Foto von aufgeschlagenen Büchern

Kabarettpredigt über Psalm 139,14

Superintendent Christhard Rüdiger (EmK)

19.06.2015 in Chemnitz

zur Nacht der Kirchen

„Optimum fürs Volk“

© Marcel Ott

Die Predigt nachhören können Sie hier.

 

Herzlich willkommen zur Nacht der Kirchen! Schön, sie zu sehen und gleich die obligatorische Frage: Alles gut? Alles frisch? Alles Bestens?

„Optimum fürs Volk“ so das Thema der Kabarettpredigt heute Abend. Ja, sie haben richtig gelesen, Optimum und nicht etwa Opium. Sie kennen ja vielleicht den Zweizeiler „Gibt’s du dem Opi Opium  -  bringt Opium den Opi um“. Nein, heute Abend geht es um das Leben! Was ist der Unterschied zwischen Opium und Optimum? Es gibt keinen.

Unser Predigttext steht in den Psalmen. Psalm 139, Vers 14: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“ Könnten sie den bitte einmal – zur Verinnerlichung still und in Gedanken - mitsprechen:

/„Ich danke dir,  --  dass ich wunderbar  --  gemacht bin“/

Es könnte natürlich sein, heute Abend, Nacht der Kirchen, sie können diesen Satz nicht ehrlichen Herzens innerlich „mitdenken“, weil sie vielleicht gar nicht an Gott glauben. In diesem Fall lassen sie das: „Ich danke dir“ einfach weg, uns setzen erst mit „…dass ich wunderbar gemacht bin!“ ein. Bitte noch einmal in Gedanken:

(„Ich danke dir,)  --  dass ich wunderbar  --  gemacht bin“.

Damit ist die Person, an die sich der Dank richtet, jetzt einfach mal weggedacht.

Aber auch das „gemacht“ ist natürlich ein Wort, das für Ungläubige nicht ganz koscher ist. Wer das auch nicht innerlich mitsprechen kann, der lässt es bitte ebenfalls weg.

Dann bleibt also noch übrig: „Ich wunderbar … - … bin!“ Das klingt ein wenig wie Meister Yoda, ist aber jetzt komplett entchristianisiert und anschlussfähig. Das müssten wir nun auch alle gemeinsam laut aussprechen können: Generalprobe: „Ich wunderbar … - … bin!“ Und jetzt im Ernst: „Ich wunderbar … - … bin!“

Jetzt habe ich natürlich nicht daran gedacht, dass das Wunder eigentlich für einen Atheisten auch nicht geht. Wenn jemand das Wort „wunderbar“ nur mit großem Widerwillen ausgesprochen hat, dann setzt er dafür einfach ein anderes ein: optimal!

Also noch einmal: „Alles gut?“ Was antwortet man auf diese Frage? Da fällt einem gleich Afghanistan ein.

Und was ist das eigentlich: „Alles“? Das müsste ich ja erst einmal auflisten, bevor ich ehrlich antworten kann. Und erst wenn hinter allen Punkten auf dieser Liste ein grünes Häkchen steht, wäre ein „Ja“ ehrlich. Aber wann wäre das? Im Himmel, sagt der Christ.

Und der Atheist? Der zitiert vielleicht Oscar Wilde: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

Am Ende. Tja, da wären wir dann wieder im Himmel. Oder in der Hölle, da wird dann alles schlecht. Wäre ja auch mal ein Gruß „Und? Alles schlecht?“.

Das waren noch Zeiten, als man an Himmel und Hölle glaubte. Im Mittelalter, als es das Wort Atheist noch gar nicht gab Da war die Welt noch gut sortiert. Niemand wäre auf die Idee gekommen, zu Lebzeiten einen andern zu fragen, ob alles gut ist. Erst Petrus ist diese Frage vorbehalten, wenn man es geschafft hatte.

Und was sagte der Teufel? Mit schnarrender wahlweise männlicher oder weiblicher Stimme: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“.

Da sitze ich in meinem Auto, bin bei der eingegebenen Adresse angekommen und der maßt sich an, mich in Sicherheit zu wiegen: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“. Was weißt der schon von meinen Zielen!

Vielleicht wollte ich ja eigentlich ganz woanders hin.

