Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 9,8-17

Prädikant Michael Götze-Ohlrich (ev.-luth.)

29.10.2017 St. Johanniskirche in Neubrandenburg

I

Vielleicht erinnern Sie sich? Nach dem Erdbeben in Ischia im August dieses Jahres berichtete die Presse von einem Wunder. Drei Geschwister, Brüder im Alter zwischen sieben Monaten und sieben Jahren wurden nacheinander aus einem völlig zerstörten Haus gerettet, zwanzig Stunden nach dem Beben. Noch mal davon gekommen!

Wie fühlt sich das an, Überlebender zu sein, da, wo andere nicht so ein Glück hatten? Wie fühlt sich das an für den Siebenjährigen, wenn das Mädchen aus dem Nachbarhaus, das mit den schwarzen Haaren, nicht mehr da ist? Wie fühlt sich das an, wenn in der Schule der Platz neben ihm leer bleibt, weil sein Freund unter den Opfern ist?

Noch mal davongekommen? Die Gefährdung des Lebens hautnah spüren, wenn viele sterben und einzelne bewahrt werden. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Unsere Narben bleiben, die körperlichen wie die seelischen, wenn wir aus dem Schutt kriechen oder aus einem kaputten Auto.

Viele von uns sind Überlebende. Manche tragen noch die Kriegserinnerung in sich, andere haben die existentielle Bedrohung bei Unfällen erlebt, wieder andere bei Krankheiten: gerade noch davongekommen. Doch: Wieso bin ich gerettet worden und mein Nachbar nicht?

Zurzeit ist ein junger Mann bei mir in Behandlung, der es nicht erträgt, als einziger von vier Insassen einen Autounfall überlebt zu haben.

Ums Überleben kämpfen und das Überleben ertragen, das sind Geschichten, die sich immer wieder neu ereignen.

Bei großen Naturkatastrophen, bei Erdbeben, Tsunamis oder Hurrikans stellen sich die Menschen zudem von jeher die Frage: Ist das das Ende?

Wird es ein endgültiges Ende der Welt geben? Ist die Welt für den Untergang bestimmt?

Diesen Fragen geht eine Geschichte nach, eine alte Geschichte, die Geschichte von der Sintflut. So ähnlich wie in der Bibel wurde sie bereits von den Sumerern vor 5000 Jahren erzählt. Es geht um Bewahrung und Gefährdung.

Es geht um die Angst, dass alles Leben untergehen könnte. Die Angst auch, dass Gesetzlosigkeit, Chaos und Gewalt grenzenlos werden könnten. Denn die Wasserflut ist ja vielleicht nur ein Bild für die Flut von Gewalt, denen die Menschen immer wieder ausgesetzt sind.

Die Geschichte von der Sintflut. Kaum eine Geschichte der Bibel ist bekannter. Nach der Flut, nach den vielen Tagen des Bangen und Hoffens in dem engen Kasten, verlässt Noah mit seiner Familie und den Tieren die Arche und dankt Gott. Und jetzt, so erzählt es die Bibel,  hält Gott eine Rede. Diese Rede ist unser heutiger Predigttext. Sie steht im 1. Buch Mose, im 9. Kapitel:

Und Gott sagte zu Noah und seinen Kindern mit ihm: Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit denen, die nach euch kommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden. 

 

Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass nie mehr alles Fleisch ausgerottet werden soll durch die Wasser der Sintflut und nie mehr eine Sintflut kommen soll, die die Erde verderbe. 

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass nie mehr eine Sintflut komme, die alles Fleisch verderbe. 

Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.[1]

II

An dieser Stelle sei es gleich mal gesagt: die Menschen, die diese Geschichten in der Bibel aufgeschrieben hatten, die wollten kein wissenschaftliches Werk verfassen.

Die wollten nicht erklären, wie es zu Naturkatastrophen kommt, weshalb man Versteinerungen im Wüstensand finden kann oder wie ein Regenbogen entsteht. Sie haben vielmehr in allem, was sie sahen, einen Sinn gesucht. Ihre Fragen waren nicht „Warum?“ oder „Wie ist das geschehen?“ sondern eher „Wozu, was bedeutet das?“

Alles, was sie erlebten, waren Zeichen. In allem konnten sie Gott sehen, hören, fühlen und erfahren. Sie beschrieben, wie sie Gott in Zeiten von Bedrohung, Chaos und Angst erlebten, oder in Zeiten, in denen sie sagen konnten: Ich bin noch mal davon gekommen. Aber manchmal waren sie die einzigen, und die anderen in der Familie gab es nicht mehr.

