Foto von aufgeschlagenen Büchern

Morgenandacht über "Heil machen"

Pastorin Tina Willms

16.10.2001 im lokalen Sender "radio aktiv" in Hameln

Predigtpreis 2003 für die beste Morgenandacht im Format privater Rundfunk

© Tina Willms (Predigtpreisträgerin 2003)

Predigt steht als mp3-Datei zur Verfügung

Heil machen

Mama, wo gehst du hin?, fragt mein Sohn, als ich den Mantel anziehe.
Ich muss zum Friedhof, eine Frau beerdigen, erkläre ich.
Ist die gestorben?, fragt er.
Ja, sage ich.
Machst du die jetzt wieder heil? will er wissen.
Nein, sage ich. Das kann ich nicht. Leider nicht.
Und dann nach einer Pause erkläre ich ihm: Gott macht sie wieder heil.

Noch oft geht mir dieses Gespräch am Frühstückstisch durch den Kopf. Und dann die Bilder der letzten Wochen: Die Türme des World Trade Center, die in sich zusammenfallen, die weinenden, schreienden, panischen Menschen. Auch die Bilder aus Afghanistan, die Gesichter der Kinder, gezeichnet von Hunger und Angst, die Lichter der Bomben in der Nacht.

Gott macht sie, macht uns wieder heil. Wie leicht ist das gesagt, denke ich. Wie wenig sind diese Worte. Reichen sie denn, um solchen Bildern zu trotzen. Tragen sie durch den schweren Weg der Trauer hindurch, durch das Chaos von Verzweiflung, Hoffnung, Mut und Wut?

Gott macht sie, macht uns wieder heil.
Mein Sohn war zufrieden mit dieser Antwort. Seit Monaten schon merkt er sie sich und erzählt sie manchmal auch anderen.
Ich selbst ahne dann wieder, welche Kraft in dieser Antwort steckt, die nicht ich mir ausgedacht habe. Sie ist als Vision des Sehers Johannes in der Bibel beschrieben. Von einem neuen Himmel und einer neuen Erde wird da erzählt, wo Gott unter den Menschen wohnt. Wo er selbst den Menschen die Tränen abwischt und wo es weder Leid, noch Geschrei noch Schmerz, ja selbst den Tod nicht mehr geben wird.

Unser Schmerz hier auf den Erde, der Terror, der Hunger, die Angst: Sie verschwinden nicht durch diese Worte.
Aber ich spüre, wie die Vision des Johannes mich hoffen lässt, dass nicht Leid, Gewalt und Tod das letzte Wort über uns Menschen haben. Gott selbst steht dafür gerade, dass am Ende Frieden sein wird. Und so wecken diese biblischen Bilder in mir eine Sehnsucht nach Heil, die zum Motor wird: Die antreibt, selbst etwas zu verändern: Tränen abzuwischen und Hunger zu stillen, Wunden zu verbinden und Frieden zu stiften.