Wissen sie ganz genau, warum sie heute Abend hier sind? Die erste Voraussetzung dafür, dass ich meine Ziele erreiche, ist doch die, dass ich sie kenne. Wollten sie nicht viel lieber gerade heute mal in Ruhe Fußball-WM gucken, endlich mal mit ihrer Frau zusammen? Und sich von ihr die Abseitsregel im Frauenfußball erklären lassen?

Wenn man in den Himmel kommt, durchschreitet man das Himmelstor und stößt auf zwei weitere Tore. Über dem einen steht geschrieben „Hier stellen sich alle Männer an, die in ihrem Leben immer getan haben, was ihre Frau von ihnen wollte“. Eine endlose Schlange vor diesem Tor… Über dem zweiten Tor steht „Hier stellen sich alle Männer an, die in ihrem Leben immer nur das gemacht haben, was sie wollten“. Ein einziger Mann… Petrus geht zu ihm und sagt „Sag mal, stimmt das wirklich, du hast in deinem Leben immer nur gemacht, was du wolltest?“ Sagt der Mann „Na ich bin mir nicht ganz sicher, aber meine Frau hat gesagt ich soll mich hier anstellen“.

Vielleicht wissen ja andere viel mehr über meine Ziele als ich selbst? Und wissen viel besser, was für mich gut ist, als ich es je wissen könnte? Früher konnte man annehmen, dass Gott lenkt, wenn der Mensch denkt. Heute lenken uns kleine Maschinen und denken gleich noch für uns mit.

Ich hatte mir bei einem renommierten Autohaus für einen Tag einen Vorführwagen ausgeliehen. Das jüngste Modell mit den neuesten technischen Raffinessen. Sobald ich mich dem Wagen näherte, wedelte er freudig mit den Rückspiegeln und Flutlicht leuchte mir den Weg zur Fahrertür.

Als ich einstieg, begrüßt mich eine sanfte Frauenstimme: „Guten Tag und willkommen an Bord ihres Vorführwagens. Ich freue mich, für sie da zu sein.“

Eigentlich wollte ich zum Griechen – meinen kleinen Beitrag zum Verbleib in der EU ableisten - aber das Auto fuhr mich ungefragt ins Fitnessstudio. Die Stimme: „Sie haben ihre Kalorien-Dosis für diese Woche bereits aufgebraucht“ Woher weiß mein Auto das?

Dann beim Parken zickte die automatische Einparkhilfe! Ein Behindertenparkplatz, meine Güte, am Freitagnachmittag in der Innenstadt! „Was geht dich das an, schließlich bezahle ich den Strafzettel!“ Ich hab mit der Stimme geredet wie mit meiner Frau! Nachdem sie mir noch mitgeteilt hat, dass mein Blutdruck gerade gefährlich steigen würde, bockte das Ding, fuhr rechts ran und rührte sich überhaupt nicht mehr.

Und frech geworden ist sie auch noch: „Mit so einem Trottel fahr ich nicht weiter“. Dann sprang die Fahrertür auf, der Gurt löste sich und ich erwartete eigentlich jetzt per Schleudersitz in den Himmel geschossen zu werden. Aber die Stimme sagte nur in vollendeter Sanftmut: „Nun mach schon…!“

Die Hölle, das sind die Dinge, würde ich sagen. Noch genauer, das sind die Dinge, die selbst denken. Ich werde mir auf jeden Fall wieder einen Gebrauchtwagen kaufen, einen, der da, wo es hingehört, noch ein Lenkrad hat.

Aber diese Dinger, die uns das Leben schöner machen, sind auf dem Vormarsch, liebe Leute. Diese selbstfahrenden Kinderwagen für Erwachsene rollen von allen Seiten an und es wird in Zukunft sehr schwer werden, sich angemessen gegen die Invasion der Lebenserleichterer zu wehren. Und dabei meinen sie es ja nur gut!

Wenn schon noch nicht alles gut ist, dann könnte doch aber so manches besser werden. Und wenn ich nicht weiß wie, sie wissen es!

Neulich habe ich den Äppel Eb kennen gelernt. Der heißt eigentlich Eberhard Apfel und kommt aus Hammerunterwiesental, aber alle nennen ihn nur den Äppel Eb. Der kam zu mir in die Seelsorge und wäre fast kaputtgegangen an so einem denkenden Dings.