Ganz menschlich waren ihre Bilder von Gott.

In unserem Text steht z.B. zweimal, dass Gott an seinen Bund denken will, wenn er den Bogen zwischen den Wolken sieht.

So, als wäre er vergesslich, als müsste er sich einen Knoten ins Taschentuch machen: „Ah ja, das hatte ich ja auch noch versprochen…“

Der Bogen zwischen den Wolken. Sofort denken wir an den Regenbogen. Nur: dieses Wort steht gar nicht da. Bogen, das könnte auch ein Kriegsbogen sein. Und in der Tat, in der altorientalischen Vorstellungswelt ist der Bogen am Himmel ein kriegerisches Symbol für die göttliche Macht, Störungen auf der Erde zu bekämpfen und zu besiegen.

Gott hängt seinen Bogen also in die Wolken. Das klingt wie Abrüstung, Gewaltverzicht. An den Nagel hängen. Schwerter zu Pflugscharen. Der Bogen symbolisiert, dass Gottes Zorn zu Ende ist. Wie ein Krieger hat er seinen Bogen gesenkt.

Nie mehr, verspricht Gott. Nie mehr soll es eine Sintflut geben. Nie mehr soll die Gewalt das letzte Wort haben.

III

Gott hält eine Rede. Er spricht zu den Überlebenden, auch zu den Tieren übrigens (!). Das, was er zu sagen hat, ist gar nicht so viel. Aber er wiederholt es.

Zweimal, dreimal. Siebenmal spricht er von dem Bund, den er eingehen will zwischen sich und allem Lebendigen der Erde. Er wiederholt es so oft, dass es auch der letzte begreift, begreifen muss: Egal, was geschieht, dieser Bund hält!

Diese Zusage ist unumstößlich. Wir haben auch heute unseren Gottesdienst im Namen Gottes begonnen, „der Bund und Treue hält ewiglich und nicht loslässt das Werk seiner Hände.“

Wenn wir das Wort „Bund“ hören, denken wir an „Bündnis“ oder „Vertrag“. Gemeint ist wohl eher eine Selbstverpflichtung Gottes. Noah wird ja gar nicht gefragt. Er muss auch nichts unterschreiben. Noah und die Seinen müssen sich zu nichts verpflichten.

Der Bund ist an keine Bedingungen geknüpft, er ist eine freiwillige und einseitige Willenserklärung Gottes, eine Zusage, egal, was passiert.

Gott will nämlich noch mal von vorn anfangen, aber nicht, weil die Menschen sich geändert hätten. Daran glaubt er selbst nicht mehr. Nein, er will nicht mehr als Krieger eine Besserung bei den Menschen erzwingen, sondern er will als Anwalt der guten Schöpfung auftreten. Er will den Geretteten, den Heimatlosen ihren Platz in der Welt geben. Gott gibt den Entwurzelten Halt, er tröstet die Überlebenden.

Das ist das Versprechen.

Gerade wenn neue Bedrohungen auf uns zukommen – der Text spricht von Wetterwolken – soll der Regenbogen daran erinnern.

Nun, an dieser Stelle ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen: diese Geschichte ist aufgeschrieben worden, als die jüdische Oberschicht, aus ihrer Heimat vertrieben, in Gefangenschaft in Babylon leben musste, ohne Hoffnung auf baldige Befreiung.

Die Geschichte vom Regenbogen ist also eine Art Traumatherapie für diese Überlebenden, er ist Trost und Symbol für Gottes nie gekündigten Bund. Und auch heute noch beten die frommen Juden, wenn sie einen Regenbogen sehen:

„Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du erinnerst dich an den Bund und bleibst ihm treu. Du stehst zu deinem Wort.“ [2]

 

IV

Doch auch Gott ist ein Überlebender. Die Flut hat auch Gott verwandelt. Die ersten Kapitel der Bibel beschreiben eine dramatische Entwicklung Gottes. Im Schöpfungsmythos wird eine ideale Welt beschrieben. Doch die Menschheit gefährdet durch ihren gewalttätigen Egoismus diese Welt.[3]

Dann reagiert Gott, wie ein enttäuschter utopischer Idealist wirkt er zunächst, dessen Maxime ist: Wenn die Welt nicht ist, wie sie sein soll, dann soll sie gar nicht sein.

