Foto von aufgeschlagenen Büchern

Er gehört zu uns – Im Gedenken an den 9. November 1938

Michael Schankweiler-Schell

15.11.2008 im Saarländischer Rundfunk unter der Rubrik Lebenszeichen

Hier die Predigt hören

 

Er gehört zu uns. Ein Schemel, ein brauner Holzschemel. Mal dient er als Klavierhocker, mal als Notenablage. Wenn viele Gäste da sind, wird er auch schon mal als Stuhl genutzt. Mit einem dicken Kissen darauf ist er so hoch wie die anderen Sitzgelegenheiten. Er gehört zu uns. Vor Jahren wurde er uns geschenkt, ein einfacher Schemel und doch ist er etwas ganz besonderes. Er hat eine eigene Geschichte. Er ist, wenn mal so will, ein Überlebender.

Eine alte Frau hatte ihn im Besitz. Als sie merkte, dass sie bald sterben würde, gab sie ihn an uns weiter. Sie wollte nicht, dass er einfach so, ohne dass jemand seine Geschichte kannte, auf den Sperrmüll geworfen würde. Sie wünschte sich, dass es ihn weiter gibt. So kam er zu uns. Die Frau ist jetzt schon seit einigen Jahren tot.

Es ist ein Donnerstag im November. Ein kalter, aber trockener Herbststag. Die Kinder der nahen Volksschule spielen auf dem Pausenhof. Plötzlich biegen Lastwagen in die Straße und halten ganz in der Nähe. Braununiformierte Männer springen von den Wagen. Das Aufknallen ihrer Stiefel ist weithin zu hören. Kommandorufen erschallen. Glas splittert und Äxte werden gegen Holztüren geschlagen. Die Kinder haben längst ihr Pausenspiel aufgegeben, drängen sich dicht am Geländer des Schulhofes, schauen schweigend und mit großen Augen dem hässlichen Treiben zu. Auch Erwachsene, Passanten und die beiden Lehrer sind jetzt Zuschauer. Die Uniformierten sind mittlerweile in das Gebäude eingedrungen. Ihr Rufen und Kreischen dringt nach draußen. Holz splittert. Durch die jetzt glaslosen Fenster kann jeder sehen, wie Schriftrollen aus dem Thoraschrein gerissen werden. Zwei von ihnen torkeln wieder ins Freie, als hätten sie sich mit viel Korn Mut angetrunken. Am Lastwagen angekommen, hieven sie Benzinkanister von der Laderampe. Und jetzt geht alles sehr schnell. In Windeseile brennt das jüdische Gotteshaus.

Das Feuer spiegelt sich in den glasigen Augen der Gewalttäter. Wie von Geisterhand ist Polizei aufmarschiert, die das Gelände abriegelt. Und auch die Feuerwehr ist angerückt. Doch nicht, um zu löschen, sondern dafür zu sorgen, dass der Brand nicht auf die anderen Häuser überspringt. Eine gespenstische Stille liegt jetzt über dem Ganzen. Man hört das Rauschen des Feuers, hin und wieder das Knacken im Mauerwerk. Immer mehr Menschen stehen in kleinen Gruppen beieinander, sind sprachlos und schütteln bekümmert ihre Köpfe. Am Ende ist alles verbrannt. Es ist Donnerstag, ein Tag nach jenem Mittwoch, dem 9. November 1938, dem Tag der so genannten „Reichskristallnacht“.

Vor 70 Jahren brannten an jenen Tagen in Deutschland, in Österreich und im Sudentenland mehr als 1000 Synagogen, jüdische Geschäfte wurden demoliert und jüdische Menschen verhaftet, verschleppt, getötet. Viele sahen es, empfanden auch das Unrecht und die Scham darüber, aber sie schwiegen. Die schweigende Mehrheit schwieg aus Angst. Und weil sie schwiegen, schmiedeten die Naziverbrecher noch bösere Pläne. Die Rauchzeichen deuteten gen Osten, gen Auschwitz. Nicht nur dass es passierte, war schlimm, schlimm war auch das Todesschweigen der christlichen Mehrheit im Land.

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle schrieb:“ Eine ernsthafte Gefahr scheint mir eigentlich die schweigende Mehrheit der Traditionalisten darzustellen, die beteten, wie sie es immer getan hatten. Die Protestanten sprachen von der Rechtfertigung allein aus Glauben und die Katholiken vom Schutz der Heiligen Jungfrau, aber was hatte das mit dem geplünderten Geschäft des jüdischen Nachbarn zu tun?“
So wiederholte Sölle die Kritik an einer Frömmigkeit, die sich um die Nächstenliebe drückt und die der von den Nazis ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer vor ihr in dem Satz zusammenfasste: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Wenige damals taten ihren Mund auf. Ein Pfarrer verzichtete am nächsten Sonntag auf die Predigt. Er sagte: Das Wort Gottes ist verbrannt, nebenan in der Synagoge. Wie könnte ich da predigen? Stattdessen las er die 10 Gebote. Und es dröhnte den Zuhörenden in den Ohren. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht begehren. Du sollst nicht lügen. Du sollst keinen anderen Göttern dienen. Und natürlich: Das Christentum war verbrannt, an einem Tag, wie ein Strohfeuer. Es war sinnlos an dem Tag, als es schwieg, am 9. November 1938.

Ein junges Mädchen aus jener Volksschule kam mittags nach Hause. Ihr Vater war Schreiner. Sie sah in seiner Werkstatt einen braunen Schemel. Der Synagogendiener kam wenige Tage vorher mit der Bitte zum Vater, der müsse neu geleimt werden. Was jetzt, fragte sich das Mädchen?

Sie würde ihn vorläufig behalten.