Den ersten Fehler hat er gemacht, als er sich so ein Dings gekauft hat, mit dem man alles machen kann, was man mit einem richtigen Computer auch machen kann, nur als Extra auch noch telefonieren. Und in die Hosentasche stecken. Und mit dem Dings konnte er praktisch mit der ganzen Welt kommunizieren. Musste das Dings dazu nur eben dann doch aus der Hosentasche nehmen. Irgendwann konnte er es gar nicht mehr aus der Hand legen, einfach um die Hosentasche zu schonen. Immer rein und wieder aus, das geht auf den Stoff!

Da lief nun der Äppel Eb mit dem Dings vor sich wie früher die Mönche mit gebeugtem Haupt von früh bis spät durch Hammerunterwiesental. Als er das zweite Mal gegen einen Laternenpfahl gelaufen war, musste etwas geschehen.

Da hat ihm dann seine Frau zu Weihnachten eine Uhr geschenkt. Keine gewöhnliche Uhr, sondern eine ohne Zeiger, die alles kann, was das Dings auch schon konnte, nur dass es jetzt am Handgelenk und nicht in der Hosentasche getragen wurde. Das kleine Ding fürs große Ding. Der Dingerich fürs Dings. Die funken ständig hin und her. Und der Äpple Eb mittendrin. Aber jetzt konnte er den Blick endlich wieder frei erheben und musste nur noch im Minutentakt auf den Dingerich am Arm schauen. Seine Frau brauchte seitdem keine eigene Uhr mehr. Sie hat einfach mitgezählt und wusste: nach 60 Mal auf die Uhr schauen – wieder eine Stunde rum.

Nur mal eine kleine Zwischenbemerkung, bevor die Geschichte noch schlimmer weitergeht: Unter Tränen hat er mir gestanden, dass das Dings fast seine Ehe ruiniert hat. Als seine Frau ihn gefragt hat, wen er eigentlich mehr liebt, das Dings oder sie, hat er geantwortet: Na dich, mein Schatz. Aber nur, wenn der Akku alle ist.

Im Erzgebirge sagt man schon von alters her wenn jemand stirbt: „Itze isses alle.“ Endlich mal eine klare Antwort auf die Frage nach dem Ende: Wenn der Akku alle ist! Dann ist Schluss.

Das ist die Hölle: Ich komme in einen Raum, in dem es keine Steckdose gibt! Und das ist die Vorhölle: Ich habe mein Ladekabel vergessen…

Das alles ist ja nun nur die Vorgeschichte. Es sollte mit dem Eb noch schlimmer kommen: Er geriet in die Fänge einer amerikanischen Sekte: Die „Self-Tracker“ oder auch „Selbstoptimierer“. Die haben den Äppel Eb bei seiner schwachen Seite erwischt. Die Frage nämlich, ob sich der Äpple Eb als Äpple Eb eigentlich selbst gut findet, so als Mensch. Oder ob er nicht doch ein anderer Äppel Eb sein müsste, auf jeden Fall ein besserer. Und – noch tiefer gebohrt -, ob er nicht, wenn er ein besserer Mensch sein müsste, nicht vielleicht eigentlich auch besser Mensch sein könnte!

Das ist ja eine Frage, die noch immer verfangen hat. Die knüpft an einen der mächtigsten Motivatoren überhaupt an: An das schlechte Gewissen. Habe ich alles getan? Habe ich alles richtig gemacht? Habe ich etwas versäumt? Bin ich etwa faul gewesen?

Ich sollte mein Leben ändern, ach was, ich muss mein Leben ändern! Alle ändern es doch! Ich muss ein besserer Mensch werden.

Aber gut, wenn ich ein besserer Mensch werden muss, wann bin ich es dann? Wann ist denn das Ziel erreicht? Wann bin ich fertig?

Liebe Predigthörerinnen und Predigthörer, können wir hier noch einmal kurz an den Predigttext denken, ich bitte darum wegen dem kleinen Wörtchen „bin“: Jeder still, jeder für sich:

Ich sag‘s noch mal vor zum Mitdenken - in der short version: „Ich wunderbar … - … bin!“

Wann bin ich fertig mit „Besser werden“? Mancher tröstet sich hier mit falschem Trost: „Fertig bin ich, wenn ich so richtig fertig bin…“ Aber das ist ja nur gefühlt!

Man müsste den aktuellen Stand der eigenen Verbesserung messen können. Objektiv. Und da setzen diese Selftracker, diese Selbstvermesser und Selbstoptimierer an, diese schrecklichen Sektierer: Nichts ist ja unbestechlicher als eine Uhr. Technik kann nicht lügen! Messen, dokumentieren, auswerten, und dann verändern!