Gott muss erst lernen, mit dem Bösen zu leben.

Gott wandelt sich durch die Flut vom Idealisten zum utopischen Realisten.  

Die Welt ist nicht, wie sie sein kann, nicht ideal, nicht konfliktlos, aber sie ist lebenswert. Sie ist die zweitbeste aller Welten. Und Gott bleibt ein Liebhaber des Lebens. Er merkt, er kann die Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen. Aber trotzdem  will er die Utopie von der guten Schöpfung weiter verfolgen.

Egal, was es für Rückschläge geben wird. Das Böse kann und darf die Welt nicht in ihrem Bestand erschüttern. Das ist Gottes Schwur.

Ahnt Gott schon, wie oft er unter der Welt leiden wird?

Gott hält eine Rede. Er spricht zu Noah. Der Name „Noah“ heißt im Deutschen „der Tröstende“.[4] Wen tröstet Noah, es sind doch alle tot außer seiner Familie? Als einziger steht im Gott gegenüber. Tröstet Noah Gott? Braucht auch Gott Trost?

Noah war ihm geblieben. Fast alle von denen, die Gott so ähnlich waren wie sonst keine Kreatur, waren nicht mehr.

Aber, Noah war da. Und die anderen, an denen Gottes Liebe hing, die er in Zärtlichkeit „mein Ebenbild“ nannte, waren im Chaos untergegangen.

Doch Noah war da. Noah mit seiner Familie und Gott – das waren die Überlebenden der Katastrophe.

Wie tröstend, nicht allein zu sein.

Gott will sich mit dem Bogen in den Wolken erinnern!

Erinnern an seine Selbstverpflichtung, an seinen Bund. Und an den Trost Noahs. Der Regenbogen für einen verzweifelnden Gott, mit den Narben eines Überlebenden. Gott will sich ins Bewusstsein rufen: Wenn ich angesichts der Grausamkeiten auf der Welt verzweifeln sollte, dann…

Gott macht sich mit dem Regenbogen einen Knoten ins Taschentuch. Er weiß wahrscheinlich, wie oft er ihn braucht, angesichts dessen, wie zerstörerisch die Menschen ihr Leben weiterführen. Wer weiß, wie oft sich Gott zurückhalten muss: nein, ich tue es nicht, ich hab’s versprochen.

Denn Noah der Gerechte, er hatte mich getröstet.

 

 

V

Ganz menschlich sprechen die Autoren des Predigttextes von Gott. Ganz nah wird er uns. Nicht unerreichbar fern. Lebendig ist er, nicht festgegossen und starr.

Nicht nur die Menschen brauchen den Regenbogen, damit sie sich erinnern an Gottes Zusage, an seine Treue. Ja schon, der Regenbogen vergegenwärtigt uns Menschen, dass wir Gottes Gegenüber sind, und seine Treue unverbrüchlich ist.

Doch der Regenbogen ist eine Traumatherapie für alle Überlebenden, für Gott und die Menschen. Denn auch Gott braucht den Regenbogen als Trost für den Schmerz über die unvollkommene Welt. Als Erinnerung, nicht allein und untröstlich zu sein in all dem Elend.

Das verbindet uns. Und so wird der Regenbogen zu einem Zeichen für die Verbindung zwischen Gott und den Menschen. Damit wir auf seinen Bund trauen können.

Damit wir mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern beten können, wenn ein Bogen zwischen den Wetterwolken erscheint:

„Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du erinnerst dich an den Bund und bleibst ihm treu. Du stehst zu deinem Wort.“

Amen

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

 

1 Gen 9, 8-17.

2 zit. nach Seder ha-Tefillot – Das jüdische Gebetbuch S. 539; vgl. bBer 59a.

3 Gen 6, 11.

4 Gen 5, 29.