKR-Vorsitzender sagte mir vor einigen Jahren, dass es nichts mache, wenn einem etwas nicht passe an der Gemeinde und wenn er ginge. Dann käme ein Anderer. Dummerweise hat gerade diese Gemeinde die Erfahrung gemacht, dass viele gegangen und wenige nachgekommen sind. Aber diese Haltung ist weit verbreitet. Er hat es nicht verstanden und viele Hauptamtliche verstehen es offenbar auch nicht, dass niemand zählt, wenn der Einzelne nicht zählt. Wenn in der Gemeinde nicht der Einzelne zählt, wenn ich über Jahre Gemeindeglied bin ohne dass jemand auf die Idee kommt, mal zu fragen, wie es mir geht mit dem Glauben und im Leben und an der Antwort auch interessiert ist, dann verfehlt die Kirche ihren Auftrag. Ich denke manchmal, dass Pfarrer nur gesprächsbereit sind, wenn sie nach einem Termin gefragt werden. Warum eigentlich? Interesse am Ergehen der Gemeinde sieht anders aus. Und wenn Einer die Gemeinde verlässt, könnte gefragt werden, woran es gefehlt hat, um es in Zukunft und bei dem nächsten Menschen besser zu machen. Aber das findet nicht statt. Wenn selbst bei berechtigter Kritik alles beim Alten bleibt, wenn die Kirchenzeitung kritische Leserbriefe nicht veröffentlicht, wenn die Kirchenleitung kritische Anfragen nicht bearbeitet und es ablehnt, selber Buße zu tun, also hinzusehen, Irrtümer wahrzunehmen, umzukehren und wenigstens zu ver-suchen, es besser zu machen, dann vermute ich, dass Theologen glauben, mit der Ordination zugleich die Unfehlbarkeit erlangt zu haben. Lesen Pfarrer und Gemeindepädagoginnen die Bibel nur im Blick auf ihre Verwendbarkeit für die Gemeinde? Lassen sie sich selbst nicht in Frage stellen durch einen Bibeltext? Und wenn es so wäre, wie könnte ein Neuanfang gelingen im Miteinander, in der Gemeinde, in der Kirche? - Der Neuanfang kann gelingen, wenn wir uns den folgenden Bibelvers zu Herzen nehmen und ihn mit Gottes Hilfe wahr werden lassen in unserem Leben:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten, denn er ist wie du.  (Lk 10,27 nach Martin Buber)  Amen.