Das kostet natürlich ein paar Euro extra, aber wenn doch der Äpple Eb nun schon so‘n teures Dingerich am Handgelenk trägt, (seine Frau hat sich nicht lumpen lassen, sie hat zwar noch das billigste Modell genommen – 399 Euro, aber immerhin, es hätten auch 13 Tausend sein können) „Lass es dir was kosten!“ haben sie zum Eb gesagt, alles Peanuts! Und das, was Du kriegst, ist dir genau auf den Leib zugeschnitten! Die Dinger, die heißen sogar wie du: Apps.

Nun musste also der Eb ständig in den Applestore und sich eine App nach der anderen zulegen. Inzwischen hat er davon mehrere Hundert gesammelt, darunter auch 10 Stück, die wiederum die Kommunikation der Apps untereinander organisieren. Ohne dass er etwas davon merkt.

Die Apps, das sind Funktionen für den Dingerich. Die kauft man, bezahlt, und flopp, sind sie drauf auf dem Dingerich. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seligkeit in den Dingerich springt.“

Und dann kann der Dingerich so gut wie alles am Eb messen, wegen der Apps: Oder müsste man besser sagen: der Eb kann alles am Eb messen?

Den Schweißpegel der Haut. Jeden Schritt und in welcher Geschwindigkeit er zurückgelegt wird. Treppensteigen – hoch oder runter. Und alles wird nach oben gemeldet und dort gespeichert. Und immer gibt es aktuelle Zwischenmeldungen: „Sie haben heute noch 4253 Schritte offen!“ Oder auch die App mit der Coach-Stimme „Töte ihn, den inneren Schweinehund! Sofort!“. Kommt alles aus dem kleinen Ding.

Ozongehalt der Raumluft, verwendete Lieblingswörter, Kaffeekonsum, Falschparken, Kohlrabi-Anteil am Eintopf, Puls, Blutzucker, Blutfett, Alkohol, Schlafstunden, Schlafphasen, Schlafstörungen, Schlafumgebungstemperatur – alles wird gemessen. Sogar der ph-Wert des Urins . Dazu muss der Eb allerding den Dingerich mit aufs Klo nehmen. Und dann den Mittelstrahl erwischen…

In diesen Tagen wirbt gerade ein großer Dingerich-Anbieter mit dem Spruch: „Wir können unter Wasser leben.“ Und man fragt sich, wer von den beiden, die da zu sehen sind, gemeint ist: Die gutaussehende junge Dame oder das Dings. Aber eigentlich ist es klar, wenn man den Ph-Wert messen muss…

Man kann das Dings auch einfach mal mitwaschen. Vorher noch die Schritte-App aktivieren und dann rein damit in die Waschtrommel. Schleudern stellen sie auf Tausend Umdrehungen. Und dann am Abend die genüssliche Auswertung: Die Stimme sagt: „Sie sind bereits zwei Wochen im Voraus gelaufen. Besonders in der letzten Phase war ihre Schrittfolge absolute Spitze!“ Ja, da ist dann alles gut!

Die Daten werden gemessen und protokolliert, nach oben gesendet, von dort wieder abgerufen (Wo genau oben ist, war in allen Religionen noch nie wirklich wichtig, da musste man einfach vertrauen…) Und wenn sie wieder runterkommen, dann werden sie in Excel-Tabellen übertragen und am Ende eines Tages, am Ende einer Woche oder am Ende eines Lebens kann man dann zufrieden seine Tabellen anschauen, die beweisen, wie man sich verbessert hat. Endlich Objektivität!

Fast. Denn ab und an schummeln gehört ja nach wie vor dazu. Das war schon zu den Zeiten so, als der liebe Gott noch allein fürs Dokumentieren und Zeugnisausstellen verantwortlich war.

Man kennt das ja aus den Filmen, wenn der Mann den Ehering einfach mal in die Schublade legt… Das kann man bei Bedarf natürlich auch mit dem Dingerich machen. Oder die Kamera am Dingerich ausschalten, die ja immer mittläuft, wenn man sich die Brote etwas üppiger belegt… „Das musst du jetzt nicht sehen...“.

Aber wie will ich wissen, wie gut ich bin, wenn ich beim Messen schummle? Die Objektivität, eben gerade noch teuer erkauft, ist schon wieder dahin! Die Technik ist unbestechlich, die Daten sind es auch. Ich bin es nicht.

Ja, mit dem Dingerich kann man auch sein Essen fotografieren. Und dann nicht nur an alle, die es wissen oder nicht wissen wollen versenden, nein es gibt eine App, mit der man messen kann, wie viele Kalorien man verspeist.

Das Foto geht nach China oder in irgendein anderes Land mit vielen Menschen, die wenig zu essen haben. Die schauen dann, was sie da auf dem Foto sehen, nehmen die Zutaten in Gedanken auseinander berechnen für jede einzelne die Menge und den Kaloriengehalt nach Tabelle, zählen wieder zusammen und senden die Gesamtkalorienzahl dann wieder zurück nach Deutschland auf den Dingerich.

Und weil die Menschen in den armen Entwicklungsländern nicht so schnell zählen können, kommt das Ergebnis oft erst, wenn der Teller schon halb leer ist. Erschreckende Nachricht auf dem Dingerich: „Doppelt so viel, wie gesund ist!“

Na, dann ist es doch gerade noch mal gutgegangen! Herr Ober, die Rechnung bitte… Oma hat zwar immer was von schönem Wetter erzählt, wenn der Teller leer ist, aber wer hört den noch auf seine Oma, in Zeiten, wo die Uhren sprechen können.

Der Äppel Eb hat sich auch eine Reporter-App geholt. Die stellt ihm absichtlich die unangenehmen Fragen: „Was machst Du gerade? Arbeitest du? Lenkst du dich ab? Kaust Du etwa schon wieder an den Fingernägeln?“.

Der Vorteil: Die Fragen, die er gestellt bekommt, kann der Eb selbst programmieren. Schon wieder nicht ganz objektiv. Aber er kann ja immer noch ehrlich auf sie antworten.

Ganz ähnlich arbeitet die Stimmungs-App: Stimmungsabfrage auf einer Skala von 1-10. Und dann die eigene Laune über Monate hinweg verfolgen. Der Eb wollte es mal wissen und hat sich die Daten angeschaut: Wann war ich eigentlich das letzte Mal so richtig glücklich, froh und zufrieden? Zu Weinachten, als er das Geschenk seiner Frau ausgepackt hat.

Diese ernüchternde Einsicht war für den Eb der Anfang vom Ausstieg aus der Sekte. Seine Uhr ist er dann ganz unspektakulär losgeworden. In der Gebrauchsanleitung stand, man könnte mit ihr auch im Geschäft bezahlen. Da ging der Eb dann in den Konsum von Hammerunterwiesental um sein übliches 7-Gänge-Menu für „Siebenneunzig“ zu kaufen (ein Sixpack Bier und die BILD) – und fragte an der Kasse, ob er mit seiner Uhr bezahlen kann. Die Verkäuferin schaut auf die Uhr und sagt: „Für Siebenneunzig nehm‘ ich sie, … -- …auch wenn sie keine Zeiger hat“. Alles gut.

Sie meinen jetzt wahrscheinlich, der Eb hätte mich veräppelt. Oder ich sie mit seiner Geschichte. Sie haben vollkommen Recht, die stimmt natürlich nicht, ich darf ja als Seelsorger solche Geschichten gar nicht weitererzählen. Alles nur erfunden.

Aber sie ist mir eingefallen zum Predigttext. Haben sie ihn noch parat: In der Minimalvariante, konsensfähig für Gläubige und Ungläubige:

Noch mal leise, jeder für sich: „Ich …  wunderbar …  bin.“

Es gab eine Zeit, da bestand das Lebensgefühl der Menschen aus Angst vor dem Schlimmsten: Eine Ewigkeit in der Hölle. Das war als Motivation ziemlich ausreichend. Für alles. Damals war das Messen einfach. Klare Regeln, was man darf und was nicht. Gute und schlechte Taten wurden notiert. Plus und Minus. Der liebe Gott persönlich führte Buch. Das war noch Objektivität.

Fast: Sein Bodenpersonal verdient nicht schlecht mit der Idee, man könnte einige Einträge durch reichliche Geldspenden oder Teilnahme an Kreuzzügen doch wieder korrigieren.

Hier und da haben sich Reste davon erhalten: „Herr Pfarrer, wenn ich ihrer Gemeinde 100 T€ spende, können sie mir dann garantieren, dass ich in den Himmel komme?“ „Garantieren nicht, aber ich würde es auf einen Versuch ankommen lassen“.

Liebes Dings, auf meinem Grabstein soll einmal nicht stehen: „Bin leider nicht fertig geworden!“ (Haben sie das Wort „bin“ beachtet?) Wenn ich immer alles tue, was deine Apps mir vorschlagen, nie zulasse, dass Dein Akku auch nur ein einziges Mal leer ist, kannst Du mir dann garantieren, dass ich die maximale Lebenszeit mit maximaler Lebensfreude und maximaler Lebenserfahrung erleben werde und tatsächlich erst sterbe, wenn es gar nicht mehr anders geht? Worauf das Dings mit samtsüßer Stimme dieselbe Antwort gibt wie der Pfarrer.

Wir schauen gerade gemeinsam zu, wie die Ecxel-Tabellen zum Buch des Lebens werden. Mehr als diese 80, 90 Jahre Optimierungszeit haben wir sowieso nicht, wenn wir keinen Himmel mehr haben. Und das bedeutet: Jetzt wird’s ernst, Freunde! Keine Fehler mehr! Kostet alles Zeit! Und schon gar keine Entscheidungen! Wenn sie sich vermeiden lassen, meiden sie Entscheidungen! Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie die falsche treffen. Immer 50%! Also lassen sie sich führen! Lassen sie andere denken. Wer wüsste besser, was für sie gut ist als die Institutionen, die ihre Daten haben. Und sie sich auch - auf ewig - merken?

In heiliger Anbetung fallen wir beinahe schon ehrfürchtig nieder vor den neuen Allmächtigen da oben. Von denen wir nicht viel wissen, denen wir aber doch unser ganzes Vertrauen schenken.

Nun wollen wir die mittelalterlichen Mächte der Zukunft aber doch auch noch beim Namen nennen: Nehmen wir eine Personifizierung. Stellvertretend für die anderen Großen. Oder nein, doch nicht, nehmen wir lieber keine Person, nehmen wir eine Organisation, eine von den großen: Eine mit G.

Was ist der Unterschied zwischen dem großen G und Gott? Gott weiß, dass er nicht das große G ist.

Und das ist noch nicht das Ende: Nun ist der Dingerich schon aus der Hosentasche ans Handgelenk gewandert, uns auf die Pelle gerückt, mit Hautkontakt, damit die Sensoren auch arbeiten können. Der nächste innovative Rückschritt auf dem Weg ins Mittelalter ist bereits deutlich absehbar: Bald schon – der Tag ist nahe - braucht es kein Armband mehr, da kann man die Uhr auch nicht mehr bei Bedarf ins Schubfach versenken, da ist Schluss mit jeder individuellen Schummelei: Da wird sie gleich implantiert. Ins Fleisch hinein. Inkarnation!

Und nicht etwa in den Unterarm, nein, gleich unter den Frontallappen. Da ist dann der Weg zum Hirn nicht so weit. Und wenn dann das gesamte menschliche Hirn mit der Hirn-App in den Standby-Modus versetzt wird, dann sind wir aufgeklärten Leute wieder da, wo wie dachten herzukommen.

Und sage keiner, man hätte uns gezwungen!

Wenn es soweit kommen sollte, dann gibt es eigentlich nur noch eine einzige, wirkliche, tragfähige Hoffnung: Der Akku ist irgendwann alle.

Aber so pessimistisch muss es ja nicht enden. Sie kennen vielleicht die Grundgliederung jeder Predigt. Sie zerfällt immer von allein in drei Teile. 1.: Es ist schlimm. 2.: Es ist ganz schlimm, und 3: Na so schlimm ist es auch wieder nicht.

Wir haben ja heute Abend wegen der Nacht der Kirchen ganz gegen diese Regel positiv begonnen und können somit auch genau da wieder enden, bzw. anfangen:

Wir könnten‘s noch einmal zusammen aussprechen:

„Ich wunderbar bin!“

Dieser Satz ist vormittelalterlich. Die Psalmen sind 2.500 Jahre alt, mindestens. „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Das gilt auch noch, wenn ich einmal zwei Wochen in einer Gegend ohne eine einzige Steckdose leben müsste. Wenn das keine gute Nachricht ist! Da sagt man doch gern „Gute Nacht“ und „Amen“.